Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 16 (17.4.1925)
- Date
- 1925-04-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Her Esuddtm sprfcbt Ein Btfddha sitzt auf meinem Pult im Dämmerlicht, Ihn sehend, frage ich: .Was ist der rechte Glaube?' Da plötzlich regt es sich aus Altertumes Staube — Der Buddha lebt, er leuchtet — und der Buddha spricht: „So viel Gläubige — so viel Spötter, ..So viel Bekenntnisse — so viel Götter; — Doch alle Götter sind nur das Bild Von dem Einen, der alle Leiden stillt.. Max Rosenfeld, Dresden Die WaM. Von E s t h c r B e r g. In einer mittelgroßen Stadt wählte die Judengemeinde einen neuen Chasan. Zwei Bewerber würden zur engeren Wahl zugelassen. Der eine: Daniel Bäumcher, bisher in einer kleineren Vorstadt in der Nähe tätig, der zweite Josef Benjamin Gabriel, den man bisher nicht hatte nennen hören, der sich nur zuweilen bei festlichen Gelegenheiten als Vorbeter in den Städtchen und auf dem Lande bitte sehen und vernehmen lassen. .Daniel Bäum eher reichte zuerst ein, und da er 'einige Bekannte unter den Wahlmitgliedern hatte, wurden ihm Name und Lebenslauf seines Nebenbilhters bald bekannt. Mit einem triumphierenden Lächeln trat er an diesem Tage zu Hause ein. Rebekka, seine etwas umfangreiche Hausfrau röstete am Familienherde Kartoffeln zum Mittagsmahle. Sie sah sofort an ihres Mannes freudig glänzenden 'Augen hinter der großen Hornbrille, daß er über etwas zufrieden war. Daniel blickte über die Brille hinweg und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand: „Jetzt weiß ich auch, wer sich mit mir um die Stelle bewirbt!" Rebekka ward neugierig. „Na — wer ist es, Daniel?" „Der Herr Josef Benjamin Gabriel — ein armseliger, kleiner, etwas verwachsener Mensch, so eine 'Art Bettler — eine Null, Rebekka — ein Nichts!" Rebekka schlug die Hände zusammen: „Da wirst 3u ja leichtes Spiel haben und bist so gut wie gewählt?" „Das meine ich auch! Eduard Rosenhaupt sagt es auch und (daß du mir das keiner Nachbarin, auch nicht unter dem Siegel der Verschwiegenheit vertraust) Heinrich Bach, einer meiner guten Bekannten, ließ mich das Gesuch lesen." „Daniel —! Als wenn ich eine Klatschbase wäre! Ich weiß schon, was ich erzähle mit Bedingung, keinen Gebrauch davon zu machen! Doch!— nur das, verstehst du, was sie wiedersagen (sollen!" Sie lachte und Hannchen, ihre Tochter, die bei geöffneter Wohnstubentüre vor dem Schreibttsche saß, lachte lallt mit Däiiiel schloß die Stube, trat dicht an seine Frau heran und flüsterte: j„jfeizt wird alles auf die „Aufmachung", auf die „Reklame" ankommen, Bekka! Ich will damit nicht sagen, daß dieser Kauz, der Gabriel, den ich persönlich nicht kenne, mir auch nur in den weg treten wird, aber — — man kann nicht wissen, vielleicht hat er Protektion!! Kurz — ich gehe •schnell zum Schneider Veit, lasse mir einen feinen •neuen Anzug bauen, mit seidenen Aufschlägen, wie man sie jetzt hat — und beginne meine „Besuche" bei einflußreichen Gemeindemitgliedern. Ich nehme das Diplom mit, weißt du, worauf das Datum vergessen war, die Auszeichnung, die mir der SimchesiVerein als ganz junger Marin gab, da ich einige Schabbes-Lieder vortrug! Sie werden ja nicht wissen, wie alt das Schriftstück schon ist! Und dann wird ein „Talar" gearbeitet, daß kein Rebbe sich zu schämen brauchte, ihn zu tragen. Den ziehe ich am Probetage an! Der wird wirken, denn [die Menschen sehen auf Aeußerlichkeiten, dafür sind sie Menschen!" Die