Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-05-15 · 20 (15.5.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
20 (15.5.1925)
Date
1925-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613808--1322-2618672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

IWchliberaleZeiiW Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. .Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V« jährlich M. 2^0, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Für die Mitglieder der Vereinigung ist -er Bezugspreis u » im Mitglieds-ettrage enthalten. :: :: n Chefredakteur: Dipl.« Lug. Bruno Woyda. Die ,/Jüdlfcb - liberale - Leitung" erfchelnt jeden freltag, Schrlftleltung und GefcbäftöfteUe: Berlin, JWauerftr. 22. fern ruf: Hmt Merkur JSr. 8725 portrehtchhonto: Berlin JSCU 7 f^r. 137069 (Vereinigung för das liberale -Judentum) Nachdruck «Amtlicher Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattetl Anzeigenpreise: Oie 12 gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmarl, die Nellamezeile 3,00 Goldmark, -ei :: :: :: Wiederholungen Na-att. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Verlags, abteilung, Berlin SW SS. Eharlottenstr. SS (Fernsprecher: Dönhoff 5369 - 85), kowre sömtl. Annoncen'Sxpeditionen. Ar. 20 Berlin, 45. Mai 4925 5. Jahrgang Oie Sprache unseres Gottesdienstes. Die Sprache unseres Gottesdienstes. Von Rabbiner Dr. Schreiber, Potsdam. Im Jahre 1845 tagte in Frankfurt a. M. die zweite Rabbinerversammlung. Dreißig der bekanntesten deutschen Rabbiner, unter ihnen Zacharias Frankel, Abraham Geiger, Ludwig Phitippson und der Historiker Marcus Jost, waren zusammengekommen, um über bedeutsame Fragen des jüdisch-religiösen Lebens sich auszusprechen und Beschlüsse zu fassen. Mit die wichtigste Frage, die dieser Versammlung zur Beratung vorlag, betraf die Stellung der hebräischen Sprache im Gottesdienst. Am bei der Diskussion über diese Frage überhaupt zu einem Resultate zu kommen, mußte sie von vornherein in zwei Anterfragen geteilt werden: es sollte zunächst entschieden werden, ob die hebräische Sprache beim Gebet im Sinn des jüdischen Gesetzes unerläßlich sei, und es sollte dann, im Falle einer Verneinung dieser Frage Stellung dazu genommen werden, ob und inwieweit es ratsam sei, sie. aus anderen als gesetzlichen Gründen beizubehalten. Die erste Frage wurde verneint. Kein Gesetz und kein Kodex verbieten es dem. Juden, in jeder ihm verständlichen Sprache zu beten. Wie Mischna und Talmud ausdrücklich betonen, daß das Sch'ma und das Achtzehngebet in jeder Sprache gesprochen werden können, so sagt auch der Schulchan Aruch jOrach Chajim 101,4): „Man kann in jeder beliebigen Sprache beten." So gab es denn in dieser Frage keine Meinungsverschiedenheit, und es entbehrt gerade heute nicht des Reizes, daß auch ein Mann wie Zacharias Frankel, der Begründer der positiv-historischen Richtung, sich diesem Votum anschloß. Tiefgehende Meinungsverschiedenheiten und erregte Aussprachen ergaben sich erst bei dem zweiten Teil der zur Debatte stehenden Frage: ob und inwieweit die Beibehaltung des Hebräischen beim öffentlichen Gottesdienst aus anderen als gesetzlichen Gründen notwendig oder ratsam wäre. And das, und nur das ist die Frage, die auch heute zur Debatte stehen kann, wenn es sich um die Sprache unseres Gottesdienstes handelt. Was irgendwie zur Klärung dieser Frage beitragen kann, das ist im wesentlichen in der Diskussion jener Frankfurter Rabbinerversammlung ausgesprochen worden. And darum kann keiner, der zur Frage des Hebräischen in unserem Gottesdienst Stellung nehmen will, an dieser hochstehenden, von Wissen und Begeisterung ebenso wie von