Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 21 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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i (:/ Organ der Bereinigung für das liberale Judentum e. N. Bezugspreis -urch die Geschäftsstelle lU jährlich R. 2,50, Siuzelmmnner 0,20. Lei freier Jafen-ung im Inland 0,25. Jür die Mitglieder -er Vereinigung ist -er Bezugspreis Jk a s im Mitglie-sbeitrage enchalten. :: « « Shefredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda. Oie „Jüdisch-liberale-Leitung" erficbeint jeden freitag, 8cforiftleitung und GefchäftölteUe: Berlin, JMauerftr. 22. f ernruf: Hmt stierkur ptr. 8725 portfebedtkonto: Berlin sl« 7 J*r. 137009 (Vereinigung för dis liberale Judentum) ftachdrudt rimtlieher Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestaltet! Anzeigenpreise: vie >12gespaltene»ouparettle-ette 0,45 Soldmarl, die Bellamezeile 5,00 Sol-mart, -ei v x ü Wiederholungen Rabatt. u n n Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Verlagsabteilung, Berlin GW 65. Sharlottenflr. SS (Zemsprecher: Dönhoff 5360—65), sowie samtl. AnnoncemSrpeditione«. yu. 21 Berlin, 22. Mai 1925 5. Jahrgang Gemeinschaftsarbeit der Religionen. Dwneinfchaftsarbeit -er Religionen. Don Rabbiner Dr. Gottschalk, Berlin. Das Erhebendste an der Aussprache über den Weltfrieden, welche von der deutschen Liga für Menschenstechte kürzlich veranstaltet wurde, war wohl die Tatsache, daß sich fünf Vertreter verschiedener Weltanschauungen von verschiedenen Standpunkten aus über idasselbe Thema verbreiteten und ihre Uebereinstim- Mlng in der zur Diskussion stehenden Frage bekundeten — ohne auch nur mit einem Wort gegeneinander izu polemisieren. Aber nicht nur die Redner bekundeilen diese Einigkeit, sondern auch die Zuhörer, die den verschiedensten Bekenntnissen und Ständen angehörten. Kein Mitzton störte die Veranstaltung, und sämtliche iSprecher konnten den Beifall der Versammlung als Lohn ihrer Bemühungen um den Weltfrieden, aber auch um die harmonische Zusammenarbeit der Religionen mit fortnehmen. Sollte dieses Erlebnis aber nicht weiterwirken? sollte nicht eine dauernde Einrichtung daraus entstehen können, sollte es nicht möglich sein, die in allen Religiojiren schlummernden Segenskräfte zu gemeinsamer Betätigung auszurufen und dem allgemeinen Wohl dienstbar zu machen und nicht zuletzt den einzelnen Religionen? Verneinen wird diese Frage wohl nur, wer in der — durch welche Methode auch immer — allmählichen Ausrottung der anderen Religionen eine heilige Ausgabe seines Glaubens sieht, wer als religiöser Chauvinist sich selbst für so hervorragend betrachtet, daß er jedes Zusammenarbeiten mit anderen Religionen glaubt ablehnen zu müssen und dafür den unbedingten Anspruch erhebt, daß die anderen nur zu ihm kommen dürfen, wenn sie sich unterwerfen wollen. Aber verneinen wird unsere Frage auch der, dem religiöse und politische Fragen untrennbar verknüpft sind, dem deutsch gleichbedeutend mit christlich ist und der auch in religiösen Dingen die Priorität einer Rasse kennt. Freudig aber muß jeder den Ruf nach Zusammenarbeit der Religionen begrüßen, wer zwar von der Ewigkeit seines Glaubens aufs tiefste durchdrungen ist, aber auch an der der anderen Kulturreligionen keinen Zweifel hegt) jeder, der den Messiasbegriff des Judentums so faßt, daß wohl ein allmähliches Ausgleichen der Hauptanschauungen der Religionen denkbar ist, aber nicht ein völliges Verwischen und Lneinanderaufgehen; jeder, dem es die Religion geradezu zur Pflicht macht, über den Kreis seiner Bekenner hinaus in die Menschheit und in die Welt zu wirken; jeder, der