Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 17 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613805--1299-2618646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ljlunfl erkennen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse haben es lut M gebracht, daß uns Sie Sabbat- und Fesilagsweihe erhroert wirb. Nur die Schwierigkeiten, die sich unS in der Einjqung in den Staatskörper erilgegengefiellt haben, konnten die ttsache sein, daß die liberale Einstellung in jüdischen Musern ölllchgiiltigkeit gegenüber der Heiligung der Festtage gezeitigt ftit. 6cder denkende Jude mus; ciiifctjcn, das;, tun den Liveralisnicht zu entwürdigen, ihn nicht zum Schädling am Iudenum zu stempeln, die Idee sich Anerkennung verschaffen muß: per Lideraiismus im Judentum verpftickict. Die Salbbat- und Festtagsweihe hat die Ethik!m Judentum gemündet. An den hohen ethischen Grundsätzen lm Judentum Di'vi» aber auch der liberalste Jude nicht rütteln wollen. Ist es Wirklich so schwer, durch Anzünden der Freitagaüendlichter unser Irisches Hams zu erhellen? Wir weisen unserer Jugend den Veg zur Freiheit, wenn wir es verstehen, uns sekbst aus den Wochen des Alltags zu befreien. Der Gang ins Gotteshaus ist bei dem orthodoxen Juden Pflicht, kei dem liberalen Juden Gefühlssache. Die Verpflichtung, die gerade der Liberalismus im Judentum uns auferlegt, zwingt uns, dieser Frage eine ernstere Betrachtung zu widmen. Wir nutzen kem Judentum gewiß nicht, wenn wir uns von unserm GeAhl bestimmen lassen und den Gang ins Gotteshaus vermeiden. Wir Ichaden aber der Idee unserer Glaubensgemeinschaft, wenn wir Ltd; unser Fernbleiben vom Gotteshaus diese Idee gering einichähen. Der größte innere Wert, den der Gedanke des Liberalismus Hervorbringen wird, ist der, daß, wenn es sich um das Wohl der Gesamtheit handelt, wir unserer persönlichen liberalen plufsassung Verpflichtungen auferlegen können. Es gibt eine Verpflichtung gcaenüber uralter heiliger Tradition, die wir ms anerziehen können durch die Worte: „Verehrt das heilige Alte, denn es gibt euch Halt!" Oie »Ose". Die Tendenz der Neuzeit, auf dem Gebiete der Poikswohl- ,ahrt mehr Krankheitenprophylaxe als Krankheitspflege zu betreiben, hat auch innerhalb des Judentums entsprechende Strö- Imungen entstehen lassen. Die augenfälligste Manifestation dieser »Strömungen ist wohl heute die Gesellschaft „OSE". I Die Luden der verschiedensten Länder, vor allem im Osten »Europas und auf dem Balkan, sind ja bekanntlich seit Lahr- Ihunderten gezwungen, ihr Dasein unter den erbärmlichsten wirt- Ischaftlichen und sanitären Bedingungen fristen zu müssen, und Idieje äußeren Umstände Zusammenwirkend mit der oft schmäch- Ilichen Konstitution des Juden bringt es mit sich, daß das lm größeren Zentren zufammenhockende jüdische Proletariat fast Ischutzlos den Angriffen der verschiedensten Krankheiten ausgeliefert list. Wer östliche Städte und Wohnungen in jüdischen Massen- Isiedelungcn Hennt, wird missen und bestätigen, daß die Menschen ldort oft zu einer Lebensweise verurteilt sind, die allen Begriffen lvon gesunder Entwicklungsmöglichkeit geradezu ins Gesicht schlägt. I Diesen Menschen, kurz gesagt, menschenwürdige Lebenswedingungen zu