Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 17 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. A<zu§sprei4 durch die Geschäftsstelle '/«jährlich M. 2,50, Einzelnummer 0,20. Bei freie? Zusendung im Inland 0,25. zur die Mitglieder -er Vereinigung ist -er Bezugspreis c. :: :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: n Ehefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Woy-a. Vie „ jfiidücb - liberale - Leitung" erscheint jeden frritag. BcbriftUttung und Geschäftsstelle: Berlin, JVIauerftr. 22. fernrufj Hmt Merkur str. 8725 portrebedthonto: Berlin 7 ^r. 132069 (Vereinigung für das liberale “Judentum) JVaehdrucfe fXmt.ichrr Original«Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattetl Anzeigenpreise: Oie 12 gespaltene Aonpareillezeile 0,45 Goldmark, die -reklamezeile 3,00 Soldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Daswih, Verlags« abteilung, Berlin SW 65, Lharlottenstr. S6 (Kemsprecher: Dönhoff 536»-65), sowie sämtl. Annoneen-Esspeditionen. Ar. 12 Berlin, 24. April 1925 5. Jahrgang Oie jüdische Familie. Die jüdische Familie im Wandel der Zeiten. Don Dr. Arthur CzelNtzer -Berlin. Ls gab eine Zeit, und sie liegt noch gar nicht lange hinter uns, kaum drei Menschenalter trennen sie von!der Gegenwart, da war für jedes jüdische Kind die genaue Kenntnis der eigenen Familie und die Beschäftigung mit ihr eine Selbstverständlichkeit. Zwei Momente waren es vor allem, die, auch nachdem die Ghettomauern gefallen waren, im jüdischen Geistesleben dem Familiensinn jene besondere Wichtigkeit und Praponderanz schufen. Einmal das Kaddischgebet, das, dem Vater ein Recht, den Söhnen eine Pflicht auferlegend, ein inniges und festes Band um die Blutsgenossen schlang und in augenscheinlicher Deutlichkeit die Kette offenbarte, als deren Glieder die Generationen sich aneinander schließen. Auch nach dem Tode der Litern wurden durch den gemeinsamen Kultus der Fahrzeit" die Geschwister beieinander gehalten und das rasche Auseinanderfallen verhütet. Das zweite Moment war die dem Judentum eigentümliche Art, seine Feste, insbesondere Len Sabbat, im Familienkreise zu feiern. Die fest vorgeschriebene Form sicherte dem Familienvater und seiner Hausfrau: eine Würde, die nach den Kämpfen des Alltags/ den Erniedrigungen im Verkehr mit der christlichen Umwelt doppelt wohltuend und erlösend wirken mußte! Niemand hätte diesen Gegensatz zwischen dem poesielosen Alltagstreiben und dem festlichen Glanz der Feierstunde am Familientisch schärfer empfinden und zu stärkerem Ausdruck bringen können, als Heine in seiner „Prinzessin Sabbat", wo er Israel mit einem Prinzen vergleicht, den Hexenspruch in einen Hund verwandelt hat: .... Hund mit hündischen Gedanken Kötert er die ganze Woche Durch des Lebens Kot und Kehricht: Gassenbuben zum Gespötte. Aber jeden Freitag Abend, In der Dämmrungsstunde plötzlich. Weicht der Zauber, und der Hund Wird auf's neu ein menschlich' Wesen... Cs ist klar, daß durch solchen Gegensatz jedem?uden seine Familie als das Asyl erschien, in das er sich immer wieder flüchtete, der Born, aus dem er immer neuen Lebensmut und die optimistische Kraft schöpfte, sich im Lebenskämpfe zu behaupten! Was der-Knabe von seinen Eltern und Großeltern an Liebe und Güte erfahren, an Frömmigkeit und Aberglauben, an Brauchtum und Sitte — das gab er sceudig und treulich weiter, wenn er selber Familienvater geworden, an seine Kinder und Kindeskinder. mündlicher Überlieferung stoß der Strom der Famiticncrlebniffe, die Kunde von dem, was die Altvorderen gelitten, und der Stolz auf das, was sie geleistet, durch die Zeiten. Es bedurfte keiner gedruckten b'hronik, um die Tatsachen, und keiner Stammbäume, um die Personen vor Vergessenheit zu bewahren. All das wurde anders, als die Aufklärungszeit und aie ihr folgende Emanzipation mit vielem Abgestorbe- ”cm und Wertlosem auch guie und wichtige Institutionen hinwegfegte. Wie ein Sturmwind, der neben toten besten auch blühende Zweige knickt und lebende Wurzln aus ihrem Erdreich reißt. Mit den alten rituellen formen, die Fest- und Ruhetage zu feiern, verloren gerade diejenigen Intellektuellen, die ihre Köpfe und Kerzen am frühesten moderner Kultur und liberalen ^deen erschlossen, in vielen Fällen den lebendigen Zusammenhang mit ihrer Familie. Vielfacher Art waren v-f' Gründe, die rasch dazu führten, die alten Formen Mischen Familienlebens zu zerstören. .... Zunächst schon die räumliche Trennung der Wohni'ätten. Noch heut vor vierzig Jahren wohnten 67 Pro- -rmnal{cr preußischen Juden in Orten mit weniger als Sr Einwohnern. 