Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 13 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Jahresversammlung -es Hilfaverein» der Deutschen Juden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hielt am 18. März, abends in den Raunten des Logenhauses Kleiststrabe. seine ordentliche Jahresversammlung ab. Der Vorsitzende .Herr Dr. games Simon erstattete den Bericht für das Jahr 1924. Er stellte fest, daß nach dem Niedergang in der Inflationszeit, in welcher der Hilfsverein sein Vermögen fast ganz verlor, nunwehr ein neuer Aufschwung sich bemerkbar macht. Ueberall stellen sich geeignete Persönlichkeiten dem Werke des Hilfsvereins zur Verfügung. Der Hilfsverein ist jetzt in rund 250 Orten Deutschlands durch Lokalkomitees oder Vertrauensleute vertreten. Der weitere Ausbau der Organisation geht fort. Die Eingänge an Mitgliedsbeiträgcn für das Jahr 1924 betrugen rund M. 63 000. Das ist gegenüber der Vorkriegszeit keine imponierende Ziffer, allein sie zeigt einen Fortschritt nach oben an. Mit einer beträchtlichen Erhöhung der Uitgliederbeiträge ist im Jahre 1025 zu rechnen. Die Iewish Colönisation Association (I. C. A.) in Paris hat wiederum einen Beitrag für notleidende jüdische Studierende aus Oft» europa und andere Zwecke von insgesamt M. 55 000 geleistet, g-ür die ukrainischen Waisenkinder flössen dem Hilfsverein rund M. 15 000 zu. Einer beträchtlichen Anzahl non Einzelpersonen wie Familien ist die Möglichkeit zur Auswanderung nach Uebcrsee gegeben worden. Außer den Bahnhofsdiensten in Hamburg und Bremen bestehen Auswandererfürsorgestellen in Memel. Königsberg Pr.. Eydtkuhnen. Lyck (Ostpr.), Ratibor. Oderberg. Breslau. Das Emigrantenausbeutungsweseu wird scharf bekämpft. Den nach der Einwanderungseinschrankung in den Vereinigten Staaten in Hamburg und Bremen liegen gebliebenen russischen Emigranten wird Hilfe geleistet. In' Hamburg iveilten Ende 1924 199, in Bremen 172 solcher Emigranten. 3m Jahre 1924 konnten nach den Vereinigten Staaten 91, nach Südamerika 22, nach Meriko 14 Personen fahren: nach Rußland kehrten 90 zurück. Es wird für Unterricht und Berufsausbildung der Emigrantcnkiuder. die fick durchweg als begabt erweisen, gesorgt. Ein Korrespondenz-Blatt für jüdische Äuswanderungsangelegenheiten wird herausgegeben und findet großen Anlrlang. Nach Rußland vermilfelte der Hilfsverein Ueberweisungn, von Schiffskarten und Geld seitens auswärtiger Verwandter. 'Es sind in etwa 1500 Einzelübcrweisungen ca. 55 000 Dollar abgeführt worden. Die Erziehung und Ausbildung von 25 ukrainischen Waisenkindern, die der Hilfsverein im Jahre 1922 nach Deutschland übernommen hat. nimmt ihren guten Fortgang. Es erfolgt ihre Ausbildung zu Lebensberufen. Ausgegeben wurden: für Auswandererfürsorge M. 60 000: für Waisenkinder M. 19 000: für notleidende jüdische Studierende in Osteuropa M. 92 000: für Organisation und anderes M. 25 000. Auf Antrag des Stadtrats Gimkeivitsch wurde dem Vorstand durch Erheben von den Sitzen einstimmig das Vertrauen und der Dank ausgedrückt. Der alte Vorstand ist durch Zuruf wiedergewählt worden: er setzt sich wie folgt zusammen: Vorsitzender Dr. Fames Zimvn. stellvertretender Vorsitzender Dr. Paul Nathan, zweiter stellvertretender Vorsitzender Generalkonsul Eugen Landau. Schatzmeister Dir. Kurt Sobernheim, stellvertretender Schatzmeister Dir. Ioacbimsohn Schriftführer Prof. Schaefer und Frau Henriette May Generalsekretär ist der Schriftsteller Herr