Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kann, zu zeigen. Eingeleitet wurde diese Bewegung durch die Aufklärung, die den Kampf gegen die Ausschaltung und Entmündigung des Individuums führte. „Können Berttunstwahrheiteu historisch bewiesen werden?" Diese Frage erhebt Lessing. Gibt es kein anderes Forum, vor dem ewige Wahrheiten ihre Gültigkeit erweisen können als das der Tradition? Und die Antwort, die alle Denker und Dichter dieser neuen Zeit geben, ist die, daß die menschliche Seele — der Verstand öder das Herz — aber ganz'bestimmt der Mensch als Gottes ebenbildliches Wesen dieses Forum sein könne und sein müsse. „Natürliche Offenbarung/" dies war nunmehr die Forderung. Offenbarung ist erwerbbar für das Individuum. Es mutz geweckt werden, mutz befreit werden von aller Bevormundung, aus eigener Kraft mutz es seinen Heilsweg gehen. Es ist bekannt, daß der religiöse jüdische Liberalismus als ein Glied dieser europäischen Bewegung anzuschen ist. Er befreite das jüdische Individuum von der Bevormundung der Tradition, die mit ihrem festgefügten Ritual und ihren die Formen der Frömmigkeit überwachenden, juristischen Kodices (Schulchan aruch usw.) wie eine starre Kirche den Lebensodem des IndividWms erstickte. So jener auch die Tradition einem Volke sein mutzte, das nichts hatte als seine Geschichte, so war es für die geistige Erneuerung doch notwendig, mit dem Abschütteln der die lebendigen Quellen verschüttenden Tradition anzuheben. Der jüdische Mensch, der ohne jede Mutterschaft, auch nicht durch die der Tradition den Weg zu seinem Gotte fand, wurde wieder Jude im Sinne des Propheten. Nach Vernichtung der Mittlerfchast einer toten, weil fremdgewordenen Form ist die Seele allein mit ihrem Gotte, befreit und erneuert findet sie jetzt Kraft zur Zwiesprach voll Tiefe und voll Gnade. And die religiöse Erneuerung, die der jüdische Liberalismus bewirkte, durchgeführt, ermöglichte weiterhin auch eine politische, wissenschaftliche und künstlerische Erneuemng des jüdischen Geistes. Aber wenn sich auch der neuzeitliche, religiöse Individualismus der klassischen Religiosität des biblischen Prophetismus durchaus verwandt fühlen darf, so kann von dem einmal fest behaupteten, neuen Standpunkt auch für die mittelalterliche Religiosität Verständnis aufgebracht werden. Auch wir Juden müssen damit aufhören, das Mittelalter als eine Zeit anzusehen, in der die Menschheit von ihrer antiken Größe in eine Art Barbarei gefallen wäre. Sein Glück und feinen Frieden in den Erinnerungen und Aeberbleibseln einer abgelebten Zeit zu finden, soll niemandem zugemutet werden. Aber deswegen könnte doch die Fabel vom „finiteren" Mittelalter endlich abgetan werden. Die Ausschaltung der eigenen Kräfte des Individuums und seine Bevormundung durch die Tradition, wie es unser jüdisches Mittelalter kannte, hat den Grund, der auch für uns einsichtig bleibt. Die Offenbarung, so wahr sie Offenbarung des Individuums sein kann, so wahr ist sie ein dem Individuum durchaus transzendentes.- transzendent in ihrem Gehalte und transzendent in der Gnadenstatsache ihres Auftretens. Das Mittelalter trieb Religion nicht in Berufung auf das Erlebnis, sondern die Transzendenz des religiösen Gegenstandes bildete seiner Religiosität der ganz selbstverständliche Ausgangspunkt. In irgendeiner Form mutz sich auch der moderne religiöse Individualismus die Haltung so gestimmter Religiösität einverleiben. Er ist seiner historischen Sendung nur dann gerecht, wenn er begreift, daß alle F r e i h e i t des Individuums nur dazu dienen darf, die Gebundenheit in Gott zum Bewußtsein za bringen. Denn