Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 24 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Erblühen Für jeden Menschen kommt einmal die Stunde, In tiefstem Leide oder höchster Lust, Da wird er sich in seines Herzens Grunde Des Daseins eines Gottes hell bewußt. Dein Leben lang rührt dich ein Weitenraunen, Du achtest es nicht, wirst es kaum gewahr, — Doch plötzlich wird dir im bewußten Staunen Der Gott im Weltall strahlend otfenbar. Und alle Zweifel sind wie Spreu verwehet, Wenn die Erkenntnis blühend auferstehet. Max* Rosen fei d, Dresden Die gute Partie. Eine altfrankfurter Heiratsgeschichte von Otto Schwerin. Frankfurt gilt noch heute als eine 'derjenigen deutschen Städte, in der die relativ zahlreiche jüdische Bevölkerung fest an ihrem altüberlieferten Glauben und vor allem an den vielen, teilweise veralteten, und mitunter für sie recht unbequemen Sitten und Gebräuchen festhält; wenn es natürlich auch in Frankfurt eine große Anzahl Juden gibt, die sich zwar äußerlich zum Judentum bekennen, jedoch den Besuch des Gotteshauses, und vor allem die Beobachtung der althergebrachten religiösen Vorschriften für einen heute überwundenen Standpunkt an&ehen. Es ist dies vor allem die heutige jüngere Generation, die, besonders, wenn es ihre Mittel zulassen, es nicht mehr für fein und zeitgemäß erachtet, im „Ostend" zu wohnen, aber, es gibt auch heute noch eine große Anzahl von Familien, die, was ihren Geldbeutel anbetrifft, es sich wohl erlauben könnten, eine teuere, luxuriöse Wohnung im Westendviertel zu beziehen, dennoch, aus traditionellen Gründen ihre Wohnungen in der Fischerfeld-, Ostend- oder Hanauer Landstraße nicht aufgeben wurden. Anfangs der 70er Jahre wohnte in der Uhlandstraße, im zweiten Stock des Hauses Nr. 178, der -Kaufmann Jacob Herzfeld mit seiner Familie, die aus seiner Frau Beate, seinem 24jährigen Sohne Leopold und seiner 19jährigen Tochter Meta bestand. Herzfeld, der damals 52 Jahre zählte, war kein geborener Frankfurter. Er stammte aus Büdesheim, einem kleinen Dorfe des Kreises Friedberg und kam als ältester Sohn eines nicht gerade mit irdischen Glücksgütern, dafür aber mit zahlreichen Kindern gesegneten Fruchthändlers^.iij seinein vier-. zehnten Jahre nacfr der schon damals auistreben- >den Handelsstadt am Main, um als Lehrling in das ’Manufakhirwarengeschäft der Herren Gebrüder ■Strauß in der oberen Lange Straße einzutreten. Mit großem Eifer suchte er dort in die Geheiminisse der doppelten Buchführung einzudringen, den \ Unterschied zwischen Barchent und Flanell, Mer- IveiHeux- und Taftseide zu ergründen, und als er nach Ablauf seiner dreijährigen Lehrzeit zum Commis javanziert war und am Monatsende sein erstes Gehalt von 35 Gulden süddeutscher Währung einkassieren konnte, gab es in der ganzen Lange Straße keinen stolzeren Mann, als den kleinen Jacob Herzfeld aus Büdesheim in Oberhessen. 