Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 23 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613811--1351-2618704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
16%, IWchÜberaleZeilunL Organ -er Bereinigung für das liberale Judentum e. B. Vt-uge-reis durch die Geschäftsstelle '.^jährlich M. 2,SO, lkinzelnummer 0,20. Bei freier Ausendung im Inland 0,23. $ür die Mitglieder der Bereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Chefredakteur: Vipl.»Zug. Bruno Woyda. Die ,/JÜdtfeh-liberale-Zeitung“ erscheint jeden freitags. Schrlftleitung und Geschäftsstelle: Berlin. IMauerftr. 22. ^ernriif: Hmt Merkur J'Jr. 8225 portrehethkonto: Berlin JS’OCl Z JTr. 131069 (Vereinigung für Aas liberale Ofudentum) Nachdruck (Amtlicher Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattet! Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene Nonpareillezeile 0,46 Goldmark, die Neklamezeile 3,0V Goldmark, -ei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Verlags« abteilung, Berlin SW 66. Charlottenstr. SO (Femfprecher: Dönhoff 6360-66), sowie sämtl. Annoneen'Cxpeditionen. Nr. 23 Berlin, 6. Juni 1926 6. Jahrgang Die deutsche predigt. Die deutsche predigt. Von Rabbiner Dr. Vogelstein, Breslau. Seit achtzig Jahren ist die deutsche Predigt nicht mehr das Schibboleth im Streite der religiösen Parteien im Judentum. In liberalen wie in Konservativen Synagogen wird sie gepflegt, und die heutige Generation versteht Kaum mehr, daß sie einmal Gegenstand heftiger Kämpfe gewesen ist, versieht freilich auch kaum mehr, welche Begeisterung und religiöse Verinnerlichung die deutschen Predigten der großen Redner vor zwei und drei Menschenaltern ausgelöst haben. Es ist ein altes Gesetz geschichtlicher Entwicklung, daß im Laufe der Zeit das Kampffeld sich verschiebt und daß die Dinge, um die gekämpft worden ist, auch von den ehemaligen Gegnern schließlich widerspruchslos ausgenommen und weiter ausgebaut werden. Aber es ist nicht unzweckmäßig, sich von Zeit zu Zeit die Tatsache dieser Kämpfe ins Gedächtnis zu rufen. And namentlich für uns Liberale ist es erforderlich, daß wir uns immer wieder darauf besinnen, wieviel der Liberalismus im Judentum nicht für sich und seine Anhänger, sondern für alle Richtungen, auch für die starre Orthodoxie, erkämpft hat. Das gilt im modernen jüdischen Leben von zaylreichen Dingen. Der Religionsunterricht in moderner Form, die Ordnung und Würde im Gottesdienst, der Gesang, das Ornat des Rabbiners und des Boroeters, Ordnung, Würde und Weihe bei Beerdigungen, Trauungen usw. und die deutsche Predigt — dies alles sind Dinge, um die man vor hundert Jahren gekämpft hat, und die der Liberalismus erkämpft hat. Wenn heute vielleicht mehr als je zuvor wieder behauptet wird, daß der Liberalismus zersetzend und zerstörend gewirkt hat, wenn ihm die Fähigkeit und Leistung positiven Schaffens und Ausbauens abgesprochen wird, und wenn diese Angriffe in liberalen Kreisen selbst gedankenlos nachgesprochen werden, so ist es notwendig, einmal auf die großen positiven Leistungen des Liberalismus hinzuweisen. And dabei ist immer wieder zu betonen, daß diese positive Leistung nicht in Neuschöpfungen aus dem Nichts und nicht in der Aebertragung nichtjüdischer Dinge in das Judentum besteht, sondern daß sie auf dem alten Grunde und aus der alten Wurzel herausgeschaffen hat und schafft und das Reue, das sie aus anderen Quellen entnimmt, der alten jüdischen Art anpaßt. So und so allein kann uraltes jüdisches Gut gewahrt und zugleich modern erhalten werden. Die Geburtsstunde der Predigt ist der 1. Tischri 445 v> d. chr. Ztr. Mit klugem Blick hat Nehemia das herbeizuführen gewußt, woran Esra gescheitert war. Der Schristgelehrte wollte die Thora als Grundgesetz für das wiedererstandene Judentum einftihren, aber der Weg, den er eingeschlagen hatte und einschlagen mußte, erwies sich als nicht gangbar. Nehemia hat durch seine Maßnahmen die Voraussetzungen geschaffen und dann mit Esra gemeinsam die Maßregeln in die Wege geleitet, die darauf abzielten, die Einführung der Thora durch freiwillige Aebernahme durch das gesamte Volk zu ermöglichen. Am 1. Tischri fand zum ersten Male ein Gottesdienst statt, wie er bis dahin gänzlich unbekannt war. Außerhalb des Tempelbezirks war die Tribüne aufgebaul, vor der sich das Volk versammelte. Kein Opfer in diesem Gottesdienst, wohl aber, was bis dahin nicht der Fall gewesen war, Borlesung aus der Thora und, an sie anschließend, die Aebersehung in die aramäische Landessprache in der Weise, daß mit dieser Ueberfttzung die Erläuterung verbunden war. Es ist die älteste und erste Predigt, von der wir wissen. Aeligions- .