Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 20 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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V » englischen und amerikanischen Neformgemelnden ist der Stil ein ähnlicher. Mühelos lehren wir unsere Kinder sich Wortlaut und Sinn dieser kurzen packenden Sätze einzuprügen. Noch Lasten wir Anhänger eines deutschen Gottesdienstes, noch bessern wir, noch ist nicht das erreicht, was uns als Ideal einer Erbauung für jüdische Deutsche unserer Zeit vorschwebt. Das Erwachen der Juden aus dem jahrhundertelangen Traum, von dem El bogen spricht, erfolgte erst spät. Zu lange Jahrtausende sind wir blind am Staoe eines dem Geistesleben der Neuzeit gegenüber gedankenarmen Herkommens gewandelt. Me festgefügte Orthodoxie hat diesen Stab noch in der Hand. Wir gleichen dem Sehendgewordenen im Ariel Acosta: Die Sonne blendet, ungewohnt ist alles, Er kann die Dinge, die er sieht, nicht nennen, Er tastet an, was schädlich, ja er strauchelt, Das Helle junge Auge hat noch nicht Des Stabes tausendjährige Gewöhnung. Aber gerade das frische Werden lockt zur Mitarbeit. Wie wir die Gefahr ermüdender gebetbuchmäßiger Wiederholungen vermeiden. Nüchternes ausschalten, Feierlichkeit erhöhen, das und manches andere sind lohnende Aufgaben. Doch solche Fragen stehen hier ^nicht rur Erörterung. Nur -atz ihre Lösung eine deutsche Gottesdlenstsprache zur Voraussetzung hat! Bilanz des liberalen Judentums. Do» Prof. 3. Elboge».Berlin. r Reform durch neue Formulierung der Probleme ist die These, die 3oel Blau verficht. B'nai Brith Magazine, Marz 1925. S. 194 ff. Er ist einer der „Köpfe" unter den jüngeren Reform- Rabbinern der Bereinigten Staaten, zugleich einer der feinsten Stilisten Amerikas und ein beliebter Mitarbeiter der angesehensten Zeitschriften: seine scharf pointierten Aphorismen über Mische Probleme haben die jüdische und die nichtjüdische Oeffentlichkeit schon oft lebhaft erregt. Seine Theologie schwankt zwischen Sehnsucht und Skepsis und landet, wie meist in solchen Fällen, bei der Mystik. Als positive Wirkung seiner Sehnsucht ergibt sich ein uneingeschränktes Bekenntnis zum Zionismus. Das Wiedererwachen des Judentums zur Aktivität erscheint ihm als der rechte Augenblick, „unsere gesamte geschichtliche Stellung zu überprüfen, unsere gesamte Einstellung zu den Forderungen der Zeit neuzugestalten, unser krankhaftes .Stammesgefühl zu einer auf neuem Verstehen ruhenden Glanzheit umzuwandeln, zentrale Lehrsätze des Judentums im Lichte neuer Erfahrung zu überprüfen und, wenn das angebracht erscheint, unserer jüdischen Lebensführung eine neue Richtung zu geben." Im letzten Jahrhundert hat die Reformbewegung einen solchen Versuch gemacht, der als in der Geschichte des Judentums einzig dastehendes Bekenntnis zum Gesetz der Entwicklung alle Achtung verdient. Aber trotz der weiten Verbreitung der Reform scheinen ihre eigenen Vorkämpfer und Wortführer ihrer Sache nicht ganz sicher zu sein: sie tragen keine Bedenken, vonFehlschläzen der, Bewegung zu sprechen, verraten in ihren Aeutzerungen einen stärkest Pessimismus, man verlangt allgemein nach einer „Reform der Reform". Worin find diese Erscheinungen begründet? Unser Versasser sucht die Erklärung, wie es ferner nationalen Einstellung entspricht, in der Verquickung von Religion und Politk, die eiste tiefere religiöse Einwirkung verhindert hat. Es ist schmerzlich mitanzusehen, wieviel von ihrer aristokratischen Vergangenheit Juden bewußt ausgegeben und wie wenig sie dafür cingctauscht haben." „Das Reformjudentum konnte niemals bis auf den Kern des religiösen Problems im Judentum Vordringen, es war zu stark