dabei bleibt es: alles Wissen von Gott ist Wissen durch Gott. Offenbarung ist Geschenk, und wer die demütige Haltung des Empfangens nicht kennt, den wühlt die Freiheit auf, Glück erwirbt er nicht. Oie Erneuerung des Judentums. Eine Plauderei zum Schewuaus-Feste. Eine Plauderei zum Schewuaus-Feste? Ist das nicht etwas Unwürdiges? Geziemt es sich, das größte bedeutsamste Ereignis der Menschheitsgeschichte' mit leicht hingeworfenen Worten zu besprechen, das, was die tiefsten Denker durch tiefgründige Untersuchung zu erforschen und klar zu legen sich bemühen, so obenhin zu behandeln und zum Gegenstände gemütlicher Unterhaltung zu machen? Das wäre vielleicht unrecht, wenn wir nicht mit religionswissenschaftlichen, religionsgeschichtlichen, religionsphilosophlschen Abhandlungen über die Offenbarung am Berge Sinai mehr als zur Genüge versorgt würben. Diese zu lesen und zu studieren ist nicht jedermanns Sache. Vielleicht gereicht es gerade dem liberalen Judentum nicht zum Vorteil, daß es fast ausschließlich mit theoretischen Darlegungen sich abgibt und, daß nur gelegentlich im „Sprechsaal" eine „praktische" Frage besprochen wird. In der Theorie sind wir wohl alle mit dem liberalen Judentum oder dem jüdischen Liberalismus einverstanden.. aber wie er in der Praxis sich verwirklicken sollte und könnte, das ist vielen unklar. So ist es mit der Offenbarung am Berge Sinai auch. Ihr Inhalt — die sogenannten zehn Gebote — haben die Welt erobert und sind zur Grundlage aller Gesittung und Kultur geworden. Und wenn uns am Offenbarunasfeste das Wort der Thora zugerufen wird, „ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gotte, um einzugehen in den Bund mit ihm." wenn unsere alten Lehrer meinen, „an jedem Tage sollen die Worte der Lehre neu sein in deinen Augen, wie an dem Tage, da du sie vom Sinai erhalten", so verstehen wir alle, daß uns das Fest der Offenbarung als eine Mahnung zurErneuerung des Judentums" dargestellt wird. Die „Erneuerung des Judentums" — das ist ja wohl auf eine kurze Formel gebracht — das Ziel des jüdischen Liberalismus. Aber nun kommt die praktische Frage: wie bann diese Erneuerung geschehen? Erst, wenn sie gelöst ist, läßt sich über Einzelheiten reden und eine Verständigung erzielen, bei der natürlich der einzelne mst seinen Privatanschauungen und seinen Privatwünschen sich bescheiden und dem großen Ganzen sich unterordnet, unter Umständen das bei uns Juden in religiösen Dingen besonders schwere Opfer der Subordination und der Disziplin bringen muß. So habe ich es immer verstanden, daß der jüdische Liberalismus „Richtlinien" aufgestellt hat. Man hätte sie als Richtschnur für eine Einigung üver die Grundgedanken der Erneuerung gelten lassen sollen, nicht von vornherein sie ablehnen und zum Gegenstand widerlichen Gezänks machen dürfen. Es wird erzählt, daß viele über diese Richtlinien mit scharfer Entrüstung und uneingeschränktem Tadel losgezoaen sind, und wenn man sie fragte, ob sie denn die Richtlinien gelesen und genau erwogen hätten, dies ganz ehrlich verneinten. Auf diese Weise kann nie etwas erreicht werden, am allerwenigsten die — gewiß von allen als unbedingt notwendig zugestandene Erneuerung des Judentums. Warum kommt es denn nicht zu der „Erneuerung des Judentums?" Darüber möchte ich ein paar Worte zu faden mir erlauben. Ich verschweige absichtlich meinen Namen. Nicht weil ich mich fürchten würde, für das. was ich sage, mit meiner Person einzutreten, oder weil ich Angriffen auf mich tapfer aus dem Wege gehen möchte. Aber da ich nur von meinen Erfahrungen rede, so wäre es doch möglich, daß ich Verhältnisse zur Sprache bringe, die sich nur einmal — im Kreise meiner Erfahrungen — finden, uno es würde unnötigerweise nur eine Gemeinde in Israel bloßgestellt. