Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-27 · 13 (27.3.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
13 (27.3.1925)
Date
1925-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613801--1261-2618604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Lrzug-preis durch die «efchäft-Me -/jährlich M. 2,50, Einzelnummer 0,20. »ei freier Zusendung im Inland 0,25. Air die Mitglieder der Vereinigung ist der »ezugspreie s s s im Miigliedsbeiirage enthatten. :: :: « elhesredakteur: Dipl.«Ing. Bruno Woyda. Oie „JUciilck - liberale - Leitung" erfckemt Zecken fneitag. ScdriMeitung und GcfchäftsftclU: Berlin, [Maucrflr, 22. f ernruft Hmt Merkur JSfr. 8225 PortrchMhkeiite: ScrUn NW 7 JTr. 13706» (Vereinigung fOr da» liberale iudentum) ffachdru* fimtlicber Original- SrttrXg« nur mit vorheriger Oenehmigung der Redaktion geftattet! Anzeigenpreise: Die 42gespalteneRonpareillezeile 0,45 Soldmark, die Reklamezeile 3,00 Soldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Verlags« abteilung, Berlin SW 65, Sharlottenstr. 96 (Kemsprecher: DSnhoff 5360- 6»), sowie sämtl. Annoncen«Srpedittonen. Fr. 43 Berlin, 22. März 4925 5. Jahrgang Die Jerusalemer Universität. Zur Eröffnung am 4. April 4925. Zum Geleit. Am 1. Äpril 1925 wird in Jerusalem die hebräische Aniversität feierlich eingeweiht werden. Der politische Zionismus rüstet sich, dieses Ereignis so zu gestalten, daß es als Beginn der nationalen Wiedergeburt des Judentums erscheinen kann. Wenn auch in diesen Blättern, in denen die politischen Bestrebungen des Nationaljudentums als eine Assimilation an die nationalistischen Strömungen des Jahrhunderts stets scharf abgelehnt wurden, die Einweihung der Aniversität in Jerusalem mit herzlicher Anteilnahme begrüßt wird, so geschieht es in der Hoffnung, daß hier eine Keimzelle der religiösen Durchdringung der Menschheit im Entstehen begriffen ist. Ob die neue Lehrstätte diese Erwartungen erfüllt, das wird davon abhängen, ob sie im Geiste politischer Eigenbrötelei oder in dem des jüdischen Aniversalismus geleitet wird, in dem Geist, den der französische Ministerpräsident Herriot in seinem Begrüßungsschreiben an die neue Universität mit den Worten kennzeichnet: „Der moderne Geist entzündet seine Fackeln auf allen Gipfeln- Jerusalem ist eine der höchstragenden Spitzen in der Geschichte der Zivilisation, und eine hebräische Aniversität in dieser Stadt kann nur an die glänzendsten Aeberlieferungen wieder anknüpsen und sie zur Entfaltung bringen. Ich wünsche, daß sie ein Mittelpunkt werde, zu dem sich von allen Enden des geistigen Horizonts alle Geister wenden, die dem Lichte und edlen Eingebungen zustreben. Sie muß ein Zentrum moralischer und geistiger Aufklärung werden, dessen Strahlen zur Zerstreuung der Nebel beitragen werden, die noch immer auf unserer schmerzensreichen Menschheit lasten. Alle Intellektuellen der ganzen Welt können darum in der hebräischen Universität zu Jerusalem eine Institution begrüßen, durch die die wissenschastliche Forschung das Tor der lichten Wahrheitstempel vor dem ganzen Universum immer breiter aufrecht." Nicht um eine Parteiangelegenheit darf es sich hierbei handeln. Denn nur, weil es gilt, in der neuen Universität eine neue Stätte zu schaffen, die der Verbreitung des Wissens um das Judentum und der Bekämpfung der allgemeinen kulturellen Verflachung dienen soll, sind die Blicke der ganzen Welt auf diese Gründung gerichtet. Darum haben die Negierungen aller großen Staaten ihren Vertretern den Auftrag erteilt, an der Gründungsfeier teilzunehmen. Darum hat sich sogar die polnische Negierung entschlossen, der hebräischen Universität zu Jerusalem 9000 Bücher jüdischen Inhalts zuzuwenden. Das hat die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale bewogen, zur Eröffnungsfeier einen offiziellen Vertreter zu entsenden. Erlauchte Geister aus allen Ländern werden sich zusammenfinden, um am 1. April der neuen Lehranstalt ihre Wünsche darzudringen. Aus Deutschland