Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Ju^emdhelfer. Van Max Ros t: n f c i d, I >rci:d :n. Es war im Jahre 1884 in Berlin, lieber die Roßstraßenbrücke schritt ein alter Herr, der mir schon öfter aufgefallen war. Er trug stets einen etwas zu weiten schwarzen Gchrock, und er bekundete eine Vorliebe für Kinder, mit denen er sich häufig unterhielt. Ich beobachtete von der Brücke das Treiben auf der Spreegracht, als der Herr wieder vorüberging. Zwei Frauen, die ganz in meiner Nähe standen und sich unterhielten, blickten dem Alten nach. „Das ist der Jugendhelfer“, sagte die eine geheimnisvoll. „Jugendhelfer?“ fragte die andere. „Weshalb nennt man ihn denn so?“ „Ach, es ist ein alter Jude, Salomonsohn heißt er, ein Sonderling, der es sich in den ICopf gesetzt hat, auf seine Art bedrängten Kindern mit Rat und Tat zu helfen. Er besitzt am Molkenmarkt ein Haus, wo er im ersten Stockwerke nur mit einer alten Wirtschafterin lebt. Wir sind ja eigentlich gegen die Juden, aber ich muß sagen, der alte Salomonsohn ist ein edler Mann. Wenn nur alle Christen so wären, dann gäbe es keine Not bei uns.“ „Aber er unterstützt doch wohl nur Judenkinder?“ fragte die andere Frau. „Ei, bewahre“, meinte die erste. „Er fragt gar nicht nach Glauben oder Rasse, er hilft, wo eben Not ist.“ „Was sie sagen! Und das tut ein Jude?“ „Ja! Obwohl er schon vielfach große Summen für arme Kinder stiftete, sucht er selbst ganz besondere Fälle heraus. Zwei Söhne unserer Waschfrau ließ er etwas Tüchtiges werde« und hält sie zu einein sparsamen Leben an. Er gibt Geld für Säuglingsfürsorge, läßt Kinderspielplätze in der Großstadt einrichten, unermüdlich geht er treppauf, treppab und hilft. Häufig wird er in der städtischen Sparkasse bemerkt. Sieht er dort Kinder, die auf ihr Buch ein Scherflein einzahlen, so legt er den ganz Erstaunten eine erkleckliche Summe hinzu.“ Als ich gehört hatte, was die eine Frau der anderen erzählte, eilte ich dem Alten aus kindlicher Neugierde nach. Er ging über den Köllnischen Fischmarkt und den Mühlendamm zum Molkenmarkt. Als ich ihm folgte, bemerkte ich in einem Hausflur einen etwa vierzehnjährigen Straßenjungen, der ein jüngeres Mädchen hart bedrängte und ihm etwas fortnehmen wollte. Sogleich rannte ich zu dem Alten und rief: „Herr Salomonsohn, dort im Hausflur nimmt ein größer Jtiflge feitierit kleinen Mädchen etwas weg.“ Der alte Herr ging rasch mit mir zurück. Der Straßenjunge hatte das weinende Mädchen niedergeworfen und ihm, wie es schien, Geld fortgenommen; bei dem Ringen war eine leere Medizinflasche zu Boden gefallen und zerbrochen. Bevor der Junge entfliehen konnte, hatte ihn Herr Salomonsohn gepackt. „Was hast du mit dem Kinde vorgehabt?“ fragte der Alte den sich trotzig sträubenden Knaben. Keine Antwort. Inzwischen stand das Mädchen auf und sagte schluchzend: „Ich sollte für Mutter Medizin aus der Apotheke holen, da kam der fremde böse Junge und hat mir das Geld fortgenommen.“ „Gib sogleich das Geld heraus!“ befahl Herr Salomonsohn dem Jungen. „Habe nischt,“ log dieser frech'. Da hielt ihm 'der Alte die Hände fest, ich holte aus der Tasche des jugendlichen Räubers das Geld und gab es 'der Kleinen, die eilig damit fortrannte. „Ihr Knaben kommt beide mit in meine Wohnung,“ sagte Herr Salomonsohn entschlossen. OO0GOGOOOOOOOOOGO0GOG0OOOOOOGOOGOGO0OO w.