Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 22 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oie Religion -er Vernunft. Don Rabbiner Dr. L ö w e n st a m m - Spandau. Wenn es auch wahr ist, -atz friedlich beieinander oft die Gedanken wohnen, aber hart im Raume sich die Sachen stoßen, so ist es doch nicht minder wahr, daß wir nicht selten durch falsche Definitionen die Begriffe verwirren, die in der Wirklichkeit kampflos das Leben beherrschen. Dieser Gedanke drängt sich uns auf, wenn wir von Offenbarung und Vernunft sprechen. Nicht leicht kann ein Begriffspaar festgestellt werden, das zu schärferen Konflikten in der seelischen Entwicklung des Individuums und in der Geistesgeschichte der Kulturmenschheit geführt hat. Solange die starke Stellung der Religion unbestritten war, waren es die Philosophen des Glaubens, die den Offenbarungsgedanken klar machen wollten und ihn durch Spitzfindigkeiten verdunkelten, so daß die religiöse Wärme eine erhebliche Einbuße erlitt. Als man aber zur Zeit der Renaissance die Souveränität des Geistes proklamierte und den europäischen Menschen von den Fesseln des Autoritätsglaubens befreite, wurde die in ihrem Wesen völlig verkannte Vernunft zur beherrschenden Macht und die Religion von ihrem Throne gestürzt; das Leben hatte seine Tiefe und innere Intensität verloren. Die Aufklärung trug den Rationalismus in die Masse, und das Zeitalter der Naturwissenschaft und der Technik machte das Maßvdes Religionshasses voll. Wenn man heute über alles Religiöse den Stab bricht, so glaubt man auf dem Standpunkt der Vernunft zu stehen, steht aber nur auf dem Standpunkt des — Verstandes. Aus mißverstandenem Rationalismus stammt die Glaubensfeindlichkeit des gebildeten Atheisten und des beschränkten Dutzendmenschen. Es ist eine Anmaßung des Verstandes, sich als Vernunft geltend zu machen. Er hat uns zu dem Wahn verführt, daß es nur eine Wirklichkeit gibt: diese sichtbare und greifbare Welt. Diese Welt zu erforschen, ist unsere ausschließliche Arbeit geworden. Aber es wird nie gelingen, mit den Mitteln des Verstandes und mit Hilfe der äußeren Erfahrung das All im Innersten zu begreifen uno die großen Raturkrüfte in ihrem Wesen zu erklären. Treffend hat jemand das empirische Bewußtsein den unausgelernten, linkischen Rekruten genannt, der mit der Vernunft nicht verwechselt werden darf. Noch viel weniger ist uns das Leben in seinen Tiefen verständlich geworden. Zur Tiefe und Einheit kann uns nur die Vernunft führen, d. h. die Aeberzeugung, daß es noch eine Welt gibt, die trotz ihrer Unsichtbarkeit nicht weniger real, ja die wahre Wirklichkeit ist: das ist die Welt der Ideen. Wahrheit, Güte und Schönheit sind die Ideen; sie bilden das Reich der Vernunft. Von diesen Ideen leben wir alle. Die einzelne Wahrheit erleuchtet uns, die Tat der Liebe macht uns fröhlich, das Werk des Künstlers erregt unser Wohlgefallen. Aber das sind immer nur Augenblickserfolge, und das Leben kennt ja Rückschläge zur Genüge. Unsere ganze Existenz beruht im letzten Grunde darauf, daß es überhaupt Wahrheit, Sittlichkeit und Schönheit gibt oder, was dasselbe ist, ein Reich der Vernunft, das, selbst unsichtbar, die greifbare Welt als Material benutzt und gestaltet. Wie offenbart sich das Walten der Vernunft? Wenn wir von der Welt und dem Leben fordern, daß sie ein Ganzes, eine innerlich geschlossene Einheit darstellen lallen, so lassen wir uns nicht mehr bloß vom Verstände bestimmen, der alle Wirklichkeit analysiert und in Gegensätzen und Antithesen faßt. Die Vernunft allein verbindet zur Einheit und schafft intellektuelle Versöhnung. Darin zeigt sich die höchste Aktivität, nicht jene Vorarbeit des Verstandes, der mit den Gesetzen des Denkens die Dinge erfaßt, wie sie sind, und auch das Unsittliche und Häßliche gelten läßt, sondern das Leben und die Natur unter dem Gesichtspunkt des Werkes betrachtet.. Nicht wie die Welt ist, sondern wie sie sein soll, darauf kommt