Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 13 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Wolf „Thilim“. Emtz alte Erzählung1 aus jungen Jah'ren von Josef Grob.;"#> Wir hatten im Städtchen zwei Äerzte. Einer war Hude und hieß 'Max Chameides, der andere war Christ mit dem Namen Wazlaw Jampolski. Beide erfreuten sich bei der Bevölkerung des Städtchens, die zu 90 Prozent aus Juden bestand, derselben Beliebtheit. Das heißt: je weniger man sie brauchte, desto lieber war es. Der eine, der jüdische Doktor Chameides, hatte nämlich die Gewohnheit, so oft er m einem Kranken gerufen wurde, frühestens acht ■ Tage später zu kommen, mit der Motivierung, daß wenn man auch krank ist, noch immer keine Todesgefahr vorhanden sei. Der andere wieder, der Dr. Jampolski, war ein sogenannter Witzler und gerade .diese, seine eigenartigen Witze waren es, die ihm bei der jüdischen Bevölkerung des Städtchens mehr Antials Sympathie eintrugen. Das heißt, man sah ihn gerne — bei anderen und nicht bei sich. Kam Dr. Jampolski in das Haus eines Kranken, und der Patient war ein Mann, so schnellte er ihm das Käppchen herunter mit dem Bemerken, ein Kranker solle nicht mit dem Käppchen liegen, da dasselbe das Fieber steigere. War der Patient eine Frau, so riß er ihr das Häubchen herunter und behauptete, die Patientin wäre noch me so schön gewesen wie jetzt, da sie im Bett liege, nur passe das Häubchen nicht für eine schöne Frau. Rief man Dr. Jampolski zu einem Jifdenknaben, so belästigte er denselben mit verschiedenen Fragen: Ob er schon in Glieder gehe, wie er Mode ani aufsage und ob er schon Trefos gegessen. Währenddessen zog Dr. Jampolski solange am Zydakel des erkrankten Knaben, bis er ihm alle Zizis abrißl Nichtsdestoweniger war man doch, mit Rücksicht auf die ,,Pünktlichkeit" des Dr. Chameides — mehr als oft gezwungen, den Dr. Jampolski zu holen. Wenn er auch schließlich' nicht immer helfen konnte, so hat er doch niemals geschadet. Er untersuchte jeden Kranken gewissenhaft, verordinierte zumeist Hausmittel und empfahl sich immer mit der Versicherung, daß der Patient in einigen Tagen wieder hergestellt sein würde. Und wenn eine arme Mutter in allen Schubladen herumkramte, um einige Sechser herauszusuchen, den Doktor für den Krankenbesuch ihres Kindes zu honorieren, so lehnte es in der Regel Dr. Jampolski ab und meinte: er werde sich schon an den Vetter Rothschild in Wien oder an >Baron Hirsch wenden, und diese würden ihn schon bezahlen. ' 1 Starb' jemand im Städtchen, so wurde nie der Todesfall efer mangelhaften Behandlung des Arztes zugeschrieben. Die Juden unseres Städtchens wußten ganz bestimmt, daß der Verstorbene keine Jahre hatte, es war sicher von Gott bestimmt, und kein Doktor konnte mehr helfen. Man weinte, klagte und sagte schließlich: „Boruch dajon emes" und der Fall war erledigt. Außer diesen zwei Aerzten hatten wir noch im Städtchen einen dritten Doktor. Er hatte zwar keine medizinische Fakultät absolviert, auch sah man nicht an seiner Türe eine Tafel mit der Aufschrift Dr. so und so, weil er überhaupt keine eigene Wohnung hatte. Er schlief nämlich im Schwitzbad, war achtzig Jahre alt und versorgte seit einer Reihe von sechzig Jahren unser Städtchen mit Wasser. Er war der Stadtwasserträger. Sein ganzes Hab und Gut bestand aus zwei großen hölzernen Wasserkannen und zwei noch größeren festen Röhrenstiefeln aus juchtenleder. Das waren seine Ernährer. Diese gaben ihm Parnosch alle seine Lebtage. Zwei jESS Etablissement Cdf € lelka Friedrichstraße 59/60, Ecke Leipziger Straße 4 Uhr Täglich 7l/2 Uhr Unsere Ueberraschungen im tzrotz Mörz - Programm Ludwig Trautmann der bekannte Filmschauspieler und Meister-Rezitator mit dem Geigen -Virtuosen Dr. lul, Lider Rath-Rex / Jimmy Mc. Arley Melitta Kiefer u. Heinz Ludwig Lotte Han& u. Siegwart Ehrlich E. W. Namarra Die tanzende Modenschau Kapelle Vielen und anderes mehr Kupferk'reuzter bekam Wolf Wasserträger für jedesmal Wasserbringen und den ganzen Tag konnte man ihn von einem