auf'Propaganda, Schaustellung und äußeres Blendwerk eingestellt. Es konnte darum nur auf Dinge einwirkcn. die au der Oberfläche liegen, wie Sitten, Zeremonien» die religiöse Etiquette u. a. Niemals aber packte es den Juden an seiner Seele — außer vielleicht zu.seinem Nachteil. Keine Grundlehre fand eine neue Formulierung, während man den Ausspruch erhob, die Praxis zu reformieren." Die Bewegung blieb rein negierend, haftete im Rationalen, entbehrte der Begcisterung und konnte daher nicht begeistern. „Das Judentum besah muh in seiner entarteten Gestalt eine letzte erhabene Eigenschaft: das leidenschaftliche Verlangen nach dem Ewigen, die persönliche Verwirklichung der göttlichen Allgegenjpärtigkeit. Bon diesem unmittelbaren Fühlen des Göttlichen ist der Menschenseele ist im Reformjudentum kaum noch eine Spür wiederzufinden." Dem gegenüber sieht Blau im Zionismus einen anderen weit wirkungsvolleren Lösungsversuch, aber trotz aller sichtbaren Erfolge bedeutet auch er nicht „die Lösung", Palästina bietet nur die beste Möglichkeit, die Riesenaufgabe der neuen Erziehung bewußt aufzunehmen, den Grund zu einer hochfliegenden schöpferischen Tätigkeit zu legen, eine würdevolle nationale Disziplin einzuführen, die Auswüchse ausscheidet und. was weiterer Blüte und Entfaltung fähig ist, erhebt und vorwärts bringt. Der Zionismus ist auch sticht eine Lösung die für die Gesamtheit annehmbar ist: die Entwicklung lehrt, daß nur ein Teil der Juden nach Palästina gehen kann und will, aber auch die Millionen in Amerika dürfen nicht vernachlässigt werden. Es muß also doch zu einer Reform kommen, aber — und das soll die neue These sein — diese darf sich nicht von der Gemeinschaft absondern, denn die Spaltungen in „Richtungen" ist dem Judentum gefährlich, darf auch nicht fertige Lösungen bieten, sondern muß alle Fragen neu formulieren. Unsere Zeit fühlt mekr als irgendeine zuvor den Beruf in sich, alle religiösen Probleme wieder aufzurollen und neu durchzudenken. Sie heischt Antwort auf die Frage, was das Judentum angesichts der modernen Wissenschaft über Gott und die Welt, der über das dem Menschen innewohende Goltesbewußtsein, das größte Geheimnis des Lebens, zu sagen hat. Wie will es, wofern es Mythus und Wunder ablehnt, dem Menschen den Weg zu einem lebendigen Glauben zeigen? Wie verhält fick unsere Zeit zu den Propheten, worin sieht sie das Wesentliche des prophetischen Geistes? Ist die Einheit von Theologie und Biologie, die man das Wesen des Prophetismus nennen könnte, im Zeitalter des Darwinismus aufrechtzuerhalten, wie steht es um das sittliche Leben des Menschen innerhalb der von mechanischen Gesetzen regierten Welt? Hat der Glaube an die Erwählung Israels noch Inhalt und Berechtigung? Und wie steht es endlich um den Begriff des Gesetzes? Hat dieses Wert für uns oder verdient die gesetzesfeindliche Strömung innerhalb der alten Religion Stütze und Vorschub? Man wird in dieser Fragenstellunq schwerlich etwas finden, ' was nicht vom liberalen Standpunkt aus ebenfalls ständig erörtert wird, schließlich ist das Ringen um diese Probleme der letzte Sinn des liberalen Judentums. Vielleicht wird der Verfasser das nicht direkt bestreiten, er vermißt nur den gemeinsamen Mittelpunkt, von dem aus die Lösung gesunden oder vermittelt werden könnte. Als ob das Judentum nicht feil vielen Jahrhunderten eines solchen autoritativen Mittelunktes entbehrte! Nach Maimonides fehlt dem Judentum seit em Abschluß des babylonischen Talmuds die einheitlich regulierende Oberbehörde. Wie aber, wenn eine solche vorhanden oder gar geschaffen würde, widerspricht eine solche obrigkeitliche Zeitung nicht' ebenso sehr dem Begriff des