Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-06-05 · 23 (5.6.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
23 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613811--1353-2618706
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und damit eben zur festen Stimmung geworden ist. Das freie, mit aktueller Aufmerksamkeit gehörte Wort, das auch auf den Widerspruch der es ausnehmenden Seelen gefaßt sein muß, hat offenbar einen anderen Weg zu den Herzen. Es muß überzeugen, das heißt, eine neue Lage des Gemütes erzeugen. Und so gewiß es im Endzweck auf das Ganze des religiösen Geistes geht, auf die gefühlsmäßige Grundlage nicht weniger als auf die in sie eingebetteten Gedanken, so ist es doch klar, daß es in erster Linie Vorstellungen und Ideen, intellektuelle Gebilde sein werden, mit denen die frei geschöpfte Rede im die Seele des Hörers werben muß: denn sie wird sich ja nicht damit begnügen dürfen, eine empfundene, eingewurzelte Wahrheit als wirklich vorhandenen Besitz vorauszusehen, sondern sie wird diesen Besitz in den Gemütern der andern neu zu schaffen suchen. Ueberall aber, wo Neuschöpfung und Wandel, wo verjüngte Auffassung und freie Aneignung gewirkt werden sollen, da wird eine Stimmung nicht ohne das Instrument oder zumindest das Vehikel des geistigen Gedankens geschaffen werden können. Ist die Predigt so Lehre oder doch wenigstens in hervorragendem Maße Belehrung, so finden für sie die allgemeinen Regeln der Pädagogik Anwendung. Die Erziehung des Menschen beginnt gewiß im ersten Lebensjahre und endet auch bei dem mit der Fülle der Tage Beschenkten erst beim Abschied vom Dasein. Aber es gibt eine bestimmte Grenze innerhalb der Lebensbahn, jenseits deren der Mensch im allgemeinen nur noch ein lautloses, ihm selber unbemerkt bleibendes Erzogen-, ja selbst Belehrtwerden verträgt. Merkt er die Absicht, so wird er verstimmt. Doch hier müssen wir auf ein Paradoxon im geistigen Verkehr aufmerksam werden, das seine Wirksamkeit oft bestimmend gerade auf unser Gebiet ausdehnt. Wie selten sucht man d i e Wahrheit: man will doch nur das, was einem mehr oder weniger klar als Wahrheit vorschwebt, von anderen bestätigt wissen. So liest man seine Zeitung, hört am liebsten den Redner, von dem man erwartet, daß seine Ansichten von den eigenen sich nicht entfernen werden. Ueberdies ist die Aufnahme neuer Gedanken, selbst wenn man sich ihnen gewachsen glaubt, unbequem und mit Anstrengungen verbunden. Der Mensch ist im allgemeinen so gutartig, lieber Beifall zu spenden, als sich zum Widerspruch gereizt zu sehen. Er hört gern wohlvertraute Dinge, erprobte, tausendmal ausgesprochene und gedruckte Meinungen: seinem Verlangen nach Abwechslung genügt es völlig wenn die Hülle der Gedanken, die sprachliche Form, das Nebenbei in Wortwahl und Ausdruck, im Rankenwerk der Bilder und Gleichnisse ihm längst Bekanntes auffrischt. So wird gerade die Predigt, welche dieser Haltung des Gemütes nachgibt, im Durchschnitt doch wieder zu einer Fortsetzung der Liturgie. Liegt ihr nicht im Einzelfall ein ganz konkreter Zweck, die Erreichung einer bestimmten Absicht innerhalb der Gemeinde, zu Grunde, so wird sie viel leichter als etwa die Rede des Politikers vor einem ganz ähnlichen Publikum in die Gefahr geraten, das Gefühl der Hörer durch übermäßige Wiederholung feierlicher Wahrheiten abzustumpfen. Denn man kann wohl eine Tonschöpfung in gemessenen Zeitabständen mit wachsender Freude von neuem genießen, man kann die alten Gebete Tag um Tag, Woche um Woche als echten, nicht müde machenden Ausdruck seiner Gesinnung sprechen und hören, man vermag aber nicht Gedanken, die eben Gedanken sein und Gedanken wecken wollen, immerzu vernehmen, vorbeiziehen. Die Luden halten Heu auf den Dachböden, wodurch sie die ganze Stadt ins Unglück stürzen können, pachten von Jahr zu Lahr das Ausschankrecht für Bier, Meth und Branntwein. Durch