Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 16 (17.4.1925)
- Date
- 1925-04-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zum 100. Geburtstag, 11. April 1925. Von 3. £<mbau. lieber sechzig Jahre nach seinem tragischen Ende ist Ferdinand Lass alle heute noch, trotz mancher Weiterentwicklung seiner Lehre, für Millionen von Deutschen Lehrer und Führer, Vorbild und Symbol, für alle Welt aber Gegenstand lebhafter Erörterung. Ihre volle Bewunderung versagen ihm auch seine Gegner nicht. Ein Leben von nicht ganz vierzig'Jahren ist noch selten erfüllt gewesen von soviel bewegten Schicksalen, von soviel fruchtbarer Arbeit, von soviel zeitbewegenden, lang nachwirkenden Taten. Gegenstand eines großen Heldenlieds hätte dieses Charakterbild und Schicksal werden können, lebten wir nicht in gar so nüchternen Zeiten. Zwischen zwei großen, romantischen Abenteuern, mit deren einem Lassalles öffentliches Leben begann und mit deren anderem es tragisch endete, welch eine üppige Fülle von wissenschaftlichen, von politischen, propagandistischen Taten und welch eine Reihe von heftigen Kämpfen für das Recht oder doch für das, was er in seinem heißen Empfinden als Recht gefühlt, als Recht leidenschaftlich, mit dem ganzen fortreißenden Angestüm seines Wesens verfochten hat. Aber Lassalles Leben und Wirken, die Bedeutung seiner sozialpolitischen Lehre und Propaganda, ihre starke Nachwirkung bis auf den heutigen Tag, wird von vielen Seiten geschildert und, je nach der Parteieinstellung, beurteilt werden. So mag es denn uns gestattet sein, in e r st e r Linie die Beziehungen seines Wesens und Schaffens zum Judentum einer Betrachtung zu unterziehen. Es ist zu einer Art von feststehendem Erkenntnissatz geworden, daß Marx und Lasfalle, daß zwei deutsche Juden also, die Bäter des modernen Sozialismus sind. Je nach dem Verhältnis, in dem man sich zum Sozialismus befindet, pflegt man ihnen das als V e r d i e n st oder der ganzen Iudenheit als Verschulden anzurechnen. Beide waren in Wirklichkeit aber nicht als Väter, sondern nur als Geburtshelfer und Pfleger einer neueren Form des Sozialismus anzusehen. Die sozialistischen Gedanken sind seit Platos Idee vom Staat, seit den kommunistisch gedeuteten Ausführungen in der Apostelgeschichte, fett den mannigfachen religiös-kommunistischen Gemeinschaften, deren größte der Iesuitenstaat in Paraguay war, immer lebendig geblieben. Sozialistische Theorien und Versuche waren eigentlich zu keiner Zeit ganz aus dem Bereich der Erörterungen geschwunden. Aber der Kommunismus, wie Marx und Engels ihn verstanden, ihn lehrten, hat kaum etwas mit dem heutigen Bolschewismus russischen Stils zu schaffen, vor dem Marx sich entsetzen würde, trotzdem die Bolschewisten ihn zu ihrem Schutzpatron, ihrem Idol gemacht haben. Bor einer Aufwühlung und Mobilisierung der Massen, vor einer gewaltsamen Verwirklichung seiner Ideen, hatte Marx, der stille Gelehrte in London, in seiner Theorienwelt lebend, eine solche Scheu, daß ihm schon Lassalles Propaganda in der deutschen Arbeiterschaft recht unbehaglich geworden war. Lassalle aber strebte, in dem leidenschaftlichen Gerechtigkeitsgefühl das ihn kennzeichnet, zunächst nicht eine stürmische Amwälzung, sondern nur eine wesentliche Verbesserung des Arbeiterloses, der Arbeiter-Lebenshaltung durch die Produktivgeirossensckafken mit Staats- Hilfe an. Eine Befteiung aus dem drückenden Joch des „ehernen Lohngesehes", bei dem, nach seiner Theorie, der Arbeiter in seinem Erwerb niemals über den einfachen Ankerhaltsbedarf sich erheben Kann. Die Schulze- Delitzsch-Lehre von der Selbsthilfe lehnte er ab mit dem Einwand, daß die Arbeiter nie in die Lage Kommest Können, aus dem eben nur zur Lebenshaltung für sich und die Familie ausreichenden Lohn Ersparnisse für Aene ProduKtivgenossenschaften zu machen. Den Aachweisen von der Verbesserung des Arbeiterloses gegen frühere Zeiten hielt er entgegen, daß die Ansprache an die Lebenshaltung immer nur im Zusammenhänge mit der jeweiligen Gesamtkultur zu hetrachten find. Ein