Haus ins" andere mit seinen großen, vollen Holzkannen einkehren sehen, die ihn fast bis zur Erde mitzogen. Ein großer Talmid- Chochom war Wolf Wasserträger auf keinen Fall. Das merkte man gleich, als man am Jomtow oder an einem Schabos-Jozer Wolf, der immer im Beshamidrosch beim Ofen saß, mit lauter Stimme den Pajit oder Jozer sagen hörte. Immer kam der Text bei Wolf so heraus, daß man einen Türken, oder wie man bei uns zu sagen pflegte, einen „Ger" zu hören glaubte. Dafür aber war Wolf Wasserträger ein Meister im „Thilimsagen". Thilim war sein Leben. Für Thilimsagen gab ihnen Wolf Wasserträger das Beste hin. Das alte, vergilbte, an vielen Stellen von Tränen durchweichte Thileml, sein einziges geistiges Gut, hegte und pflegte Wolf mit einer besonders zärtlichen Liebe, noch mehr vielleicht w ie seine Parnoschgeber, die zwei Wasserkannen. Der Einband, kaum ein wenig schadhaft, trug er ihn zu Josel Einbinder, verpflichtete sich, zehnmal Wasser zu bringen und noch zweimal darauf als Prozent, und das Thileml mußte frisch gebunden werden. Außerdem machte noch Wolf selbst (darüber ein starkes Papier, damit sich die Deckeln, auf welchen mit goldenen Buchstaben* der Titel von Wolfs geistigem Schatz „Seder Thilim" ersichtlich war, nicht so rasch abwetzen sollte. Tag für Tag machte Wolf Wasserträger ein „Sijum- Hathilim". Ganz einerlei, ob Simchas-Thora, Tischebow, Purim oder Roschhäschonoh, Thilim muß gesagt werden und in den heißen, langen Sommertagen, als Wolf Wasserträger das Städtchen bereits mit Wasser versorgt hatte, blieb ihm sogar Zeit, zweimal von Alef bis Tuf ganz Thilim auszusagen. So oft man am Vorabend eines heißen Sommertages vor dem Beshamidrosch vorbeiging, konnte man Wolfs Stimme hören, wie er darin Thilim sagt. Einmal, als das alte Beshamidrosch restauriert werden mußte und Wolf gezwungen war, im „Merchoz" sein Thilim zu absolvieren, vergaß er in seiner Vertieftheit sogar auch das Minchagebet. Als man ihn dann damit necken wollte, so meinte er: ein Kapitel Thilim sei ihm lieber wie zehn Minchas, mit zwanzig Maariws, mit allen Pijutim und allen Jozres. Wolf Wasserträger war mit einem Wort — ein .Verschwender im Thilimsagen und nicht selten hörte man ihn darüber klagen, warum denn nicht alle Machsorim, alle Sidurim, alle Hogados, Megilos und Kinos, warum nicht alle Sfurim Thilemlech sind. So lieb und heilig war Wolf Wasserträger das kleine Thileml. Damit allein begnügte sich jedoch' Wolf nicht. Wolf hätte haben wollen, alle Welt söllte den ganzen lieben Tag nichts anderes tült als Thilim sagen. Thilim — pflegte Wolf zu sagen —- ist gesund. Thilim ist eine Refuoh gegen alle Krankheiten. Kam Wolf mit seinen zwei Wasserkännen in ein Haus, in dem ein Kranker gelegen, so war sein erstes und bestes Rezept: ein Sefer Thilim. Was, pflegte Wolf zu sagen, der Dr. Jampolski hat verschrieben Rhabarber, Wasser mit Milch, das wird so viel nützen wie einem Toten Boxhörndl . . . Ein Kapitel Thilim, jede Stunde vier Seiten, das ist eine Medizin, das hilft, hilft bestimmt und kostet nicht viel! So pflegte Wolf Wasserträger seine Thilimrezepte überall, in jedem Haus, wo er nur einen Kranken angetroffen, anzuempfehlen und nicht selten halfen seine Thilimmedikamente mehr als der Rhabarber des Dr. Jampolski oder die Hoffmannstropfen des Dr. Chameides. An einem Sommerabend, als die jüdischen Mädchen und Jünglinge des Städtchens auf ihrem Abendspazierweg bis zur katholischen Kirche, die außerhalb des Städtchens steht, anlangten, sahen sie Wolf Wasserträger unweit der Kirche stehen und beim Mondenschein mit einer herzzerreißenden Stimme Thilim sagen. Der alte Ga lech, der einzige nichtjüdische Kunde Wolfs nämlich, der ihm nicht zwei, sondern für zweimal Wasserbringen sogar fünf Kupferkreuzer zu geben pflegte, ist sehr schwer erkrankt, und cs hieß, daß er bereits in den letzten Zügen liege. Das ging Wolf so zu Herzen, daß er den Entschluß faßte, liinzagehen und draußen Thilim zu sagen. Als die Spazierenden Wolf Wasserträger in