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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-22 · 21 (22.5.1925) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
21 (22.5.1925)
Date
1925-05-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fag, Sonnabend oder Sonntag heiligt, und die Energie Ler Adventisten, die allem Unbill zum Trotz, zäh an der kjcicr des Sabbats festhalten, ist uns darum nicht ehrwürdig, weil uns der Gegenstand, um den gekämpft ivird, geringwertig ist. Nicht auf den Tag, sondern auf seine Heilighaltung kommt es an. Allein ich gestehe, haft ich selbst so konservativ bin, daß ich, wäre ich Jude, nicht statt des Sabbats den Sonntag heiligen könnte, so ratsam aus vielfachen Gründen auch die Verlegung dos jüdischen Feiertags in christlichen Ländern ist. Es Um Keinen gebildeten Juden, der nicht viele Worte 3cju als vollkommen richtig anerkennen wird, aber ich glaube, daß bei fast allen die Andacht zu Ende wäre, L'übe in der Synagoge ein Abschnitt aus dem Evange- Iiluh verlesen. Ich sehe aber auch schlechterdings keine ^Möglichkeit, wie Katholizismus und Protestantismus sich einigen sollen. Ich kann durchaus mit Andacht an [einer Messe teilnehmen, aber ich sehe in beiden Kirchen [troii ihrer durchaus gemeinsamen Grundlage zwei so , i>ccid)le5ctic Ausprägungen desselben Evangeliums, die sich offenbaren in allen Verzweigungen des Lebens, daß ich jeden Versuch zur Union für utopisch halte. Vollends nun Buddhismus und Christentum, Islam und Christentum scheinen mir so grundverschieden zu sein, daß man wohl Gespräche herüber und hinüber führen und sich dadurch bereichern kann, daß man aber letzten Endes stehen wird vor unüberbrückbaren Grenzen. Dennoch muffen immer und ganz besonders in un- [serer Zeit und bei uns in Deutschland vor allem solche Gespräche zwischen den Religionen und Konfessionen geführt werden. Sie müssen es in unserer Zeit, deren Nationalismus die Menschheit vernichtet und schließlich auch das religiöse Leben verdirbt, indem es wieder Nationalreligionen aufrichten will. Was sich jetzt in dem „Bund für deutsche Kirche" gibt, ist nichts als Versklavung des Christentums unter die Nationalität und zeigt, daß der Staat wirklich „der neue Götze" geworden ist. Hier ist nicht Gott, sondern das Deutschtum das Primäre, und es ist dieselbe Gesinnung, die in Shaws „Heiliger Johanna" der beschränkte Kaplan Stogumber svertritt: „Wie kann das, was ein Engländer glaubt, Ketzerei sein?" Den augenblicklichen Kampf gegen das Alte Testament übergehe ich, weil von ihm in einigen | 3al)ren kein Mensch mehr sprechen wird und die Streiter j von heute sich schämen werden. Aber auch die Form der > katholischen Propaganda macht (aus nationalen und religiösen Gründen) eine tteberlegung, ob nicht Ver- Iständigungs- und darüber hinaus Gemeinschaftsbildunjgen möglich sind, nötig. Man wollte meinen, daßesgemeinsameAufk a b e n genug gäbe! Und nicht in dem Ziel einer Union, s die gegenwärtig eine Utopie ist, wohl aber i n g e m e i nffamer Arbeit an wichtigen Fragen der Gegenwart sehe ich die Forderung der Stunde. Jede Religion und jede Konfessionhabe dasihreigeneLeben! Aber Vir leben dicht nebeneinander im Raume, undes jcheinLmirnichtreligiös,uns nur im Räume zu stoßen. Für Katholiken, Ariden und Protestanten in gleicher Weise gilt dies als das vornehmste Gebot: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst." Der Nächste ober ist nicht nur der Glaubensgenosse, der