Kannibale im Urwald wird eben nicht das Verlangen nach einem gutsitzenden Rock haben und vor Erfindung der Buchdruckerkunst hat kaum je ein Arbeiter es beklagt, daß er sich kein gutes Buch anschaffen kann. Aber auch Lasfalle dachte zunächst nicht an eine Mobilisierung der „Arbeiterbataillone". Cr versuchte erst die Fortschrittspartei für feine Pläne zu gewinnen. Er hoffte die Regierung für seine Ideen einzunehmen. Erst als diese Bestrebungen mißglückten, rief er sein Birgilsches „Flectere si nequeo superos Acheronta movebo. <Kann ich die Oberen nicht beugen, dann will ich die Anterwelt in Bewegung fetzen.) Soweit nun Marx, der, von Juden abstammend, selbst kein Jude mehr war, und Lossalle, der bis an sein Lebensende Jude blieb, — nur in der Zeit des heftigen Kampfes um Helene v. Doenniges hatte er sich einmal bereit erklärt sich taufen zu lassen — soweit sie beide nun in Lehre und Tat für die Verbesserung des Arbeiterschicksals sich einfetzten, für die Befteiung der Arbeiter aus dem Druck jenes „ehernen Lohngesetzes", wirkten sie, bewußt oder unbewußt, ganz im Sinne und Geiste der Bibel. Es ist eben das alte, ewig gleiche Spiel wie es jetzt bei Rußland sich wiederholt. Die Feinde des Bolschewismus machen die Juden zu Vätern und Lenkern des Sowjet-Systems, die Bolschewisten selbst beschuldigen m die Juden der feindsettM Betätigung gegen den Sowjet. Das eigenartigste, das wunderlichste Bild von der Beziehung Laffalles zu Religion und Judentum bietet uns die Begegnung von Lasfalle und H e i n e in Paris. Der zwanzigjährige Student, den feine philosophischen und philologischen Studien nach Paris geführt haben, sitzt am Krankenbette des Dichters, an Heines „Matratzengruft". Der jugendliche Student, auf dMen wissenschaftliche Zukunft Prof. Boeckh, der Meister, der E r n e u e r e r der klassischen Philologie, so große Hoffnungen gesetzt hat, der jugendliche Lassalle, ganz Energie, gespannte Kraft, ganz Flamme, Angestüm, himmelstürmerisches Streben, neben dem resignierten, totkranken Dichter. Aber auch der noch ganz im Judentum stehende Jüngling neben dem läng st getauften mit sechsundvierzig Jahren früh gealterten Heine. And da ist es nun seltsam, wie der protestantisch gewordene Dichter dem atheistisch sich gebärdenden jungen Lastalle feinen Gottesglauben, seine Liebe zum Judentum einzufiößen sich bemüht. In einem Brief an Lassalles Vater erwähnt dies Heine, wie er in vielen Briefen aus jener Zeit auch der Bewunderung, der geradezu maßlosen Bewunderung Ausdruck gibt, die ihm Lastalles Charakter, sein Wissen, seine überschäumevde Kraftnatur einflößt. Ein Eindruck, dem auch kritischere Naturen, kühlere, sich nicht entziehen konnten. „Das Wunderkind" hatte Alexander v. Humboldt schon den jugendlichen Studenten genannt. So stark war der Eindruck, den der frühreife Stürmer auf Humboldt machte, daß dieser noch nach Jahren sich veranlaßt fühlte bei Friedrich Wilhelm IV. für Lasfalle sich mit Erfolg zu verwenden, als die Polizei ihm, auf Betreiben der Familie Hatzfeld, die Erlaubnis zur Wiederkehr nach Berlin verjagte. Heine aber gab Lastalle bei dessen Abschied an Barnhagen von Ense ein Empfehlungsschreiben mit, in dem es unter anderem hieß: „Mein junger Freund, Herr Lastalle, der Ihnen bicfen Brief bringt, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Geistesgaben, mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen, mit dem größten Scharfsinn der mir je vorgekommen. Mit der reichsten Darstellungskunst verbindet er eine Energie des Willens und eine Sicherheit im Handeln, die mich in Erstaunen setzen, und wenn seine Sympathie für mich nicht erlischt, jo erwarte ich von ihm den tätigsten Borschub. Jedenfalls war die Bereinigung von Wissen und Könnens von Talent und Charakter für mich eine freudige Erscheinung . . . Herr Lastalle ist nun einmal ein ausgeprägter Sohn der neuen Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit wir uns mehr oder minder heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert uni) hindurchgejajelt, . . Wir