schaffen, hat sich die „OSE" zum Ziele gesetzt. »Mit diesem klar umrissenen Programm fällt eigentlich die IKrankenpflege nicht in ihren Wirkungsbereich, und sie ist nicht einer der vielen Krankenpflegegcsellschaften gleichzusetzen. Trotzdem war es für die „OSE" unvermeidlich, zuerst diesen Wrkungswcg der Heilung bereits bestehender Schäden zu veschreiten, schon um dem dringendsten Elend abzuhelfen und den Menschen begreiflich zu machen, daß sie nur Gutes wolle und mich schaffen könne. Wie sollte sonst ein armer Lungenleidender oder ein Trachomkranker oder ein Favusbefallener begreifen, daß seine Kinder Licht, Lust und Sonne haben müßten, daß sie nicht nur in der Stube sitzen und lernen dürften, daß Waschen und Kämmen für die Erhaltung des Lebens ebenso wichtig seien, wie studieren, wenn ihm selbst nicht Hilfe gebracht wurde, wenn er nicht Vertrauen zu den Ratschlägen der Leute fassen gelernt hatte, die ihm selbst geholfen halten? Wie sollte er es sich erklären, daß die so unsinnig für seine Begriffe I erscheinenden Forderungen, er solle seine Kinder nicht nur lernen,! sondern auch atmen lassen, nicht unsinnig wären, sondern nur Gutes wollten, wenn nicht die gleichen Leute ihn und seine Familie vorher behandelt und geheilt hätten? Zu dieser von I vornherein bestehenden Verständnislosigkeit für alle Forderungen moderner Hygiene war noch durch den Krieg eine besondere Verelendung der jüdischen Massen besonders im Osten gekommen, die vielmehr nach Äugenblickshilfe, als nach Arbeit auf lange! Licht verlangte. , Dieser Arbeit für den Augenblick hat sich die „OSE", utan darf wohl sagen mit vollem Erfolg, unterzogen. Gegründet in Rußland im Lahre 1912 hat sie sich in Laschestem Tempo zunächst über Rußland und die Randstaaten ausgebreitet, dann ihren Weg nach Frankreich und England, schließlich nach Amerika genommen, und sie geht jetzt daran, eine Landcsgruppe in Deutschland zu gründen. Es hat sich in i Berlin ein Komitee gebildet, vornehmlich bestehend aus Lehrern der Medizin und Praktikern, dem Männer wie Prof. Bielschomski, Prof. Polak, Prof. Finder, Prof. Rosenstein, Prof. Strauß, Prof. Rosin, Prof. Lydia Rabinorvitsch, Prof. Toby Cohn u. a. angehören, mit der Absicht auch unter den deutschen Juden, insbesondere den prakt. Aerzten, das Lnteresse für die Ziele der „OSE" zu wecken und sie durch Rat und Tat moralisch iale. Filigranarbeiten, literarische „Bibelots"", die sich dereinst oer Patina künstlerischer Raritäten erfreuen werden, sind Novellen wie o l Nidre " und „D e r krumme Josse l". In der Novelle „Die Eisenbergers" zeichnet Ulla Wolfs den Gegensatz zwischen der älteren, noch in Formen und Formeln des alten Bundes erstarrten Generation und dem jüngeren, durch die ÄHimiÜerung an deutsche Kultur und den Erwerb großer Vermögenswerte modernisierten Geschlecht: ein Gegensatz, der jedoch durch Liebe und Pietät glückhaft überbrückt und dadurch zu einer ^lsvollen Familienidylle gestaltet wird. 3n der Erzählung "W ischpoche" bricht hingegen das ganze eifernde Temperament Uiia Wolffs durch, das sich mit scharfen polemischen Waffen gegen feiges Renegabentum und den immer weiter um sich greifenden ^eist (oder vielmehr Ungeist) der Opporöunität und Utilität