werden u. a. Einstein und Sobernheim, aus England Bqlfour und Oberrabbiner Herz, aus Skandinavien Georg Brandes, aus Erankreich Oberrabbiner Israel Lvvi, aus Oesterreich berradbiner Ehajes, insgesamt 400 Ehrengäste der Universitätseröffnung beiwohnen. Daß die neue Universität das Kulturzentrum wird, als das sie allein für uns religiös-liberale Juden Bedeutung haben kann, festzustellen, ist heute noch unmHglich. Ein Kulturzentrum fqjafft man nicht, sondern es bildet sich organisch. Zu e i n e r Zeit war für oas Judentum Palästina, zu einer anderen Spanien, Holland, Deutschland das Kulturzentrum. Nur wenn die neue Universität nicht im Geiste einer jüdischen Partei, sondern im Geiste jüdischer Neligiosität aufgebam wird, wird sie Kulturzentrum des Judentums des 20. Jahrhunderts werden können. Palästina und wir. Von RabbinerDr. Bergmann, Berlin. Die Juden in Worms erhielten, wie ein altes Sagenbuch erzählt, zu Esras Zeiten ein Sendschreiben, nach Jerusalem zu den Wallfahrtsfesten zu kommen. Sie aber antworteten, daß sie am Rhein ein neues Jerusalem gegründet hätten und vom alten nichts mehr wissen wollten. Das ist eine Sage, aber diese Sage gibt eine Stimmung und ein historisches Urteil wieder. Auf deutscher Erde lebten die Juden seit unvordenklichen Zeiten, in Köln gab es schon vor sechzehnhundert Jahren eine jüdische Gemeinde. Die deutschen Juden gewannen ihre Heimat lieb, und Worms wurde ihnen ein „neues Jerusalem". Man spricht von der Abschließung der Juden in früheren Jahrhunderten. Allein eine solche Abschließung hat es nie gegeben. Die deutschen Juden sprachen die Sprache ihrer Heimat und trugen diese Sprache in die Fremde hinaus, als sie, in Deutschland eingeengt, in die Weite zogen und im Osten eine Zuflucht suchten. Sie gaben der Umwelt etwas von ihrem Geiste und ließen sich auch von ihr in Sitte und Sittlichkeit beeinflussen und wurden gelehrige Schüler und Nachahmer selvst des deutschen Aberglaubens. Die Mystik des R. Jehuda Chassid in Negensburg hat viele Berührungspunkte mit der Mystik des Meister Eckhart. Das Bild von der völligen Abschließung der deutschen Juden im Mittelalter ist falsch. Viel richtiger urteilt das „Buch der Frommen", das im 13. Jahrhundert in Deutschland entstanden ist: „Das Verhalten der Juden richtet sich an den meisten Orten nach dem Verhalten der Christen". Das Zeitalter Mendelssohns hat nicht ein Neues gebracht, sondern nur eine graduell stärkere Beeinflussung der deutschen Juden durch die deutsche Kultur bewirkt. Den deutschen Juden galt ihre Heimat als „heilig Land" und Worms als ein „neues Jerusalem". Darin behält das Sagenbuch Recht. Nur in einem Punkte entspricht die Erzählung des Sagenbuches der historischen Wirklichkeit nicht, in dem Punkte nämlich, daß die deutschen Juden nichts mehr von dem alten Jerusalem wissen wollen. - 3n der jüdischen Gerneinde zu Worms war oft Not. Allein die arme Gemeinde entfaltete, wie David Kaufmann in seinem Buche über „N. Iair Chaim Bacharach" erzählt, „eine Wohltätigkeit, die reich genug war, neben dem Elend in der eigenen Mitte auch noch fremdes zu lindern". Man verfehlte nicht, „der Armen im heiligen Lande zu gedenken und zu Händen der Kassiere in Frankfurt a. M. die regelmäßigen und außerordentlichen Spenden für Jerusalem, Hebron und Safed abzuführen". „Zuweilen erschien auch ein Sendbote von Zion, der unmittelbar mit der Einsammlung frommer Spenden betraut war". Das grüne Buch von Worms verzeichnet genau die Spenden und frommen Stiftungen, die vom „neuen Jerusalem" nach dem alten regelmäßig abgeführt wurden. Die Geschichtsforschung hat uns vor Jahren ein köstliches Buch über die „Familie Gvmperz" geschenkt. In ihm wird der Werdegang und Aufstieg einer weitverzweigten jüdischen Familie in Deutschland geschildert, in der Wissen und Wohlstand vereint waren und deren Wohltätigkeit „sogar in der an solchem Erbgut nicht armen Gemeinschaft Israels die Bewunderung der jeweiligen Zeitgenossen hervorrief". Von den Männern