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch verhüten, daß viele sich in die Brust werfen und sich rühmen: so sind wir Gott sei Dank nicht; jeder ohne Ausnahme soll mit sich zu Rate gehen und sich die Frage vorlegen: trifft das nicht auch auf uns zu? Nur dagegen möchte ich mich ganz entschieden verwahren, daß ich verallgemeinern möchre — das wollen wir gerne den Antisemiten überlassen, welche das Vergehen des einzelnen Juden zum Verbrechen der Gesamtheit stempeln und für sich alle Vorzüge und Tugenden in Anspruch nehmen. Mir scheint, daß die vom Liberalismus erstrebte „Erneuerung des Judentums" deshalb nicht zustande kommt, weil es an M ü t fehlt, an Mut bei den Gemeinden, an Mut bei den Gemeinde - Verwaltungen, an Mut bei den Rabbinern. Ich fange. nicht bei den Rabbinern an. weil oder trotzdem ihnen an allem Schuld gegeben wird, was diesem oder lenem am Judentum und seiner Betätigung nicht gefällt. Vielleicht ist das eine jüdische Nachahmung der Antisemiten. Wie diese für alles Unheil in der Welt die Juden verantwortlich machen, so die Juden die Rabbiner für die Mißstände im Judentum. Das ist auch ein Grund, warum die Rabbiner den Gemeinden unentbehrlich sind und kein Rabbiner sich zu ängstigen braucht, wenn wohlgesinnte Gemeindemilglieder ihm versichern: wir brauchen keinen Rabbiner. An Mut fehlt es den Gemeinden. Die meisten Mitglieder können immer noch nicht begreifen, daß Liberalismus nicht gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit und Indifferentismus ist. Sie meinen wunder was für das Judentum geleistet zu haben, wenn sie nicht austreten und zu der herrschenden Religion übergehen. Gelegentlich klammern sie sich ja auch wohl an dem einen oder .anderen Brauch des Judentums fest, den sie aus Pietät oder 'anderen Gründen Hochhalten und von dem sie erstaunt sind, daß er anderen nicht eben so heilig ist, wie ihnen selbst. Das Judentum ist so reich an Formen und Bräuchen, daß tatsächlich irder sich eine besondere Form und einen besonderen Brauch als Inbegriff des Judentums auswählen kann. Das ist dann s e i n Judentum; um d a s Judentum kümmert er sich wenig. Daß in der Uebung des Judentums den veränderten Zeitverhültnissen und den veränderten Anschauungen Rechnung getragen werden müsse, davon ist man überzeugt, das wird zugegeben. Aber vor jedem Schritt diese Ueberzeugung zu verwirklichen und durch eine Erneuerung des Judentums, dessen Erhaltung bei sich und bei allen, die gleich ihnen vom Judentum sich entfernt haben, davor schrecken die meisten zurück. Weil es ihnen aber an Mut fehlt, nicht bloß am Mut ihrer Ueberzeugung. sondern auch an dem Mut, ihrer Bequemlichkeit und ihrem Behagen d i e Opfer abzurinFen, welche auch die liberal eingestellte Betätigung des Judentums von jedem Juden fordern muß. Da gibt es dann noch die schöne, liberal (?) klingende Ausrede, daß man die wenigen sich konservativ oder gar orthodox nennenden Mitglieder, die sich schließlich in jeder Gemeinde finden, nicht vor den Kopf stoßen wolle, — und aus liberaler (!) Rücksicht ans diese kleine Minderheit verzichtet die große Mehrheit der Gcmeindcmitglieder darauf, sich durch zeitgemäße Aendernngen die Möglichkeit der Uebung des Judentums nach ihren Anschauungen zu verschaffen. Das Judentum ist ja durch jede Minderheit „gerettet"! Es ist leicht zu verstehen, daß bei dieser Haltung der überwiegend liberalen Mehrheit der Gemcindemitgliedcr die durchaus liberal gesinnte Gemeindeverwaltung den Mut