Nächste ist jeder, der unsere Hilfe benötigt. So haben sich denn auch schon die Konfessionen zusammengefunden. Auf den Tagungen üer Abstinenten z. B. sind Vertreter der verschiedensten Konfessionen zur Bekämpfung der Alkoholschäden zu- > lammengekommen. Auf dem Felde der Mission Umgebung zustande gekommen sind, hat eine Neuordnung der ^mge jn Europa gebracht, die, weit entfernt, dieses Problem zu lösen, es nur noch verwickelter gestaltet hat. Meist sind die «befreiten" Nationalitäten nun ihrerseits zu Unterdrückern gemacht worden, die fortab ihre früheren Unterdrücker knebeln dürfen, iWr knebeln müssen. An Stelle des einen tzabsburgischen Nationalitätenstaates haben wir im neuen Europa vier NanvnaUtütenstaaten, nämlich Staaten, in denen eine Nationalität livcr mehrere andere die Vorherrschaft hat. Max H. Boehm schildert in seinem ungewöhnlich reichhaltigen, gründlichen und erschöpfendem Buche „Europa irredenta, eine Einführung m das Nationalitätenproblem der Gegenwart" (1925 Verlag von Rcimar Hobbing, Berlin) das neue vielgestaltige Europa Nrt feinem durcheinandergcivühlten Völkergewimmel. . Er analysiert den geistigen Ursprung der europäischen Volkstümcr: »Unter allen europäischen Völkern der Gegenwart, vornehmlich ober in Deutschland, gibt es -Wortführer der öffentlichen Meinung, oie das Volkstum auf die Untergründe rafsenmähiger Abstam- ^ungsgcmeinschast zurückführen wollen. Eine besondere deutsche fsubhaderci ist es dabei, die „2 n st i n k t s r e m d h e i t" gegennbcr dem Judentum zum bevorzugten Hebel der völkischen "idenschaft zu machen. Dem überlieferten Rassenstolz des „ausnwähicen Volkes" tritt dabei eine ausschließliche Verherrlichung vrs anfchen Germanentums auf der einen Seite gegenüber, die namentlich auf den Franzosen Gobineau und den Angelslichfen Chamberlain zurückgeht, während andererseits der H a! i e n e r S e r g i die uralte Verachtung seines Volkes gegcnuber den „gotischen Barbaren" zu einer ganz ähnlichen^ Theorie der Einzigartigkeit der mittelländischen Nasse verdünnt.... die Forschungsergebnisse zusammenhält und vorurteilslos überprüft, der stößt auf ein wahres Wirrsal widersprechender »nd ungeklärter Meinungen und Behauptungen.... Die ganze ln.-yrvvologische Rcissenforschung ist insofern eine einzige Selbst» wlöerieaung, als kaum zwei ihrer Vertreter zu auch nur ähn- Nchen Anschauungen gelangen und alle samt und sonders in -tbidc sprächen stecken bleiben, die den ganzen Grundbau hosfbunarlos erschüttern." zs-^er der neuen Staaten hat Grenzgebiete, in denen der - iationa'itätenhader ungleich heftiger tobt, als in den vergleiche» weniger zahlreichen Grenzgebieten der alten Staaten ^.urovas. Für die Juden in den alten, sowie in den neuen ist diese Frage von größter Wichtigkeit, denn sie wird ln den nächsten Jahrzehnten für sie aller Wahrscheinlichkeit nach l™? OiKlit schwerer Bedrückungen und Verfolgungen ni(,rhtn- -"ul erstaunlich allscitiger Sachkenntnis werden in i werden, dem vorhatte man sich vor dem Kriege geeinigt über die Herausgabe von religiösen Lehrbüchern, um die Kinder der neugewonnenen EhrMen und diese selbst nickt zu verwirren. Innere Mission und Caritasverbünde müssen Verhandlungen pflegen und gemeinsam an die Belebung sozialer Notstände herantreten. Es ist nicht einzusehen, warum diese gemeinsame Arbeit nicht noch umfassender werden soll. Es wäre aber vor allem zu wünschen, daß die verschiedenen Konfessionen und Religionen zwar ruhig und sachlich ihre