1 Das nächste erstrebenswerte Ziel des siebzehn- | jährigen Herzfeld galt Reisender zu werden. Als Reisender war er der lästigen andauernden Beaufsichtigung der beiden Chefs enthoben, hatte nicht nur das Recht, sondern, mit Rücksicht auf die Kundschaft, auch die Pflicht, moderne, gut sitzende Kleidung zu tragen, konnte ein Stück Welt kennen lemen, wenn es auch nur die Odenwald-, oder Taunusgegend war, und verdiente, was ihm als die Hauptsache erschien, Geld, viel Geld. Daß er mit seinen 18 Jahren immer noch1 auf einen Zuschuß von zu'Hause angewiesen war, um seinen notdürftigsten Unterhalt in dem schon damals teueren Frankfurt bestreiten zu können, drückte ihn mehr, als er sich zugestehen wollte. Auskömmlich verdienen konnte er aber nur als Reisender, das war ihm klar. Nach Lage der; Dinge schien es jedoch eine Unmöglichkeit, im Hause Gebrüder Strauß in absehbarer Zeit einen •Reiseposten zu bekommen. Die beiden Chefs reisten selbst. Herr Sally, der ältere, fuhr in die nähere Umgebung der Stadt und fand dabei noch Zeit genug, nach Ansicht seines Personals sogar vieizuviel Zeit, sich um die Arbeiten am Lager zu kümmern. Herr Theodor,;'der jüngere der beiden Chefs, besuchte die alte, anhängliche Detailkundschaft im Taunus und kam rbis nach Limburg hinauf; und der einzige bezahlte Reisende, Herr Bamberger, der für die Konkurrenzfirma Adler & Co., in der Schnurgasse, drei Jahre lang den hessischen Odenwald bereist hatte, und nun die gleiche Gegend für Gebrüder Strauß besuchte, machte nach seiner eigenen Ansicht ein klotziges Geschäft, nach Ansicht seines früheren Chefs ein noch viel zu gutes, jedoch nach der augenblicklich wohl allein maßgebenden Meinung (jder Herren Gebrüder Strauß ein recht mäßiges. Bamberger war die ganze Woche unterwegs, und kam immer erst am Freitag abend, kurz vor Geschäftsschluß, zurück. Ihm hätte es nicht das einigen Worten zu ßW?Wr^»uZM!M.ckt, auch am Samsfeg die ^unl- J zu bereuen., schaft zu besuchen, im Gegenteil, mit Rücksicht auf den hohen Spesensatz von 3,40 Gulden pro Tag, wäre es nur höchst vorteilhaft für ihn gewesen, bei den wöchentlichen Spesenabrechnungen einen Reisetag mehr anschreiben zu können, aber Herr Sally Strauß, der als der älteste der beiden Brüder im Geschäft die gewichtigste Stimme hatte, ließ auf diesem Gebiet nicht mit sich reden. Seit Bestand des Geschäfts wurde am heiligen Sabbath gefeiert, und für die neue Richtung, das heißt für diejenigen Glaubensgenossen, die ihre religiösen Ueberlieferungen gegen den Gelderwerb zurückstellten und am Samstag arbeiteten, hatte er kein Verständnis. Bei ihm wurde vor Beginn des Sabbaths, am Freitag abend, das Geschäft geschlossen, allerdings, um den Ausfall eines vollen Tages wieder einigermaßen wettzumachen, nach Sabbathausgang, am Samstag abend hinter verschlossenen Türen, bis in die späte Nacht hinein gearbeitet. Das gesamte Personal, Herr Bamberger inbegriffen, mußten anwesend sein, nur August Emmerich, der Packer und Hausdiener, hafte die Erlaubnis, um 8 Uhr abends nach Hause zu gehen, denn er war Christ, vierfacher Familienvater und Mitglied des Gesangvereins „Frohsinn", der am Samstag Abend Sitzung hatte. Dem Eingeweihten war allerdings bekannt, daß August nur „nach einem vorhergegangenen Riesenkrach mit Herrn Sally den erwähnten Dispens von der Samstagabendarbeit herausgeschunden hatte. Es hieß sogar, August habe damals schon gekündigt, und Herr Theodor habe seine sämtlichen'diplomatischen Minen und verschiedene Silbergroschen für Bier springen lassen müssen, um die Differenz wieder gütlich beizulegen, aber genaueres ist nie unter das Personal gedrungen. Die Sache ist auch viel