Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 19 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613807--1320-2618669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Diplomat. Von Lucy Avellis. Fassungslos saßen Fron s.-1tcF.cn l icvmaun und Frau Hulda Pinncr vor einer Depesche und suchten vergeblich, einen Sinn in deren sonderbaren Wortlaut zu bringen. Um 1860 hatte eine Depesche schon ohnehin etwas unheimlich Aufregendes — und nun gar diese! „Lies doch noch einmal, Jettchen,“ bat Frau Pinner. Und Frau Heymann las wohl zum zehnten Male die merkwürdige Drahtmeldung, die von ihrem ältesten Sohne Markus, dem hochgebildeten, ihrem Stolz und Halt, aus Berlin zu ihr nach Breslau geflogen war: „Als eben in Potsdam weihe, entschloß ich' mich zurückzutreten, da geistige Reife fehlte. Mein Brief gehört der Vergangenheit an. Markus.“ Frau Jettchen Heymann schüttelte verzweifelt den Kopf: „Was kann er nur meinen, Hulda, mit „Potsdam" — und — „geistige Reife“ — ich verstehe kein Wort, so sehr ich auch grüble. Und den 'letzten Brief von ihm habe ich doch schon vor mindestens vier Wochen bekommen mul da stand auch gar nichts Besonderes drin.“ ,,Jettchen“, sagte Frau Pinner plötzlich, „wenn Markus uu nich richtig im Kopf is —.“ „Um Gottesw illen, Hulda, was redst De da? Wenn er krank is, mußt ich doch zu ihm reisen — — „Zu ihm nich, Jettchen, da wtird' er doch erschrecken und es könnt wofniöglich erst ausbrechen bei ihm. Aber reisen mußt De nach Berlin und w eißt De zu wem?“ Hier machte Frau Pinner eine lauge Pause, so daß Frau Hevmann drängend fragte: „Nu, Hulda, zu wem denn, zu wem?“ „Zum Sch wa g e r G e rs o n P inkus!“ G e r son P i n kus, ja, der war der Richtige. 'Zu ihm wollten sie fahren nach’ Berlin. Daß Frau; Hey mann auch nicht gleich an ihn gedacht hatte. Pierson Pinkus, der würde Rat wissen, der würde innen beistehen. — ln ihrer Augst und Aufregung konnte aber Frau ■Hcymann unmöglich allein die lange, beschwerliche Reise machen. So war es klar, daß Schwester Hulda sie begleitete. Und da man Röschen, die achtzehnjährige Tochter, das Kind, nicht ohne Schutz in Breslau zurücklassen konnte, mußte sie mitkommen. Nach vielem Kopfzerbrechen und längeren ^Debatten wurde nun von den drei Damen ebenfalls eine Depesche zustande gebracht, die erste, die sie;je verfaßt. Aber so viele Worte wie Markus spendierten sie nicht — das war ja der reine Unsinn. «Kurz und bündig, wie sie glaubten, aber immer utocii mit einem viel zu großen Aufwand an Worten, »meldeten sie ihre Ankunft zu Dritt für den nächsten »Abend bei Schwager und Schwester Pinkus — und Mann begannen die .Vorbereitungen. Zwei große, dmntgestickte Reisetaschen wurden so voll gepackt, »als wäre ein Aufenthalt von mindestens vier Wochen rin Berlin vorgesehen. Und auch die Wohnung ■.wurde so fürsorglich verwahrt, daß Minna, dass ‘Dienstmädchen, beglückt mit einer längeren Ab-;Wesenheit ihrer Damen rechnete und ihrem Johann sofort dementsprechende Mitteilung machte. Wer war nun dieser Gerson Pinkus, bei dessen Namensnennung allein sich schon das zitternde Herz der Frau Jettchen Hey man n beruhigte?, Wer war er, der die hilflose und umständliche, alte Dame dazu trieb, mit der nicht weniger umständlichen ''Schwester lind der unerfahrenen Tochter eine so weite und gefahrvolle Reise bis nach' Berlin ohne Zögern zu unternehmen? Das mußte schon ein ganzer Mann sein, dieser Gerson Pinkus! Wenn in der Familie irgend etwas schief ging, irgend etwas „Mießes“ passierte, wandte man sich ohne lange Ueberlegung, wie selbstverständlich an ihn. Er galt für ganz besonders klug, weitblickend und für geradezu diplomatisch. Ihm vertraute man gern und willig alle seine Nöte an. Er selbst war in beneidenswerter .Weise von seiner Klugheit und der Sicherheit seines Urteils überzeugt. Aber schließlich — er hatte schon manche Probe seiner l.''