Eigenart abgrenzen, aber diese Abgrenzung bei aller Klarheit und Deutlichkeit wie „alle Dinge in der Liebe geschehen" lassen und so verhüten,daßdieKontroverse zur Polemik wird. Gerade, weil Deutschland sicherlich noch lange unter der außenpolitischen und innenpolitischen Not zu leiden haben wird, oürfen die Religionen nicht auch von der Woge des Hasses mit fortgerissen werden, sondern müssen bewußt und stark nicht nur Liebe verkünden, sondern Liebe üben. Wer sich nur religiös begeistern kann, wenn er gegen Andersgläubige polemisiert, ist nicht wahrhast religiös. Er weiß nicht, was Leben in Gott ist. Denn „Gottseligkeit ist nichts anderes, als Gottesdienst; Gottesdienst aber ist Dienst am Nächsten." Wiener Brief. „Jüdische Frechheit." . Ein jüdischer Zahnarzt spricht eine Dame auf der Straße an. Sie weist ihn zurück und kritisiert sein Benehmen, als er ihr trotzdem feine Begleitung ausdrängen will, als „jüdische Frechheit". Wegen dieses Ausdrucks geklagt, erklärt die Dame, ihr sei es nur um eine besondere Unterstreichung des Begriffs „Frechheit" durch irgend ein Attribut zu tun gewesen. 2n der Aufregung sei ihr zufällig das Beiwort „jüdisch" über die Lippen gekommen, doch sei ihr dabei eine beleidigende Tendenz gegen das Judentum ferngelegen. Darauf verkündete der Richter den Freispruch der Angeklagten mit der merkwürdigen Begründung, der Ausdruck „jüdische Frechheit" sei in dem vorliegenden Falle als „berechtigte Kritik" zu qualifizieren. Trotz der juristischen Berklauselierungen, in denen das ausgesprochen wurde, verursachte diese Entscheidung, die weniger den Schürzenjäger als sein Iudentum stigmatisierte, bei den Wiener Juden begreifliche Erregung, deren Größe schon aus der Tatsache erhellt, daß ihr sogar in solchen Zeitungen Ausdruck gegeben wurde, die sich sonst ängstlich bemühen, das ihnen von antisemitischer Seite aufgedrückte Brandmal „Iudenblätter" durch ängstliche Vermeidung aller in dieser Beziehung anrüchigen Themen zu desavouieren. Am schärfsten ging natürlich die „Morgenzeitung" ins Zeug, die ja als zlonistisches Organ das erwähnte Brandmal nicht nur nicht scheut, sondern, wie es in der Eröffnungsnummer pathetisch versichert hatte, sogar „stolz zur Schau^ trägt. Diese Zeitung besprach das in Rede stehende Urteil in einem Artikel, der schon im Titel „Antisemitischer Bubenstreich eines Richters" an Schärfe nicht zu wünschen übrig ließ und kategorisch die Bestrafung des betreffenden Richters forderte. Nun erfreut sich aber gerade die österreichische Justiz der Betreuung durch einen deutfchoölkifchen Minister. Die Folge davon ist, daß unsere Richter, die;a nicht nur die juristischen Seminare, sondern auch die studentischen Verbindungen und Burschenschaften mit Erfolg absolviert haben, ihren politischen Gefühlen keinen Zwang aufzuerlegen brauchen. So hat der Bezirksrichter von Grein einmal das Urteil gefällt, ein 2ude oder Iudenstämmling könne sich durch Las Wort „Schuft" nicht beleidigt fühlen, weil er wissen müsse, daß dieses Wort vom hebräischen „Schofel" stamme, das „Richter" bedeute, also keine Beschimpfung enthalte. Auf demselben geistigen Acker ist auch die^ in Rede stehende richterliche Sanktionierung des Ausdrucks „Züdische Frechheit" und die vierzehn Tage später erfolgte Abweisung einer Klage wegen der Bezeichnung „Saujud!" gewachsen. Trotzdem fand der zitierte jüdisch-nationale Brandartikel keineswegs taube Ohren. Nur wurde nicht etwa der Forderung nach Maßregelung des