Dr. M. Wischnitzer. In dieser Sitzung hielt Herr. Dr. Paul Nathan einen Vortrag über ,,Das jüdische Problem". Er führte ungefähr aus: Indem wir nack jahrelanger Pause nun wieder an eine geordnete Arbeit schreiten, müssen rvir wieder ein Programm haben und für dasselbe werben. Da ersteht ein gewaltiges Problenr vor uns: Von den 15 Millivnen Juden der Welt leben etwa 7\‘£ Millionen zusammengepfercht in den ehemals russischen Randstaaten (Polen, Litauen, Lettland), in Westrustlano und in Rumänien. Die Biirgerrechtsverhaltnisse für Juden in diesen Staaten sind prekär, die Hoffnungen der Juden anf nationale Autonomie haben sich als trügerisch erwiesen. In Rußland selbst, wo sie formell Gleichberechtigung genießen, geht es ihnen nicht besser. Der Judenhaß nimmt überall gefährliche Dimensionen an. Die einzige Sicherheit für diese Juden ist der Druck der westeuropäischen Mächte und Amerikas auf die betreffenden Regierungen. Man stelle sich vor, daß etwa infolge neuer Machtverschiebuugeu der Druck der Westmächte aufhört, Di'' Juden werden dann schutzlos der Wut und der Raublust ihrer Umgebung preisgegeben sein. 'Ihre Vernichtung wäre die Folge. Wenn sich dann der Emigrantenstrom nach Westen ergießt, wird Hilfe nicht möglich sein. Die Ausgabe ist nun, daß wir deutschen Juden, die wir mit den Verhältnissen vertrant sind, die Weltjudenheil aufklären nnd zu rechtzeitiger Fürsorge anspornen. Man ums; darauf wirken, daß der Druck der Westnrüchte und der Bereinigten Staaten nicht aufhört. Andererseits müssen alle Kräfte angespornt werden, um die Juden aus den Provinze», in denen sie zusammengepfercht und im Elend leben, herausgeholt werden. In Westeuropa und Amerika sind alle Tore gesperrt. Der einzige Ausweg ist eine allmähliche Ileberführung nach den Ostteildi Rußlands, wo sie in die Landwirtschaft eingevrdnet werden können. Das Werk muh nicht in Form von Philantropie. sondern als Aufbauhilfe vor sich gehen. Es sollen die Leistungsfähigen zuerst gehen, dann nach ihrer Einordnung ihre Verwandte! zu sich nehmen. Das Problem ist ein gewaltiges, aber cs muß an dessen Lösung geschritten werden. Es sei notwendig, eine Abordnung an die Moskauer Regierung zwecks Verhandlungen zu entsenden. Laut privaten Informationen wäre man in 'Moskau bereit, das Problem zu diskutieren. - An die Ausführungen Dr. Nathans knüpfte sich eine kurze Diskussion Herr Dr. James Simon bemerkte, man müsse sehr behutsam an ein solches Problem, welches sehr kompliziert ist, Herangehen. Man weiß, das; die IGA nach jahrzehntelangen Anstrengungen kaum 90 000 Kolonisten in Argentinien ansiedelte. Man muß fragen, wie die ostrussische Bevölkerung die jüdischen Siedeln aufnchmcn ivird. Jedenfalls erfordere die Durchführung viele, sehr viele Jahrzehnte, Ein anderer Redner schlug vor. mit der spanischen Negierung wegen jüdischer Einwanderung in Verbindung zu treten. Aus der Mitte der Zuhörer ertönten Rufe: „Warum kein Wort von Palästina?" Es ivnrdc entgegnet, daß der Hilfsvereiu in zahlreichen Fällen auch für Paläslinaivanderer eingesprungen ist und mit dem Palästiuaamt einen ständigen Kontakt unterhält. Die Diskussion wurde für einen späteren Zeitpunkt verlegt. Oie Zeniralwohlfahrtsstette der deutschen Juden. Nach mehrjähriger, durch die kritischen Verhältnisse der letzten Jahre bedingter Pause, trat der Vorstand der Ientralivohlfahrtsstclle wieder zu einer Sitzung zusammen. Gegenstand der Besprechung waren: ein neuer Satzungsentwurf, Steltungnahme zum