Überlegenheit gegeben. Hatte er nicht damals clie Ehe von David und Bettv P!ebner wieder in Ordnung gebracht? Die Herren der Familie erzählten, wenn sie unter sich waren, lachend und schmunzelnd davon. Wie war es doch gewesen? David Pleßner, obwohl bereits über 10 Jahre vermählt, wurde grimmig von den Dualen der Eifersucht gefoltert. Seine Gattin, die brave Betty, kam eines Tages in Tränen zu Onkel Pinkus, um ihm ihr Leid zu klagen: „David quäle sie so mit seiner Eifersucht, sie könne es gar nicht mehr aus halten und Onkel Pinkus möchte doch mal ein ernstes Wort mit ihrem David sprechen. Sie liebe ihn sehr und wäre ihm immereine treue Ehefrau gewesen.“ Onkel Pinkus betrachtete seine Nichte Betty und hegte nicht den leisesten Zweifel ihren Versicherungen gegenüber. Betty \v a r mieß —, selbst verwandtschaftliche Milde mußte das zugestehen. Sie war es von jeher gewesen und war es besonders in diesem Augenblick, als die ohnehin dickliche Nase vom Weinen geschwollen, die kleinen Aeuglein gerötet waren. Onkel Pinkus strich ihr wohlwollend über die farblosen Wänglein und erklärte: er würde schon mit David reden — sie möge unbesorgt sein. Und er redete: „David,“ sagte er, „eifersüchtig auf Deine Frau biste? Ich bitt’ Dich, wer wird nebbich mit;der was anfangen — so e Mcnubbel!“ Ob Onkel Pinkus’ schlagendes Argument seine Wirkung getan? dai ^der^ Familie .wird es .allgemein^,versichert^ Aber daß die Beziehungen zwischen Pinkus und Pleßners so innige geblieben sind, wie sie es vordem waren, erscheint immerhin zweifelhaft. In das beschaulich stille Leben Her alten Leute fiel die Depesche aus Breslau wie eine Bombe, Unruhe und Aufregung stiftend. Der angekündigte Besuch bedeutete eine arge Umwälzung, denn daß die Drei bei Pinkus wohnten, war selbstverständlich. Die beiden Alten zogen sich in den Alkoven zurück, und für die zu erwartenden Gäste wurde!das eheliche Schlafgemach hergerichtet. Und nun erging sich Frau Malehen Pinkus in Vermutungen darüber, was ihre Schwestern Jettchen und Hulda zu der langen anstrengenden Reise bewogen haben könnte. „Wie meinste, Pinkus, ob mit Röschen was los is?“ „Was soll denn, Gott behüte, los sein mit ihr?“ gab Pinkus verdrießlich zurück. „Nu, so meine ich es nich, Pinkus, das kommt unberufen in unsre Familie nich vor. Ich denk mer, ob einer aus Berlin hat aiigefragt wegen ne Heirat.“ „Brauchten se deswegen in eisige Winterkälte de weite Reise mit de Eisenbahn machen —- noch dazu drei Mann hoch?“ Ja, ihr Pinkus hatte natürlich wieder Recht. Soviel Frau Malchen auch kombinierte, ein triftiger Grund war für diesen plötzlichen Ueberfall nicht zu finden. Und dann kamen sie. Um 9 Uhr abends. Von der Bahn hatte man sie nicht abholen können, da keine Ankunftszeit angegeben war. Eine geraume Zeit verging unter Umarmungen und Küssen und immerwährenden Versicherungen: wie man sich freue. Da machte sogar Pinkus mit, obwohl er noch vor einer halben Stunde grimmig über die Störung und das verspätete Abendessen geflucht hatte. Aber er fühlte sich doch sehr geschmeichelt, als ihm zuerst Schwägerin Hulda, dann Schwägerin Jettchen und zuletzt gar die Nichte Röschen um den Hals fielen und ihm unter Küssen versicherten, daß er, der Schwager und Onkel Pinkus, die einzige Rettung aus schwerer Not bedeute. Der Alte setzte sich in Positur. „Nu also, was is eigentlich los?