Liberalismus wie dem Ringest der religiös gestimmten Seele? Müßten ihre festen Formulierungen nicht jede freie Regung ustd alle selbständige religiöse Erfahrung ersticken? Unter den Problemen, die einer neuen Formulierung und energischen Betonung bedürfen, wird dann das der Mission genannt, minder Verfasser vertritt sehr nachdrücklich die Forderung, daß wir die bisherige Untätigkeit aufgeben und die religiösen Wahrheiten des Judentums unter die fremden Völker hinaustragen sollten. Es ist die Pflicht des Judentums, sein Verhalten während des Zeitalters des Hellenismus wieder aufzunehmen und als „Licht für die Völker" hinauszuschicken. „Wir würden übrigens uns selbst heben, wenn wir uns bemühten, andere zu unterweisen; wir würden unser eigenes Bekenntnis läutern. Denn darüber dürfen wir uns nicht täuschen, wir können nicht fremden Völkern eine enge Volks- oder Stammesreligion bringen, die durch Sitten und Gebräuche gekennzeichnet wird, denen eine allejemein menschliche Bedeutung, abgeht. 'Wir dürfen ihnen nur einen weltumspannenden ethischen Monotheismus bringen, wie er aus dem Geiste der Propheten und Psalmisten cmporstrebt. Sobald wir diesen Glauhen verbreiten, werden wir eine durchgängliche Rückwirkung auf unser eigenes religiöses Leben verspüren, von seinen verwerflichen Auswüchsen uns befreien. Lehren ist der wirksamste Weg zum Lernen, und wir haben es nötig zu lernen." Man traut feinen Augen nicht. Diese Zeilen hätten Abraham Geiger oder David Einhorn ebensogut schreiben können. War das nicht schließlich und endlich das ihnen vorschwebende Ziel, das Judentum zu läutern und zu entschränken, es zur Höhe der prophetischen Weltreligion zu erheben? Wozu der Umweg, wenn aus das gleiche Ziel losgesteuert werden soll? Seltsam, daß diese Kritiker des liberalen Judentums sich so wenig bewußt werden, daß sie auf seinem Boden stehen und ihm die Grundeinstellurch verdankest! Hier liegt der Kern des Uebels, daß die liberale Bewegung sich zu viel mit dem unlohnenden Kampfe gegen das Außenwerk abgibt und die innerste Frage der Religiosität vernachlässigt, die schmachtende Seele ihrer Pein überläßt.' In zwei Forderungen stimmen Anhänger und Gegner überein, daß der schale Rationalismus überwunden und die Einheit Israels erhalten werden müsse. Hier heben sich die Probleme der nächsten Zukunft heraus! Gegen Maffenlatastrophen und Pogrome. Am 25. Mai findet in Genf die erste Sitzung der vom Bölkerbundsrat eingesetzten Kommission für Versicherung gegen Massenkatastrophen statt. Den Vorsitz wird Senator Ciraolo führen. Das jüdische Mitglied des polnischen Senats Dr. Michael Ringel, der schon oft auf interparlamentarischen Tagungen neben der polnischen auch die jüdische Sache vertreten hat, ist mit Senator Ciraolo und den anderen maßgebenden Stellen in Verbindung getreten, um zu erreichen, daß auch der antijüdische Pogrom unter die Internationale Versicherung fällt. Senator Dr. Ringel skizziert in einem Artikel der „Wiener Morgenzxitung" das Wesen dieser Internationalen Versicherung und schreibt: Es soll eine dauernde internationale Hilfsorganisation geschaffen werden zu dem Zwecke, rasch und ausgiebig der von einem Unglücksfall betroffenen Bevölkerung, die auf dem Territorium eines der Mitgliedstaaten des Völkerbundes wohnt, Hilfe und Beistand zu leisten. Zu diesem Zwecke soll unter Zugrundelegung der Idee der Versicherung auf Gegenseitigkeit ein Fonds geschaffen werden durch Zuschüsse von Mitgliedsstaaten, sowie durch private Schenkungen, welcher unter der Leitung eines internationalen Organes dazu verwendet werden soll, im Falle einer Katastrophe unverzügliche Hilfe zu leisten. Die Verteilung der Hilfsgelder