nicht dazu aufbringt, wirklich liberal zu sein. Und doch — wenn die liberale Mehrheit der Gemeinde sich liberale Vertreter wählt, so bringt ie damit zum Ausdruck, daß sie liberal geführt sein will. Geinnungstüchtige, liberale Vorstände dürfen sich nicht dadurch vestimmen lassen, daß ihre Anordnungen vielleicht bei der konservativen Minderheit Widerspruch Hervorrufen, ein Widerspruch, in dem erfahrungsgemäß auch viele liberale Gemeindemitglieder einstimmen, weil ne eben am Widerspruch eine Freude haben. Damit sie doch „etwas getan" Haber, verstehen sich liberale Gemeindeverwaltungen in liberalen Gemeinden häufig zur Einführung oder gar Wiedereinführung längst abgeschaffter Einrichtungen und Bräuche, die als Ausdruck konservativen Judentums gelten, und sie dürfen dafür von der konservativen Minderheit wohlschmeckendes Lob ernten. Den Borwurf der liberalen Mehrheit brauchen sie nickt zu befürchten, weil diese „aus lauter Liberalismus" mit allem zufrieden ist. Was hilft bei diesen Zuständen bem liberalen Rabbiner sein Mut zum Liberalismus? Weder die Gemeinde, noch die Gemeindeverwaltung steht hinter ihm. Es wäre Unrecht, zu behaupten, daß es nicht viele liberale Rabbiner gibt, die den Mut ihrer Ueberzeugung haben und ohne Furcht und unentwegt ihren liberalen Standpunkt vertreten. Es wäre aber ebenso unrecht, wenn man es dem liberalen Rabbiner verübeln wollte, daß er schließlich, nachdem er die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen in seiner liberalen Gemeinde eine Erneuerung des Judentums nach liberales Grundsätzen durchzusühren einsehen gelernt hat, die Dinge gehen läßt, wie sie gehen. Dos ist nicht Mangel an Mut, das ist begreifliche Mutlosigkeit. Wenn einer nicht gerettet sein will, dann stellt auch der hartnäckigste Retter zuletzt seine Rettungsversuche ein. Manche liberale Gemeinden — man sollte es kaum glauben — verwehren dem liberalen Rabbiner geradezu seinen Liberalismus: aus ihnen stammt wohl das schöne Wort vom „nüchternen Kutscher", aus ihnen die Forderung, daß „der Rabbiner alles halten müsse", damit die Gemeinde gedeckt ist und nichts zu halten braucht. Das schmeckt so recht nach dem Sündenbock. Ja es soll auch Man vorgekommen sein, daß liberale Gemeinden gar nicht den Mut besessen haben, einen liberalen Rabbiner anzustellen, weil man — o sancte simplicitss l — von dem liberalen Rabbiner befürchtet, daß «r darauf ausaehe. das Judentum „abzusckaffen. Von den Erfolgen des konservativen Herrn in der tiveralen Gemeinde hat man freilich auch nicht allzuviet ttsahrem r< Der Beruf des Rabbiners ist gewiß ein herrlicher, idealer. Aber für den liberalen Rabbiner ist ein doppelt.Maß von Idealismus erforderlich. Gerade in liberalen Gemeinden kam man so oft Horen, daß ein jüdisch Amt ein schweres Amt fei. Davon wäre keine Rede, wenn unsere liberalen Gemeinden wirklich liberal wären, den Mut ihrer Ueberzeugung besäßen und der Führung ihrer liberalen Rabbiner vertrauensvoll folgen würden. Dann würden sicherlich arich viele sünglinge aus oen ersten Kreisen unserer liberalen Gemeinden dem Studium der jüdischen Theologie sich zuwenden und es wäre nicht notwendig, besondere Stipendien als Lockmittel für Studierende der jüdischen Theologie auszusetzen und die Seminarien brauchten nicht an die Rabbiner sich bittend zu wenden, daß sie ihnen Zöglinge zuführen möchten. Kann das heute ein wahrhaft liberaler, überzeugungstreuer Rabbiner mit gutem Gewissen tun? Unter den vielen Legenden, mit denen unsere alten Lehrer.; die Offenbarung vom Berge Sinai ausgeschmückt haben, befindet sich auch eine, die erzählt, Gott habe seine zehn Gebote den verschiedensten Völkern angeboten, aber nur Israel sei bereit gewesen, sie anzunehmen. Doch wohl nur, weil Israel allein den Mut besaß, die erhabene aber schmierige Aufgabe zu übernehmen, das Gottesoolk zu fein. Ist dieser Mut aus unserer Mitte für immer geschwunden? Sollte das Fest der Offenbarung am Berge Sinai ihn nicht zur „Erneuerung des Judentums" in uns, in den Gemeinden, in den Gemeindeverwaltungen, in den Rabbinern erzeugen können? 