in solchem menschlichen Streben das Letzte seines Glaubens erkennt und das Beste. Ueberblicken wir nun aber die Gebiete, auf denen fiel) eine derartige Arbeit ausroirken könnte, so heben sich drei Gruppen heraus: die religionspsychologische, die wissenschaftliche, die sozialethische. Auf dem ersten Gebier wäre das festzuttellen, was in allen Religionen als das Religiöse lebt, als das Heilige, wie Otto gezeigt hat, und zum Beten geführt bat, wie Heiler nachwies. Hier gerade wäre das zu erklären, was dem anderen immer ein Unerfühltes bleibt — solange er ihm völlig fernsteht, nicht bloß durch das fehlende Glaubenserlebnis, sondern auch, weil er sich dieses Erlebnis nicht theoretisch wenigstens nahebrachte. Hier müßte der Psalmist und der Talmudist so wie der Fromme des neuen Testaments und der Buddhist gehört werden und verständlich gemacht. Man müßte die Gottesdienste gegenseitig besuchen, man müßte die Arkunden gemeinsam erklären und man mühte nicht zuletzt an neutralen Orten religiöse Feierstunden halten, in denen alle Religionen zu Worte kämen — durch Buch, durch Musik und durch Bekenntnis. Gerade hier würde sich zeigen, wie ein Ueberreligiöses in allen Religionen steckt, wie aber auch das persönliche spezielle Glaubenserlebnis eine so ungeheure Macht besitzt, geschichtlich und psychologtsch gesehen, und endlich wiw man hier Gelegenheit haben, Gott Jur Eröffnung der Kölner Iahriausend- Ausstellmrg. Am 16. Mai, vormittags 11 Uhr, wurde in der großen Hatte im Rhcinpark zu Köln-Deutz die Jahrtausend-Ausstellung durch einen Festakt eröffnet. Die in den Räumen 36, 37 und 38 untergebrachle Abteilung „Luden und Judentum" fand bei der ersten Führung durch Rabbiner Dr. Kober die ungeteilte An- Erkennung der Ehrengäste mit dem Reichskanzler an der Spitze, sowie der Vertreter von Kunst und Wissenschaft. Die Abteilung „Juden und Judentum" ist von den historischen jüdischen Gemeinden des Rheinlands beschickt und gibt in Dokumenten und Urkunden, in Schriftwerken und Abbildungen, besonders aber in Gegenständen des Kultus und religiösen Gebrauchs ein Bild der geschichtlichen und geistigen Entwicklung des rheinischen Judentums im Verlaufe eines Jahrtausends. Bei dem Festessen im Gürzenichsaal aus Anlaß der Ausstellungseröffnung, dem neben den in Verwaltung, Handel, Wissenschaft und Gesellschaft führenden Persönlichkeiten des Rheinlandes der Reichskanzler, der preußische, bayerische, badische und hessische Ministerpräsident sowie eine Anzahl anderer Minister beiwohnten, hielt Oberbürgermeister Adenauer eine Ansprache, di« als einen ihrer markantesten Sätze den Hinweis enthielt: „Diese Ausstellung ist das Werk aller Stände, der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, und ebenso aller Bekenntnisse, der Katholiken. Protestanten und Juden." Die Syuagogengemeinde Köln war bei den Festveranstaltungen durch die beiden Gemeinderadbiner Dr. Rosenthal und Dr. Kover. sowie den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Emil Blumenau, vertreten. Oie Schöchtdebatte im Münchener Gtadtrai. (I.3.) Der durch die nationalsozialistische Stadtrats-Fraktion des Münchener Stadtrats gestellte Antrag gegen das Schächten beschäftigte den städtischen Hauotausschuß des Münchener Stadtrates in der Sitzung vom 11. Mai 1925. Stadtral Dr. Bvckeley führte aus: „Das Publikum ist der Meinung, daß das Schlachten in einem Schlachthof wie in München ohne Tierquälereien vor sich geht: in Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall, es herrschen Zustande, die vorsintflutlicher sind, wie in den kleinsten Provinzstädten. Jede Partei muß dock den Standpunkt teilen, daß