Richters stattgegeben, sondern im Gegenteil dieser „höheren Orts" veranlaßt, die „Morgenzeitung" zu verklagen. Dadurch erhielten die Geschworenen Gelegenheit, über die „jüdische Frechheit" und die deutschoölkische Iustizpflege zu urteilen und man muß sagen, ihr Urteil ist so ziemlich das erfreulichste Ereignis, das unser verwildertes öffentliches Leben seit langem gezeitigt hat. Don den zwölf schlichten Männern aus dem christliösen Volke haben sich s e ch s den Ausführungen des jüdischen Publizisten zugänglich erwiesen, der für die Unverletzlichkeit der liegenden Buche gerade diese Punkte behandelt. Nehmen wir z. B. die Grenzprovinzen Polens, wo Ukrainer oder Weißrussen die überwiegende Majorität der Bevölkerung bilden, aber die herrschende, die Staatsnationalilüt sind die Polen und das Polnische ist die Staatssprache. Die ukrainische oder weißrussische Nationalität und Sprache genießt jedoch den Schutz der Minderheit. 2m Verhältnis zur Gesamtbevölkerung des Staates bilden sie nämlich eine Minderheit, obwohl sie in d i e s e r Provinz die erdrückende Majorität ausmachen. Schlagen sich nun die 2uden zur herrschenden Majorität der Polen, so ziehen sie sich den Haß der Ukrainer zu. Halten sie es aber mit den Ukrainern, so laden sie die Feindschaft der Polen auf sich und werden als Vaterlandsverräter gebrandtmarkt. Das gleiche gilt von allen anderen Grenzgebieten mit gemischter Bevölkerung. Diese ganze verzwickte und gefährliche Lage ist einer der Erfolge des Weltkrieges, den nach der festen Ueberzeugung des Generals Ludcndorff. die „Weisen von Zion" im 2nteresse des jüdischen Volkes vorausgesehen, vorbereitet, angezettelt und geleitet haben. Alijüdische Musikinstrumente. Von Wilhelm Wölberling. Der Ursprung der Musik im allgemeinen ist in ein völliges Dunkel gehüllt, da es dafür an geschichtlichen Ueberlieferunaen oder schriftlichen Aufzeichnungen fehlt, die als sichere, tatsächliche Grundlage zu weiteren klärenden Forschungen dienen könnten. Selbst bei den alten Völkern, die bereits auf einer höheren Kulturstufe standen, sind nach dieser Richtung hin zuverlässigo Quellen nicht vorhanden. So besitzen wir in dem jüdischen Psalter wohl eine ziemlich umfangreiche Sammlung schwungvoller, tiefempfundener, lyrischer Lieder, die uns über das Wesen der hebräischen Dichtkunst manchen Aufschluß geben, aber über die Musik nur wenig Stoff liefern. Das älteste Instrument dürfte die Schalmei oder Rohrflöte gewesen sein, welche sich die Hirten auf dem Felde aus den hohlen Schößlingen des Schilfes schnitten; auf ihr erzeugten sie einen schnarrenden, näselnden Ton, welcher mit dem der Oboe eine entfernte Aehnlichkeit gehabt haben dürfte. Im weiteren Verlaufe stellte man mehrere solcher Pfeifen von verschiedener Länge oder Dicke stufenweise nebeneinander, io daß der Spieler dadurch eine Reihe von natürlichen Tönen m verschiedener Höhe hervorzubringen vermochte. Auch der Flöte aus Rohr, Horn oder Holz geschieht frühzeitig Erwähnung, wenngleich ihr Gebrauch nur ein beschränkter blieb. Die Tromjüdischen Ehre plaidierte, die nicht jedes einzelnen Uebeltäters jüdischen Stammes wegen besudelt werden dürfe. Der Eindruck dieses Gefchworencn-Edikts erhellt aus dem Urteilsspruche, der dem angeklagten Autor des beanstandeten Artikels „achtenswerte" Motiv« zubilligte, und über ihn wegen der belanglosen Nebenfragen, die mit einem Schuldspruch beantwortet worden waren, nur bedingt eine Geldstrafe verhängte. Für die Antisemiten