innerhalb des westeuropäischen Judentums wendet, als welcher am Code von beiden Seiten, nämlich von Juden und Christen, nichts anderes erntet als wohlverdiente Verachtung. Es würde zu weit führen, auf jede einzelne in dem Buch enthaltene Erzählung cinzugehen. ebenso wie cs sich von selbst verpictct, der zahlreichen, im Inhaltsverzeichnis anfgeführten Romane und Novellen Ulla Wolffs zu gedenken, die, immer unter dem Pseudonym Ullrich Frank, teilweise weite Verbr-ritung und große Popularität erlangten. Das schöne Gedächtnis-werk ist geziert von zwei vorzüglichen Bildnissen der Verstorbenen, deren eines die Wiedergabe eines vordem bekannten Radierer Hermann Struck zu dem fun>undstebenztgsten Geburtstag der Toten gefertigten Stiches Estellt. Der Prloatdruck ,Zuden" verkörpert, wie schon eingangs erwähnt, ein würdiges Dokument für ein Mitglied erlauchtesten und erleuchtetsten jüdischen Geistesadels. Darüber hinaus bedeutet r*5 . ein bleibendes Monument nicht nur dieser geistigen Aristokratin Israels, sondern auch derer, die es schufen. Denn hier Mt das Wort in Ehren, das der Weise von Weimar dereinsten höhnisch sprach: ,^a, wer eure Verehrung nicht kennte! ch, nicht ihnen baut ihr Monumente." Da dieses Denkmal reinen Herzens gesetzet war, gilt es fürwahr jener, der [i errichtet wurde, und jenen, d! e es errichteten. Darüber hinaus aocr dem gesamten Judentum, dessen Adel währet »ur und für. und praktisch zu fördern. 2m Anfänge verschlangen die „OSE"- Institutionen im Osten Europas alle Mittel oer Weltorgamjotum, eine großzüaltze und kluge Fincmzwirtfchast hat es aber soweit gebracht, daß die östlichen Länder ihre Hilfsinstitute jetzt ZU 60—80 o/o allein erhalten können. Der Umfang oer bisher geleisteten Arbeit wird am besten aus einigen Zählen erhellt. Während der Kriegszeit arbeitete die „OSE" mit ca. 605 Anstalten und galt' in Rußland gewissermaßen als das „Lüdische Rote Kreuz". Sogar von der zaristischen Regierung wurden ihr Mittel überwiesen. Die „OSE" unterhielt und unterhält heute allein in Rußland 12 Krankenhäuser und Ambulanzen, 7 Lmpfstationen, 4 Desinfektionskolonnen, 8 Kindcrfanatorien und ca. 40 andere Institutionen. Es kommen in den anderen Ländern des Ostens 43 schnlmedizinische Stationen, 11 Beratungsstellen, 7 Sanatorien, 6 Favusstationen, 3 Röntgeninstitute, 14 Ambulatorien und ca. 20 andere Anstalten, ferner das Pasteur-Lnftitut in Palästina dazu. Die „OSE" hat es fertig gebracht, den Favus mit dem größten Erfolge zu bekämpfen, und sie greift jetzt die Tuberkulose mit aller Energie an. Sie kennt keine Unterschiede jüdisch-politischer Richtungen, sie ivill nur heilen, helfen und schützen. Früher verzettelte man seine Kräfte im Judentum auch auf diesem Gebiete; jetzt soll und muß sich jeder Jude, der an seine und seiner Kinder Gesundheit denkt, der „OSE" und ihrer Arbeit' anschließen. Dr. Kuhn. Wiener Brief. Das jüdische Solidarilätsgefühl. Der Deutsche Turnverein von Laa tt. d. Thaya hat ein merkwürdiges Erlebnis gehabt. Da er für ein Faschingsfest zur Ausschmückung eines Saales 400 Quadratmeter Papier benötigte, wandte er sich brieflich an 'einige Wiener Papierhändler, die er im amtlichen Adreßbuch verzeichnet gefunden hatte. Der Deutsche