soll durch'die Rote-Kreuz-Organisation der einzelnen Staaten erfolgen. Fm Sommer 1924 wurde dieser Vorschlag von der Völkerbundsversammlung angenommen, und der Völkerbundsrat ist an die Durchführung herangetreten, nachdem von den meisten Staaten günstige Aeutzerungen eingelangt sind. Vor nicht langer Zeit wurde eine neungliedrige Kommission eingesetzt, der außer Senator Ciraolo und den Vertretern des Roten Kreuzes auch der Senator Sarraut (Frankreich) und der Rechtsfreund des Syndikates deutscher Banken. Bernstein, besteht. Diese Kommission hat den Rahmen für die Tätigkeit der neuen Organisation sestzustellen und den Begriff „Unglücksfälle" zu definieren, bei denen der Fonds in Aktion tritt. Die Anregung des Senators Dr. Ringel geht, wie gesagt, dahin, daß auch der Pogrom, d. h. die Tötung, Verwundung oder Beraubung einer größeren Zahl von Einwohnern einer Stadt oder eines Landes, die einer religiösen oder ethnischen Minderheit angehören und von einer aufgehetzten Volksmenge überfallen werden, unter diese gegenseitige Versicherung fällt. Das jüdische Volk wohnt aber nicht nur auf den Gebieten der dem Völkerbünde angehörenden Staaten, sondern auch in anderen, wie z. B. Sowjetrußland, Deutschland und in außereuropäischen oft primitiv regierten Staaten. Das jüdische Volk in seiner annormalen Lage der Zerstreuung ist weit davon entfernt, daß der Begriff Volk und Staat bei ihm Zusammenfalle. Anderseits jedoch ist die jüdische nationale Heimstätte in Palästina durch das Mandat des Völkerbundes eigentlich „potentiell" schon vorhanden und jedenfalls im Werden begriffen. „Wir find das einzige Volk, das auf dcr ganzen Weltkugel in Zerstreuung lebt, aber auch das einzige, welches mit solenner Genehmigung der Völker sein Heim von außen her wiederherstellt. Daher glauben wir. daß in dem zu schaffenden Statut die Möglichkeit gegeben werden soll, daß nicht nur selbständige Staaten, sondern auch das Mandatsterritvrium Palästina oder eine das jüdische Volk repräsentierende, dem Roten Kreuz analoge Organisation Mitglied werden kann." Dr. Ringel meint, die Sache sei es wert, daß die Vertreter des jüdischen Volkes in Palästina und außerhalb Palästinas sich mit ihr befassen. Nicht nur deshalb, weil das Versicherungs- Prinzip gegen Massenunglück speziell für das schwergeprüfte jüdische Volk von großer Wichtigkeit ist. sondern auch darum,, weil.jede Zusammenarbeit des jüdischen Volkes mit der Bölkerfamilie das jüdische Ansehen stärkt. Bor allem wäre in Palästina eine jüdische, dem Roten Kreuz analoge Organisation zu schaffen, die"M" der'Völkerbund"ermmnten 'Kommission in Verbindung zu treten hätte, um jene Ergänzungen im Plane zn. erwirken, die für das jüdische Volk eine Notwendigkeit sind. Kalendarium für die Zeit vom 16.5. bis 23.5.1925 Mai 1925 l Isar 5655 Sonnabend 16. 22. Wachen-Abschnitt: 2'har und L'ckulaussei (3. 25. M. Kap. 25 bis Ende) Hastarah: Ieremia Kap. 16,19—21; Sonntag 12. 23. Kap. 12,1-14 Montag 18. 24. Dienstag 19. 25. Mittwoch 20. 26. Donnerstag 21. 1 22. Jom Kippur Koton Freitag 22. i 28. Sonnabend 23. 29. i i Reumonbweihe Wochen-Abschnitt: Lamidbor (4.2.2#. 