bedeutet dieser Prozcßausgang mehr als eine verloren« Schlacht und das Toben ihrer publizistischen Organe verrät, daß sie der Schwere ihrer Niederlage auch bewußt sind. Ihr Debakel liegt nicht nur in der Erhellung der Tatsache, daß die jüdische Ehre, die von den Deutschvölkischen nicht etwa bloß in den Staub gezerrt, sondern glatt negiert wird, in Oesterreich trotzdem noch ungestraft verteidigt werden kann. Noch viel katastrophaler ist für die Antisemiten die Erkenntnis, daß ihre jahrzehntelange Wühlarbeit zwar die amtliche Justiz korumpieren, aber nicht das natürliche Rechtsempfinden des Volkes trüben konnte. Politisch Lied und — Fiakerlied. In diesem Monat wird das populäre Wiener „Fiakerlied" vierzig Jahre alt. Text und Musik stammen von einem jüdischen Patrizier, dem vor vier Jahren verstorbenen Gustav P i ck. Er war einer der letzten Repräsentanten jener glücklichen Zeit, in der auch der Jude noch fingen durfte: „Mein Stolz is: i bin halt a echt's Weana Kind!*' Seither hat die Rassenlehre, die von antisemitischen Hetzern in der einst so gemütlichen Phäakenstadt an der schönen blauen Donau heimisch gemacht wurde. Iud und Christ eines angeblich Besseren belehrt. Der alte Pick aber durfte zu seiner Zeit die verdienten Lorbeeren für sein künstlerisches Bekenntnis zum „echten" Wicnertum ohne spöttischen Widerspruch einheimsen. Es war die Blütezeit des Wiener „Couplets" und der Beitrag des Juden Pick, der einem alten Wiener Fuhrmannsliede textlich den letzten klassischen Schliff und musikalisch eine ganz originelle, unsterbliche Fassung gab, ist sicher nicht das schlechteste Produkt dieser leichten, aber in ihrer Art reizvollen Kunstgattung. Hat cs doch zahllose andere Couplets, ja sogar das berühmte Fuhrzcug, . das es verherrlicht, überlebt. Denn das Pserdegefpann mußte in Wien seit dem Kriege dem Auto fast ganz das Feld räumen. Die Weise Picks jedoch soll an ihrem heurigen Geburtstag in besonders festlicher Weise öffentlich erklingen. Aber gerade diese Absicht, die scheinbar eine gewisse kulturelle Kontinuität der Wiener Generationen von einst und jetzt symbolisiert, wurde zum Anlaß, in geradezu grotesker Weise den Wandel der Zeiten zu erhellen. Denn aus der Liste der Kandidaten, die zum Vortrag des jubilierenden Liedes bei der Festveranstaltung künstlerisch prädestiniert sind, wurde ein populärer Schauspieler gestrichen,weil er — Jude ist... Es ist schwer, keine Satire zu schreiben, aber gescheiter ist es, die erfreuliche Tatsache sestzustellen, daß sich die Wiener Juden, wie schon früher in Punkto Sport, jetzt auch in Punkto Liedertafel auf sich selbst besinnen. Zwar übt ein Liederabend des „Jüdischen Gesangvereins" noch lange nicht die Anziehungskraft auf die breiten jüdischen Massen aus wie ein „Hakoah"-Match. aber die Leistungen des noch jungen Vereins lassen auch in der Beziehung für eine hoffentlich baldige Zukunft eine Wandlung zum Besseren erwarten. Unter der genialen Leitung des Meisterdirigenten Prof. S. Braslavskys pflegt der genannte Verein nicht nur das klassische, sondern auch das volkstümliche Chorlied. Allerdings nicht das wienerisch-, sondern das jüdischvolkstümliche. Auf dem Programm des letzten, am 29. April stattgefundenen Abends stand u. a. auch ein „Chad gadjo". eine Vertonung des benannten Liedes aus der Hagada. Leider ist der Borrat cm sangbarem jüdischen Volksgut noch klein und es wäre zu degrüßen, wenn sich auch in anderen Städten jüdische Gesangverem« , bildeten, was