Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 15 (10.4.1925)
- Date
- 1925-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrgang Das Fest der Zum paffahfeste. Äon Rabbiner Dr. Dlenemann- Offenbach a. M. Das Passahsest ist ein Gemisch von Zeitlichem und Zeitlosem. Das Zeitliche ift das einstens einmal Geschehene, der geschichtliche Borgang, zu dessen Erinnerung das Fest eingesetzt ist, der Auszug aus Aegypten,!d!e Erringung der Freiheit, der Jubel, mit denl das Dolk die neugeschenkte Freiheit begrüßte; das Hoch- "'" dessen, der wetz, oäß er nun zu selbständigem Wirken berufen Ist, das Bewußtsein des Hineingestelltseins in den lebendigen Flitz der Weltgeschichte, mit itätig sein zu dürfen an dem Bau der Menschheit, nicht Mehr nur Objekt, Gegenstand der Willkür zu sein, sonldern tätiges Subjekt,' lebendiger - Gestalter des Get)ens. Bon hier aus gesehen behält unser Passahfiets und über allen Wandel hinaus dieses Zeitliche, n niemals ist Freiheit etwas Festes und Sicheres, sondern immer ist es ein zu Ersehnendes und Er- KSmpserrd.es, ein mit allen Kräften gegen tausenderlei Widerstände Festzuhaltend.es, immer muß man es neu erringen, seldstärwiger Gestalter des Geschehens zu Men. m* ,.r. „ „ Hunden ist das PaKahfest ferner PerkNÜpstsem Israels mit -er Geschichte der ^rnvölker. Eingesetzt zur Erinnerung an das erste Er- Mnis, mit dem eine bewußte, in sich ruhende israeliche Geschichte begründet wurde, bleibt es das ewige Mbol der Geschichte Israels. Diese Geschichte aber A sich dar als etn ständiges Brrknüpftsein mit Bolksmern^ in die wir im Flusse der Entwicklung hineinboren sind, und als der ständig sich erneuernde Kampf, aus diesem Hinemgebvrensein sich erhebt, der Kamps -wischen dem Eigenen, das man wahren will und soll, i«ad dem Fremden, das uns beeinflußt und dessen Bestes Man mit seinem Eigensten za verschmelzen berufen ist. Zugleich aber ist dieses Passahfest etwas Zeitloses, rll man über das Geschichtliche und Rationale, das Mt ihm verbunden ist, htnauswachsen und religiöse Gedanken mit ihm verknüpfen will. Religiös aber,;oa§ bedeutet eben ein Ewiges, Zeitloses, an keinerlei Ereignis mehr unauflöslich gebunden. Dieses Zeitlose Mte man ausgedrückt in dem Ramen, den das geschichtliche Ereignis trägt, jezias mizrajim — Auszug Ms Aegypten —. Man deutete dieses Wort mizrajim. Was es in-Wahrheit bedeutet, kann niemand mit iSicherheit wissen. Es ist das Wort einer fremden Malten Sprache, das das Ohr des Hebräers in dieser Form aufnahm. Was es in dem Sprachgeist des alten Ägyptens, aus dem es stammt, bedeutet haben mag, Mer will das heute ermitteln? Aber der Zude fand in Ö1 e*nen lautlichen Anklang an ein Wort der hebräychen Sprache, das bedeutet „das Engsein, die Enge". Mnd so faßte er jezias mizrajim übergeschichtlich, zeitlos auf als das Hinausgehen aus der Enge. Philologisch ist das ganz und gar unhaltbar, kann ein leises Lächeln Hervorrufen, Willkürakt der Volksetymologie, aber es »ft tief gedacht, weitreichender als philologische Wortergründung, und darum in einem höheren Sinne richtig. Passah wird damit zum ewigen zeitlosen Symbol der Notwendigkeit des Hinausschreitens aus der Enge in vie Weite, ans Kleinmachendem zu Größefpendendem. «»n vielerlei Bezirken der Seele und der Tat ist das notwendig und dringende Forderung. Beginnen wir mit dem Alltäglichen und Grundlegenden. Eng ist unser Denken, wenn es gefangen ist in dem Beruflichen; wenn das, womit der Zwang des Be- Mes uns zu beschäftigen nöttgt, zum Inhalt unseres Gebens wird. Damit ist nicht gemeint das Aufgehen m dem mit dem Beruf verbundenen Gelderwerb. Gemeint ist vielmehr das Gefangensein in dem Zirkel des Gerufes, daß man sich im Zentrum seiner Seele als ^lied seines Berufskreises fühlt, eingespannt in dessen Notwendigkeiten, Voraussetzungen, Denk- und Lebensgewohnhelten. Man täusche flch nicht! Diese Gefahr negt heute besonders nahe. Der Mensch von heute hat?^.