es ihr an. Deshalb schafft die Vernunft Bewegung, lebendigen Fortschritt, behandelt die Dinge nicht als tote Massen, die sie gar nicht sind, sondern als lebendige Tätigkeiten und schaffende, freie Kräfte. Das ergibt eine Tiefe des Lebens, eine innere Ergriffenheit, eine Begeisterung, die wir Offenbarung nennen. Im Reiche der Vernunft ist alles verstandesmäßige Erklären überwunden. Die Welt der Ideen webt im Geheimnis. Alle Tiefe ist Geheimnis. Der Mensch — sagt Goethe — ist ein dunkles Wesen, er weiß nicht, woher er kommt, noch wohin er geht, er weiß wenig von der Welt und am wenigsten von sich selbst." „Wir wandeln alle in Geheimnissen und Wundern," behauptet er tiefsinnig an anderer Stelle. Das reine Streben nach Wahrheit um der Wahrheit willen, das sittliche Handeln, fern von aller Nützlichkeit, nur aus Güte, das Schaffen der Schönheit, um die Welt der Werte in die Welt der Formen zu kleiden: alles dies macht der Verstand nicht begreiflich, sondern allein die Macht der Ideen, deren Einheit die einzige Gottheit ist. Die Ideen sind unpersönlich und verlangen eine persönliche Einheit, die der einzige Gott bedeutet. Wenn Ideen Musterbegriffe sind, Urtypen, nach denen die Dinge sich gestalten sollen, und wenn Ideale Mustergestalten darstellen, so gibt es im letzten Grunde nur ein Ideal, das ist Gott, der die lebendige, ftei schaffende Einheit aller Wahrheit, Sittlichkeit und Schönheit ist. Dann ist die Welt seine Offenbarung, der Mensch sein Ebenbild, der das Reich der Ideen nachschafst, und der wahre Uebermensch der Prophet, der nach der unübertrefflichen Deutung des Maimonides höchste Intelligenz, reinste Sittlichkeit und stärkste Phantasiebildung in menschlicher Vollendung, aber in unmittelbarem, lebendigem, göttlichem Ergriffensein zeigt. So ist das Reich der Vernunft zugleich das Reich der Offenbarung, das Hervortreten der göttlichen Herrlichkeit. Vernunft und Offenbarung sind nicht Gegensätze, sondern gehören innerlich zusammen, ja sie sind identisch. Der Verstand kann die Welt der Ideen, geschweige denn die Zentralidee, den einzigen Gott, nicht erfassen. Hier liegen seine Grenzen. Er kann nicht sagen, warum wir nach Wahrheit streben, das Gute tun, das Schöne schaffen sollen. Die Antwort gibt die Vernunft. Gott ist die lebendige, ewige Bürgschaft dafür, daß das Reich der Zwecke und Ideen verwirklicht werden soll und kann. In diesem Sinne ist es ein lebenzerstörender Irrtum, zu glauben, daß die Offenbarung g e g e n die Vernunft ist. Aber es ist nicht minder verhängnisvoll, sie für über vernünftig zu erklären. Offenbarung ist höchste', vollendete Vernunft, und darum das Fundament der Religion der Vernunft. Diese Religion der Vernunft ist am Sinai ins Leben getreten, und am Schowuausfeste feiern wir ihre Gründung. Die wertvollsten Lebensgedanken wurden dem gesamten Menschengeschlecht vermittelt und als unendliche Aufgabe hingestellt. Es muß mit höchstem Nachdruck betont werden, daß der Dekalog nicht neue Gedanken ausspricht. Soweit die zehn Gebote Moral enthalten, bildeten sie bereits vorher in der Menschheit, wenn auch in geringerer Reinheit, die Grundlage des Lebens. Und gleichsam als vrivate Auffassung einzelner war der Monotheismus Erbgut in Israel von den Patriarchen her. Also nicht der Inhalt der Sinai- Offenbarung war neu, aber ihre Form war bis dahin unerhört. In zehn kürzesten Sätzen sind alle Beziehungen des vielgestaltigen Menschenlebens Umrissen: Ehrfurcht vor dem, was über uns und neben uns ist; die Ethik in der höchsten Verpflichtung des kategorischen Imperativs. Nicht praktische Lebensregeln mit dem ttnterton des Gemüts und weicher Aeberredungskunst, sondern das „du sollst" in der harten Reinheit und Majestät des Vernunstgesetzes sind die unerschütterlichen Grundlagen aller Religion und Moral. And noch eins: die Sinaiworte sind die einzige Offenbarung an eine Volksgemeinschaft. Die prophetische Idee, die sich sonst auf das einzelne