einen ständigen Austausch musikalischer Kulturgüter aus allen Himmelsrichtungen ettnWichHl^würve." Zum Glück ist der Wiener Züdische Gesangverein nicht bloß aufs Sammeln solcher Schätze angewiesen — er hat sich auch bereits auf dm Selbsterzeugung verlegt und zwar, wie das „Handle-L»ed des Bereinspiamsten R. B e ck zeigt, mit bestem Erfolg. Dime Tatsache ist jedenfalls ein schöneres Zeugnis für die jüdische Sangeskunst als eine noch so sidele Feier eines jüdischen Coupl^- komponisteu im Zeichen der — Iudenreinheit.... Dr. Hugo Spiegler. Lersammlungskalender. iig Breslau. (Jüdisch-liberaler Iugendoerein „Abraham Geiger"^ Dienstag, den 26. Mai, abends 8Vr Uhr: Kursusabend bei Lotte Rosenthal. Reuschestr. 59: Die Lehren des Judentums. Referent Emst Goldner. pete, welche vorwiegend von den Priestem oder Leviten geblasen wurde, nahm in der jüdischen Tempelmufik eine bedeutsame Stellung ein und verfehlte wegen ihres dumpfen, durchdringenden Tones auf den Zuhörer niemals ihre Wirkung. Die Trompeten begleiteten den amtierenden Priester in einer bestimmten, sich glcichbleibenden Höhe, füllten aber hauptsächlich die Pausen in der Singstimme aus. Bei besonders festlichen Gelegenheiten, z. B. Neujahr, erfuhren die Trompeten noch eine Verstärkung durch Posaunen oder Widderhörner, die sonst aber mehr kriegerischen Zwecken dienten. Bon den Schlaginstrumenten umrde die Handpauke, das heutige Tamburin, vorwiegend von den Tänzerinnen benutzt. Sie bestand aus einem handbreiten Reifen, der mit einer elastischen Haut bespannt und mit rundlichen Metallschellen versehen war. Die Cymbeln oder Becken, dünne erzene Scheiben, sowie das Sistrum, eine Art Klapper, deren Mctallring hauptsächlich von Frauen durch leichte Stäbchm zum Erklingen gebrockt wurde, lernten die Israeliten sicher in Aegypten kennen. Alle diese Instrumente fanden vielfach Anwendung bei gottesdienstlichen Verrichtungen, zum Sianalgeben und bei den nationalen Tänzen. Als bebrütender Harfenspieler wird vielfach König David gerühmt, obgleich er nur die Zither benutzt haben dürfte, bei welcher über dem Resonanzboden mehrere Saiten gezogen waren. Die viel größere Harfe hatte eine dreieckige Form und oben einen Schalldeckel, unter dem sich die Saiten befanden. Von verschiedenen Instrumenten, z. B. der Gittith. können wir uns keine rechte Vorstellung machen, wie überhaupt die Form im allgemeinen nicht feftfteht. Es dürfte auch die Wirksamkeit der Instrumente bei der Unvollkommenheit im Ausbau und Gebrauch wohl nur untergeordneter Natur gewesen sein und höchstens in der verschiedenen Klangfärbung bestanden haben. Eng mit der Musik war der Tanz verknüpft, welche Kunst besonders von Frauen und Mädchen gepflegt wurde; aber auch die Kinder nahmen schon an dem Vergnügen teil. Selbst bei religiösen Festen war der Tanz üblich. Immer kennzeichnete er sich iedoch als Ausdruck reiner Freude. Niemals aber tanzten beide Geschlechter zusammen. Die Bewegungen wichen von den heutigen wesentlich ab. Die Ausübung des Tanzes bestand meist nur in kreisförmigen Wendungen, gewissen, rhythmischen Schritten und lebhaftem Beugen oder Strecken der Arme, wobei Triangel und Handpauke geschlagen wurden. Doch muß auch Iestgestellt werden, daß schon in jpäterer Zeit Mädchen bei chwelgerischen Gelagen tanzten, und auch öffentliche Tänzerinnen dürften nicht gefehlt haben, eine Sitte, die Israel aus dem benachbarten Aegypten übernahm.

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