zu unwichtig, um hier weiter erörtert zu werden, der gewissenhafte Chronist ist aber doch verpflichtet, sie immerhin mit streifen. Um nun wieder auf Jacob Herzfeld zurückzukommen, so widmete er sich mit Eifer und Interesse seinen geschäftlichen Obliegenheiten und fand bei alledem noch Zeit, in den späten Abendstunden, nach Schluß des Geschäftes, etwas für seine außergeschäftliche Bildung zu tun. Er besuchte regelmäßig die Vorträge des kaufmännischen Vereins, nahm französische und englische Sprachstunden, und brachte es trotz seines geringen Einkommens zu wege, ab und zu noch 20 Kreuzer zu erübrigen, um sich, (natürlich nur bei ermäßigten Preisen), den Luxus eines Stehgallerieplatzes im Schauspielhaus leisten zu können. ln. Anbetracht der geschäftlichen Brauchbarkeit des jungen Herzfeld ließen sich die Chefs nach einem Jahre ausnahmsweise dazu herbei, ihm eine Gehaltsaufbesserung von 7,30 Gulden zu geben, trotzdem sie sonst, aus Prinzip, nie mehr als 5 Gulden zuzulegen pflegten. Herr Sally Strauß unterließ’ es auch1 nicht, dem jungen Herzfeld dringend zu bitten, zu keinem Menschen von der generösen Zulage etwas verlauten zu lassen, welcher Bitte dieser zwar gewissenhaft nachkam, jedoch in aller Stille, wenn auch mit großem Eifer, Schritte betrieb, um bei einer Konkurrenzfirma einen Reiseposten zu erlangen, denn es wurde ihm von Tag zu Tag klarer, daß ein Angestellter nur dann nennenswerte Ersparnisse zurückzukgen vermochte, wenn er auf Kosten des Geschäfts leben konnte, und sein Gehalt nicht anzugreifen brauchte. Und es war ein Glückstag sondergleichen für den kleinen Herzfeld, als er nach mehreren vergeblichen Gängen endlich nach einiger Zeit eine schriftliche Zusage in der Hand hatte, wonach er von der Firma Max Heymann, Manufakturwaren en gros und en detail, Mainstraße 85, als Reisender mit einem Fixum von jährlich 600 Gulden und 2o/o Umsatzprovision engagiert worden war. Als die Herren Gebrüder Strauß mit der für sie sichtbar unangenehmen Nachricht überrascht wurden, daß der junge, erst 18jährige Herzfeld einen Reiseposten bei der Konkurrenz, ausgerechnet noch bei einer so scharfen Konkurrenz, wie Max Heymann, angenommen hatte, und seine Kündigung zum Ersten des kommenden Monats aussprach, gab es in dem kleinen Privatbüro der Firma Gebrüder Strauß eine recht erregte Debatte, in deren Verlauf Herr Sally den jungen Herzfeld sogar des krassesten Undanks an dem bisher so wohlwollenden Entgegenkommen seiner bisherigen Chefs bezichtigte; während der mehr diplomatische Herr Theodor den jungen Mann zu veranlassen suchte, vorerst noch auszuharren, und ihm bei „nächster Gelegenheit" einen Reiseposten im eigenen Hause in Aussicht stellte. Aber Herzfeld ließ sich nicht umstimmen. Wieviel er auf Versprechungen seiner Herren Chefs geben durfte, glaubte er aus Erfahrung zu wissen und -die gute Stellung, die er fest in Aussicht hatte, schien ihm auf alle Fälle begehrenswerter, als die zwar noch glänzenderen, aber doch recht problematischen Zukunftsbilder, die ihm Herr Theodor Strauß bei einem geduldigen Ausharren in seiner bisherigen Stellung, mit großer, aber Herzfeld nicht überzeugender Redegewandtheit ausmalte. Er trat also aus und hatte den Wechsel nicht M sucht in Berlin und Umgebung bei guter Verdienstmöglichkeit Mitarbeiter jeder Art. Treuhaus A. G. Berlin NW Pr i nz-Louis-F erdin andstr. 