Berantworttichkeitsgefüht und heißer Liebe zum Judentum getragenen Aussprache vorübergehen. Es sind heute noch die gleichen Argumente, die für und wider erhoben werden, und man könnte meinen, in eine Versammlung unserer Tage verseht zu sein, wenn wir hören, was von den Befürwortern einer radikalen Verdrängung des Hebräischen hervorgebracht worden ist: das Hebräische ist nicht mehr genügend im Bewußtsein und in der Seele des Juden verankert, es ist unpopulär geworden, es ist vor allem nicht mehr die Sprache unseres Herzens. Rur die Muttersprache kann diesen Anspruch erheben. In ihr, so etwa führte Geiger aus, empfangen unsere tiefsten Gefühle und Empfindungen wie auch unsere höchsten Gedanken ihren Ausdruck. Ein Gebet in der Muttersprache erweckt darum tiefere Andacht und innigere Religiosität, selbst bei dem, dem das Hebräische von Jugend an vertraut ist. Das Judentum wird geradezu erniedrigt, wenn man meint, es könnte durch die Abschaffung des Hebräischen in seinem Bestände erschüttert werden: es ist für alte Zeiten gegründet und bedarf, nicht der Stühe durch die Sprache. Richt das Hebräische an sich ist heilig, so ließ sich ein anderer Vertreter der radikaleren Bestrebungen vernehmen. Sondern jede Sprache, die Heiliges ausdrückt, wird dadurch eben zu einer heiligen Sprache. Wenn ich heilige Gedanken in deutscher Sprache ausspreche, dann ist Deutsch die heilige Sprache, und wenn ich mich des Hebräischen bei einer Lüge bediene, so ist dieses Hebräisch unheilig. And so macht nicht der Buchstabe und der Ton der Bibel heilig, sondern einzig und allein der Inhalt. Die heilige Schrift Oie erste Tagung des preußischen Landesverbandes. Wie jetzt mitgeteilt wird, wird die erste Session des am I. Februar gewählten Verbandstages des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden voraussichtlich am Montag, den 22. Juni, im Herrenhaus 3« Berlin beginnen. Wie wir weiter erfahren, plant die Berliner jüdische Gemeinde für Sonntag, den 21. Juni, im Herrenhaus die Veranstaltung einer zwanglosen Zusammenkunft der Verbandstagsmitglieder/die wohl auch den Charakter einer feierlichen Begrüßung tragen wird. (Hoffentlich erhalten nunmehr die Abgeordneten die Einladungen noch vor dem 22.' Juni. Die Red.) Präsident Covlidge und die amerikanischen Luden. Der Präsident der Bereinigten Staaten Calvin Collidge wohnte persönlich der feierlichen Grundsteinlegung des jüdischen Gemeindehauses zu Washington bei und hielt eine Ansprache, in der er zunächst das alte amerikanische Sprichwort zitierte, daß der jüdische Hammer den Grundstein zur amerikanischen Demokratie in das Erdreich gehämmert hat. Der Präsident wies auf den Einfluß hin. den das Alte Testament auf die ersten amerikanischen Einwanderer und auf die Kolonisten in der Zeit der Befreiungskriege ausgeübt hatte. Er sprach von der Rolle der Juden in den Befreiungskriegen, die loyal und aufopfernd für die Ideale des Amerikanismus gekämpft haben.' Der erste jüdische Einwanderer cms Polen, Chaim Solomon, hat die Freiheitsbewegung mit großen Summen finanziert. Dir junge amerikanische Nation verdankt den heiligen Schriften, tzie das jüdische Volk der Welt gegeben .hat, sehr viel. ' Der Präsident schloß: Die jüdische Gemeinschaft in Amerika ist die zweitgrößt jüdische Gemeinschaft in der Welt und trägt ein kosmopolitisches Gepräge. Ihre Mitglieder rekrutieren sich aus verschiedenen Herkunftsländern. Ihr Beitrag zum nationalen Leben Amerikas entspricht vollkommen dem hohen Wert ihrer Rasse und ihrer Traditionen. Noch bestehen in den Bereinchten Staaten partikularistische, parteiische, soziale und politische Sonderbestrebungen, aber wir müssen auf derselben breiten Straße, die