bevorzugte, religiös-sittliche Genie erstreckt, hat sich zur Gesamtheit erweitert. Die Religion der Vernunft darf nicht auf das Individuum beschränkt sein, sie ist vielmehr Sache des Volkes und der Menschheit. Nur in der Menschheit kann das Reich der Ideen verwirklicht werden. Welches ist der Inhalt der Religion der Vernunft? Gott und Welt, der Mensch und seine freie Verant» wortung stellen ihre Probleme dar. „Ich bin der Ewig«, dein Gott." Höchst bedeutungsvoll ist die Gottesideo nicht in die Form eines fordernden Gebotes gefaßt: Nicht „du sollst an Gott glauben", sondern er ist fcir Grundtatsache, die du erlebt hast beim Eintritt in das Volksdasein und die du immer von neuem erlebst. Er ist der einzige Gott; denn Gott kann nur einer sein. And der Eine ist notwendig unvergleichbar mit allem, was die Vielheit der Wesen darbietet. Kein Bild, keine Gestalt kann das reine einzige Sein darstellen. Dahin ist aller Anthropomorphismus, d. h. der Gedanke der Vermenschlichung des Göttlichen. Daran sind alle Religionen und Kulturen zugrunde gegangen, daß sie die Gottheit in die menschliche Sphäre hinabzogen, anstatt den Menschen über sich hinaus zum einzigen Gott emporzuheben, und noch viele Lebensanschauungen werden daran sterben. Aber wenn auch der Monotheismus das Erleben -es Ansichtbaren bedeutet, so hat er doch nicht ein nebelhaftes Gedankenbild zum Grunde alles Lebens gemacht, wie es der Gott der Philosophen ist. Auch sie suchen Gott, ja ohne Gott gibt es keine Philosophie. Das Judentum hat das Wellrätsel gelöst: Gott in ledendigen Zusammenhang und in schaffende Beziehung zum Menschen und zum All zu bringen, ohne seine Göttlichkeit zu erniedrigen. Darum widerstrebt der Religion der Vernunft nichts so sehr wie der Pantheismus, der mit Religion schlechterdings nichts zu tun hat. Wenn es wahr ist, daß es ein Reich der Vernunft gibt, eine Welt der Ideen, dann kann die Natur mit ihren endlichen Gestaltungen nicht wesensverwandt sein mit den unendlichen Zwecken, die sie verwirklichen soll. Im All herrscht Ursache und Wirkung, es ist das Reich der Notwendigkeit. Die Welt der Werte ist der Ausdruck der Freiheit. Als Symbol dieser Freiheit hat die Religion der Vernunft den Sabbat aufgerichtet, der da bedeutet die Zurückgezogenheit von der Macht der realen Tatsachen und den Aufschwung zum Leben in der Idee. Das ist der reine Idealismus, der auf der gegebenen Welt eine neue aufbaut. Nicht eine böse Welt stellt die Natur dar, denn „alles, was Gott geschaffen, ist sehr gut"; eine andersartige ist es, die dazu bestimmt ist, in ewiger Entwicklung zu einem Reich der Wahrheit, Güte und Schönheit zu werden. Das Werkzeug Gottes für diese Umschaffung des Alls ist der Mensch, der teil hat an den irdischen Existenzbedingungen, aber auch an dem göttlichen Leben der Ideen. Hier ist der Höhepunkt der Religion der Vernunft. Der Verstand ist den logischen Gesetzen untertan, die Vernunft auch und vor allem den ethischen Normen. Das menschliche Sein ist den sittlichen Zielgedanken zu unterwerfen: Woylwollen, Recht und Vollkommenheit sind die Grundlagen der Gesellschaft; Ehrfurcht in Gesinnung und Tat vor allem Neinmenschlichen. Das ist nur möglich durch Brechung des natürlichen Lebenstriebes, d. h. durch Aeberwindung des lebensfeindlichen Egoismus. Aus diesem Gedanken ergibt sich notwendig, daß die ethischen Sätze des Zehnworts in negativer Fassung gehalten sind. Nicht das Leben soll vernichtet und verneint werden, sondern die das Gesamtleben schädigenden Tendenzen, damit der Weg fteigemacht wird für die Herrschaft der Güte. Daß dieses Reich der Liebe der letzte Zweck der Offenbarung, d. h. der Religion der Vernunft ist, zeigt mit ganzer Klarheit der das Leben .weihende unübertreffliche Sah: „Ihr sollt mir ein Reich vpn Priestern und ein heiliges Volk sein." Bewunderungswür-ig wie der Inhalt ist die Stellung dieses Wortes gegenüber dem Dekalog. Als Einleitung geht er der Offenbarung voran, und wie