Turnverein in Laa a. d. Thaya steht auf dem Boden der Arierparagraphen, vermutlich, well Laa a. ü. Thaya ein vom jüdischen Welterorberungsplan besonders gefährdetes Bollwerk germanischer Zucht und Sitt-r ist. Das Bekenntnis zur arischen Rassenreinheit prunkt natürlich auch auf dem Briefpapier des wackern Turnvereins. Das veranlaßte das Wiener Bureau der Kleinzeller Papierfabrik zu folgender Erledigung deS Laaer Kaufangebots: „Antwortlich Ihres Schreibens vom .2'd.M. teilen wir Ihnen mit, daß wir eine Geschäftsverbindung mit einer Stelle, welche auf dem Arierparagraphen steht, ablehnen. Hochachtungsvoll Kleinzeller Papierfabrik A.-G." Diese unerwartete Antwort hat in Laa a. d. Thaya große Verblüffung hervorgerufen und die völkischen Turner zu philosophischen Erörterungen über den Andank der jüdischen Firma veranlaßt, „die das Holz zur Verarbeitung sicher von Ariern kaufe und deren Arbeiter bestimmt auch Arier sind." Ich finde die Verblüffung der Wien Laaer Turner sehr begreiflich, ja ich muß gestehen, daß ich sie teile. Der Fall, daß eine jüdische Firma zwar ariich-r Holzhändler und arische Arbeiter verdienen läßt, dagegen selbst auf einen Verdienst verzichtet, um einem schönen jüdischen Solidaritätsgefühl Ausdruck zu gebe.:, ist ein so seltenes Ereignis, daß cs weit über die räumlich Nicki sehr ausgedehnten Grenzen von Laa a. d. Thaya Aufsehen zu machen verdient. Als der Antisemilensührer Dr. Lueger nach lleberwindung des kaiserlichen Widerstands endlich Bürgermeister von Wien geworden war, sah er sich plötzlich einem neuen Hindernis gegenüber, an dem seine eben erst eroberte Macht wieder kläglich zu zerschellen drohte: die Gemetndekassen waren leer und die ,^udendanken", deren ständige Beschimpfung damals einen Hauptbestandteil der antisemitischen Versa-mmlungsrechorik bildete, zeigten keine Neigung, die kühnen Bau- und Gründungsproj-ekte Luegers zu finanzieren. Im Rarhaus herrschte Verzweiflung: der Bankrott des juoenfeindlichen Stadtreaimes schien unvermeidlich ' — dä erstand den Vernichtern zahlloser jüdischer Existenzen plötzlichein unerwarteter Retter in dem jüdischen Direktor der Länderbanlr. Er lieferte dem neuen Regime die Mittel, die es zu seiner Befestigung brauchte. Die Länderbank und ihr Direktor halten das Geschäft auch nicht zu bereuen, denn die Investitionen der Gemeinde Wien warfen reiche Erträgnisse ab, wogegen das Schicksal der durch den neuen Kurs brotlos gemachten jüdischen Magistratsbeamten, Lehrer und Tramwaykonidukteure auf die Dankdivid-ende naturgemäß keinen Einfluß übte . . . Im Jahre 1905 machte der russische Zar die betrübliche Entdeckung, daß die Finanzierung der „schwarzen Hundertschaften" die Staatskassen derart geleert hatte, daß man sich bald nicht einmal mehr einen noch so kleinen Judenpogrom würde leisten können. In dieser Not suchte der Herrscher aller Reußen das Ausland für eine russische Anleihe zu interessieren. Auch damals schien es einen Moment, daß die sprichwörtlich': jüdische Solidarität — sprichwörtlich hauptsächlich durch die Phantasien antisemitischer Demagogen — einen Sieg über den jüdischen Geschäftsgeist davvntragen würde. Die Sudendanken legten gegenüber dem zaristischen Llebeswerben eine