ßcimsfeid&Co. Teppiche / Linoleum / Läuferstoffe Berlin SW 68. Hochstr. 32 Fernsprecher; Dänhoff 7575-76-77 Filiale: Chausseestraße 86 * * * SONDERANGEBOT Deulsch-PerserTeppiche ca. 200/300 ca. 250/350 55. ca. 300/400 75.— AxmInster «-Teppiche 200/300 VS. 250/350 87.— la Velour «• Teppiche 200/300 SS. Velour uni, 67 cm breit, per Meter 15.- Linoleum Teppiche 180/250 97.50 200/300 »5. 250/350 57. 300/400 70.— Lauter 67 breit 3.30 SO breit 4.50 110 breit 5,50 133 breit 0.00 ©O00OOQOG>OOOOOOOOOOOQOOOOQOOOOOOOOOOO§ Ich ging sehr gern mit, doch der fremde Junge wehrte sich, er ließ sogar in Trotz und Hohn die Worte „oller Jude!“ vernehmen. „Soll ich dich der Polizei übergeben?“ fragte ihn Herr Salomonsohn und zog ihn gewaltsam mit sich. Wir gingen in ein altmodisches Haus. Als wir in dem Wohnzimmer des Herrn Salomonsohn waren, schloß er die Tür von innen zu und zog den Schlüssel ab. Trotzig rüttelte der Straßenjunge an der Klinke. Er begann schließlich zu weinen. „Sieh dir diesen unglückseligen Knaben an,“ wandte sich Herr Salomonsohn an mich, „so jung und schon ein gemeiner Straßenräuber.“ Er fragte mich nun nach meinem Namen, nach meinen Eltern und lobte, daß ich ihn aufmerksam gemacht habe auf die schändliche Tat des fremden Jungen. Der freundliche Herr zeigte mir dann ein schönes Buch und erklärte mir die vielen Bilder darin. Den andern Jungen schien er gar nicht mehr zu beachten. Langsam wurde der Straßenjunge ruhiger, er lauschte auf die gütigen Worte, die der alte Herr zu mir sprach. Jetzt wandte dieser sich plötzlich wieder dem Andern zu: „Wie heißt du denn, mein Junge?“ Nach einigem mißtrauischen Zögern kam die mürrische Antwort: „Franz.“ „Und wie weiter?“ „Beuker.“ „Nun, Franz Beuker,“ fuhr der alte Herr recht freundlich fort, „sage einmal, was wolltest du mit dem Oelde?" „Det jeht Ihn’ ja mischt an.“ „Das geht mich sehr viel an, mein Junge. Du wolltest dir Süßigkeiten kaufen, nicht wahr? Sieh mal, Franz, was du getan hast, will ich deinem jugendlichen Unverstand zuschreiben, denn in jedem Menschen steckt doch etwas Gutes, wenn auch nur als kleines Samenkörnleirt. Ein gutes Samenkörnlein kann aber auch auf schmutzigem Boden gedeihen, kann aufsprießen und zur schönen Blume werden.“ Der alte Herr öffnete ein Schränkchen und nahm zwei hübsche Schächtelchen mit Zuckerwerk heraus. „Siehst du, Franz, von diesen Schächtelchen habe ich noch viele, und wenn du das gute Samenkörnlein, das doch ganz sicher in dir steckt, beachten und pflegen willst, dann soll dir jederzeit meine Tür offenstehen, ich werde mich freuen, wenn du mich besuchst. Dann will ich dir auch noch manches Hübsche und Nützliche schenken, und du darfst mir deine Wünsche nennen. Und wenn du mir versprechen willst, dich zu bessern, so brauchst du mir das nicht zu sagen, — gib mir nur deine Hand! So — das genügt.