Tierquälereien auszuschalten sind uno die Leute im Schlachhof nicht zu Schlachtverfahren gezwungen werden, durch die sie unbedingt verrohen müssen. Wenn man den haarsträubenden Bericht Dr. Einhausers liest, so ist es gar nicht eimusehen, warum nicht eine Zwangs« vorschcift zwecks alleimqer Anwendung der Schußmaske erlassen wird. Die Tierquälerei des Schächtens führen die Luden auf rituelle Gesetze ihres Gottes Lchova zurück. Er ist aber ein sehr alter Gott, seine Gesetze kann man heute auf die gleiche Stufe stellen, mit denen der alten mexikanischen Götter. Er, Redner, könne unmöglich den Standpunkt emnehmen, daß man in einem Kulturstaät einer solchen Roheit Raum geben müsse. Schließlich sei dem Juden ja nur vorgeschrieben, die Tiere lebend zu schlichten: es verstoßt also nicht gegen ihr Gesetz, wenn sie die Tiere vorher betäuben, da diese deswegen trotzdem noch leben. Eine derartige Umgehung ihres Gesetzes zu finden, müsse dem Luden doch nicht schwersallen, sie haben, wie man aus der Heiligen Schrift ersehen kann, dergleichen schon öfters fertig gebracht/ Der erste Bürgermeister Scharnagl erklärte zu dem Antrag, daß, wenn man sich gegen das Schächten wenden wolle, man auch die Jagd verbieten müsse. Das Wild laufe oft stundenlang angeschossen herum. Der nationalsozialistische Antrag wurde durch den Deutschnationalen Dr. Lansohn unterstützt. Stadtrat Dr. Berthold (Bayerische Volkspartei) wandte sich gegen jede Tierquälerei. Das Schächten sei jedoch eine Religionsangclegenheit und diese dürfe man nicht antasten. Der sozialdemokratische Stadlrat Schmid, früherer Oberbürgermeister von München, wies darauf hin, daß es sich bei dem Antrag der Nationalsozialisten nicht um einen Tierschutz, sondern um eine antisemitische Verschleierung handele. Die Herren die sich hier so sanft und gemütvoll zum Schutze der Tiere zeigten, erinnerte er an den 9. November 1923. Damals holten sie mit Gemalt den sozialdemokratischen Bürgermeister und die sozialdemokratischen Stadträte aus dem Rathaufe heraus und stießen ernsthaft gemeinte Bedrohungen mit dem Tode aus: dieses grausame Verfahren richtete sich damals freilich nicht gegen Tiere, sondern gegen Menschen, die ihre Pflicht erfüllten. — Schmid gab namens seiner Fraktion folgende Erklärung ab: „Der Antrag Dr. Buckeley beschäftigt sich mit einer religiösen Frage. Der Reichstag und der Landtag find schon früher mit ihr befaßt worden, ohne daß sie sich veranlaßt gesehen haben, Anordnungen im Sinne des Antrages zu erlassen. Ihre Entscheidung gehört daher noch weniger zu dm Aufgaben oder der Zuständigkeit des Stadtrats. Außerdem stehen dem Antrag zweifellos Bedenken grundsätzlicher Art im Hinblick auf die Bestimmungen der Reichsoersassung entgegen. Wir werden daher für die Ablehnung des Antrages stimmen." Der Referent, Rechtsrat Pfeiffer, 'teilte mit. der Tierschutzverein München wolle eine Kommission stellen, die die Verhältnisse!m Schlachthose nachvrüfe und werde dann entsprechende Reformvorschläge dem Staotrat unterbreiten. Diesem Ersuchen solle man zustimmen und in die Kommission den Schlacht- Hausdirektor abordnen. Der Antrag des Referenten Pfeiffer wurde einstimmig angenommen. Damit war der Antrag Dr. Buckeley erledigt. in immer neuem Lichte zu schauen, den einen Gott im Spiegel seiner Millionen Menschen der einfachen |oi wie der komplizierten, der Armen am Geist wie der Philosophen, der Rationalisten wie der Mystiker. Zum Seelenerlebnis des ersten Gebietes wird sich das Geisteserlebnis des zweiten gesellen. Die Kundigen jeden Glaubens mögen sich zusammensinden und in den heiligen Urkunden forschen, vor allem in