^schichtlich ist dieser Gottesdienst von fundamentaler Bedeutung. Wir lesen von der erschütternden Wirkung dieses Gottesdienstes, und es wird berichtet, daß das Volk selbst an Esra und Nehemia mit der Bitte herantrat, am nächsten Tage einen gleichartigen Gottesdienst zu veranstalten. Die Derösfentlichung und Annahme der Thora bedingte die Verbreitung chrer Kenntnis, anders ausgedrückt die religiöse Bolksbelehrung. And diese Volks- Oie erste Landesverbandstagung. Wie bereits von uns gemeldet, wird am 21. Juni im Plenarsaal des ehemaligen Herrenhauses der erste Berdandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden feierlich eröffnet werden. Auf der Tagung werden folgende Gegenstände zur Verhandlung gelangen: 1. Eröffnung und Begrüßung des Berdandstages. ' 2. Wahl des Präsidiums des Berdandstages. 3. Geschäftsordnung des Berdandstages. 4. Wahlen zum Rat gemäß Art. 21 Ziffer 2 der Verfassung, (fi Rabbiner, 2 Lehrer). o. Wahl von vier Mitgliedern des Rates gemäß Art. 21 Ziffer 3 der Verfassung. 6. Bericht über die bisherige Tätigkeit des Verbandes und Etat. 7. Der Umlagebcjchluß für das Jahr 1925. N. Revision des preußischen Iudenrechts. 9. Bildung von Bezirken zur gemeinsamen Anstellung von Rabbinern und Religionslehrern. 10. Beschlußfassung über Bildung, Zusammensetzung. Wahl. Wirksamkeit und Geschäftsordnung der Ausschüsse. 11. Verfassungsänderungen: a) Festsetzung der Dauer der Wahlperiode für den am 1. Februar 1925 gewählten Verdandstag. - b) Abänderung des Art. 31 detr. das Etatjahr des Landesverbandes. r) Aenderung des Art. 5 lit. d betr. das Steuerverfahren. d) Abänderung des Art. 5 Abs. 2. e) Aenderung des Art. 21 der Verfassung (Erhöhung der Zahl der Ratsmitglieder von 35 auf 37). 12. Beschlußfassung über die Grundsätze für die Anstellung besoldeter Beamter. belehrvng nahm ihren Ausgang von der gottesdienstlichen Belehrung in den Synagogen durch Schrift- Vorlesung und Erläuterung des Borgelesenen. So bildete sich in der folgenden Zeit der Brauch heraus, der sich seitdem im Judentum erhalten hat, daß an allen Sabbaten und Festtagen den Mittelpunkt des Gottesdienstes die Schriftvorlesung und die Schrifierklärung, anders ausgedrückt die Predigt bildete. So sind die Targumim, die aramäischen Übersetzungen der Bibel, so ist die griechische Uebersetzung der Septuaginta entstanden aus dem Bedürfnis, die heilige Schrift dem Verständnis der Gemeinde zu erschließen. Es ist durchaus charakteristisch, daß noch zur Zeit der Entstehung des Christentums die Predigt als der Lehrvortrag bezeichnet wird. Aber es ist auch feststehend, daß es keinen sabbatlichen oder festtäglichen Gottesdienst gab ohne Predigt. Das gilt für die Juden in Palästina ebenso wie für die Hellenistischen Juden in Aegypten und in anderen Ländern. Die Predigt, die sich eng an den Schriftabschmtt anschloß, wurde nicht von einem hierzu bestimmten Beamten, sondern von demjenigen gehalten, den der Synagogenvorsteher damit betraute. Das war natürlich nur möglich, wenn die Anzahl der hierfür wissenschaftlich Borgebildeten ausreichend war. Im Lause der Zeit wurde die Predigt zu einem Amt. Aber die allsabbatliche Predigt blieb die selbstverständliche Aebung. Aeberall wurde die Predigt in der Landessprache gehalten: denn ihr Zweck war die Erläuterung und Berständlichmachung des vorgelesenen Schristabschnittes und die Einwirkung auf die religiöse Gesinnung und religiöse Handlung der Gemeinde und ihrer Mitglieder. So haben die italienischen und die spanisch-portugiesischen Juden die Predigt festgehalten und weitergesührt, und im 17. Jahrhundert wird aus Amsterdam berichtet — um nur ein hervorstechendes und bekanntes Beispiel anzuführen — daß Isaak Aboab und Manasse den Israel gefeierte Prediger waren. Auch christliche Zuhörer fanden sich