Preußischen Landesverband. Einberufung einer Mitgliederversammlung und andere organisatorische Fragen. — Die Borstandssitzuiilz wählte zur Fortführung der Geschäfte der Zentralwohifahrtsstellc bis zur nächsten Mitgliederversammlung, in der Neuwahl erfolgen ivird, einen engeren geschäftssiihrenden Ansschuß, bestehend aus den Herren Caspar») Rabbiner Dr. Baeck, Dr. Hantke, Rabbiner Dr. Hildesheimer, Frau Wronsky, Frau Ollendorf, Eskeles. Dr. Ollendorf und Dr. Segall. Herr Rabbiner Dr. Efchelbacher-Düfseldorf machte sehr wichtige Mitteilungen über die geplante jüdische Abteilung der Ausstellung für Gesundheits-Fürsorge, soziale Fürsorge und Leibesübungen, die im Mai 1926 in Düsseldorf eröffnet wird. Es sind Vorarbeiten im Gange, gelegentlich dieser Ausstellung ein wirklich umfassendes Gebiet der jüdischen Leistungen der Hygiene, der sozialen Fürsorge und der körperlichen Regeneration zugeben. — Ein Sonder-Komitce, das die Organisation der Ausstellung übernehmen will, ivird in der nächsten Zeit au alle in Frage kommenden Verbände und Persönlichkeiten mit der - Bitte um geeignetes Material herantreten. * Am 1. März hat die neuerdings errichtete ,.H aupt ste l l e^ für jüdische W a n d e r fü rs ö r g e und Arbeitsnachweis e" Berlin ihre Tätigkeit ausgenommen. Ihre Gründung ersplcste auf Grund eines Beschlusses der Zentrale' für jüdische Wanderfürsorge, der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden und des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands. Es wird das Bemühen dieser Stelle sein, das gesamte Netz der ehemaligen Proinzialkassen der jüdischen Wanderfürsvrge in kürzester Zeit zu neuem Leben zu crwechen. Außerdem besteht die große Aufgabe, überall dort, wo jüdische Arbeitsnachweise noch nicht bestehen, foldjc zu gründen und mit anderen örtlichen und provinziellen Sozialeinrichtungen zu zentralisieren. Die Arbeit der Hauptstelle wird dabei von der Ansicht geleite', daß Wonderfürsvrge nur dann zweckmäßig und sinnvoll ist, wenn es gelingt, den durchwandernden Inden in pochuktinc Berufe ühe^zuleiten. Die Hanptftelle wird van einem Direktorium (V'U'U.'t dem der Vorsitzende der Zentralwohlfahrtsstcllc, Herr Eugen Easpary. ferner Herr Alfred Berger vom Präsidium des Arveiterfürsorgeamtcs und der Sozinlpolitiker, Herr D''. Georg Baum, augehöcen. ü- Die Zentralwohlfahrlsstelle der deutschen Juden veranstaltet mit dem Wohlfahrtsamt der Jüdischen Gemeinde Berlin und der Jüdischen Hilfe für das jüdische Kind vorn 15. Mai bis 19. Juni d. Is.' einen Kursus f ü r H e i l p ä d a g v g i k. Folgender Lein plan ist vorgesehen: 1. Einführung in die allgemeine Kinderpsychopathologie im Zusammenhang mit den Grundlagen der 5iinderpsurho'ogie (mit praktischen Bochühruttgen). 2. llutersuchuugs- und Beobachtungsmethodeu normaler und anormaler Kinder init praktischest Hebungen im Zusammenhang mit praktischen Aufgaben der Kindermislese. 9. Grundlagen der Heilpädagogik (für zurückgebliebene .Kinder) und P s ych o p a t h e n fii r s o rg e. 4. Unterricht und Erziehung an zurückgebliebenen Kindern. 5. Besondere Erziehung der sittlich und sozial Gefährdeten. 6. Hilfsschulwesen. 7. Gemeinfchaftslebeu nud Spiele normaler und anormaler Kinder. 8. Grundziige der Individualpsychologie. 