Familie sehnte den Tag des Probegottes - ebenstes heiß herbei. Daniel ließ sie nicht mehr zu Atem kommen. Hannchen saß vom Morgen bis zum Abend an der Schreibmaschine, fertigte Duplikate des Diploms für alle Oemeindemitglieder! Die Mutter mußte an alle Orte reisen, wo Gabriel je gesungen hatte, sich über sein Talent, seine Singstimme, zu erkundigen. Aber diese kleinen Bauern und Händler wußten nichts von Talenten, nichts von Stimmarten, sie wußten nicht einmal mehr, ob und wann Gabriel bei ihnen vorgebetet hatte. Und Daniel ward schlechtester Laune» Er selbst war am Abend so müde von den vielen Treppen der Gemeindemitglieder, von dem Geben in jeder freien Minute, wobei sich ringsum alles mäuschenstill zu verhalten hatte. Der Haushalt lag brach und die kleinen Kinder wurden auf die Straße hinabgescMcktf , Endlich entschloß sieb Daniel seinen Nebenbuhler einmal aufzusuchen, um die wunde Stelle in seinem Wesen zu erfahren, wo man ihn schlagen könnte, er meinte „aus dem Bereiche schlagen"! Gabriel wohnte in dem Teile der Stadt, die ehemals das Judenviertel genannt worden war. Rund um eine nicht mehr beamtete Synagoge — schwärzliche kleine Häuser mit brüchigen Treppen, Trödler in den winzigen Parterreräumen — es roch nach Tabak, Seife, Erdöl und alten Kleidern, wohin man kam, Daniel suchte lange — das kleinste dar Häuslein War es. Und davon noch eine rtinterhauswohmmg h- Uber dem pumpengesehmuckten nassen Hofe —- wi zweiten Stöcke! räst w&re dem stolzen Marine der Zylinder vom Kopfe gefallen — dazu hätte er ihn freilich nicht aufzusetzen brauchen! Sauber war das Stübchen, in das man ohne Vorplatz eintrat, sauber die Diele, sauber Tisch und rohe Bänke — einziger Schmuck zwei blinkende Sabbatleuchter — an den Wänden alte jüdische Bilder — kein Teppich, keine Anrichte —! Eine Frau mit weichen Gesichtszügen, schlank und groß — viel zu fein für ihre Umgebung — fragte ihn, sichtlich erschreckt über den vornehmen Besucher, nach seinem Begehr. „Ach", sagte sie — „das ist eine Ehre für uns — Herr Bäumcher, bitte treten Sie näher." Nahe am Ofen saß in einem breiten Sessel eiii kleiner, ein klein wenig verwachsener Mann und schrieb große. hebräische Lettern in ein dickes Buch. Er erhob, sich und tat so natürlich erfreut über den Besuch, daß Bäumcher ihn stechend unter den großen Brillengläsern fixierte. „Ich bin Ihr Mitbewerber als Chasan" begann er, scharf das Ehepaar im Auge behaltend — „ich komme, Sie nach dem Tage der Gesangsprobe zu fragen". „Ach", rief die Frau — weißt du, Benjamin, fast hätten wir es vergessen —- es ist übermorgen s. G. W. am Schabbes". Und der Mann richtete träumerige Blicke in die Ferne, wie sich besinnend auf etwas Entschwundenes und wiederholte: „Ja — übermorgen". „So wenig Interesse haben Sie für Ihre Zukunft?" fragte Daniel ironisch. Aber erschrocken entgegnete der andere. „Ach -- — ich kann mir ein solches Glück einer festen Anstellung gar nicht denken — ich las die Aufforderung und schrieb. Siehe, man schickte mir eine Mitteilung zur Probe bereit zu sein! Das war schon ein Glück für mich der Gedanke — Vorsingen zu dürfen als Bewerber einer so großen Stellung." Bäumcher lachte freundlich. Ihm dämmerte plötzlich, als hätte er von diesem stillen Manne nichts zu fürchten und er wurde froh. Das mochte ein weitabgewandter Dichter sein — ach! einer, der gar nicht recht wußte, was im wirklichen Leben, im realen Daseinskämpfe eigentlich geschah — Märchendichter — Märchen, wie sie aus dem Talmud mancher „Bacher" schon gedichtet —- solche, die keine Weltanschauung haben und keine zu beeinflussen vermochten. Was wollte er hier? Er schämte sich ein ganz klein wenig und sah in das durchgeistigte warme Gesicht des vermeintlichen Nebenbuhlers, das von Güte erhellt wurde. „Sie schreiben auch?" sagte er, wie um die Gewißheit zu haben, daß dieser Mann auch nicht brotlos wäre, wenn er die Stelle nicht bekam. „Ich schreibe als Sofor manchmal — auch". Gabriel hob unmerklich die Schultern — es war nur eine kleine Bewegung —'das Weh, das in ihm zitterte, daß jemand seine Armut auch nur ahnen könnte — war darin verborgen. Und er fügte mit einem milden Lächeln hinzu: „Ich bin zufrieden!" Niemand brauchte zu wissen, daß er oft nichts aß, so oft, um den Seinen etwas zu lassen. Niemand, auch niemand sollte ahnen, wie diese Not war, und die so unverschuldet war, weil er gearbeitet hatte, sein Lebtag — nie ohne Arbeit — immer bis zur Nacht — immer den Tag durch und daß es nicht an Müheersparnis gelegen und nicht am Streben — — nur am Glück — am Glück allein! — Kein Glück — kein wenig Glück — gar kein Glück! — Aber er murrte nicht — er strebte weiter — ohne Aussicht, ohne Erfolg — er hatte seine Gesundheit geschädigt — durch Nachtarbeit — er strebte weiter ^— bis --? Bäumcher ging. Er brauchte sich also keinen Vorwurf zu machen — wenn er — gewann! »— Der Samstag kam! Bäumcher in seinem neuen Ornat — mit blendend weißem Hemde und neuer Krawatte machte einen glänzenden Eindruck. Er fiel ordentlich auf. Und er war seines Sieges gewiß! Er sollte zuerst singen! Es ging ihm wie einem Kinde, das bestimmt weiß, es bekommt den Zuckerkringel für seine gutgefertigte Aufgabe — oder wie einer zeitweiligen Zeitungsberichterstatterin, die vom „Doktor honoris causa" träumter war selbstbewußt! Die Synagoge war bis zum letzten Platze besetzt — man wartete mit Spannung, wie die Bewerbungen vor sich gehen würden. Und Bäumcher sang! Er hatte in der letzten Zeit Stunden bei einem ehemaligen Hofopernsänger genommen. Und die neuesten Opernmelodien mischten sich wie unwillkürlich in die hebräischen Weisen! Er sang mit dem Mute des Selbstbewußtseins! Seine Stimme war nicht schlecht — — aber es war — nichts Eigenes darin. Gott war ihm er selbst —! Sein Ziel waren Gefallsucht und Ehrgeiz — seine Tat Selbstbefreiung von einem selbstischen Drange. Die Leute sahen einander an und nickten. Das war ja mehr, als man erwartet hatte! Allem Anscheine nach ein Mann aus bester Familie mit guten und großen Manieren — und eine gute, eine sehr gute Stimme. Also — er vermochte zu repräsentieren und die an ihn gestellten Ansprüche zu befriedigen . . . Die „Schrittmacher" taten das ihre, Bäumcher in die rechte Lage zu setzen — — fast war es ausgemacht, er werde der neue Chasan der Stadt. In der Hälfte des Gottesdienst« übernahm Gabriel seinen Posten. Als der kleine geduckt schreitende Mann in dem langen Chorrocke, den er . ' bei einer alten Trödlerin erstanden hatte, vortrat, Friedrichstraße 60 * Ecke Leipziger Straße Etablissement Das vornehme Familien-Kabarett mit reichhaltigem, auserlesenen Programm. Gastspiel: KATE LOISSET der weibliche Sylvester Schäffer. Rath-Rex, der feingeistige Spötter, Frifc Tachauer, der brillante Humorist, 4t Kielt S alpine Lieder, Marga Tulodeöka, Edwiga Dolen Guenca lavera, Anita Jasnowa Marte Chevalier, 2 Glässner Conference: RATH-REX Kapelle Vielen. “WfS ging ein Lächeln