Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 11 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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stäiidlichkeiten und selbstverständliche Alltäglichkeiten dcirsiellen, fallen in diesem meridionalen Bezirken schon deshalb fort, weil angesichts der Gleichartigkeit der verschiedenen Mittelmeervölker das törichte Gefasel von der Blutstheorie irnd der eingeborenen Rassenabneigung verfliegt und zerstiebt in das, was cs wahrhaft ist: Der bornierte Unfug beschränkter Herzen und beengter Hirne. Islem: Tor» Hammer beherrscht nicht die Welt, geschweige, doh er sie dort, wo sie ihm nicht zusagt, zu zertrümmern vertnöchte. Und Israel ist nicht überall der „gottgewollte Prügelknabe". als den der Dichter Bcer-Hofmann dos auserwählte Poilr in seiner Dichtung „Iaakobs Traum" bezeichnet hat. Völkischer Eigendünkel, gepaart mit radaulustigem Antisemitismus, gedieh nur aus den Planken des deutschen Schisses, das jedem deutschen Reisenden eine schwimmende Heimat hätte bedeuten sollen. Ging man von Bord, vergast, mau leichthin Unverstand und Unduldsamkeit, die unliebsamen Fahrtgenossen. — Wann aber werden die Söhne und Bekenner des — einäugigen, verträgebrechenden, hinterhältigen — Wotan begreifen lernen, dost an — diesem „deutschen Wesen" — keine „Welt genesen" mag? ♦♦♦♦♦♦♦♦• •♦♦♦•♦♦♦♦HM* | jg | Aus den Gemeinden. | g j Aschaffenburg. 3n unserer Stadt wurde eine neue Loge des Ordens Bnei Brith installiert. Sie wird den Namen Philo-Loge führen. Bei der akademischen Feier sprach der Großpräsident Rabbiner Dr. Baeck über die Bedeutung Philos für das Judentum. Berlin. Die Gefallenengedenkfeier der Berliner Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten fand auf dem Friedhöfe der jüdischen Gemeinde in Weißensee statt. An der Feier nahmen mehrere tausend Personen teil. Nabbiner Dr. Alexander hielt eine Ansprache, in der er n. a. folgendes ausführte: Bor wenigen Tagen eilte durch den Blätterwald die schmerzvolle Kunde, daß der edelste Führer unseres Bolkes nicht unerheblich erkraukL sei. Und schon heute, nach wenigen Tagen stehen wir erschüttert an seiner Totenbahre. Wie die 12 000 unserer Kameraden, die für das Vaterland ihr Gut und Blut Hingaben und dem Vaterlands und dem deutschen Volke zeigten, daß wir Juden treue Deutsche seien, so steyen auch wir, die Lebeirden, heute gebeugt an der Schwelle der Totenbahre, stehen gebeugt vor der Majestät des Todes, der einen der besten des deutschen Bolkes entrissen hat. Wenn wir anläßlich unserer heutigen Gedenkfeier es für unsere selbstverständliche Pflicht halten, des toten Führers zu gedenken, so geschieht es besonders deshalb, weil dieser Mann ans kleinem Hanse und kleinen und kleinsten Anfängen entstehenes zu der höchsten Stufe gebracht hatte, weil er, ein Mann des Bolkes, Verständnis gezeigt hat für die Leiden -es Bolkes und des Einzelnen. Und weil er in Gerechtigkeitsliebe und Ueberparteilichkeit es verstanden hatte, die einzelnen Bürger des Staates einander anzunähern, und dem bedrückten Volke und dem Heimatlands wiederum Anerkennung, Frieden und Versöhnung mit den Völkern zu bringen. Uns aber ersteht hieraus eine doppelt geheiligte Pflicht. Wie die, die für uns und ans er Volk geblutet haben, so müssen auch wir Treue beweisen gegen «nseven Gott und unseren Gl-auben, Treue gegen unser Baterland. Als zweiter Redner ergriff das MitgKed des Hauptvorstandes des R. j. F., Kamerad Arnold Stein das Wort, das der Gefallenen wie des toten Reichspräsidenten gedachte. Dann sprach noch Herr Malter Kalmann, Mitglied des Berliner Ortsgruppenvorstandes des R. f. F., einige Morte. Berlin. Professor Moritz Sobernheim wird sich im Aufträge der GesellschMt zur Förderung der Wissenschaft -es Iudekkümsi als deren Präsident und -er Borderasiatisch-Aegyptischen Gesellschaft als deren Schriftführer nach Jerusalem jur Eröffnung der hebräischen Universität begeben. Er wird dort auch di« Gesellschaft für Palästina-Forschung und den Deutschen Palästina-Verein (zusammen mit Professor Dalmann) repräsentieren. <8in verpfuschtes Leben? Heileres aus dem Tagebuch eines jüdischen Kampfers. Bon Artur Schweriner, Berlin. IX. (6. Fortsetzung.) Die kleinste Partei im Deutschen Reichstag, die antisemitische „Wirtschaftliche