bemerkenswerte Sprödigkeit an den Tag. Da erbarmte sich der damalige Leiter der Oesterreichischen Kreditanstalt des erlauchten Schnorrers und dieser wurde gegen angemessene Zinsen wieder in die Lage versetzt, weiler seinem Lieblingsvergnügen, der Veranstaltung von Iudenmetzeieien, zu frönen '. . . W Bibel und Bühne. Zur Ausführung von Barlachs „Sunds lut" lm Berliner Slaatstheater. Nachdem dieses Stück in Stuttgart, Königsberg, Hamburg, Erfurt, Gera, Nürnberg ufw. angenommen und zum ScU ausgeführt worden ist, brachte es nun auch Intendant I e ß n e r im Berliner Staatstheater. Es war leider ein P y r r h u ss i e g! Aufführung und Inszenierung oft hinreißend, nach einigen Richtungen hin fast genial: aber das Stück selbst kann nur enttäuschtes und verwundertes Kopsschültlln erwecken! — B nrla ch, der Holzbildhauer, ist ein so großer Künstler, daß jeder, der seines Geistes auch nur einen Hauch verspürt hat, ihn gleichsam nur mit dem Hut in der Hand kritisieren wird. — Zugegeben, daß auch der Bühnendichter Barlad), der Verfasser des „Armen Vetter" und der ,/E ch t e n S e d e m u n i> s" ein Sprachformer von Rang ist, ein Autor, der den stolzen, schon längst abgegriffenen Ehrentitel eines „Dichters" für sich in Anspruch nehmen kann, — ein Dramatiker ist er sicherlich nicht! Dazu fehlt ihm so ziemliü) alles! Vorerst das Mindestmaß von gedanklicher Klarheit, das nun einmal unter allen Umständen zu jedem dramatischen Kunstwerk gehört! — Die alten Mythen der Bibel, die lapidaren Bericht: deS alten Testamenls, die sich im Laufe der Jahrtausende im Bewußtsein der Menschen teilweise zu riesenhaften Symbolen erweitert und eniwickeit haben, sivd so gewaltig, daß nur gottbegnadetes Dichtertum und auch dieses nur ganz selten wagen kann, Nachdichtung-:n zu versuchen: meistens schrumpfen all' die dichterischen Verklärungen vor dem gigantischen Original zu einem namenlosen Nichts zusammen. Wie viel biblische Tragödien sind schon geschrieben worden! Der Ausweis der wissenschaftlichen Bibliographie aus der deutschen Büchevri in Leipzig gibt z. B. allein 5>7 im letzten Jahrzehnt in deutscher Sprache verfaßte König-Saul-Dra-men an! Und nur ganz wenige von diesen Stücken nach alltestamentlichen Stoffen haben dauernden Wert. Der junge Hebbel mit seiner „I u d i t h" und der reife Beer H o f m (t n n mit seinem wundervollen „Jakobs Traum" find noch von niemandem erreicht worden. Und auch Barlach hätte es lieber unterlassen sollen, die naive, klare Epik der Bibel mit ihrem dirnnivtiincn Sündflnr-Mythos in seine unklare, pseudophilosophische Fassung zu liberfraacn; Da der belr-effende LeUer der Kveüilansialt, der eble Rill er von Taußig, nebstbar auch Vizepräsident der Rravlitifchen .Kultussemetnde Wiens war, Hane seine Felonie noch ein lokalpolitisches Nachspiel. Dir jüdÄche Äugend machte ihm eine Katzenmuftk, woraus er sich grollend vom vssentlichen Leben zurückzot: während sein glücklicherer, weil durch kein jüdisches Ehrenamt kompromittierter Kollege von der Länderbank durch die persönliche Freundschaft Dr. Luegers belohnt und dem Schoße der allein feligmachendett Kirche zugeführt wurde. Wie oft mochte tutgesichts dieser Tatsache der abgesägte Kultusoorsteher Taußig