die Luden find die glorreichen Zünfte der Goldarbeiter, Feldscher, Schneider, Kürschner, Vierbrauer, Bäcker, Kesselschmiede usw. gefallen, in der Stadt arbeiten mehr als M jüdische Schneider... Aus all den Ursachen wollen wir die Luden in der Stadt nicht mehr dulden und beschließen, bsnc dolosam gentem adhibito brachio saeculari, tarn civili <iuam militari, aus den Häusern des Adels, der Bürger und des Klerus, aus der Stadt und den Vorstädten zu vertreiben Md zu evakuieren, die Handelspakten zu annullieren und als urcht bestehend zu betrachten. Da aber unsere Stadt gut im Gedächtnis hat, daß, als man vor Zähren die Luden vertreiben wollte, manche hohe Staatswürdenträger und Adlige bewasfnete bellte hersandten, die den Kommissionellen Dekreten zum Trotz Mt Knütteln und Sensen die Vertreibung vereitelten, daher bitten mir den gnädigen Herrn Schloßhauptmann von Lublin um Beistand, damit wir endlich einmal aus der Knechtschaft der 3uden befreit werden." dir Zünfte, die einen erklusiven katholischen Charakter hatten, vursten die Juden natürlich nicht ausgenommen werden, die Zünfte aber nahmen für sich ein Monopol auf Arbeit in Anspruch. Während die christlichen Kauflcute mit ihren jüdischen Konkurrenten Verträge schlossen und ihnen gewisse Freiheiten einräumten, wollten die in den Zünften organisierten Handwerker Ischen Zugeständnissen nichts wissen und forderten die vvllige Abschaffung des jüdischen Handwerks. Die Zünfte ver- ^ten den christlichen Meistern, jüdische Lehrlinge auszunehmen, christlichen Gesellen, bei Luden zu arbeiten, und christlichen ^leqtern, an jüdische Meister und Händler Ware zu liefern, pm Lahre 1670 wurde von der Schneiderzunft angeordnet, daß leoer Meister ein leserliches Zunftzeichen (Gemerk) an jedem vtuck Arbeit anbringen müsse, damit die eigens zu diesem M>eck eingesetzte Kommission bei der Kontrolle der auf den Markt gebrachten oder in den Geschäften befindlichen Waren Ivsort feststellen konnte, ob nicht etwa ein Lude das Verbrechen "kgangen hatte, ein Kleidungsstück anzufertigen. Diese Forderung wurde alle paar Jahre erneuert. Schließlich wurden den Luden £4 uachher sogar mehr Schneider zugestanden. Früh schon hatte!"*) das Handwerk bei den Luden in Polen entwickelt. Der ^rotnrid der Zünfte führte ebenfalls zu Pogromen. Der Adel n» kein Lnteresse an einem Monopol der Christen und auch hier auf seiten der Juden. So ging der Kampf swvchen Juden und Bürgern jahrhundertelang dahin. Die Berk-n Bürgerschaft, die deren „berechtigte Interessen" vor .-Isi, ^Hörden wahrzunehmen hatten, machten dabei gute GeiMfte. Der Verfasser teilt eine Rechnung aus dem Lahre wenn man von ihrer Wahrheit grundsätzlich überzeugt oder nicht überzeugt ist — es sei denn, daß man in der Predigt eben tatsächlich nichts anderes empfangen will, als eine freiere Variation über die Themen und Stimmungen, die man durch die Worte und Töne der Liturgie, durch die Gewohnheit, die Tradition, eben durch das ganze Schwergewicht des konservativen Charakters der Religion überhaupt in seiner Seele angeregt fühlt. Ich glaube, daß bei weitem die meisten regelmäßigen Besucher der jüdischen Gotteshäuser in der Tat mit Vorliebe die hier geschilderte Predigt hören, daß sie — wie man das heißt — erbaut werden wollen. And wer fühlt und es weiß, wie die emschmiegsamen Sätze unserer Tefilla, die ewig wiederholten, in einem einzigen Gottesdienst so oft rezitierten, gerade durch den Rhytmus der ewigen Wiederkehr sich in Herz und Seele verfangen, wie das Ineinander von Pietät und stolzer Selbstbehauptung, von Gewohnheit und auch Eigensinn jene wohlige, selige Stimmung von Frömmigkeit und Treue erzeugen, — der wird über eine solche Erbauung nicht gering denken und auch nicht die Einfalt des Predigers belächeln, der nichts tut, als sich in ihren Dienst zu stellen. Freilich kann diese Art von Rede niemanden in den Tempel