und Frauen, die dieser Familie entstammten, melden die Dlemorbücher, daß sie Pflegestätten jüdischen Wissens in ihrer Heimat errichteten und von ihrem Besitz freudig opferten, um die Armen und Frommen im heiligen Lande zu unterstützen. Wenn einmal die Archive der jüdischen Gemeinden in Deutschland der Forschung erschlossen werden, die Steine auf den Friedhöfen zu reden und die aus der Verborgenheit ausgegrabenen Dokumente zu zeugen anfangen, dann werden sie zwar von Druck und Verfolgung berichten, aber auch von der Wohltätigkeit der Armen und verfolgten, die reich genug war, Segen in der Heimat zu stiften und auch die Gemeinden.in Palästina zu bedenken. Als R. Jesaja Hurwih, Rabbiner in Frankfurt a. M., Talmudgelehrter und Mystiker zugleich, zur Zeit des dreißigjährigen Krieges aus dem ruhelosen Europa nach Jerusalem kam, rie^ er die deutschen Juden zu Stiftungen für das heilige Land auf und bestellte in allen Gemeinden Spendensammler und „Fürsten des heiligen Landes". Freudig folgten die deutschen Juden seinem Rufe. Auf dem Grabstein David Oppenheims, der ein Führer der deutschen Juden war, ist zu lesen, daß er fürstliche Freigebigkeit geübt hat und auch ein „Fürst des heiligen Landes" gewesen ist. Als Z'wi Hirsch Kalischer in Thorn um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in seiner Schrift „D'rischat Zion" die Juden zur Kolonisierung Palästinas aufforderte, fand er bei den deutschen Juden warme Zustimmung. Es ist, schrieb er, eine heilige Pflicht der Wohltätigkeit, daß wir unseren Brüdern im heiligen Lande helfen. Allein Almosen und Spenden genügen nicht; vielmehr müssen wir unseren Brüdern Helsen, daß sie' das heilige Land bebauen, ihrer Hände Arbeit genießen und zugleich das dürstende Land erquicken. Me deutschen Juden haben für das heilige Land getan, was ihre Brüder in anderen Ländern auch getan haben. Vielleicht war ihre Wohltätigkeit um einen Grad noch wärmer, weil sie aus der warmen Herzensfrömmigkeit kam, durch die die deutschen Juden früher ausgezeichnet waren. Am kommenden Mittwoch, dem 7. N i s - san, wird in Jerusalem die jüdische Universität feierlich eröffnet. Als ein st die kleine Schar der Verbannten ausBabylon nach Jerusalem zurückkehrten, war ihreersteTat,daßsiedenGrundsteinfür dasHeiligtumlegten. AuchdieneueAniversität ist ein jüdisches Heiligtum; sie soll eine Pflege st äffe jüdischer Missenschaftwerden. AnihrsollendieErzieher der jüdischen Jugend in Palästina ausgebildet werden und die Pioniere, die alsHelden stiller undentsagungsvoller Arbeit das Land wieder aufbauen werden. An ihrwerdendiejüdischenStudent e n, d i e der miracnis e 1 a u s u s in ihrer Heimat hart getroffen hat, frei ihrem Studium obliegen können. Vielleicht werden auch jüdische Theologen aus E u r o pa u n d Ä m e r i k a z u d i e s e r A n i d c x f i - feit später wallfahrten, um im Lande der Bibel die Bibel und den Ursprung und Werdegang des Judentums verstehen zu lernen. Die Geb uris stunde dieser neuen j ü d i s ch e n L e h r st üt t e k a n n i n u n s er e r G e - schichte eine Stunde der Gnade werden gleich jener, in der das Lehrhalls zu Zabneentstand. DieAniversitätinIerusalem kann ein Markstein in der Geschichte desjüdischenGei st eslebenswerden und zur religiösen und geistig en Erneuerung des Judentums beitragen. Es ist begreiflich, daß am Tage ihrerEröffnung im Herzen vieler Juden historische Erinnerungen und frohe und gehobene Empfindungen wach werden. An dieser FreudenehmenauchvieteliberaleIuden teil. Wir sind in unserem religiösen Denken und Leben liberal, weil unsere aus der Wissenschaft gewonnene Aeberzeugung von dem Werden und der Entwicklung der jüdischen Religion uns dazu zwingt. Wir sind liberal, nicht weil wir es sein wollen, sondern weil wir es sein müssen. Der religiöse Liberalismus ist ein Stück unserer Weltanschauung, aber zugleich auch eine Forderung» jüdisches Leben, wo immer es wachsen mag, zu fördern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.