Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-04-03 · 14 (3.4.1925) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
14 (3.4.1925)
Date
1925-04-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613802--1276-2618620
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

m Die Judengeige. Erinnerung aus dem alten Berlin von Max Rosenfeld In den Ladengewölben des alten Berliner Mühlendammes hausten nicht nur Kleiderjuden, es hatte fast jeder so seine Spezialität. Es gab da einige Händler, die unter ihrem Trödelkram Musikinstrumente bevorzugten. Wenn ich nun als Knabe an .den Bogenlauben alte Harfen, Geigen und Guitarren hängen sah und erblickte darunter die Trödeljuden mit ihren wehmütigen vergrämten Gesichtern, so •fiel mir jedesmal der 137. Psalm ein; denn auch die wachsende Weltstadt wurde ja häufig ,-Babel" genannt, die Wasser der Spree flössen unter dem Mühlendamm hindurch, wo die Kinder Israels wie in der Verbannung saßen. Das Rauschen und Brausen der Königlichen Mühlen klang ihnen gewiß wie das uralte Lied: „An den Wassern Babels saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen an den Bogenlauben. Denn die uns gefangen hinweggeführt hatten und uns wehklagen machten, forderten Klänge der Freude von uns: Singet uns eines von Zions Liedern!" Und wirklich, aus den Ladengewölben tönte nicht nur das Gemauschel der Trödeljuden hervor. Es war da ein Laden, den hatte der Trödler Lamech' inne, in diesem Gewölbe erklang manchmal ein ganz wunderbares Geigenspiel, so daß die Menschen gedrängt vor der Tür standen und entzückt lauschten. War das Menschengedränge zu arg, dann hörte das Geigenspiel auf. Gewöhnlich trat dann entweder der alte Lamech oder seine Tochter, die schöne Zilla, an die Tür. Man wußte nicht, wer so wunderschön gespielt hatte, ob Vater oder Tochter. Ich hielt die Tochter Zilla für die Geigenkünstlerin; wenn ich sie sali, erschien sic mir wie ein Märchen aus 1001 Nacht. Sie hatte schwarze Sammetaugen, und ihre Haarflut war von einem seltsamen Kastanienbraun, mit einem Schimmer wie Gold. In Lamechs Schaufenster waren verschiedene Geigen ausgelegt, deren Anblick mich häufig fesselte, hatte ich doch selbst nur eine sehr billige schlechte Violine, auf der ich in der Musikschule von Direktor Schölzel Unterricht nahm. Ich erzählte Herrn Direktor Schölzel von dem wundersamen Geigenspiel, das manchmal aus Lamechs Gewölbe klang. Wir gingen eines Tages zusammen nach dem Mühlendamm und lauschten vor dem Laden. Wirklich, da tönte das Geigenspiel wieder. Herr Schölzel lauschte wie betroffen. „Scheint eine Guarneri zu sein. Wenn der Jude nicht zu teuer ist, möchte ich diese Geige wohl kaufen. Wunderbar, dieser Ton!" Wir betraten den Laden, sofort schwieg das Geigenspiel, und wir sahen, wie der alte Lamech1 eine Geige schnell in den Kasten schloß. So war er also selbst der Künstler! Die schöne Zilla saß hinter dem Schaufenster auf einem Stuhl mit einer Stickarbeit beschäftigt. Herr Schölzel wandte sich sogleich an den alten Juden. ,,Gestatten Sie, Herr Lamech, kann man die Geige einmal sehen, die Sie soeben spielten?" Lamech blickte uns etwas verwirrt an. „Sehen können Sie die Geige schon, aber sie ist nicht verkäuflich." Damit nahm er das Instrument wieder aus dem Kasten, zeigte es uns, gab es jedoch nicht aus der Hand. Stammtisch zum »sie« Ochsen in W. Sie Haben Ihre Wette verloren, denn nach unseren Erkundigungen führen >ie meisten großen Passagier-Dampfer in ihren Apotheken für eventl. Erkältungserscheiiiuiigen Kays echte Sodener Mineral-Pastillen. „Eine echte Stainer", fuhr er fort und sah daher immer scheu seine Tochter an. „Ich besitze sie seil zweiimdzwanzig Jahren." Direktor Schölzel sah die Geige begehrlich1 an. „Darf ich mal darauf spielen?" „Nein!" rief der Jude heftig und zog die Geige fort. „Wenn Sie eine Geige kaufen wollen, so habe ich andere, aber diese hier bekommt kein Mensch." Er nahm den Bogen und spielte, auf und abgehend, eine herrliche