“ Daß alle drei Frauen gemeinsam sprachen, ist klar — und ebenso klar, daß Onkel Pinkus kein Wort verstand. Schließlich reichte ihm Frau Jettchen Heymann mit tragischer Gebärde die unheilvolle Depesche und Pinkus Jas: „Als eben in Potsdam weilte, entschloß ich mich, zurückzutreten, da geistige Reife fehlte. Mein Brief gehört der Vergangenheit an. Markus.“ „Nu, Pinkus, was sagen Se?“ Aber Pinkus sagte gar nichts. Er blickte nur immer auf die Depesche und las wieder, aber er konnte, natürlich dbensowenig wie die anderen ihren Sinn entziffern. „Jette“, sagte er endlich nach geraumem Stillschweigen, „wo haben Se den Brief, wo Ihr Sohn Markus drauf anspielt?“ „Allmächtiger,“ schrie jetzt Frau Hulda Pinner, „wenn wir den Brief hätten, brauchten wir dann machen de gefahrvolle Reise hierher?“ „Nu ja,“ sekundierte Frau Hcymann, das is es ja eben: es is überhaupt kein Brief vom Markus gekommen. Und wissen Se, was wir glauben, Schwager?“ — Ihre eben noch durchdringende Stimme sank zu kaum hörbarem Flüstern herab — „mit Markus is cs in seinem Kopfe nich richtig — er is gestört —!“ „Barmherziger Gott“, schrie Frau Malchen Pinkus nun ihrerseits und Röschen, das gute Kind, begann sogar zu weinen. Aber Pinkus blieb unerschütterlich und gebot vor allem Ruhe. Er wollte mit Markus Heymann sprechen — gleich morgen. Einen Boten wollte er zu ihm schicken und Markus um seinen Besuch bitten lassen und dann würde er gleich sehen, wie es mit dessen geistiger Gesundheit bestellt sei. „Aber nu woll n mer essen, ich komm nebbich um vor Hunger. Mein Malchen hat e Gänsebraten gemacht und de Grieben stehen sogar auch auFm Tisch.“ Trotz des freundlichen Zuspruchs der Wirte wurde nicht viel an diesem Abend gegessen. Man ging früh' zur Ruhe. Aber das Flüstern und Raunen der drei verängstigten Frauen drang noch lange zu dem Ehepaar Pinkus hinüber. „Schnronzes,“ brummte der immer wieder aus dem Schlaf gerissene Pinkus ärgerlich. „Er wird sein ganz gesund, aber mit de drei Weiber is es nich richtig im Kopf. Wegen so n Stuß de weite Reise zu machen — alle drei!“ »Und als Malchen eine Lanze für ihre Schwestern brechen wollte, kam es zu einer ehelichen Szene, die auf Seiten von Frau Pinkus mit Tränen endete. Am anderen Vormittag, durch einen Boten herbeigeholt, erschien Markus Hcymann, ein stattlicher Dreißiger, blühend, gesund und ahnungslos bei seinem Onkel Pinkus. Dieser, sich des Ernstes der Lage und der vier im Nebenzimmer atemlos lauschenden Frauen völlig bewußt, hatte mit wichtiger Miene vor seinem Rollschreibtisch Platz genommen. Ein schwarzes Käppchen auf spärlichem Haar, das sonst immer freundlich lächelnde Antlitz in ernste Falten gelegt, eröffnete er die Unterhaltung wie folgt: „Heymann, ich Iiab doch gehört, Sie sind nebbich' meschugge geworden —"? Aber Heymann mußte denselben schweren Verdacht gegen seinen Onkel Pinkus nach dessen Begrüßungsworten hegen, und erst, als beide Herren nach längerem Hin und Her und mißtrauischen Beobachtungen, einsahen, wie unbegründet ihre gegenseitigen Vermutungen waren, löste sich die Spannung zwischen ihnen in herzliches Gelächter auf. Onkel Pinkus holte die zitternden Frauen und man sank sich gerührt in die Arme. Und dann erst kam Markus Heymann zur Erklärung seiner Depesche, die soviel Aufregung verursacht hätte. Der verloren gegangene Brief — J diese Lösung des Depeschenrätsels war bisher keiiuj der Beteiligten verfallen — hatte das Bekenntnis! enthalten, daß Markus Heymann sich lebhaft füll Fräulein Lieschen Goldstein, Tochter des "Fabrikanten Benjamin Goldstein, i. Fa, B. Goldstäni Söhne in Potsdam, interessiere. Bei einem Besuch; dort aber stellte es sich heraus, das eben Fränleinl Lieschen die geistige Reife mangelte. In größfeJ Aufregung hatten die Frauen gelauscht. „Nu, Mar.l kus,“ meinte Onkel Pinkus, „haben Se nich zu] große Ansprüche an das Fräulein gestellt?