Alten beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenküsten und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten, und waren doch vielleicht glück* sicher als jene harten Gladiatoren, die stolz dem Kampf entgegengehen..." Auch das gesteigerte oder Übersteigerte Selbstbewuhtfein Lastalles, das ihm als ^himmlische Frechheit" begreiflich und in seiner Ari berechtigt erschien, die 0 jugendlich-übermütige Baccalaureus-AnmctmMg ^erte Heine förmlich an Lastalle. So machte, er denn diesen jugendlichen Heißsporn zum Vertreter und Anwalt seiner Ansprüche. And wirklich hat Laffalle daheim für Heine sich eingesetzt. Mit dem Geschick, das später noch so oft, so glänzend sich bewähren sollte, mit jenem Michael-Kohlhaas-Eifer für den Kampf uws Recht, der ihn immer auszeichnete, hat er denn auch für Heine mancherlei erwirkt. Ein anderer, leidenschaftlicherer Kampf ums Recht war es, der die allgemeine Aufmerksamkeit zuerst aus Lasfalle gelenkt und ihn weithin berühmt gemacht hat, lange che er für das Recht der Arbeiter ganz sich einaesetzt und die Masten um sich geschart, für sich «ffflammt hatte. Es war die KassettendiebstahlS-2' legenheit, die in den vierziger Jahren desvorigen^ Hunderts ungeheueres AEehen ertegt mid zum e . . in der isnsen Räche drrshmt« PrszMe M 'tu deren MtteWuM Lkjsäüe stand. Zur ersten Mer! Verteidigungsreden, die heüte noch auf den Leser ihre! hinreißende Wirkung üben. / ■*! Ein Jugendfreund erzählt ihm eines Tages von eiUer j schönen, stolzen unglücklichen Gräfin Hatzfeld, die von einem hatten, brutalen Gatten mißhandelt, geknechtet, 1 um Besitz und Recht gebracht wird, und Lastalle ist |o-i fort bereit, sich mit Leib und Leben, mit allem verwegenen Wagemut für sie, die Anbekannte, einzusetzeni ) Meint man da nicht Karl Moor zu hören, wie ‘ er j nach der Erzählung des Kosinsky die Seinen aufrüft: j .. Sie, weint, sie vertrauert ihr Leben. Auf! Hurtig!? Alle! Auf nach Franken . . .!" Das waren eben noch romantische Zeiten. Da diej Dokumente, die das Recht der Gräfin Hatzfeld erweis sen sollen, in streng gehütetem Besitz des Grafen sich befinden und nur durch eine Art Einbruch zu erlangen I sind, so wird dieser Einbruchsüiedstahl keck gewagt. 3n 1 der Gerichtsverhandlung weiß er den heißen Gerecktig-! Keils- und Menschlichkeltseifer, in dem er und seine! Genossen gehandelt haben, den Richtern überzeugend; darzutun. Er wird glänzend fteigesprochen, und nur einer der Beteiligten wird verhältnismäßig gelinde destraft. : Am nun aber das Recht seines Schützlings zu ver-, treten, zum Siege zu führen, stürzt sich der bisherige! Philosoph und Philologe in das Studium der Rechte. I Er bedrängt seinen Gegner mit einem wahren Gestiwer! von Prozessen, die er alle führt, alle gewinnt. Gräfin! Hatzfeld hat ihre Freiheit wieder, die Verfügung über; ihr Vermögen und sie, die Aristokratin, die bisher von j Politik wenig, von wirtschaftlichen Kämpfen, von At-. i beiterschaft und Proletariat gar nichts gewußt hat, wird Lastalles eifrigste, treueste Verbündete im Ringen um die Rechte und Interessen des „vierten Standes". War als Frucht der philosophischen Studjen das umfassende und von der Fachwissenschaft nicht gefinQ ein* geschätzte Werk „Die Philosophie Herakleitos oes Dunk-? len von Ephesus" gereist, jo führte ihn die Vertiefung■ in die Rechtswissenschaft zu seinem groß angelegten,: zweibändigen Werke über das „System der erworbenen j Rechte". Für den idealistischen Grundzug in! Lastalles Bestrebungen für die Rechte und die wirtj schaftliche Befreiung der Arbeiter ist es aber bezeichnend, daß, als erster Niederschlag seiner Studien, und Ge-1 mütsregungen eine dichterische Schöpfung, sein Drama! ./Franz von Sickingen" erschien, ein Werk, das nur in ziemlich bescheidenem Grade durch poetische Vorzüge! sich auszeichnet, das aber um so stärker erfüllt ist vom! heißen Atem seiner Leidenschaft'für geistige Freiheit, für aufopfernden Kampf um die Sache des Rechts. 3m i Ulrich von Hutten schildert. LaMe sich selbst, wenn er! ihn ausrufen läßt: .