1 Weissagungen hat dep Engländern unser Erzvater Jakob in den, Segen (Genesis 48—49) hinterlassen, den er den Söhnen ollen und seinen Enkeln Ephraim und Manasse spendete: „Er lagert wie ein Löwe. Wer wagt es, ihn zu wecken?" „Das oepter entsinkt nicht den Händen Iehudgs und ihm gebührt der Gehorsam der Völker." „Sein wird die Fülle der Nationen sein." All das verkündet die unvergleichliche rasche Ausbreitung der anglofächsiscken Rasse, das Anwachsen ihrer Macht und Unabhängigkeit in der Welt. . Als im Jahre 1878 eine Deputation kanadischer Franzosen bei dem Generalgouverneur Marquis of Lorne erschien und von ihm gewisse Konzessionen zugunsten derfranzösischen Nationalität forderte, erhielt sie von dem Vertreter der britischen Eeioalt folgendes zur Antwort: „Wir Engländer herrschen über Ironzosen in Kanada und auf Mauritius, über Spanier auf Trinidad und Gibraltar, über Italiener auf Malta, über Deutsche puf Helgoland, über Holländer in Südafrika, über Chinesen in ihrem eigenen Vaterlande, über Araber in Asien, über Griechen auf Lypern — ohne die zahllosen Millionen von Asiaten anderer Stämme zu erwähnen. Aber wo in der ganzen Welt gibt es den kleinsten Streifen Landes, wo englisch lprcchende Menschen unter fremder Herrschaft lebten oder den Gesetzen eines fremden Gebieters gehorchten?" Also sprach Marquis of Lorne. Wie heißt es nun im 5. Buche Mofis U5,6)? „Du wirst über viele Nationen herrschen, keine aber wird dir gebieten." Eine andere Weissagung in demselben Verse lautet: /vu wirst vielen Nationen leihen, bei keiner «der wirst du entleihen." Das könnte sich freilich auch auf Frankreich beziehen, das vor dem Krieg die halbe Welt zu Schuldnern hatte. Aber weder England noch Frankreich denkt daran, die mit diesem Segen verknüpfte Forderung zu erfüllen: „Jedes siebente Jahr sollst du einen Schuldenerlaß einführen... Erlassen muß jeder Gläubige das Geld, das' er feinem Nächsten geborgt.'- Es ist nicht bekannt geworden, daß jemand in England an die Vollstreckung dieser'Vorschrift gedacht hätte. „Dein Geschlecht wird die Pforten seiner Feinde besitzen", sprach Gott W Abraham nach der Opferuna Isaaks. Der erste beste jüdische Kommentator etwas älteren Datums wird gern klar machen, daß dieses Wort besagen wolle: „Jeder Israelit, der seinen Willen oem Willen Gottes unterordnet, werde zum Lohn dafür die Herrschaft über alle Eingänge erhalten, durch die der ewige Feind, der Iezer hara, der Satan, der böse Geist, sich in die Seele der Menschen einzuschleichen sucht, um sie in seine Gewalt zu bekommen." Nicht so der praktische Engländer; für ihn bedeuten die „feindlichen Pforten"... Kohlenstationen, Inseln, befestigte Punkte, die er aus der ganzen Welt besitzt, in solcher Lage, daß die die Eingänge zu ganzen Reichen. Ozeanen. Weltteilen beherrschen, z. B. Gibraltar, Port Said, Aden (Bab el Mandeb), Weihaiwei. Kann da jemand noch zweifeln, daß das britische Volk der Erbe aller dem Volke Israel verkündeten Weissagungen ist?... Noch eine Aehnlichkeit mit Israel weist England auf: Es feiert nämlich den Sabbath (das heißt natürlich den Sonntag) beinahe ebenso rigoros und ebenso solenn wie die Juden. Und