9 Die neuen Strömungen der Pädagogik in ihrem Zusammenhang mit der Hcilpndagogik. Der Kursus ivird verbunden sein mit praktischer Arbeit und Besichtigung entsprechender Anstalten und Einrichtungen. Die Teilnahme ist für Persönlichkeiten bestimmt, die schon Erfahrungen auf erzieherischem oder fürsorgerischcm Gebiete besitzen und sich zur Teilnahme an den ganzen Kursus verpflichten. Die Teilnehmergebühr beträgt 10 M. Gegen Einsendung dieses Betrages erfolgt die Ausgabe der Teilnehmerkarten.' Die 21 n m e l d u n g e n sind an die Z e n t r a I - w o l> l f a I) r t s it c 11 c der deuts ch e n Juden, Berti n E 2, Rose u st r. 2-4 zu richten. jj 251. Preufi.-Staats-Cotterie ]( || Hauptgewinn ev.: || 82 Millionen Mark 8 8 1 Million Mark 8!!2L.10vvv00> ljL!S>.IV000VOj „,600000? ,4000005 jlOSÄl0000001 4%. 3000001 147^.700000 H Berlin SAV IS, Kommandantenstraße 69 || || etnfpr.: Dönhoff 8897. Postscheckkonto Berlin 31187 || SBBrSBSS Gewinn-Plan gratis u. fronlo ggSSSCt »Ziehung 17. und ^8. ApM IMG 8 Vs_lU V2 V, 1 Doppeltes 2 »3, 6,- 12,- 24,- 48,- M. pro Kl.M?! offeriert und versendet 5J offeriert und versendet IV Staatlicher Lotterie-Einnehmer Bj KFeilchenfeldl vch dem Eindringen fremder, herabdrückender Einflüsse, ist es die jüdische Seele, die sie in all ihrer Weltscheu und stillen „mnigkeit vor uns entfaltet. In der Weihe und gehobenen, hvhenwärts sich aufschwingenden Stimmung der Feste, in den Plackereien des fchiveren 2llltags, in den leisen Gegensätzen zwischen einer modernen Ideen und Formen zuneigenden Jugend und den starr an den überkommenen Anschauungen, Gewohnheiten, Bräuchen festklcbenden 2llten ist es immer wieder das Innenleben des abgeschlossenen jüdischen Hauses, in das 1>e uns einführt. Reben ihren gclegeutlicheu Scelenkämpfen. »eben den Gemütskvnflikten. den Eharaktergegensützen, den aufeuianderstoßeuden Weltanschauungen und Zeitströmungen, die im Kreis von Familie, Verwandtschaft, Freundschaft sich ovlpielen, klingt natürlich oft genug auch etwas vom Lärm des wirtschaftlichen oder sozialen Lebens mit hinein. Das hervorßechende, das bezeichnende Merkmal ihres dichterischen Schaffens uuf dem Gebiete der jüdischen Erzählung bleibt aber dle aus der ümigsteu Versenkung in die Empfindungswelt ihrer Helden ^rbiulMdö, treue Wiedergestaltung des Lebens, des Fühlens, Denkens DM Handelns im altjiidijcheu Hause. Und hier haben >wr ffLA etwa nur mit dem Ergebnis nüchterner BevvachtllTtg oder realistischer Studien zu tun. Die tteberlieferung von Generationen ist es, die als treu gehegtes und gemehrtes t^rbe in diesen Lebensbildern uns wohltuend entgegentritt. Entrollen die größeren Erzählungen manch vielgestaltige, reichbewegte Handlung, so find die kleinen Novelle» und Skizzen, dccen viele in den Jahrbüchern der Gesellschaft für jüdische Ge;chjchie und Literacur erschienen, kleine Genrebildchen von gewinnendeui Reiz, von überzeugender Echtheit. Bleibt fv Ulla Wolfs-Frank in ihren jüdischen Erzählungen innerhalb der Grenzen, die dem metblid)cti Schrifttum vordem flfjtecfet waren, so tritt sie in ihren Berliner Romanen beherzt aus dieser alten Einfriedung hinaus, um sich in das Grtliebe der großen wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Kräfteemsaltung zu mischen. In dieses Getriebe Einblick zu gewinnen war ihr durch die Tatsache ermöglicht, daß sie früh lelvit den Kampf tuns Dasein, den Kampf mit dem Dasein uusnehmeu mußte. Heute begegnen uns in der politischen wie su der wirtschaftlichen Publizistik, auf dem Gebiete der Geselle? > ° wie der Kunstkritik weibliche Talente von seltener Krast und Vielseitigkeit. Das war vor nahezu einem halben Jahrhundert anders, als Ulla Wolff-Frank im Dienste der ü^mien AUlse, der Notwendigkeit, die Feder zum Erwerbs- Instrument machen und als erster weiblicher Soldat in die <lrmee der Presse treten mußte. 