führen, der ihn nicht ohne sie besucht, aber den, dessen Ohr sie erreicht, vermag sie gerade durch ihre anspruchslose Einpassung in die Selbstverständlichkeit, welche die Atmosphäre dieser Religiosität ist, zu bestärken und zu erheben. Der andere Typus verkörpert sich in d e r Predigt, die wirklich aus dem Rahmen der Liturgie herausfällt, weil sie — ganz gleich auf dem Boden welcher religiösen Richtung erwachsend die Ruhe des Gefühls aufstört und von der Freiheit des Denkens tatsächlich Gebrauch macht. Alles in der Welt, sogar alles von aktuellem Interesse kann in eine positive innere Beziehung zur Religion und zum Judentum gebracht werden. Wir sagen in eine positive innere — um auf jene vielbeliebren Literaturvereinsthemata hinzuweisen, die von dem „Judentum und . .handeln. Will aber die Rede, die hier gemeint ist, ein selbständiges Leben innerhalb des Gottesdienstes führen, dann wird sie vor allem das Gesetz zu beobachten haben, daß nur in der Beschränkung sich der Meister zeigt. Das soll bedeuten: Die fundamentalen Gedanken müssen wohl immer sich als tragender Grund der behandelten Einzelfragen erweisen, im Vordergründe der Beleuchtung aber soll stets ein fest umrissenes Einzelprobtem und seine Auswirkung im ernsthaft gelebten Leben stehen. Der Optimismus im Judentum ist ein weites, ein zu weites Feld, in spezialisierter Anwendung vielleicht auf Fragen der Jugendbewegung wird der in seiner Allgemeinheit blasse und durch unendliche Wiederholung abgegriffene Gedanke Konkretheit und Farbe gewinnen: wobei natürlich das bestimmte Problem das Thema ist und die allgemeine Idee sich ihm als Tangente antegt. Der soziale Charakter der mosaischen Gesetzgebung ist Gemeingut auch der bescheidensten religiösen Bildung. Aber auch, wenn das zu vorteilhaft von dem Ergebnis des Iugenüunterrichts gedacht sein sollte, so wird einem Hörer jene Idee viel leichter, angenehmer und unterhaltsamer eingehen, wenn sie als Hintergrund etwa zu der Hauptfrage: wie sieht es um den Drang nach wirtschaftlicher Selbständigkeit? — erörtert wird, als wenn umgekehrt der Ruhm der biblischen Satzung verkündet und als Beispiel das Streben des Gesetzgebers angeführt wird, den Bauern als selbständig zu erhalten. Predigt ist kein Schulunterricht, soll nicht einmal Volkshochschule ersetzen, sondern es handelt sich bei ihr darum, einem brennenden prakli schen Interesse seine in der Unendlichkeit verdämmernden Perspektiven zu geben. Es verschlägt wenig, daß die Wahrheit und die Herrlichkeit des Judentums gepriesen und die Ahnen als die bekannten Engel gekennzeichnet werden, im Vergleich zu denen wir von heute Esel sind, sondern es gilt, den Hörer auf das in seiner eigenen Seele hinzustoßen, was unmittelbare quellende Kraft religiösen Daseins ist und ihm zu zeigen, wie er darin der Enkel seiner Ahnen ist. Die Größe der Propheten ist eine historisch-philologische Angelegenheit: die Unzerstörbarkeit aber jüdischen Rechtsgefühls, die fruchtbare Kraft der Entrüstung über Unbill — nicht bloß über jelbsterlittene — die unzweifelhaft gerade den Juden auszeichnel, in Helles Bewußtsein gerückt, wird viel lebhafter ein wahrhaft innerliches Verständnis und eine echte Ehrfurcht vor den Großen der Vergangenheit erzeugen. Wir verstehen heute die biblischen Gottesmänner besser, jedenfalls anders als vor einem Menschenalter: wir empfinden jetzt, daß das Dunkle, Unberechenbare, Geheimnisvolle, das hinter der Klarheit ihres sittlichen Pathos lagert, nicht weniger zur Religion gehört, als die großen einfachen Linien, mit denen sie ihr Idealbild gottwohlgefälligen Lebens umreißen. Wenn der Hörer, der mit lausend Erfahrungen seines Daseins in der geistigen Atmosphäre unserer Tage lebend, den Geist der Propheten so verstehen lernt, wird er fühlen, wie echte Erhabenheit und Wahrheit die Jahrtausende durchdringt. Aber Judentum ist nicht bloß Geist, es ist auch