^ohe vertemt, anders als aus den Eigentümlichkeiten iSines Berufes herauS.zu denken und zu handeln. Es hängt mit der ganzen Entwicklung des rein Kapitalistischen Denkens zusammen, daß er als richtig nur anerkennt, was den Nutzeffekt seiner Arbeit zu steigern imstande ist, daß er die Wirtschaft als das Bestimmende, Gesetzgebende des menschlichen Beisammenlebens anerkennt, und die Wirtschaft empfindet und beurteilt eben jeder naiv oder gewollt aus feinem eigenen Berufe heraus. Er kennt nur dessen Forderungen, Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Er sieht die ganze Wett unter dem Gesichtswinkel des einer Berufs- und Wirtschastsgruppe Eingegliederten. Hier tut uns ein Zug ins Weite not. Heraus aus der Enge der eigenen Arbeit in das Reich der gemeinsamen Arbeit, in das Berflochtensein der Stände, der Staaten und Bölker, heraus aus der Enge der Wirtschasts g e s i n n u n g in die Weite einer nur durch Religiosität zu begründenden Wirtschasts e t h i k. Aus der Enge in die Weite, aus kleinmachenden Gedanken zu Größeverleihendem, das heißt im besonderem Falle des Judentums das Judentum einbauen und einbeziehen in weltgeschichtliches Denken, uns zu fühlen in unserer Aufgabe inmitten, der Welt. 4 Hier kommt der zwiefache gegensätzliche Bewußtseinsinhalt zum Ausdruck, der die Seele Maetz ständig erfüllt. Es muß sich. absondern und muß anders sein als die Menschen ringsum es sind, es muß sein Eigenleben für sich haben mit seinen eigenen Gedanken und seiner ihm zugehörigen Lebensform, es muß zu allerhand Denk- und Lebensformen seiner Umgebung in Widerspruch sichen und sich bewußt im Widerspruch Mhlen, und zugleich muß es leben für die Welt und die Menschheit. Darum schließt das Passahfest, das ursprünglich doch einen nationalen Ausgangspunkt hat und in dem alle Keime zur Entfaltung einer nationalen Ausdeutung lagen, bewüßt ab mit dem messianischen Gedanken, wie er im 11. Kapitel des Jesaja angebaut ist, damit wir aus der Enge, ln die wir zu einem Teil gebannt sein müssen, doch immer wieder hinausschreiten in die Weite. In dieser Begründung des messianischen Zieles am Passahsest liegt noch von einer anderen Seite her ein Hinausschreiten aus der Enge in die Weite. Es läge sehr nahe, den Erlöjungsgedanken rein politisch zu nehmen, das Passahsest spiegelt die einstige Befreiung Israels aus seiner politischen und völkischen Bedrückung in Aegypten wieder, die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, daß man ans Passah anknüpfend auf die Erlösung Israels aus seinen gegenwärtigen polittschen Röten hofft und dann den vornehmlichen Sinn des Festes erblickt. Dann wäre alles zugespitzt auf Israel und sein Geschick. Es ist auch Tatsache geworden, daß der Erlösungsgedanke rein individuell gefaßt wurde. Aus dem Passahfest wurde in der christlichen Kirche das Osterfest, das mit dem Mythos vom sterbenden und wieder aufersiandenen Gott zum Symbol des sündigen und durch die Opfertat Gottes seelisch wieder auserstehenden Menschen geworden ist, so das Individuum mit seinem persönlichen Erlösungsbedürfnis in den Vordergrund ruckend und es zum Mittelpunkt des Erlösungsheils machend. Zn dem messianischen Ausklang des Passahfestes aber vollzieht sich das Hinausschreiten aus der. Enge solcher Betrachtung zur Weite des Gemeinschastsbewußtseins. Es ist nicht das Individuum allein, das erlöst werden soll, es ist nicht Israel allein, das der Erlösung bedarf, es ist die Erlösung von den antisozialen Mächten der Gewalt und der Unterdrückung, die für alle Welt und jedermann als Hell der ganzen Menschheit erhofft wird. So wird die Enge des Individuums und der Bolkspersönlichkeit besiegt durch die Weite des Gemeinschaftsbewußtseins. Enge ist vielfach in unserem jüdischen Leben. Eng fl es, wenn es eingespannt ist ln die Form, wenn die orm als -as Wesentliche und Eigentliche empfunden wird. Nicht daß die Form an und für sich gleichgültig f; und man sich ein Judentum losgelöst von jeglicher orm denken könnte, wir find heute nach mancherlei Zrrgängen wieder soweit, daß wir den Wert und die Notwendigkeit von Formen wissen und schätzen. Aber sobald wir die Form vergotten,'sie als das Prägende