gern ein. In Deutschland ist tm spülen Mittelalter und in den ersten Jahrhunderten, der sogenannten Neuzeit das Leben der Juden in eine ungünstige und ungesunde Entwicklung gedrängt wvrden. Ins Ghetto gesperrt, wurden sie mehr und mehr von der allgemeinen Kultur adgedrängt, mehruud mehr auf sich angewiesen. Damit ging ihnen auch die lebendige Verbindung mit der deutschen Sprache wohl nicht ganz verloren, aber sie war stark eingeschränkt. So war ihre Sprache das Judendeutsch, der Jargon, oder — wie man heute zu sagen pflegt — das Jiddisch, und die Predigten, die gehalten wurden, sind in dieser Sprache gehalten worden. Dazu aber kommt noch ein weiteres. Die Ab-drängung von der lebendigen Allgemeinkultur, die Absperrung von aller sonstigen Freude hat den ästhetischen Sinn der deutschen Juden verwildern lassen. Der Gottesdienst war ohne Ordnung. Immer mehr häuften sich die Pijutim, und was ursprünglich den Mittelpunkt des Gottesdienstes gebildet hatte, trat zurück. So hörte die Predigt auf, ein ständiger Bestandteil des Gottesdienstes zu sein, und so verwilderte die Predigt in Inhalt, Aufbau und sprachlicher Form. Das darf keineswegs in dem Sinne mißverstanden werden, als ob der Inhalt der Predigt religiös oder ethisch auf tieferer Stufe gestanden hätte, wohl aber ist es dahin zu verstehen, daß unseren Vorfahren, denen die Synagoge nicht nur das Bethaus und Bersammlungshaus war, sondern auch säst die einzige Stätte der Freude, auch die religiöse Rede in anderer Weise gegeben werden mußte und gegeben wurde, als wir es nach unserem Empfinden für angemessen halten müssen. Das 18. Jahrhundert brachte die Wendung. Die deutschen Juden traten in die moderne Kultur ein, und es war ganz selbstverständlich, daß sich dies im Gottesdienst fühlbar machen mutzte. Moses Mendelssohn hat den deutschen Juden die hochdeutsche Sprache als Verkehrs- und Muttersprache wieder erschlossen. Es ist bekannt genug und muß doch immer wieder betont werden, unter welchen Kämpfen auch dies geschah. Immer wieder muh darauf hingewiesen werden, daß das Lesen eines deutschen Buches noch unter der Regierung Friedrichs d. Gr. als ein Verbrechen galt, das einem jungen Manne die Ausweisung aus Berlin zuziehen konnte, und daß die Uebersetzung biblischer Bücher, die Mendelssohn mit hebräischen Lettern herausgab, von deutschen Rabbinern mit dem Banne belegt wurde. Das geschah, weil man in der hochdeutschen Sprache das Bekenntnis zur modernen Kultur und in der modernen Kultur eine Gefahr für den Bestand des Judentums sah. Machte sich diese Gegnerschaft auch anfangs noch nicht in dieser heftigen Weise geltend, so mußte sie mit Naturnotwendigkeit sich verstärken, als unter dem Einfluß der modernen Kultur in manchen Kreisen der Bruch mit der mittelalterlichen Gewandung des Judentums vollzogen wurde. Es schien damals so, als gebe es nur die beiden Möglichkeiten: moderne Kultur oder mittelalterliches Judentum. Moses Mendelssohn selbst hat drei deutsche Predigten versaßt, die anläßlich der Siege bei Roßbach und Leuthen und des Hubertusburger Friedens in der Berliner Synagoge von einem Berliner Rabbiner vorgetragen worben sind. Das geschah damals noch ohne Anstoß: im übrigen wurde nicht etwa regelmäßig, sondern gelegentlich gepredigt, aber diese Predigten waren eben die Vorträge der sogenannten Darschanim, im Jargon gehalten und in Art und Form immer weniger im Einklang mit dem Kulturbedürfnis der neuen Generation. In den großen Gemeinden wuchs, namentlich seit Beginn des 19. Jahrhunderts, immer mehr das Verlangen nach moderner Gestaltung der Predigt und nach Anstellung von „Volkslehrern. Man empfand immer stärker die Notwendigkeit der religiösen Belehrung, der Erbauung und Vertiefung, die wiederum nur gegeben werden konnte, wenn sie an die Menschen in der Weise herangebracht wurde, die ihrem Verständnis und ihrer Geartung entsprach. Und es waren gerade diejenigen, die die Notwendigkeit und Anabweislichkeit modernen Kulturlebens und die Möglichkeit der Synthese dieses Kulturlebens mit dem Judentum erkannt hatten, oie immer nachdrücklicher diese Forderung stellten. Sie. verwarfen die Borträge der Darschanim und forderten die deutsche Predigt. Bereits 1808 predigte Josef Wolfs)