neidvoll gedacht haben: „Also ° soll man sich für die Juden exponieren?!" Um wieviel weniger kann man eine solche Frage dem jüdischen Geisclstrftsmann verübeln, der keine so repräsentative Rolle spielt wie die Leiter der mächtigen Finanzburgen Oesterreichs und daher feine Kunden von keinem andern StatrSpuukt aus auf Herz und Nieren zu prüfen braucht als von dem rein kaufmännischen der materiellen Kreditwürdigkeit. Um so höher ist das Beispiel zu schätzen, das die Kleinzeller Papierfabrik dem Lgaer Turnverein gegenüber statuiert hat, und es wäre sehr erfreulich, wenn es Nachahmung fände. Vielleicht erscheint die jetzige krisenhafte Zeit am wenigsten geeignet, den jüdischen Geschäftsleuten, die noch nie so schwere Tage gesehen haben und froh sind, wenn überhaupt ein .Käufer auf dem Horizont austaucht, zu pr-rdigen, daß sie die jüdische Solidarität, das jüdische Ehrgefühl bei ihreü Geschäften zu Worte kommen lassen sollen. Aber matt brauch! ja gar nicht so weit zu gehen, den Herren Opfer aufzuerlegen. Das deutschvölkische Pariciprogramm. das den strengsten Boykott der Inden propagiert, gestattet ausdrücklich einen Durchbruch dieses Boykotts dort, wo seine Duräiführung für den Arier materielle Nachteile Hütte. Brauchen wir Juden weniger materiell zu denken als die uns an idealistischem Fühlen angeblich so himmelhoch überlegenen Teutonen? Brachen wir ruhig gewinnbringende Geschäfte mit Turnvereinen, deren Vertrauen zu jüdischen Papierliefcranten größer ist als das Vertrauen zu einem tadellosen jüdischen Bauchaufschwnitg am Reck! Aber feien wir dafür um so wählerischer bei der Musterung jener, denen wir unsererseits Verdienst zukommen lassen wollen. Merkwürdigerweise wird nämlich in letzterer Hinsicht noch viel mehr gesündigt. Als der markanteste Repräsentant des neuen Reichtums, der noch jugendliche Prästdeni der Anionbank Siegmund Bösel das Bedürfnis empfand, mit großen Wohlfahrtsakttonen hervorzutrcien, war der erste Nutznießer dieser edlen, echt jüdischen Regung ausgerechnet die hakenkreuzlerisch verseuchte Mons:i Academicp.. Dieses Beispiel ließe sich verhundertfachen. Man kann ruhig behaupten, daß es >in Wien kaum einen antisemitischen Wahl- und Aktionssonds gibt, der nicht miHctbnr oder unmittelbar aus jüdischen Taschen gespeist wird. Dabei darben die jüdischen Wohttvttgkeitsvereine und sogar die Kultusgemeinde mußte vor kurzem zugunsten ihrer sozialen Fürsorge- Instilutionen einen Sanunellag in den Straßen Wiens veranstalten! Die triste Lage der jüdisäzen Korporationen bedeutet aber noch wenig im Vergleiche zu öent Elend der jüdischen Eirtze!- menschen und Familien, die vom Strudel der Wirtschaftskrise erfaßt worden sind. Der jüdisch: Arbeitnehmer kann aus eine Anstellung in christlichen Häusern n priori nicht rechnen. Leiser findet er aber auch in jüdischen oder von IrLben geleiteten Anternehmen sehr oft den Weg durch arische Antbewerber oervamtndf, weil ausgerechnet der jüdische Arbeitgeber mit seiner religiösen Toleranz prunken will. So ist der jüdische Arbeitslose zwischen der Scylla der arischen Anduldsamkeil und der Charybdis der jüdischen Duldsamkeit dem Anteraang geweiht, und es ist müßig, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, welches von beiden Aebeln das verhängnisvollere ist. Bei den jüdischen Chefs wäre eine Reuerstarkung des jüdischen Solldnritätsgefühls dringend zu wünschen. Der liberale Gedanke in allen Ehren! Aber gerade darum "Mvss^matt Ehükrn:' daß' er zur-Farce «iweiv -indem er bic schädlichen Auswirkungen des Antisemitismus, statt sie zu paralysieren, noch verstärkt. ' Dr. Hugo Spie g 1 c r. Kalendarium für die Zeit vom 25.4. bis 2.5.1425 April 1925 I 3jar 5685 Sonnabend 25. 