“ „zd große Ansprüche? Urteilen Sie selbst, Onkel Pinkus. Wir besahen uns eine Mappe mit Bildern. Repro, duktionen berühmter Meister. Fräulein Goidstcin schien nicht eben sehr beschlagen auf diesem Gebiete] zu sein und als ich ihr nun die Van Dyksche „Ledal mit dem Schwan“ zeigte, hatte Fräulein Goldsteinl keine Ahnung, was das Bild eigentlich darstelhe.“ „Aber, um Gotteswillen, Markus,“ flötete Frau Jett*| chen entsetzt, „wie konntest De einer jungen Dain;| nur ein so anstößiges Bild zeigen? Froh hättest De] sollen sein, daß Fräulein Goldstein in ihrer Unschuld] nichts von dem Bilde wußte. Mein Röschen -' ] und dabei ruhten der Mutter Augen zärtlich auf d?r| Tochter — „hat nebbich auch keine Ahnung vt dem Bild, nich wahr, mein Kind?“ Hier nickte Röschen! eifrig, aber so tief errötend, daß man doch einim Kenntnisse über dieses heikle Süjet bei ihr vermuten] mußte. „Und, Gott behüte.“ fuhr Mama Heymannl fort, „daß e Mann mal deswegen wird lassen de| Partie zurückgehen.“ -- Onkel Pinkus aber meinte, behaglich schmunzelnd: „Markus, nu weiß ich es] bestimmt — Se sind doch meschugge geworden!“] Alle lachten, clie erregte Stimmung verflog untfl in einem behaglichen Familienzusammensein waren! „Leda mit dem Schwan“, wie Fräulein Lieschen| Goldstein bald vergessen. —- Die drei Weltreisenden haben damals noch ciitl paar vergnügte Tage in der Metropole verbrach;] das Dienstmädchen Minna in Breslau nicht weniger vergnügte. Onkel Pinkus aber hat durch sein kluges,] diplomatisches Verhalten sein Ansehen in der Fa< nnlie womöglich noch erhöht. Ja, Gerson Pinkus war wirklich* ein feiner Kopf.] Und wer weiß: wenn wir in unserem diplomatischen Korps mehr Leute von seiner Art gehabt hätten,] vielleicht wäre manche Verwicklung auf politische Gebiet in friedlicherer Form gelöst worden. Statt Karten. (Die Verlobung ihrer Kinder ILSE uni BOTHO beehren eich ergebenst anzuzeigen ßuftizrai ffllax Cßodziesner (J£ugo ßaferfiein und Frau Grete geb. Landsberg und Frau Frida geb.Berg Berlin V', Kaiseraliee 'Ma Berlin .\, Cliausseestr.116 ü[fe Cßodziesner (Sr. jur. cBotßo ßaferflein Ve rl ob t e Empfang: Sonntag, den 17, Mai, Kaiserallee 31a BflBflBBBBBBBBBBHBBBBBaiBflBBBBBlt Die Gesellschaft für Gesundheitsschutz der Juden Ose, Berlin W 57, Frofoenstr. 4 (Telephon: Liitzow 1531) veranstaltet einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfe für ein jüdisches Gesundheitshaus in Kowno (Litauer' dessen Erbauung die O s e - Gesellschaft beabsichtigt. Bedingungen und Unterlagen sind sowohl bei der Gesell schaft Ose in Berlin, wie auch in dem Komitee c Litauischen Ose-Gescllschaft, Kowno, Maironio g-ve Nr. erhältlich. fei BBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBBll Etablissement Cdf © Friedrichstraße 60 * Ecke Leipziger Straße Das Riesen^MaioProgramm unseres vornehmen Familien-Kabaretts Karl Zander Ballett Slegno Fritz Brand Lisa Franz Emil Spielmann Hildegard Büttner Tedd Cunar Oklany Grete Gravenhorst W. Rath-Rex Gretel Tavera Gerda Lassner Erika Renal Kennen Sie unser Waldschlöß chen Herrlicher Aufenthalt, Terrassen am See der Krummen I.anhe. Man fährt mit der Wannscebalin bis Zehlendorf-W'est und erreicht in wenigen Minuten unser Zielka im Walde Täglich nachmittags u. abends großes Konzert Am Flügel: E. Hentschel * Kapellmeister Franz Vieten.