1. Mit dem gleichen Eifer, und derselben zuverlässigen Ehrlichkeit, die seine früheren Chefs so sehr an ihm geschätzt hatten, widmete er sich seiner neuen Tätigkeit, und verstand es, das Vertrauen seines zweiten Prinzipals, Herrn Max Heymann, in vollem Maße zu erwerben. So gingen Jahre dahin. Mit seinem Chef, 'der außer dem Reisenden Herzfeld nur noch einen Commis und drei Lehrlinge beschäftigte, stand Herzfeld auf bestem, beinahe freundschaftlichem Fuße, wobei allerdings nicht verschwiegen werden darf, daß dies gute beiderseitige Einvernehmen je einmal im Jahre eine empfindliche, jedoch nie langandauernde Trübung erfuhr, denn so sehr Herr Heymann auch' mit den geschäftlichen Leistungen seines Reisenden zufrieden war, so wenig Verständnis hatte er für dessen alljährlich im April wiederkehrende Bitten um Gehaltserhöhung. Es bedurfte wahrlich der diplomatischen Geschicklichkeit eines Bismarcks, um die erregten Verhandlungen, die sich aus dem genannten Grunde jedesmal entwickelten und mitunter eine recht bedrohliche Wendung zu nehmen schienen, doch immer zu einem beide Teile annähernd befriedigenden Ergebnis zu führen. Der April des Jahres, in dem Herzfeld sein 25. Lebensjahr vollendete, sollte ein Monat werden, der in dem geschäftlichen und persönlichen Schicksal des jungen Mannes eine entscheidende Wendung zeitigen sollte. An einem Freitag nachmittag war Herzfeld von der Reise zurückgekehrt, denn auch die Firma Max Heymann legte Wert darauf, die Frömmigkeit beziehungsweise die Religiosität des Geschäftsinhabers nach außen hin zu dokumentieren. Herr Heymann hielt zwar schon lange nicht mehr streng und starr an den althergebrachten rituellen Gebräuchen seines Glaubens fest. Er rauchte schon seit Jahren am heiligen Sabbath seine Zigarre, allerdings nur zu Hause, wo ihn niemand beobachten konnte, genierte sich auch nicht, bei regnerischem Wetter, ab und zu, die neueröffnete Pferdebahn zu benutzen, trotz alledem war er aber noch ein guter Jude, oder besser gesagt, er hielt sich wenigstens dafür, und hätte es aus diesem Grunde nie über sich bringen können, am Samstag sein Geschäft zu öffnen. Daß sein Vetter und erbitterter Konkurrent, Julius Stern, der Inhaber der Firma J. Stern jr. mit diesem Zopf (wie er sich geäußert haben sollte), längst gebrochen, pekuniärer Vorteile halber ein Mädchen aus Düsseldorf geheiratet hatte, das auf religiösem Gebiet noch weniger als nichts hielt, und in seiner Detailabteilung gerade am Samstag, die größte Bareinnahme der ganzen Woche erzielte, erweckte zwar in dem geschäftlichen Heymann ein Gemisch von Neid und Aerger, mit Verachtung gepaart, konnte aber den privaten Heymann doch nicht veranlassen, von einer sein ganzes Leben lang gepflegten Tradition abzuweichen. (Fortsetzung folgt.), Kalendarium für die Zeit vom 13. ö. di» 20. <5.1925 Lunl 1925 3jar 5685 Sonnabend 13. 21. Sonntag 14. 22. Montag 15. 23. Dienstag 16. 24. Mittwoch 12. 25. Donnerstag 18. 26. Freitag 19. 22. Sonnabend 20. 28. Wochen-Abschniit: BeHaaloß'cho (4. Ä. M. Kap. 8—12) Hastarah: Zaar. 2,- (14—12) 3; (1-10) 4; (1-2) Neumondtveihe: Wochen-Abschnitt: Sch'lach l'cho (4. Ä. M. Kap. 13—15) Hastarah: Jos. 2; 1—24 *