2^'ald niit allen Rauheiten »es Lebens vertraut geworden, war sie in der Lage, in ihren berliner Romanen die Gesellschaft der zur heutigen Größe Morwachsenden Weltstadt die Gesellschaft der Siebziger- und UMiger-Iahre zu beobachten und darzustellen. Diese Romane, >k>lch nnd lebensvoll oft, aber keineswegs die hervorragendsten Erzeugnisse ihrer Schöpferkraft oder der Gatlung öenn mit ganzer Seele war sie eben nur bei und in "Iren jüdischen Geschichten — sind und bleiben doch inwiern bemerkenswert, als sie den Beginn der literarischen Emanzipation der schriftstellernden Frau bedeuten. Wie aus einer Art von Ghetto tritt du die Erzählerin aus de« , engen Kreis von Haus- und Gemütsleben hinaus in die weite Welt und macht sich aus der Fülle der Stoffe, die sie bietet, nach freier Wahl zu eigen, was ihr der Beachtung und Darstellung wert erscheint. Mehr und mehr schioinden die Marlittschen Traumphantasien, die süßlichen Backfischnichtigkciten von der Biidfläche, und kraftvollere Talente, markigere Schöpfungen als die in den ersten Anfängen noch tastenden Versuche erscheinen aus dem Plan. Die Nutznießeriimen jenes Eroberungszuges in ißc:s weitere Gebiet der Dichtung. Gabriele Reuter, Helene Böhlau, 2llice Behrcnd haben das erschlossene Gelände trefflich bebaut. Unter den wenigen Kundschaftern aber, die unsere dichtenden Frauen in dies weite gelobte Land der Dichtung geführt habe», ivird man immer auch Ulla Wolff-Frank in erster Reihe nennen müssen. Ihr selbst ist freilich diese ihre Rolle kaum klar zu Bewußtsein gekomnren. Die Nolle, deren Durchführung die politische und kulturgeschichtliche Entwicklung erst ermöglicht hat. _ F. L <1 n d a u. Der fromme Mann. Einer allen hebräisä-en Legende naä-erzählt von Hermann B u d z i s l a w s k i. Am Äser des Euphrat lebte einst ein heiliger Manu, der Tag und Nacht im Gebet und weihevollem Nachdenken verbrachte. Eines Tages l-esch!ost er, ins Gelobte Land zu ziehen und den Nest seines Lebens in Jerusalem zu verbringen. Er wanderte, ohne zu rasten, und als die Sonnr unlerging, fühlte er sich ganz erschöpft. Da setzte er sich nieder, ruhte seine müden Füße. Hätte er nur schlafen können! Doch zwitscherten die Vögel über ihm so laut, als ob sie miteinander stritten. Besonders zwei von ihnen hackten immer wieder mit scharfen Schnäbeln aufeinander, und schließlich siel einer der streitenden Vögel tot zu Boden. Da jagten alle Vögel in wilder Flucht davon. Der heilige Mann verhielt sich ganz ruhig. Er war sehr neugierig, was weiter geschehen würde. Bald daraus erblickte er einen großen Vogel, der mit raschem Flügelfchlag auf seinen toten Bruder zusteuerte. 3m Schnabel trug er ein kleines grünes Blatt, das er auf den Kopf des ermordeten Gefährten legte. Kaum aber hatte diesen das Aatt berührt, als sich ein erstaunliches Wunder vollzog. Der tote Vogel kehrte zum Leben zurück, stellte sich auf die Füße, schüttelte die hübschen Federn, schlug mit den Flügeln und flog munter davon. Verwunderung erfüllte den Mann bei diesem Anblick. „Das Zauberblatt muß ich mir verschaffen," sagte er sich, „damit kann ich ja alle Toten des gelobten Landes wieder lebendig machen! Das nenne ich aber ein ganz unerhörtes Glück, solch einen unbezahlbaren Schatz zu finden! Wahrscheinlich ist es ein Blatt vom Baume des Lebens aus dem