Passage mit. Doppelgriffen. Manchmal klang es wie Orgel, manchmal wie Vogelgezwitscher. Plötzlich brach er mitten im Spiel mit einer Dissonanz ab, sah erschrocken nach seiner Tochter und schloß die Geige wieder in den Kasten. Herr Schölzel ließ sich nun alle anderen Geigen vorführen, probierte sie selbst, sie fanden aber nicht seinen Beifall. Wir versprachen wiederzukommen und verabschiedeten uns. „Wenn ich doch nur diese Judengeige bekommen könnte!" sagte Direktor Schölzel jeden Tag, sobald ich zum Musikunterricht kam. „Ich gäbe sonst etwas darum. Uebrigens ist mir der alte Lamech ein Rätsel. Sein Geigenspiel ist geradezu virtuos, er könnte sich getrost neben Sarasate hören lassen. So muß Paganini gespielt haben. Der Jude ist ein wahrer Tor! Warum er sein meisterliches Können so zurückstellt? Er würde, wenn er öffentlich aufträte, einen Sturm der Begeisterung erwecken. Der Jude könnte ein Heidengeld verdienen." Die Auslassungen Direktor Schölzels beschäftigten mich sehr, es mochte wohl in mancher Kunst verborgene Meister geben, die geeignet wären, die sogenannten „Berufskünstler“ in den Schatten zu stellen, sich aber aus irgendwelchem Grunde nicht öffentlich zeigen wollten und auf jeglichen Ruhm freiwillig verzichteten. Eine erhabene Größe schien mir in dieser Verachtung aller Eitelkeit zu liegen. Fast täglich stand ich ein Weilchen vor dem Schaufenster Lamechs, doch immer seltener hörte ich das wunderherrliche Geigenspiel. Hinter dem Schaufenster saß meist die schöne Zilla über ihre Stickerei gebeugt. Häufig sah ich einen eleganten blonden Herrn bei ihr stehen, der sich angelegentlich mit ihr unterhielt. Die Gestalt dieses Blonden schien mir gar nicht in die jüdische Umgebung zu passen, und ich wunderte mich sehr, daß Zilla so vertraulich mit ihm sprach. Mir fiel auch auf, daß der blonde Herr nur in dem Laden weilte, wenn der alte Lamech abwesend war. Einmal bemerkte ich, w ie sich die beiden jungen Leute hinter dem Schaufenster küßten. Und einst, als ich vor dem Ladengewölbe nach' dem Geigenspiel lauschen wollte, hörte ich einen erregten Wortwechsel, unterbrochen von einer schluchzenden Mädchenstimme. „Mit meinem Willen nie und nimmer", hörte ich' den alten Lamech schreien. „Meine Tochter ist und bleibt eine Jüdin, daran kann kein Mensch und kein Gott etwas ändern. Und das ist mein letztes Wort." Gleich darauf sah ich den blonden Herrn mit geröteten Augen den Laden verlassen. Drinnen hörte ich Zilla laut aufweinen. Ich entfernte mich erschrocken und setzte meinen Weg fort. Was mochte bei Lamechs vorgegangen sein? Mit einer gewissen Scheu ging ich jetzt täglich an dem Geschäft Lamechs vorüber. Ich wunderte mich, daß der Laden oft tagelang geschlossen blieb. Direktor Schölzel sprach häufig noch von der „Judengeige", die er gern haben wollte. Ich erzählte, daß Lamech sein Geschäft jetzt selten öffnete, Doch Herr Schölzel meinte: „Wir wollen mal wieder hingeben, vielleicht geht bei dem Juden der Laden schlecht, und er verkauft mir die Stainergeige." Als wir an einem Winterabend das Gewölbe Lamechs betraten, fanden wir den Händler hinter lüge! ca. ISO Instramente der verschiedenst. altrenommiert. Marken stets vorrätig, auch Kuustspielpianos Beoasmc Talisaftlun* gestattete Hans Rehbock&CD., Molzstr.78 WWWWWWWWWWWWWWWW (a. Koll«r»dorfplatz) Generalvertretung von Schiedmayer& Söhne seinem Schaufenster, er saß auf dem Stühlchen, auf dem sonst immer Zilla gesessen hatte. Der Mann schien um viele Jahre gealtert, er blickte uns wie irrsinnig an. _ (Schluß folgt.) Geschäftliche Mitteilungen. Wir möchten unsere Leser auf die am 17. April beginnende Preutzische Klassen-Lotterie aufmerksam machen. Die Anzahl der Lose ist wegen der großen Nachfrage wieder vermehrt worden und dürften auch dieses Mal die Lose bald vergriffen sein. Unser Mitglied, der staatliche Lotterie-Einnehmer Herr David Feilciienfeid hat noch Lose abzugeben. Bei den außerordentlich günstigen Gewinnmöglichkcitcn ist es