dadurch zeichnet es sich vor allen anderen'Völkern aus. Israel — das ist also England. Anfang der neunziger Jahre veranstaltete der Morning Herald, eines der angesehensten Londoner Tagesblätter, eine öffentliche Diskussion über diese Frage. Eines der Mitglieder des hohen anglikanischen Klerus nahm das Wort zu folgenden Ausführungen: „Dos von den Propheten angekündigte große und mächtige Reich muß in materiellem und nickt bloß in geistigem Sinne verstanden., werden. Wenn aber nicht wir Engländer dieses Reich find, wenn nicht wir es sind, die in der ganzen Welt unsere Kraft anspannev, um die Pläne der Vorsehung zu verwirklichen, wer ist es denn sonst? Alle Israel gegebenen Verheißungen von Allmacht, Reichtum, Kolonisation, Größe und Glück, (die, wie gesagt, im rein materiellen Sinne zu verstehen sind, nicht im spirituellen, wie es der Talmud und die späteren Mischen Kommentatoren tun) haben sich an uns verwirklicht. Wir find die Zeugen Gottes, welche die Welt bekehren. Wir senden Missionen nach allen Himmelsgegenden aus, wie das oem Volke ^Israel verheißen ward. Wenn, wir nicht Israel wären, so hätten wir es nicht nötig, für diese Dinge zu arbeiten. Was mich nnbetrifft, so bin ich überzeugt, daß wir Israel sind, und in dieser Ueberzeugung gewahrt es mir nur eine große Genugtuung, daß wir von ollen kontinentalen Mächten gehaßt werden."... Die englische Nation nimmt für sich auch eine andere Verheißung in Anspruch, die da lautet: (Gen. 18,18) „Und Abraham wird sich in ein großes und mächtiges Volk verzweigen, und alle Nationen der Erde werden durch ihn gesegnet werden." Doch darf -man diese Identität zwischen England und Israel nicht nur bildlich, sondern physiologisch im eigentlichen Sinne verstehen. Die anglosächsische Rasse soll nämlich - (Coamberlain, verhülle dein Haupt!) die eigentliche hebräische Rasse darstellen. Soeben erschien in neuer Auslage ein Buch, welches zuerst in Philadelphia unter dem Titel herauskam: „Anglo Israel and the Jewish Problem. The ten lost tribes of Israel found and identiiied in the Anglo-Saxon Race.“ By Th. Rosling Hewlett B. A. (Anglo Israel und das jüdische Problem. Die zehn Stämme Israels gefunden und mit der angelsächsischen Rasse identifiziert). Das ist nicht neu. In England existiert seit Jahren eine British Israel Association, die mittels der von inr herausgegebenen Zeitschriften „The dnnner of Israel“ and the „Covenant People“ wie auch des Handbuches .British Israel Truk", das in 15 000 Exemplaren verbreitet wird — die Ansicht propagiert, daß die verlorenen 10 Stämme Israels die Engländer find. Jene zehn Stämme sind bekanntlich unauffindbar vom Erdboden verschwunden. Wo sind sie hin? Die Bibel erzählt, sie wären hinter den Euphrat vertrieben worden. Aber warum sollten sie nicht von dort nach Britannien gelangt sein können? Dieser Komplex merkwürdiger Gedanken repräsentiert den lehrreichen Fall der Umbildung einer rein spiritualistischen, fast außerweltlich verstandenen Idee in die mächtige Stütze praktischer, sehr weltlicher, materieller, um nicht zu sagen materialistischer Bestrebungen. Der englische Imperialismus, der einzige in der Geschichte, der sich in einem alle Weltteile umspannenden Reich verkörpert hat, wählt sich zur geistigen und religiösen Stütze die Verheißungen, die einer Religionsgemeinschaft verkündet wurden, welche seit zweitausend Jahren auf der ganzen Erde keinen Fußbreit Boden in ihrem souveränen Besitz hat. Welche Ironiel...- Zum blutigen Hohn wurde diese Ironie, als die „Protokolle" den Juden den Plan andichteten, dies Weltreich durch ein noch größeres, jüdisches zu ersetzen...