dieser gespensterhafteil Situation antrafen, fragten sie ihn, was das eigentlich zu bedeuten habe. Darauf sagte Wolf: Der alte, gute Galecli ist nebbich so schwer krank, und da möchte ich ihm eine Thilim-Medizin verschreiben . . . Der greise Seelsorger ist zwar nicht lange darauf gestorben. Die junge Generation des Städtchens jedoch krönte Wolf mit einem ganz neuen Titel. Von nun an hieß der achtzigjährige Wasserträger: Doktor Wolf „Thilim". Torten * Feingebäck mit garantiert reiner Naturbutter für alle Festlichkeiten liefert frei Haus KondttoreiPanlKOMer Gegründet 1827 Berlin NW 6, Albrechistr. 19 Telephon: Norden 8021 lf BÜCHERSCHAU. j§ Mendale Moicher Sfurim: Gesammelte Werke, Band 5. „Die Mähre“, Jüdischer Verlag, Berlin 1924. Geh. SO, Geb. M. 5,50. Wenn der Autor wirklich, wie der- Waschzettel auf* detrtj Umschlag des Büchleins preisend rühmt, „Der jüdische Balzac“ genannt zu werden verdient, eine Behauptung, diel mir angesichts der Enge des östlichen jüdischen Volks^ lebens im Gegensatz zu der Weite, aus der Balzac seine« „Menschliche Komödie“ schuf, mehr als fraglich erschein^ so ist jedenfalls dieses Werk nicht repräsentativ für ihnjj Eine, im wahrsten Sinne des Wortes, zu Tode gehetzt«? Allegorie, nichts anderes, enthält das Buch nämlich den Vergleich des leidenden, geplagten Juden«] Volkes mit einer elenden Schindmähre. Gewiß verrät es: große sprachschöpferische Begabung, stellenweise auch eine gewisse Kunst der Naturschilderung, aber die Erfindung] bleibt armselig; und von selbständiger Gestaltungskraft, von! Forriibegäbtmg und Formwillen ist nicht das Geringste züj spüren. Die Satire, gespeist aus dem unerschöpflichen Re-] servoir ostjüdisch überspitzter Geistigkeit ist vielfach tref^ fend und trotz ihrer Bissigkeit von einer edlen und auf*] richtigen Tendenz zur Reinlichkeit, Wahrhaftigkeit und Hilfe»• leistung getragen. Nur rühme man ein solches Werk, dasj auch in der Asmodai-Episode, wo der Teufel den Helden über die jüdische Welt hinträgt und ihn all die Verlogenheit und Verworfenheit schauen läßt, nichts Originales an sich hat, sondern an den hinkenden Teufel Lesages und unzählige gleichartige Motive der Weltliteratur erinnert, nicht als originales Kunstwerk. Man lobe das warme Herz desl Verfassers und den Reichtum seiner Ausdrucksmöglichkeit,' der es ihm erlaubt, ein und denselben Gedanken mit zehn verschiedenen Worten und in zehn verschiedenen Sätzen’ und endlich in vierundzwanzig Kapiteln immer wieder zu wiederholen und dabei doch nicht zu langweilen. Der Ueber* setzer aus dem Jiddischen ist der daher sehr schwere^ ihm gestellten Aufgabe nach Kräften gerecht geworden,1 Dr. Erwin S c 1 i g m a 11 n - Frankfurt a. Mk* Geschäftliche Mitteilungen. Meister Billard-Turniere im Margareten-Saal drr Lass Zielka. Am Montag begann das große Turnier zwischen Je an Bruno und dem stärkste» deutschen Amateur Herrn Albert Schmitz aus;>40U Bälle, wovon 68U Bälle Herrn Lchmitz vorgegeben werden. Beide' Meister vollbrachten wunderbare Leistungen, so daß der Ansgang des Kampfes als absolut offen zu betrachten ist. und es noch non jeder Leite Ueberraschnngen geben kann. Bei dieser Gelegenheit können wir heule schon unseren Billardfreunden die überraschende Mitteilung machen, daß es der Leitung des Lase Zielka gelungen Ist, den Europameister Herrn Noger L v n t i zu einem Turnier mit Jean Bruno auf 6001) Bälle zu verpflichten Dieser Kampf wird am 27. April d. 3s. an gleicher otellc beginnen, und dürfte das größte Ereignis in der Billardgeschichte Berlins bilden. Wir machen unsere geschätzten Leser darauf aufmerksam, das; die altrenommierte Lamsonfchule in Wolfenbüttel am 21. April das Lommerfemester eröffnet. Näheres siehe Inseratenteil. Werbt neue leserl t IV HDD "1S7D I. DOßiHNS Konditorei und Kottee Jerusalemer Str. 16 Zentrum 7936,2927 Spandauer Brücke 7 Korden 2925 Zu den Festtagen empfehle; Torten, Baumkuchen, Makronen. Konditorware Der Verfindet nur Spandauer Brücke 7 kauf der ■ /y Vm mä Eingang vom Hof, statt