“ Franz batte dem alten Herrn verlegen und linkisch die Hand gegeben, er nahm das dargebotene Schächtelchen und huschte zur wieder geöffneten Tür hinaus. Ich bekam das andere Schächtelchen, und Herr Salomonsohn bat mich, doch .nach! dem kleinen Mädchen zu forschen. Zwei Tage darauf ging ich mittags durch1 die Klosterstraße. Als ich am Leihamt vorüberkam, sah ich plötzlich das kleine Mädchen wieder. Es stand an der Tür des Leihamtes und weinte. Ich lief schnellstens zur Wohnung des Herrn Salomonsohn, traf ihn auch an und erzählte ihm von dem kleinen Mädchen. Wir gingen beide sofort nach dem Leihamte, und zwar lief Herr Salomonsohn dermaßen schnell, daß ich ihm kaum zu folgen vermochte. Die Kleine stand noch da und weinte. Der alte Herr berührte das Mädchen zärtlich mit der Hand und fragte: „Armes Kind, warum weinst du?“ Zuerst wollte das Mädchen nicht antworten, dann aber erzählte es schluchzend, daß die Mutter krank zu Hause läge und nichts verdienen könne. Um etwas Geld zu schaffen, hatte die kranke Frau ihr letztes Kopfkissen gegeben, dieses sollte die Kleine versetzen. „Und weshalb stehst du hier?“ fragte der alte Herr weiter. „Ich traue mich nicht hinein.“ „Wie heißt du denn, mein Kind?“ „Lottchen Glühm.“ „So führe uns zu deiner kranken Mutter, liebes Lottchen.“ Die Kleine führte uns in ein verfallenes1 Haus am Krögel. Als wir die dumpfe Kellerwohnung betraten, bot sich' uns ein wahrer Jammer: die Frau lag krank im Bett und bemühte sich, einen schreienden Säugling zu beruhigen. An der Erde hockten noch drei ganz entkräftet aussehende Kinder. Herr Salomonsohn sprach sehr gütig zu der Frau und erfuhr, daß ihr Mann vor zwei Monaten gestorben sei. „Ja, sehen Sic, mein Herr, wäre mein Mann Beamter gewesen, dann bekäme ich jetzt eine Pension; aber mein Mann war Steinträger, der sich sein Leben lang wahrlich geschunden hat, und eine Witwe von einem Nichtbeamten kann mit ihren Kindern verhungern.“ Herr Salomonsohn gab auf der Stelle reichlich Geld. Lottchen und ich, wir holten Milch, Brot und Medizin. Der Alte ließ eine Pflegerin kommen, unter deren Sorgsamkeit Frau Glühm sich rasch erholte. Nach einigen I agen mietete der edle Menscritnrfreund für die Familie Glühm eine gesündere* Wohnung, kaufte, was fehlte und iieß auf seine Kosten den Umzug erledigen. Dann richtete er der überglücklichen Frau, die früher Schneiderin gewesen, eine Nähstube ein und sorgte ständig für sie und ihre Kinder. Wir zogen bald aus jener Gegend fort, ich’ kam in eine andere Stadt und vergaß den Jugendhelfer. Doch nach etwa elf Jahren, als ich wieder einmal in Berlin weilte und die heimatliche Gegend aufsuchte, erinnerte ich mich des alten Salomonsohn. Ich erfuhr, daß' er noch lebe und besuchte ihn eines Tages. Als ich bei ihm eintrat, verabschiedeten sich gerade ein netter junger Mann und ein hübsches junges Mädchen von ihm. Herr Salomonsohn, der mich zunächst nicht wiedererkannte, entsann sich meiner aber dann ganz genau. „Ein merkwürdiges Zusammentreffen,“ meinte er. „Wissen sie, wer die beiden jungen Leute waren, die mich soeben verließen? Der junge Mensch1 ist der einstige Straßenjunge Franz Beuker, und die junge Dame ist Lottchen Glühm. Sie entsinnen sich noch, wie damals der Junge mit seiner Bonbon* schachte! loszog? Er kam wieder, gestand mir unter Tränen, daß er schon öfter kleinen Kindern Geld fortgenommen und auch andere böse Streiche verübt hätte. Er stammte aus schlechter Umgebung, sein Vater war ein Säufer, die Mutter taugte auch nichts. Ich brachte den Jungen in gute Pflege, er lernte Möbeltischler und ist