bis jetzt die amerikanische nationale Entwicklung gegangen ist, vorwärts marschieren. Die Suche nach liberalen Rabbinern für Berlin. Die Verhandlungen mit den für die Berliner jüdische Gemeinde in Aussicht genommenen liberalen Rabbinern haben zu einer definitiven Berufung nicht geführt. Wie wir erfahren, ist nunmehr beschlossen worden, das Amt mehrerer nach Berlin zu berufendeu liberalen Rabbiner öffentlich in deutschen und ausländischen Zeitungen auszuschreiben. Theodor Fritsch ein Fälscher. Von der sechsten Zivilkammer des Landgerichts Leipzig ist jetzt ein Prozeß entschieden worden, der mehr als drei Iahre geschwebt hat. Der bekannte völkische Führer Theodor Fritsch (Leipzig) hatte am 1. Februar 1921 10 000 Mark Belohnung für den Nachweis ausgeseßt, daß die in seinen Schriften wiedergegebenen Zitate aus dem Talmud und Schulchan Aruch nicht sinngetreu übersetzt seien. Der Direktor des Zentral-Vcreins deutscher Staatsbürger südifchen Glaubens, Herr Dr. Ludwig Holländer, erbrachte den Nachweis, Fritsch weigerte die Zahlung, so daß Herr Dr. .Holländer gezwungen war. Klage zu erheben. Die Parteien hatten Privatqutachten beigebracht, der Klüger ein Gutachten des Herrn Professor Dr. Guttmann (Breslau), der Beklagte eines uo» Herrn Dr. E. Bischofs (Lcizig). Vom Gericht wurde Herr Professor Dr. Kahle (Bonn) als' Sachverständiger bestellt. ' Das Amtsgericht Leipzig wies die Klage Ende vorigen Iahres ab. In der Berufungsinstanz verurteilte das Landgericht Leipzig Herrn Fritsch zur Zählung von 10 000 Mark nach dem Stande der Mark vom II. Mai 1922. In der Urteilsbegründung heißt es, das Verbot der Zeugenanssage zugunsten eines Nichtjuden gegen einen Inden ist keineswegs ein bedingungsloses, wie man nach der Uebersetzung des Beklagten im „Handbuch der Iudenfrage" annchmen muß. Die wesentliche Beschränkung des in der streitigen Stelle des Schulchan Aruch verfügten Aussageverbotes ist in der Uebersetzung des Beklagten auch nicht andeutungsweise erwähnt. Durch Weglassung der Einzelheiten erscheint das Verbot verallgemeinert, dadurch ist sein Sinn in einer auch für die moralische Bedeutung des Verbotes erheblichen Weise entstellt und die Uebersetzung des Beklagten kann daher nicht mehr als sinngetreu im Sinne der Auslobung anerkannt werden. . . . Mit Nach. Weisung einer solchen erweislich unrichtig übersetzten Stelle hat der Kläger diejenige Handlung vollbracht, für welche der Beklagte die Summe' von 10 000 Mark als Belohnung ausgefetzt hatte. Gleichzeitig war infolgedessen die Verpflichtung des Beklagten zur Auszahlung der 'zugesagten Summe fällig geworden, und der Beklagte konnte den Eintritt dieses Erfolges nicht dadurch verhindern, daß er seine Verpflichtung zur Zahlung bestritt, während ihm doch der wahre Sinn der im „Handbuch der Iudenfrage" sinnwidrig gekürzten Stelle ganz wohl bekannt war. Die Presse konstatiert, daß einer der bekanntesten antisemitischen Agitatoren durch dieses Urteil und seine Begründung auch gerichtlich der Fälschung überführt worden ist. In den vergangenen Wahlkämpfen hat die Ausgelobung des Theodor Fritsch auf völkischer Seite eine große Rolle in der Propaganda gespielt. ist unsterblich durch sich selbst, und diese ihre Ansterblichheit wird nicht berührt durch die Frage, ob unser Gottesdienst hebräisch ist oder nicht. And darum berufen sich letzten Endes die Befürworter eines überwiegend hebräischen Gottesdienstes auf das mystische Element, das für den Gottesdienst unentbehrlich sei und durch das Hebräische in ihm hineingetragen werde. Aber das Anverständliche ist kein Mystizismus, und die Wahrheit offenbart sich nicht im Irrationalen. Erstes Erfordernis des