1—4,20) | Hastarah: 1. Buch Samuel Kap. 20,18—42 Wanderung säst ausgelöscht, die kümmerlichen Reste, die von ihm übrig blieben, wurden hauptsächlich von Mönchen und Juden vertreten: mit der Städtocntwicklung blühte er umso rascher aus, die Geldivirtschaft wurde unvermeidlich, in den Kirchengesetzen aber stand nun, für unentfernbar gehalten, das Verbot' des Zinsnehmens, d. h. aller Geldgeschäfte, und es mußle naturgemäß umso schärfer betont werden, je allgemeiner es übertreten ward. Schließlich mußten nicht nur Könige und Fürsten, sondern auch Päpste Und Bischöse Geld borgen und wenn sie dies nur von Juden nahmen, lag nicht einmal eine Lünde oor: verboten war ja nur das Zins nehmen und der Jude stand außerhalb der Christenheit, das kanonische Zinsverbot hatte für ihn keine Geltung, er hatte feine eigene Religion. An diesem Punkt begreift sich gut die Tragik des jüdischen Menschen innerhalb der christlichen Gesellschaft des Mittelalters: seine Religion war nicht auf eine vorübergehende Wirtschaftssvim eingestellt, sie blieb von den Zeitrvändlungen unberührt r>nd im Üe'oergangsstadinm von der Naturalzur Geldwirtschaft mußte er gegenüber dem Christen ökonomische Vorteile haben. Er hatte sie. aber daraus erwuchs ihm eine große Gefahr: gewissenlose oder auch unwissende Menschen brauchten in schlimmen Zeiten nur zu behaupten, alle Not komme vom „Wucher" grundsätzlich, und die Volkswut mußte sich gegen die Juden richten, dir dem oberflächtichen Schein nach seine hauptsächlichsten Vertreter waren, die man dann leicht auch als die ..Erfinder" des Wuchers bezeichnen konnte, was gewisse Antisemiten ja heute noch glauben, obwohl der „Kapitalismus" mit größtem Stolz als „arische Schöpfung" verkündet wird. Der Umstand, daß die Kirche sich gegen die naturnotwendige Entwicklung des Handelswejens mit aller Kraft wehrte, brachte E.end und Rot über große Teile des Volkes: je heimlicher die Geldgeschäfte betrieben werden mußten, umso mehr Spielraum hatte die Unchrlichkeit. umso leichter war wirklicher Betrug, aber auch umso leichter wurden angebliche Belrugsfälle geglaubt. Derart förderte das kirchenrechtlichc Zinsverbot den Wucher, statt ihn zu verhindern, und wurde so zur hauptsächlichsten Ursache der niittc;altcrlid}cn Iudenschlächtereien. Liehen einerseits Bischöfe und Päpste von den Juden Geld, so bestand der niedere Klerus meist aus unversöhnlichen Judenfeinden, wie denn überhaupt zwischen hohem und niederem Klerus bedeutende Gegensätze obwalteten. Fn der Nähe von Klöstern, den hauptsächlichsten Zentren christlicher Kultur, wurde der Jude, der sich ansiedeln wollte, immer bald vertrieben. Ackerbau und Gewerbe waren ihm verl schlossen, so muhte er sich einzig vom Handel ernähren. Seine derart privilegierte und zugleich gefahrvolle Stellung wurde vom ganzen Klerus nusgenutzt, Fürsten und Städte nahmen sich daran ein Muster. Für seine ausnahmsweise „Wucher"-Freihen mutzte er an die Herrschaften „Iudenschutzgelder" zahlen. Das Iudenregal brachte dem Käfter erhebliche Summen. Die Städte erhoben hohe Steuern für die „Duldung" der Juden, die doch nur, um im heutigen Sprachgebrauch zu reden, die eine Hälfte einer „S y m b i o s e" darstellten. Zu Wach- und anderen Dienste» wurden Juden nicht zugelassen, also rechtfertigte sich auch eine Steuer für „Befreiung" von solchen Diensten. Zur Reise war ein besonderer „Iudenpaß" nötig, eine weitere Einnahmequelle. Und so fort. Ohne Juden im Land hätte das kirchliche Zinsverbot viel' früher fallen müssen, als es endlich geschah: mit Rücksicht hierauf und auch, weil die höchsten Kleriker die jüdischen Geldborgcr nicht entbehren konnten, wurden immer wieder für die Geldgeschäfte zwischen Christen und Juden Hintertürchen ausgemacht. Papst Innocenz VIII. gebot z. B. durch Bulle der Stadt Frankfurt. den Juden Häuser zu geben, d. h. sie wohnen zu lassen, und zu gestatten, daß sie auf Zins liehen. 