zu empfehlen, sich mit der Bestellung zu beeilen. Einen Sonderverkauf großzügigster Art ver-anstaltet hie Baer Sohn Mtiengvslellschajt in i>er alleinigen Verkaufsstelle Chausseestratze 29-30. Es gelangen HerrenanZüge in modernster Verarbeitung und in hervorragender Beschaffenhei-t her Oibrrstoffe und Zutaten zum Verkauf. Die Anzüge find in modernstem Schnitt, der Taillenschluß ist lose gehalten. Die Muster verdanken den neuesten Schöpfungen technischer Mebekunst ihre Herstellung. Wegen der Preisbemessung Wird auf das Inserat verwiesen. SonderAngebof au,s unserem letzter» AUSidDCfs’Efli/fSUfl 1 großer Posten echte GebetTeppiche in den hepnlichster» Farben, gute große Formate. schön fapbi'ge, kleine echte ße/udsch/sfan Brücken u. Vorleger fOOr 80r 60.>- w# <pi. , w 1 größer Posten m Brücken u. Vorleger f f g Spefse-u Wohnzim mertente Schöner Axm //I«S/er Teppich ca 300X200dm. in 10 feinen *WgF - Person™ uslenn und Farben m. •" ■ Große Auswahlsehr preiswerten Teppicne und Brücken in allen Größen. CAHerpich Söhne Damen-u. Herren Kleidung _— Hüte-Sport-Kleidung u.Oerofe TEPPI€IHH PEImZE Orient-Kunst •Stickereien 7ßöS Berlin Mss, Leipziger Sfr, 9 -n 337 Carl Pisdtke Inh. Otto Hoffmann Feine Schüttwaren nach Maß, besonders für Fußleidende Berlin WSO, Nürnberger Straße 66. Fernspredten Steinplalz 3243. epp ich “Rein igung STAEHR& Co. Nfl. mm Lehrerinnen, Erzieherinnen,; Schwestern und andere be-j rufstätige Frauen finden vom 1. Mai an behaglichen | Erholungsaufenthalt (rituell) in! kleinem Heim in Niendorf a. d.. Ostsee (in der Nähe v. Lübeck). Die Kosten betragen tagt. 4.— M., Aufenthaltsdauer 2—4 Wochen, i Meldung, m. ärztl. Attest werden sofort erbeten an die SchriftU des Jüdischen Frauenbundes,i Berlin C2, Rosenstraße 2/4, Frau Henriette May.! S 42.' G.tschmcr Straße 80," / . Mbfitzplau 5v G. STRAUSS Berlin W, Schlüterstraße 47 Ecke KurfüTstendamm früher Marburger Straße Mazzoth Zum 1. Juli d. Js. ist die Stelle des; Brounsdtweigfedhen Stadtu. Laodesrabbiners1 I neu zu besetzen. Besoldung nach; der Staatsbeamtenbesoldung (Gehaltsgruppe 11 bei freier Dienstwohnung. Bewerber wollen sich unter Mitteilung eines Lebenslaufes u. Beifügung von Zeugnis- J abschritt, u. Photographie melden j bei dem j Vorstand der jüd. Gemeinde; in Braunschweig. j I. A.: Rechtsanwalt Mielziner.i Braunschweig, den 23. März 1925.; Soeben erscheint in neuer Auflage: Hagadah für Pessach. In deutscher Sprache von flüabb« Dr. c. Sellamann mit 36 Abbild. Preis gebund. M. 3« J. Kauffmann« Verlas», Frankfurt a. M.« Schiillerstr. 19. Schuhhaus IffiuuneF vj Breslau Ohlauer Straße 5/6 Charlottenburg Kurfürsiendamm 75 (Ecke Dahlmannstr.) Fernsprecher: Steinplatz 305 Brillanten. Perlen. Gold« u. Silberwaren Umarbeitungen und Reparaturen HAMBURG Religlonssctiulfi des jüd. Scbalvcrdns Das neue Semester beginnt am 20. April. Anmeldungen neuer Schüler und Schaicrinnen (Anfänger und Fortgeschrittene) sind möglichst bald an den (Jntereeichneten zu richten. Der Unterricht findet lOr jedes Kind einmal wöchentlich in der Oberrealsehule Eppendorf, HegestraOe statt. D er Schulleiter Rabb. Dr. Rtilf, Parkallee 2 Telephon: Nordsee 2662, Abitur^Obersekunda VormitUgsschule, Abendschule. Vorbcreitupgssnstalt. Direkt Daiulfer Berlin, Alt« JakobstraBe 134. Kleine Anzeigen Speisezimmer, Schlafzimmer, Herrenzimmer, Küchen, Miibgarnliuren preiswert. Tausende Empfehlungen. Möbelhaus Kamerilna, Kastanienallee 5k. ._ Schneiderin, flott und sauber arbeitend, empfiehlt sich: nähe auch Knabensachen. Halm, Aelchenberger Straße 13«. Stutzflügel, prachiflüfl, langjährige ®arcn(k, monati. 100 m. pionfne gebraucht 425 m Konetzny. Sülovstr. 48, Ecke gortffircfc« Wir verleihen preiswert moderne Gesell. schafiSanzüge. Scheiapes, Skaiitzer Sir. 125. Morifchlatz SA». Autokurs». Stabtstchere^ründUche Ausbildung. 2oh. KraschewSki, »Aowstr. Kurfürst 93&u <?r»lhrAftww. i 999999999999999999999411 94265730

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.