Garten Eden. Wäre ich nicht Zeuge des Wunders gewesen, nie hätte ich es für möglich gehalten. Das Blatt ist ja Berge Goldes wert und wird mir viel Vorteil und Glück bringen!" Dann hob er das Blatt auf und legte es sorgfältig zwischen die Falten feines Turbans. Da keine menschliche Behausung zu erblicken war, mußte er die Nacht unter einem Baume vervringen. Am nächsten Tage erwachte er frühzeitig. Machtvoll durchbrachen die Strahlen der aufgehenden Sonne den Morgennebel. - - 2dachdem er das Morgengebrt gesprochen hatte, fetzte er feine Wanderung fort und gelangte nach wenigen Stunden vor ein- Bauernhaus. Schon wollte er eintreten und um eine Wegzehrung: bitten — da erblickte er im Torweg einen toten Fu6)s. „Heraus mit deiil Zauberblatt," sprach er bei sich selbst, „ob' es wohl dem toten Fuchs das Leben zurttckgibt? unbedingt muß ich sofort die Munderkraft des seltsamen Blattes erproben!" Er nahm das kostbare Blatt aus dem Turban und legte es auf den Kopf des Fuchses. Im gleichen 2lugonblick sprang dieser empor und rannte fort, so schnell ihn feine Beine tragen konnten. „Das ist aber wirklich sehr erstaunlich," sagte der Mann und s legte das Blatt wieder in die Turbanfalte. Äann klopfte er an das Tor des Hauses und bat um ein wenig Speise, die ihm der alte Bauer bereitwillig gab. „Weißt du auch, daß draußen vor der Tür ein toter Fuchs lag?" fragte er den Bauern. „Natürlich weiß ich es," antwortete dieser, „ich habe ihn ja selbst gestern totgeschlagen, diesen alten Hühuerdieb." „Jetzt ist der Fuchs aber verschwunden." „Ja, wo ist er deirn geblieben?" fragte der Bauer. „Weggeiaufeu, gerade bevor ich bei dir anklopfte." „Nein, das ist doch unmöglich." Sie gingen beide vor das Tor und wirklich, der Fuchs war versä)wunden. „Ich habe ihm das Leben zurückgegebrn," erklärte der Besucher. „Ich bin nämlich ein heiliger Manu und kann die Toten lebendig machen." „Ach," sagte der Bauer ärgerlich, „du bist ein närrischer Schwätzer. Wenn daö übrigens wahr sein sollte, was du da sagst, dann höre auf meinen?iat und küinmeic dich nicht mehr um dir Geheimnisse von Leben und Tod. Gott allein wird die Toten auj'- crwecken. Mach, daß du fortkommst!" Der Bauer ging in sein Haus und schlug die Türe hinler sich zu. Der heilige Manu aber setzte seinen Weg fort und dachte bei sich, Gott habe ihm dieses wunderbare Kleinod gegeben, weil er ein so besonders heiliges Leben geführt habe. „Daß der alte Bauer nicht einsieht, welü) großes Glück mir widerfahren ist," murmelte cr. Er war nicht weit gegangen, da sah er am Wege einen tolen Löwen liegen. Natürlich kam ihm sofort der Gedanke, die Kraft des Zauberblattes nochmals zu erproben. „Das soll mein letzter Versuch sein," dachte er und nahm das Blatt aus dem Turban. Kaum hatte er es auf das Haupt deS Löwen gelegt, als dieser aufsprang und durch ein lautes Gebrüll sein Entzücken darüber bekundete — eine fertige Mahlzeit in der Gestalt des heiligen Wundertäters vor sich zu sehen. Wenn der fromme Mann auch im nääisten 2lugenblick noch io seyr bebuuerte, dns Raubtier ins Leben zurückgerufen zu haben — der Löwe selbst sprang unbekümmert mit einem furchtbaren Satz auf ihn los und verschlang ihn. Ilnd auch das wundertätige Blatt fraß er aus. Mit diesem entsetzlichen Ilnglücksfall verschwand ein für allemal die Möglichkeit, Tote lebendig zu machen. Die Sterblichen müssen mm wieder nach ihrem Tode geduldig auf die Trompetenstöße warten, die den Tag der Wiederauferstehung ankündigen.