der Bibel, aber auch in anderen Schriften. Wieviel Irrtümer würden berichtigt, wieviel Mißverständnisse beseitigt werden! Wieviel gegenseitige Beleynmg würde einer vom anderen empfangen — und wie manches Buch bliebe vielleicht ungeschrieben, das nachträglich „berichtigt und verbessert^ werden muß, weil es aut einseitigen Kenntnissen beruht und nicht selten Entstellungen und scheinbare Gehässigkeiten zutage fördert. Gemeinsame Forschungen, gemeinsame Grabungen, gemeinsame Veröffentlichungen ist das erstrebenswerte Ziel auf diesem Gebiet. Und hier mag auch der Ort sein, die „Unterschiede" der Religionen zu demonstrieren. Hier mögen die Gelehrten —- denn nur pe interessiert es — ihre Ansichten austauschen, aber nicht etwa, um sich zu entfremden, sondern um sich gegenseitig verstehen und Yachten zu lerüen. Her mllgek auch die „Fehler" der Bekenner objektiv betrachtet und gewürdigt werden, geschichtlich erklärt und psychologisch begriffen. Offirtt soll jeder die „Schuld" zugeben, die er am Verhalten oes anderen trägt, der Entschluß zur Wandlung gefaßt, der Weg zur Aenderung gewiesen werden. Nur in so leidenschaftsloser Debatte kann wirklich die erstrebte Verständigung erfolgen, die Volksversammlungen immer unmöglich machen. Aber das Segenvollste, weil am meisten in die Breite und die Tiefe Wirkende, dürfte eine Gemeinschaftsarbeit der sozialethischen Gruppen zur Folge haben. Schule, Gesellschaft und Staat können hier die reichste Befruchtung erfahren. Die Frage des Religionsunterrichts und der Schule, die Frage der Gesellschaft und der Kirche, die Frage des Staates und der Religion sind Dinge, die alle Bekenntnisse angehen. Allen gemeinsam muß die Sorge sein, daß nicht bloß Kindern und nicht bloß dem Volke, sondern daß „dem Menschen" die Religiosität erhalten bleibe; daß in allen Beziehungen aller Menschen den Gemütswerten ihr gebührendes Recht werde; daß der Welt des Tatsächlichen die Welt des Geheimnisses, des Wunders, des Unaussprechbaren gegenübergestellt und übergeordnet werde; alle Bekenntnisse sollten danach trachten, Einheit in die Zerissenheit der tausend Einzeldinge hineinzutragen, aber nicht die Einheit der Urzelle, sondern die des Urgefühls und des Ursirebens. Alle Bekenntnisse sollten sich vereinigen, dem Hatz gegen die Religionen dadurch zu begegnen, daß sie sich auf ihr Gebiet zurückziehen, nicht die Wissenschaft übertrumpfen, sondern ergänzen wollend. Alle Religionen sollten bemüht sein, als Grenzhüter der Reiche dazustehen, die immer wieder vom Menschen befehdet werden: des Reiches der Liebe, des Rechts und der Demut! Alle Bekenntnisse sollten es ablehnen, nur zu bekennen und nur zu predigen und nur im Gotteshaus heimisch zu sein — alle sollten sie ins Leben eintreten, zu jeder Frage das Mort ergreifen, die allen gemeinsam, weil für alle religiös, allen darum an die Seele greift. Alle Religionen sollten darüber wachen, daß Politik nicht bloß die Verstandessache, sondern die Sache nicht minder der tiefften Religion, Sache der Menschenverantwortung, Sache der Führer, die jedem Menschen mit heiligem Brennen und ehrfürchtiger Scheu, mit Bewußtsein vom Heiligtum jeden Lebens in jedem Augenblick gegenüber treten! Alle Religionen sollten verhüten, daß Rationatgesühl in Chauvinismus ausarte, an Stelle oes Krieges der Friede trete, an Stelle des Völkerbundes die Völkerverhetzung, an Stelle der sozialen Gerechtigkeit der unreligiöse Klassenhaß, an Stelle religiöser Toleranz das Wüten zelotijcher Glaubenseiferer, an Stelle der Würdigung des Menschen als Mensch die Würdigung des Menschen nach seiner Raffe! Alle Religionen sollte» Erscheinungen