Schicksal, geschichtliches Erleben der jüdischen Menschen. Es ist Einheit dieses Schicksals oder Forderung zur Einheit in der Hingabe zu allumfassender Solidarität. Der Menschheitsgedanke war ein beliebter Gegenstand bei den jüdischen Predigern des 19. Jahrhunderts. Es konnte und es kann keinen würdigeren geben: aber der Lehrer soll nie vergessen, daß er kein Verkünder des messianischen Reiches ist, das „in späten Tagen" kommen soll: er ist der Erwecke? zur unmittelbaren Tat. Er darf nicht das Ziel, unbekümmert um die Mittel und Wege, die seiner Vollendung dienen, mit Begeisterung schildern, wenn er nicht ernstlich wenigstens den Versuch macht, das Erste zuerst und das Zweite zuzweit zu tun. Er darf nicht die seiner Sorge und seinem Interesse zunüchstliegende jüdische Not beruhigt dem großen messianischen Tage zur Lösung anvertrauen, er muß vielmehr bekennen und fordern, daß die Solidarität und Selbstbehauptung der ganzen jüdischen Meltgemeinde ein gar wichtiger Schritt zur gerechten Befriedung der Menschheit sei. Fragen der Iudenheit zu erörtern, das erfordert größeren Mut und entschiedenere Entschlußkraft, als die Stellungnahme zu den gedanklichen Problemen des Judentums. Aber so wenig aus die Dauer der Vor- -trng des Redners Glück mach!, so . wenig , reicht Geist dazu aus, um den Willen zu lenken, wenn hinter diesem Geist nicht ein Charakter sich birgt. Schließlich kan man nichts einem anderen geben, was man selbst ni'o hat. Und wenn es das letzte Ziel alter Erziehung blld< , Wahrhaftigkeit und Ernst in Gesinnung und Tat erzeugen, so werden diese nicht nur die besten, sonde letzten Endes die einzigen Führer sein, die Vertraue?, finden. In der Hingabe an sie wird auch der Speu- Sende reicher. Werbt neue Leserl 1670 mit, die beweist, daß die Herren Schöffen und Advokaten ihre juristische Weisheit nicht billig verkauften. Es ist wiederum ein Prozeß im Gange, und die Lubliner Bürger schicken ihre Sachverwalter nach Warschau: Plötzliche Abreise nach Warschau, unterwegs Wasser 15 Dukaten: Konferenz mit den Warschauer Advokaten 16 Dukaten: dem Stadtbevollmächtigten 4 Dukaten: Ankündigung, daß die Juden schon nach Warschau gekommen sind. 8 Dukaten: Extrakte und Gesuche, 18 Dukaten: macht zusammen 56 Dukaten. Ein fetter Prozeß. Da aber alles schließlich ein Ende nimmt, so nahmen diese Streitigkeiten auch ein Ende. Als Oesterreich nach der dritten Teilung Polens diesen Landstrich übernahm, wurden die Luden, ähnlich wie in Krakau und Lemberg, aus der Stadt gewiesen und in die Ludenstadt und die Vorstädte eingepfercht. Nach knapp 150 Zähren des Kampfes mußten sie den Platz räumen und in das sumpfige und enge Ghetto ziehen, wo sie in Finsternis und Schmutz 70 Lahre lang lebten. Erst die Reform des Marquis Alexander Wielopolskft 1862 öffnete den Luden die verrammelten Stadttore und ließ Luft und Licht in das Ghetto hinein. Lublin war auch der Sitz des Krontribunals, welches König Stephan Bathory 1578 als höchste Instanz für alle Strafprozesse eingerichtet hatte. Diese Institution trug viel zum Aufschwung der Stadt bei, was auch den Luden zu gute kam, allein sie hatte für sie auch ihre Schattenseiten. Alljährlich beim Beginn der Tribunalssitzungen rottete sich die Dienerschaft und das Gefolge der Magnaten zu einer Bande zusammen nnd zog unter Führung des „Obristen" in die Ludenstadt, um dort ihre Kurzweil zu haben. Die Ludengemeinde bezahlte alljährlich der Bande ein beträchtliches Lösegelin bar und Getränken. Doch das waren nur Kleinigkeiten 'tot Vergleich zu den Schrecknissen, die die häufigen Hostienschiiudungs- und Ritualmordprozesse mit sich brachten. Die Untersuchungsmittel jener Zeit gegen alle Nichtadligen waren ausgesuchte Foltern, die allemal raffinierter wurden, um aus dem Delinquenten ein Geständnis zu erpressen. Das Krontribunal verfügte aber weder über Folterkammern noch über Henkersknechte und