1. 2. Tag Rosch Chodesch Wochen -Abschnitt: Tasria u. Mezauro (3. 25. M Kap. 12-16) Haftarah: Jesaja Kap. 66,1—24 Sonntag 26. 2. Montag 27.; 3. Dienstag 28. , 4. Mittwoch 29.! 5. Donnerstag Mai 1925 30. , 6. Freitaq 1. , 7. Sonnabend 2. 8. Dochen-Abschuitt: Achare mattst und Kedatischim l3.25. Di. Kap. 16 -20) Hafiarah: Ainos Kap. 9,7—15 j ■MHBBHpHjpMWBWfflWWIItljlllJMWjBIITHpiMjllllPBWBMIMWWIlljlllljWBnWMrillffTIHI herausgekommen ist dabei nur ein von elhnologifcheu Verzerrungen und allerlei seltsamen Inkonsequenzen strotzendes Tohuwabohu, bas in einigen Stellen höchstens interessieren, niemandem aber auf die Dauer behagen kann. Ueber dir Ausführung selbst ist jedoch viel Rühmliches zu berichten. Ießner hat es nun wahrlich seit Jahren verstanden, den herrlichen alten Cchinkelbau am Gendarmenmarkt wieder endgültig in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses zu rücken, ihn' wieder zrt einem Dorado aller Theaterfreunde zu machen. Schade, daß diesmal so viel künstlerische Arbeit an solch untauglichem Objekt verschwetrdet wurde! Finden sich für den ausgezcichnetett Regisseur Fehling keine loheuderctt Artsgaheu? Muß den ersten Schauspielern Berlins zugcmuiet werden., blutleeren Schemen Leben einzuhauchen? — Immerhin schlug sich die Künstlerschar in dieser verlorenen Bühnenschlacht mit allen Ehren! Heinrich George wirkte als Noah überzeugend und echt, wie eine der köstlichen Barlachschen Holzsiguren: aus die Dauer fällt einem jedoch das verschleierte Falsett seiner heiseren Stimme auf die Nerven. L u c i e Nc a n n h e i m uttu als Awah von vornehmer Zartheit und beftriärendcm Liebreiz. Eberl wie immer ein vortrefflicher Sprecher. Fritz V«!!:, als Ävt' - valer, zeigte wieder sein außerordentliches Können. Mit diesem hotno novus hat unsere Ctaalsbühne einen guten Griff getan. Man kann ihr dazu gratulieren. In _5cr gesamten Darstellung führte St ein rück als brutaler, kraftstrotzender Lala n; diese: überragende Schauspieler hat eigentlich bisher noch nie enllättjc'rl! Er kann einfach alles! — Noahs Söhne wäret: durch Neuß, Keppler und Harlan sehr charakicristisä) vertreten. Dem blutjungen Beit Harlan weissage ich eine große Zukunft. Er macht erstaunlich'e Fortschritte. Die Bühnenbilder von Rochus Gliese waren bei aller Einfachheit monumental und schlicht-vornehm: das ist guter Expressionismus! Der Beifall war ziemlich stark: einen anhaltenden Erfolg wird das Stück jedoch nirgends haben. — Ob sich aus dem absurden Barlachschen Theaterm oft dereinst doch noch einmal ein geniesjbarer Wein klären wird? — Ich wage es nicht mehr zu hoffetr; ich glaube, daß Barlach sich nur als bildender Künstler ein Stück Unsterblichkeit erringen wird . . . Jr. Ludwig D a o : d s o h n, Berlin.