3m Jahre 1919 waren es nur noch -0 Prozent. Heute werden es vielleicht nur noch 17 Pro- .jvni sein. Das bedeutet eine Umwälzung, eine Art Aus dem Inhalt: Dr. Arthur Ezellitzer-Berlin: Die jüdische Familie im Wandel der Zeilen. — Hans Bach--Berlm: Tradition. — Ma-garete Fried-Berlin: Auch Liberalismus im Judentum verpflichtet. — Dr. Hugo Spiegler: Wiener Brief. Doris Wittner: Juden. — Dr. Davidfohn-Bertt.n Bibel und Bühne. — Artur Schweriner: Ein verpfuschtes Leben? — Hermann Blumenthal-Wieu: Berl Träger. — Max Rosenfeld-Dresdeu: Klingsors Zaubergarten. Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherschau. — Ans der Bewegung. — Derfammlungskalender. — Kalendarium. Professor Henry Matter - Philadelphia gestorben. Der bekannte jüdische Gelehrte Dr. Henry Malter, Professor der rabbinischen Literatur am Dropsie-College zu Philadelphia, ist dieser Tage im Alter von 59 Jahren gestorben. Professor Dr. Henry Malter wurde am 23. März 1867 zu Zabno. damals zu Oesterreich gehörig, geboren. Er studierte an den Universitäten zu Berlin und Heidelberg, sowie an w Berliner Hochschule für die Wissenschaft J&tts. Judentums, er auch sein Rabbiner-Diplom erhielt. Er war einer der her^ vorragendsten Schüler Steinschneiders. -Nach Absolvierung seiner Studien war er eine Zeitlang Bibliothekar der Berliner jüdischen Gemeinde. 2m Fahre 1900'wurde er als Professor der jüdischarabischen Philosophie an das Rabbiner-Seminar zu Cincinnati berufen, und nach Eröffnung des Dropsie-College im Fahre 1909 kam er nach Philadelphia. Dr. Malter übersetzte Steinschneiders judaistische Werke ins Hebräische und hat auf diese Weise zur hebräischen Renaissance ein groß Teil beigetragen. Gemeinsam mit Professor Alernnder Marx besorgte er die Herausgabe der gesammelten Schriften Steinschneiders. Dr. Malter war eine unbestrittene Autorität in der gesamten talmudischen Literatur sowie in der jüdischen und arabischen Philosophie. Seine Bücher erschienen stets gleichzeitig in englischer, deutscher und hebräischer Sprache und wurden auch in andere Sprachen übersetzt. Sein im Fahre 1921 veröffentlichtes Werk über das Leben und die Epoche des Saadia Gaon erlangte nach kurzer Zeit Berühmtheit: es zeugte von einem tiefen Sichversenken in die jüdische Wissenschaft und Philosophie früherer Zeiten. 2n den letzten Fahren seines Lebens begann Dr. Malter mit der Vorbereitung und .Herausgabe eines kritischen Textes der beiden Talmudausgabeu. des babylonischen und des Jerusalemer Talmud. Bis jetzt liegt fein Werk über „Tcianit" des babylonischen Talmuds im Druck vor. Er bereitete eine Rechtfertigungsschrift seiner Methode der Talmudausgabe vor und dachte, falls die Gelehrten feine Methode gutheißen, an die Edition des gesamten Talmudwerkcs. Er bereitete auch eine Ausgabe des Hauptwerkes Laadia Gnous „Emnnoth wcdeoth" vor. Oie ersten Vorlesungen an der Ierufalemer ltniversität. Am Vormittag des 3. April wurden zur Feier der Eröffnung der Ierufalemer Universität dort folgende Vorlesungen gehalten: Prost Fodor las als Eröffnungsvorlesung über das Thema „Korrelative Erscheinungen in der Naturwissenschaft und der Biologie." Prof. Edmund Landau aus Göttingen über „Gelöste 'und ungelöste Fragen in der Lehre, von den elementaren Zahlen." Prof. Brvdctzky aus Leeds über „Die Grundlagen der Dynamik" (von Aristoteles bis Einstein) und Pror. Dr. med. Ehrmanu aus Berlin über „Vorschläge zur Verbesserung der Lehrmethoden in der medizinischen Wissenschaft." Medizin, Dynamik, Mathematik . . . Wo bleibt das Inden tum an der jüdischen Universität zu Jerusalem? Synagogen-Jubiläum in Sprendlingen. Dem Mainzer Anzeiger vom 7. er. entnehmen wir: Anläßlich des hundertjährigen Bestehens der Syna goge fand am Sonntag unter Beteiligung der gesamten Be oölkerung und Anwesenheit des Bürgermeisters und der beiden Beigeordneten sowie der Geistlichen beider Konfessionen ein erhebender Festgottesdienst statt. Die Synagoge war herrlich geschmückt und bis auf den letzten Platz auch durch Gäste aus umliegenden Ortschaften gefüllt. Nach einem kurzen Gebet hielt Herr Kreisrabbiner Dr. Appel-Bingen eine t-efempftmdene Rede. Mit einem Gebet für das Wohl der Gemeinde und des Vaterlandes schloß die würdige Feier. Herr Ludwig Schloß dankte im Namen der isr. Gemeinde den beiden Geistlichen, Bürgermeister und Beigeordneten für ihr Erscheinen. Herr Oppenheimer-Gan-Bischossheim überbrachte die Glückwünsche der jüdischen Landgemeinden. 