über die Gesichter der Besucher des Gottesdienstes. Ein Lächeln des Mitleids, der — Geringschätzung fast. Dieser Verwachsene, dieser ärmlich wirkende Mensch wollte sich messen mit dem stolzen Bäumcher? Wer war das? Niemand kannte ihn — der James flüsterte dem Gemeindeältesten in das hingehaltene Ohr: „Er hat sich halt auch gemeldet — man will gerecht sein — ihn hören!" Benjamin Gabriel sang. Zuerst spitzten sich die Ohren aller — dann lauschte alles — dann fuhr wohl des einen oder anderen Hand nach den Augen, wischte verstohlen ein wenig Naß aus dem Blicke! Nämlich: von jener Stimme kam es wie ein milder Finger und strich über die Herzen und bewegte dort ein warmes süßes Heimatgefühl. Von dem einfachen Gesänge des kleinen Mannes hauchte ein Zauber und wob Märchen um die Worte der Propheten und Lehren — der Königssänger der Psalmen und der Mahnworte der Gelehrten. Der Sinn ward so klar — der Weg so hell — die kommende Woche lag wie eine Erfüllung still gehegter Wünsche des einzelnen vor der Bahn der Tage! — — Der Sabbat war so feierlich — wie selten sonst — das war Jubel und Prophezeiung, Befreiung von Sünde und Lust an der Freude des Augenblicks! Da war Gott! So groß — so unantastbar erhaben sprachen seine Worte aus diesem Gebete des Sängers — und so mild — so versöhnend — so erschütternd. Das war Gott, wie ihn des Kindes weiche Seele suchen1 und finden geht — das war Gott, wie ihn der begeisterte Jüngling, die sehnende Jungfrau aus der Entwicklungsfülle des jungen Daseins auftauchen läßt — das war Gott des reifen Mannes, der schon seine Vaterhand aber- und abertausendmal strafen und lohnen — und trösten gesehen! Das war Mutters Gott, die ihn stets in der Stille einer heiligen Stunde der Angst, Beklommenheit oder des reinsten Mutterglückes gefühlt —- — das war der eine allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erden, den kein Weiser zu erklären vermag — kein Frömmler zu verstehen — ejer für jeden immer der gleiche — der unpersönliche Gott sein muß, weil er sich kein Bild machen darf, von dem, was oben, über den Sternen wohnt, noch von dem, was unten im Wasser weilt . . .!- Nach der „Schul" erwarteten die Geineindevorstände und Aeltesten in einer Reihe den kleinen gebückten, etwas verwachsenen Chasan, der mit seltsam weltfremden erstaunten Augen die Kolonne ansah — die sich dann plötzlich um ihn drängte, ihn beglückwünschte und ihm mitteilte, daß gar keine innere Wahl mehr nötig sei nach einem solchen — seelenvollen Vortrage. Bäumcher wartete vor der Synagoge!" Ihm allein hatten die alten Weisen — die frommen Töne Gabriels nichts zu sagen vermocht! Er war so eingenommen von sich, daß er die Rührung und Spannung seiner Gemeindemitglieder nicht einmal merkte. Und er warfete gespannt vor der Türe.! Da kamen sie alle — alle — in ihrer Mitte kleinen unscheinbaren Mann — und Rosenhaupt trat auf ihn zu — und berührte seinen Arm und fragte ihn: „Haben Sie je Wunderbareres gehört als diesen Mann — er kann es gar nicht fassen, daß man ihn gewählt hat und er hat wiederholt versichert: Ich habe sonst immer viel besser gesungen, zu Hause — am Sabbat, vor meiner kleinen Familie — ich bin eben nicht für viele Zuhörer — weil — — weil mein Gehet nur — aus meinem Herzen kommt — und — ich glaube — auch meine Stimme!" Da ging Bäumcher raschen Schrittes von dannen, dagegen konnte er nicht aufkommen, das mochte er fühlen — das eine Talent versagte ihm — Herzenstöne fand er nichtl