und Wesentliche verehren, in ihr alleindas Jüdische erblicken, von ihr allein das Heil der Erweckung der Jugend erwarten, sind wir in einer selbstgewollten und verschuldeten Enge, aus der hinauszuschreiten zur Weite der mit der Kraft der Erneuerungsfähigkeit begabten Idee Notwendigkeit wird. Eng ist das jüdische Leben, wenn es sich nur empfindet als Kampf gegen den Antisemetismus. Dieser Kampf ist an sich notwendig, ist uns ausgezwungen und muß mit größtem Ernst und in vollem Gefühl der auf uns lastenden Verantwortung geführt werden; jede Gelegenheit muß benutzt werden, um die Masse zu diesem Kampf auszurufen und anzustacheln, er kann gar nicht energisch genug geführt werden: Aber zugleich muß man doch auch wissen, -atz dieser Kampf, wenn er die alleinige Bekundung des jüdischen Bewußtseins ist, unfrei und unfroh macht. Es macht unfrei und unfroh, wenn man immer gleichsam daneben steht und aufpaßt und bettachtet, wenn man nicht aus dem Gesetz des eigenen Seins und Denkens heraus mit der Sicherhett der Ilnbewußtheit handelt, sondern immer aut ein Anderes, Außenliegendes eingestellt ist. Aus dieser Erme müssen wir heraus, die Kutturaufgabe Israels, erfassen, müssen Miss i o n treiben. Man mutz das Wart richtig verstehen; es soll nicht bedeuten, daß wir ans Proselytenmacherei ausgehen sollen — obgleich es schon ein Zeichen einer beginnenden Verengung des Geistes war, als man sich gegen jeden Bekehrungswillen verschloß — es soll bedeuten, daß wir uns unserer Pflicht, oie Welt von unseren Gedanken aus zu beeinflussen, bewußt bleiben müssen. Es ist das die Wahrheit, die einer der interessantesten Philosophen der Gegenwart, Graf Kayserling, einmal mit dem Worte ausgedrückt hat: ,-Iede ethische Erneuerung der Welt ist noch immer von den Einflüssen der Bibel, von den in Israel zutage getretenen lebendigen Triebkräften ausgegangen". Wir müssen fühlen und der Welt zeigen, daß wir unvergängliche Werte geschaffen haben und auch noch heute imstande sind, die Welt in die Richtung einer höheren und besseren Ethik zu drängen. Es schadet dabei nichts, daß wir nicht auf allen Gebieten des Kulturlebens Originales geleistet haben. Gewiß, wir haben in der Kunst nicht Originales geschaffen — wie ist sie aber auch mißbraucht worden! — Gewiß, wir haben nicht dem Staatsgedanken irgendwie Erfüllung und ein glänzendes Kleigegeben, — wie ist er aber auch mißbraucht worden, zu einem Götzen, einem Moloch gemacht worden, dem unzählige Opfer gebracht wurden! — Gewiß, wir haben nicht das Größte geleistet in der Ausbildung der feineren Rechtsform, — wie ist auch die Rechts form mißbraucht worden, um den Geist des Rechts zu mißhandeln! — Aber von uns ist der Sabbath ausgegangen, und wir hatten ihn auch heute noch so, daß er nicht zu einem Tage des Sports und der Vergnügungen wird, sondern -er Gott geweihte Tag. Bon uns ist die Lehre der Nächstenliebe ausgegangen undie innige Verknüpfung von Gottesglauben und sittlicher Tat. Wir hatten die erste Sozialgesetzgebung, und jede Bodenreform knüpft auch heute noch stets und immer an die biblischen Motive an. Mir halten die Lehre von der Einheit der Menschheit unverbrüchlich fest und sind ein festes Bollwerk gegen die Gefahr des Rassewahnes. Wir sindie bewußten Träger des prophetischen Ideals von dem Frieden der Bölker und pazifistisch nicht aus Wirtschastsinteressen unwegen -er Zerstörung von Gütern un- Bolkswohlfahrt, fondernwegen -er I-ee unaus religiösem Bewußtsein. Wir sindie bewußten und konseauenten Bertteter der Idee von -er sittlichen Selbständigkeit des Menschen un- -es Sichnichtstützens auf mystische Gnadeneingießung. Wir vertreten bewußt die Idee, -ah die Welt zu bejahen ist, weil sie das Feld ist, auf der der Mensch seine Bestimmung erfüllen Kann, -as Reich der Sittlichkeit aufmbauen. Wir haben als Zentrum unserer Sittlichkeit oie Forderung, sich in jedes Menschen Seele elnzufühlen, damit niemand beschämt werde. Wlr stteben bewußt nach der Unterordnung der Wirtschaft unter sittliche Ideen, nach -em Aufbau einer wirklichen religiös