1255 erklärte der Mainzer Erzbischof, dem Christen sei das Wuchern (Zinsgeschäfte) verboten, gewuchert müsse aber werden, also müßten die Nichtchristen wuchern, die damit nicht oder kaum sündigten. Nach dem „Layenspiegel" wollte die Kirche „Juden und andere Ungläubige" in dieser Sünde belassen, „so haben sy umd den Wucher Kain conscienz". Der Erfurter Erzbischof glaubte natürlich nicht, mit zu sündigen, als er 1291 den Juden die ganzen GerichtsqefLlle verpfändete, was übrigens nichts Ungewöhnliches war. Daß die Juden nicht zu üppig und patzig wurden, dafür hatte man allerband Mittel. Der kirchliche ..Schutzjude" war nie sicher vor einem Dekret, das den Christen ihre Schulden bei Juden „in Gnaden erließ". Unter den Anreizen zur Teilnahme an den Kreuzzügen' fanden die adeligen Schnapphähne auch den „Nachlaß ihrer Iudenschulden". So half man sich, wie es ging: im einen Notfall her mit dem Juden, im anderen hinaus mit dem Juden! Daß unter solchen Umständen dcr Jude zu hohen Zinsen kam. versteht sich von selbst: war er nicht sehr schlau, verlor er am Ende alles wieder, und hatte mal einer tatsächlich manchen Christen gezwungenermaßen aufs Stroh gelegt, so lag doch das ganze Geld in den herrschaftlichen Kassen. 2m übrigen nahmen die Juden nicht, soviel sie wollten, sondern ihre „Wucherzinsen" waren kirchlich und päpstlich bewilligt, um nicht zu sagen: vorgeschrieben. Papst Innocenz VIII. genehmigte 1491 in seiner Bulle an den Rat von Frankfurt mit Rücksicht auf die hohen Abgaben dcr Juden an Fürsten und Kirche, baß sie' pro Woche für 1 Gulden 1 Heller Zins fordern durften, d. i. rund 21 Prozent. Man preßte an Iudenschutzgeldern und dergl. eben immer höhere Summen aus dem indischen Geldocrleihcr: und zwang ihn. den Bauern und Bürger auszupresscn. Der klerikale Geschichtsschreiber R a tz i n g e r sagt in seiner preisgekrönten Schrift über die Geschichte der kirchlichen 'Armenpflege, die er dem Bischof von Passau widmete: „Die kanonische Gesetzgebung verhinderte nicht den Wucher, sie arbeitete ihm sogar noch in die Hände und nach allen Flüchen und Bcrdammungsformeln legitimierte sie ihn sogar durch ein Hinterpförtchen, so daß gerade unter ihrer Herrschaft der Wucher cink Ausdehnung annahm, wie nie früher nach später." Kirchliches Gesetz war Gottes Gesetz, war in dcr Meinung! gefaßt worden, daß es ewig gelten könne: so mußte die Kirche.) die auch noch sonstige Gründe hatte,'mit dem Fallenlassen des! Zinsverbots zögern, so lange cs gehen wollte. Es war zeitweise) direkt lebensgefährlich für die Kirche, das unter die Räder der! Zeit gekommene Dogma aufzugeben. Merkte das gedrückte Volk, welche Schäden aus dem Zinsverbot flössen, so müßte seine Wuts sich gegen die Kirche richten. Was Wunder, daß man den „ungläubigen" Juden und fein' ausschließliches Handwerk, das: „Wuchern" für jede Not verantwortlich machte? Dcr Jude war! wehrlos, seine Berufung aus Tatsachen nutzten ihm nichts, umherreisende Demagogen wie der Franziskaner Capistrano waren ihm unendlich über, wenn sie von der Kanzel herab so rührsam gegen den Wucher der Iudengäßler predigten. Und schlich die Anklage von Haus zu Haus,' so ging es in einem hin. wenn man die wucherischen Juden zugleich der Brunnenvergiftung., der Zauberei, des Ritualmordes, des Bündnisses mit dem Teufels usw. beschuldigte. Den Juden hatte man die schmutzigsten Winkel-i gaffen zum Wohnen zugewiesen, die mittelalterliche Stadt war überhaupt nicht sauber. Natürlich kamen dann Seuchen meist i zuerst im Iudcnviertel auf lurd im Nu. wenn man Interesse daran hatte, schrie das ganze^Volk. die Juden hätten ans Haß gegen das Christentum die Pestilenz hervorgerufen. Schlug man die Juden einfach tot, so war man auch seine ganzen Schulden los. Absolution zu erlangen war ja so leicht. Also lötete und plünderte der Bolkshaufen, das kirchliche Zinsverbot bestand: weiter und wenn die hohen Herrschaften auch ferner Geld borgen! mußten, so gab es ja immer noch Juden im Land-— ,\ /