Gottesdienstes ist und blecht, daß er verstanden sein will, und deshalb ist es unsinnig, sich beim Gottesdienst einer anderen als der Muttersprache zu bedienen. In der Tat, es sind treffende und gewichtige Argumente, die die Anhänger einer radikalen Umgestaltung des Gottesdienstes für sich sprechen lassen können. And doch fiel es der Gegenpartei nicht schwer, Momente an-! zuführen, die die Beibehaltung eines überwiegend hebräischen Gottesdienstes zur unabweislichen Notwendigkeit machen. Historische und religiöse Gesichtspunkte sind es vor allem, die hier mitsprechen. Das Hebräische stellt das einigende Bänd dar, das das Judentum der ganzen Welt zufammenhätt. Wer dieses-Band zerreißt, zerreißt die Einheit des Judentums, versündW sich an seinem universalen Charakter. Wohl sind die deutschen Juden Deutsche und denken und fühlen als Deutsche und wünschen, als Deutsche zu leben und zu wirken. Ader Judentum ist doch noch etwas mehr, Judentum ist etwas Aniversales. Rie und nimmer darf die Tatsache, daß die Juden über die ganze Erde, verstreut sind, dazu führen, daß sich nun auch in den verschiedenen Ländern verschiedene Iudentumer bilden. Die Einheit des Judentums aber wird repräsentiert durch seinen Glauben und durch die hebräische Sprache. Darüber hinaus bedeutet das Hebräische ein Grundelement unserer Religion. Es ist die Sprache unserer Offenbarung, unserer heiligen Schrift und unserer gesamten heiligen Literatur. Und das bewirkt, daß durch sie unsere Andacht gehoben, unser Gebet geweiht wird. In ihr haben unsere Väter ihr Herz vor Gott ausgeschütiet, in ihr haben sie gejauchzt und gejudelt, geklagt! und geweint. All das aber, was so die Jahrtausende in die Sprache hineingelegt haben, das strömt unwillkürlich, auf uns, die Enkel über und übt seine Weihe auf uns aus. Keine andere Sprache kann diese historischen, diese religiösen und seelischen Momente ersehen, die für jeden Juden im Hebräischen liegen. Dürfen wir uns wundern, wenn da ein Befürworter des Hebräischen in der Frankfurter Versammlung dieses Argument so stark bewertet, daß er erklär^ es sei diesem positiven Werte dem Hebräischen gegenüber kein allzugroßes Anglück, wenn man nicht jedes einzelne Wort verstehe?! Für diejenigen, die in diesem Gedankengange etwas Unerhörtes finden, sei darauf hingewiesen, daß der. Marburger Religionsphilosoph R. Otto, in seinem Buch „Das Heilige" am Ende des 10. Kapitels über die indirekten Ausdrucksmittel des Ruminosen einen ähnlichen Gedanken entwickelt. Aeberschaut man all diese Argumente für und wider, so ergibt sich für uns und unsere Stellung zweierlei: auch für den radikalsten Standpunkt hat es sich niemals darum gehandelt, das Hebräische ganz aus dem Gottesdienst zu verdrängen, und andererseits ist es auch dem Vertreter der konservativsten Sinnesart nie eingefallen, die Einführung deutscher Gebete prinzipiell zu verwerfen. Worum es sich bei dieser Frage von Anfang an gehandelt hat und auch heute noch handelt, das ist einzig und allein das Maß, das für beide Sprachen im Gottesdienst gelten soll: soll unser Gottesdienst einen überwiegend hebräischen oder deutschen Charakter haben? Letzten Endes ist die Beantwortung dieser Frage Sache des Gefühls und der gefühlsmäßigen Einstellung. des einzelnen. Sachliche Argumente werden darum! wenig bezwecken können. Aber wir brauchen bei der Beantwortung dieser Ftage heute doch nicht mehr das, Gefühl allein sprechen zu lassen, wir sind in einer beste- ' ren Lage, als die in Frankfurt versammelten Rabbiner: wir können auf die 80 Jahre der Entwicklung Hinweisen, die seit der Frankfurter Tagung verflogen W. And ]

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.