2n schönster Harmonie verlief, so die hundertjährige'Feier. Möge die Einigkeit in unserer Gemeinde immerwährend fortbestehen. Völkerwanderung: 50 Prozent, also die Hälfte aller preußischen Juden haben ihre Heimat verlassen und sind von kleinen Städten in große gezogen. Was hier die trockenen Zahlen der StaMik besagen, unsere tägliche Erfahrung bestätigt es. Wie klein ist besvnders in Berlin die Zahl der jüdischen Familien, die auch nur seit einigen Generationen hier leben? Was bedeutet aber solche Wanderung? Meist sind es nur die Jungen, die sortgehen. Die Alten bleioen aus dem Lande oder in der Kleinstadt. Die Kinder der Fortgezogenen wachsen in der Großstadt aus. Sie kennen oft schon die Großeltern nicht mehr und die beste und natürliche Gelegenheit zu lebendiger Anschauung der Vergangenheit geht verloren. Teilen die jüdischen Familien dieses Schicksal mit allen, auch den nichtjüdischen Großstädtern, so kommt bei ihnen noch hinzu, daß nicht bloß der soziale Aufftieg zu höherer Bildung und neuen geistigen Interessen, sondern auch der Glaubenswechset, die Taufe oder doch oie religiöse Gleichgültigkeit ünd Indifferenz eine k u lturelleKluft zwischen Nachfahren und Vorfahren entstehen lassen, die am schmerzlichsten von den führenden geistigen Schichten, den Intellektuellen empfunden wird. Sodann die Pietätlosigkeit: sie steigert sich bei Ge- Judentum -Entfremdeten mitunter bis zum bewußten Millen, alle Spuren jüdischer Ahnen zu vernichten. Ist aber erst einmal das lange und sorglich bewahrte Traditionsgut, die Dokumente, Reliquien oder Familienpapiere vernichtet, so ist die Kette zwischen Vergangenheit und Zukunft unwiderbringlich zerrissen. Späte Enkel können selbst bei wärmstem Interesse und eifrigstem Forschen den verschütteten Weg zu ihren Vorvätern nicht mehr zurücksinden. Nun kann fteilich jene Entwicklung des modernen, großstädtischen, liberalen Judentums nicht rückwärts gedreht werden. Man kann erstorbene Formen nicht künstlich neu beleben, wie dies viele jugendliche Schwärmer erträumen. Wohl aber kann man, wenn man von dem Wert und der Wichtigkeit der jüdischen Familie für die Erhaltung des Judentums selber durchdrungen ist, in neuen Formen versuchen, den Familiensinn zu hüten und zu pflegen. Wenn es wirklich in der Großstadt nicht möglich ist. regelmäßig und dauernd mit den Verwandten zu leben, sich täglich zu sehen, und jeden Freitag Abend miteinander zu feiern, so verlebe man wenigstens die großen Feste unserer Religion und die kleinen Feste der Familie gemeinsam, damit die Kinder der verschiedenen Zweige sich nicht entftemden. Wenn der Urahn nicht mehr in der Lage ist, den Kindern von alten Zeiten zu erzählen, so muß es das Familienbuch tun, das in jeder Familie, die etwas auf sich hält, vorhanden sein sollte. Alle Einzelheiten sind sekundär. Alle diese Dinge sind ohne weiteres da, sobald es gelingt, die geistige Umkehr und Einkehr zu schassen, die unsere Glaubensgenossen innerlich zur Familie und ihren Gefühlswerten zurückführt. Weil ich in diesen Imponderabilien den letzten Wall des Judentums gegen subversive Strömungen zugleich aber auch das sicherste Mittel sah, aus unseren Kindern feste Charaktere zu bilden, ihnen Rückenstärkung mitzugeben und sichere Grundlage für Weltanschauung und Lebensführung, habe ich vor Jahresfrist zur Pflege des Familiengedankens ausgerufen und im weiteren Verfolg die „Gesellschaft für jüdische F amilienfor s chung" begründet. Daß sie rasch aufblüht, daß sie insbesondere unter der Jugend lebyasten Anklang findet, gibt mir die frohe Gewißheit, einen lebenswerten und lebensfähigen Keim ausgestreut zu haben. Unsere Jugend selbst fühlt, daß die Zerrissenheit und Unausgeglichenheit, die solange Zeit hindurch geradezu als jüdische Wesenheit gegolten hat, sich erklärt aus der Wurzellosigkeit eines Menschen, oer ohne den festen Halt einer Familien-Ueberlieserung aufwächst. In der Geschichte der eigenen Familie findet jeder das Abbild und Spieaelbild großer geschichtlicher Ent- Wicklungen. In ihr lernt der einzelne sich in histori-