ein tüchtiger, braver und sparsamer Mensch geworden. Er dankt es mir heute noch, daß ich ihn damals nicht der Polizei übergeben habe; vielleicht wäre er durch eine Bestrafung erst recht auf eine abschüssige Bahn gedrängt worden. Nicht immer bessert die Strafe! Ein lieber Mensch ist er geworden, der Franz. Er hat sich verlobt, und zwar — Sie werden staunen — mit Lottchen Glühm. Sie hat dem einstigen Straßenräuber verziehen, er erwarb sich ihre Ächtung. Ja, sehen Sie, das ist meine Lebensaufgabe: Winke des Schicksals durch meine Geldmittel zur Ausführung zu bringen, den Hilflosen den Weg zu ebnen, sie vor Abgründen zu bewahren und aus Tiefen emporzuziehen. Habe ich diese fast verlorenen Schaf lein dann wieder gesichert, so halte ich sie zu einem ordentlichen Leben an, zeige ihnen, wie man spart und seine Lage verbessert. Meine Verwandten sind alle vor mir gestorben, ich habe keine eigenen Kinder, werde aber doch von einer großen Schar verehrt, Juden und Christen. Aber nicht um den Lohn der Verehrung tue ich1 das, nein, ich helfe aus reinem menschlichen Gefühl. Selbst wo ich von Antisemiten meiner Rasse wegen angepöbelt wurde, habe ich niemals einen Rachegedanken gehegt, nur Mitleid mit diesen von der Ueberlieferung Getrübten empfand ich. O, wenn das Judenvolk nicht von jeher so getreten worden wäre, es hätte sich ganz anders entwickelt, denn es ist großer Barmherzigkeit und Menschenliebe fähig .... Und dennoch — wir stehen fest gegen allen Rassenhaß. Das Judentum erkennt die Verdienste aller Menschen an, so sie sich verdient gemacht haben, denn die Welt wird einst zu einem einzigen Gottesreich geordnet. Wie das Judentum für die ganze Menschheit hofft, so suche auch ich zu helfen ohne Unterschied der Rasse oder des Glaubens ... Ich weiß, man nennt mich den „Jugendhelfer“, und ich1 birt ja auch stolz darauf. Wenn ich nach' Gottes Ratschluß die Augen schließe, so wird mein Vermögen, das ich der Jugendfürsorge stifte, noch lange Zeit nach meinem Tode Segen bringen.“ Ich bewunderte den alten Mann und beneidete ihn fast um sein Vermögen, weil er damit so viel Gutes tun konnte. Später kam ich selbst noch mit dem jungen Paare beim alten Salomonsohn zusammen, wir berührten nur flüchtig das damalige Kindererlebnis, die beiden erkannten mich ebenfalls wieder. Ich habe noch ihre Hochzeit mitgefeiert. Der Jugendhelfer ist nun lange tot, aber die Saat, die er ausstreute, hat manchen Segen gebracht Hoffen wir, daß sein Vorbild viele Bemittelte zur Nacheiferung ansporne! Geschäftliche Mitteilungen. Der Heutigen Aufgabe unserer Zeitung liegt eine Ankündigung der Firma Dr. med. Robert Hahn L Co., G. m. b. H., Magdeburg, über ihr in vielen Tausenden von Fällen bewährte«. Nerven-Nahrnnttcl „Nervosin" bei. aus welche wir unsere Leser hiermit ganz besonders Hinweisen. Ein Versuch mit diesem Mittel dürste sich auf jeden Fall empfehlen. Kalendarium für die Zeit vom 6. ö. dis 13. S. 1925 Lunl 1925 Zjar 5685 Sonnabend 6. 14. Wochen«Abschnitt: Nassau (4.Ä.M. 4,21—7) Haftarah: Richter, Kap. 13,2—15 Sonntag 2. 15. Montag 16. Dienstag 9. 1Z. Mittwoch 10. 18. Donnerstag 11. 19. Freitag 12. 20. Sonnabend 13. 21. Wvchen-Abschnitt: Behaaloß'cho (4. Ä. M. Kap. 8—12) yaftarah: Zaar. 2; (14—17) 3; (1—10) 4; (1—7)