übertrug in jedem einzelnen Falle diese Tätigkeit dem Schöffengericht. Bei dem stets gespannten Verhältnis zwischen Bürgern und Juden war das Ergebnis der Folterung immer dasselbe: ein Geständnis der „Missetäter". Auf Grund dieses Geständnisses wurde satt immer vom Tribunal ein Todesurteil gefällt und dessen Vollstreckung wieder den Schöffen übertragen. Die Todesurteile wurden mit raffinierter Grausamkeit meist am Sabbat vor der Synagoge vollstreckt. Die ganze Ludengemeinde sollte die Hinrichtung ihrer Glaubensgenossen mit ansehen und sich ein abschreckendes Beispiel für die Zukunft nehmen. Aber nur die wenigsten Luden erschienen. Dagegen versammelte sich zu diesem „Theatrum" die gesamte Stadtbevölkerung, und oft kam es nachher zu lleberfällen auf die Ludenbäuser, Pogromen und Plünderungen. „Der aufgeregte Pöbel say im Urteil die wahr« hcitsgemäße Bestätigung des Blutmärchens und wollte endliche mit den Juden aufräümen. Die Mütter fürchteten um ihre Kinder, und das Wort „Lude" wurde zum Inbegriff eines Kindermörders und Blutvergießers." Der Verfasser bereitet ein umfangreiches Werk über die Geschichte der Ritualmordprvzesse! in Polen vor, einen solchen teilt er hier mit, der im Hergang und Ergebnis an Grauenhaftigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Kein Wunder, daß das Krontribunal die Luden mit. Schrecken erfüllte. Die Rabbiner von Lublin setzten den Tag der Eröffnung dieses obersten Gerichtshofes für alle Zeiten zum Fasttag «in. Auch war es eingeführt, daß sofort nach der Konstituierung des Tribunals die Aeltesten der jüdischen Gemeinde in öffentlicher Audienz beim Tribunalsmarschall mit reichen Gaben (dona charitativa) erschienen, zu denen alle Gemeinden Polens ihr Schcrflein beitrugen. Die Hüter der Gerechtigkeit ließen sich gern wachsam erhalten. Lublin war also kein Paradies für die Luden. Gleichwohl war es eine der Hauptstätten jüdischer Gelehrsamkeit und ein Zentrum jüdischen öffentlichen Lebens. Hier tagte die berühmte Vierländersynode, die für die gesamte europäische Fudenheit als der Inbegriff der jüdischen Autorität und der Gewalt des polnischen Judentums galt, vor der nicht nur die polnischen Angelegenheiten ausgetragen wurden, an die sich auch die Juden ferner Länder um Rat und Hilfe wandten. Gemeinden und Privatparteien brachten ihre Streitigkeiten vor die Vierländersynode in Lublin. Christlidie Kaufleüte aus Deutschland wandten sich an sie mit Klagen gegen polnische Kansleute. Im Lahre 1670 wurde hier der große Bann über Sabbathaj Zedhi verhängt. Die Snnode übte auch gesetzgeberische Funktionen aus. Die^ Juden in Polen hatten eine weitgehende eigene Gerichtsbarkeit in Zivilsachen, und da sie unter einem besonderen Handelsrechts standen, lag es ihrer obersten Behörde, eben dieser Pierländersynode, ob, die nötigen, von der Zeit geforderten Bestimmungen! zn schaffen. Sie hatten ein eigenes Wcchfelrecht, eine eigene.! Konkursordnung und einen eigenen Zivilprozeß. In Polens erlebte das alte talmudisch-rabbinische Recht eine eigenartige,! höchst merkwürdige Entwicklung, vielleicht noch bedeutsamer als znr Zeit der Geonim, deren Geschickte zu erforschen für einen talmudisck, soziologisch und juristisch in gleich hohem Maße durckgebildeten Gelehrten eine verlockende Aufgabe wäre. Der Verfasser bereitet über diese Vierländersynode eine Studie vor.^ „Verfassung und Verfassungsgeschichte der Luden in Polen", aus die man gespannt sein darf. Lublin war die Residenz einiger der bedeutendsten rabbinischen Koryphäen des 16. und! 17. Jahrhunderts, deren Namen auch heute noch in der ganzen! jüdischen Welt verehrt werden. ' Neben den berühmten Rabbinern lebten in Lublin hervor-; ragende jüdische Aerzte, die alle im Auslande, meist in Italien' (Padua) studiert hatten, die Krakauer Universität war nämlich' für Akatyolikrn geschlossen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.