Bereinigung", konnte als erste dem neugewählten Parlament einen neuen Manu, einen Iungfernredner, vorstellen. Der Schwiegersohn Stöckers, Lizentiat . Mumm, sprach im Namen des durch di« Reichstagswahlen im Januar 1912 zur Bedeutungslosigkeit herabgesunkenen Antisemitismus. D a s g a b e i n Fest im Reichstag! Besonders die Linke hatte ihre Freude an dem Debüt des streitbaren Geistlichen, der durch Pathos zu ersehen suchte, was seiner Rede an beachtenswertem Inhalt fehlte. Mosfe und Ullstein hatten es ihm angetan, in deren Redaktionsräumen man „genügend Männer mit dreitausend und mehrjährigem Stammbaum" finden könnte. Man sollte erwägen, ob nicht durch Vermittlung des Reichseisenbahnamtes das „Berliner Tageblatt auf den Bahnhöfen verboten werden könnte, auf denen es in aufdringlicher Weise angeboten würde. Mit Hohn und Spott charakterisierte der schlagfertige Sozialdemokrat Ledebour unter Freudenausbrüchen nicht nur seiner Fraktion dieses eigenartige Erstaustreten des antisemitischen Kultur-Kämpfers, der auf ihn den erfreulichen Eindruck eines Posaunenengels gemacht habe, der am Tage des jüngsten Gerichts mit seinem Instrument die armen Sünder in die ewige Verdammnis yine'mblase. Er (Ledebour) wolle sich nicht mit den Entgleisungen Mumms beschäftigen, die er ruhig der Heiterkeit des Hauses überlasse. Nur. die Aufforderung an die Behörden, das „Jerusalemer Blatt" materiell zu schädigen, wolle er festnageln, da eine solche Denunziation bisher unter allen anständigen Politikern als etwas sehr schäbiges angesehen worden sei. Im Volksmunde habe man dafür einen außerordentlich derben Bers geprägt, den er in pa r l a m c n t a r i s ch e r Form in dir Worte umdichten möchte: „Aeberall im ganzen Land Gilt als minder achtbar« Persönlichkeit der Denunziant." In einer persönlichen Bemerkung sprach Herr Mumm ein großes Mort gelassen aus, das ich mir im Tagebuch angestrichen habe und an das er in späteren Wahlkämpfen noch häufig erinnert wurde. Wenn im Reichstag ein jüdischer Name zu einem Witz herhalten muhte — welche Freude im antisemitischen Lager! Jetzt mußte Herr Mumm am eigenen Leibe spüren, wie wohl so etwas iut. Einige Abgeordnete der Linken riefen nämlich, als Herr Mumm sprach, häufig „Mumpitz" dazwischen. Dagegen wandte sich Herr Mumm in sittlicher Entrüstung wie folgt: „Ich bemerke, daß der Abgeordnete Ledebour mehrfach das Wort „Mumpitz" gebraucht hat, also meinen Namen zum Gegenstans seines Witzes gemacht hat. Meine Herren, ich führe meinen Namen in Ehren, halte Namenwitze für üble Unwitze und überlasse das Urteil über die Höhenlage einer solchen Kampfesweise dom Haute." Aus den heiteren Zwischenrufen -er Linken hörte man nur den eines waschechten Berliners heraus: „Mumm hat keenen Mumm mehr!* 4 * * * Berlin. Die letzte Matinee des Rezitatiouszyklus: „Drei Jahrtausende jüdischer Dichtung" in der Freien Jüdischen Volkshochschule findet wegen der Erkrankung von Alexander Granach erst am 22. März. Sonntag, vormittag 11 Uhr, Logenhaus, Kleiststraße 10, statt. Berlin. Am Sonntag, den 21. Februar, fand in Berlin die erste Hauptversammlung des Provinzialverbandes Brandenburg statt unter dein Vorsitz des Herrn Rabbiner Dr. Salomonski, Frankfurt a. O. An der Versammlung nahmen teil Vertreter der Zeniratwohlsahrtsstelle der deutschen Juden sowie eine ganze Reihe von Vertretern der Gemeinden und Vereine in der Provinz Brandenburg. — Der Vorsitzende erstattete zunächst den Geschäftsbericht für die Zeit seit der Begründung des Verbandes im September v. Is. bis heute. Aus demselben geht hervor, daß der sunge Prooinzialverband schon eine ganze Menge positiver Fürzorgrarbeit geleistet hal, und zwar nicht nur durch Bereitstellung von Geldmitteln an Bedürftige, sondern auch durch durchgreifende soziale Hilfe, Rat und Auskunft auf dem Gebiete der Kranken-, Alters- und Jugendfürsorge. Sodann nahm Herr Dr. Segall. Geschäftsführer der Zenlralwohlfahrtsstetle, das Mort zu seinem Referat über „Aufgaben und Leistungen der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland". Der Referent skizzierte den Ilnterschied zwischen der Wohlfahrtspflege in früheren Zeiten und der gegenwärtigen Arbeit auf diesem Gebiet. Es gab früher wohl eine Fülle von Vereinen für alle möglichen Bedürfnisse, zwischen denen jedoch kein organischer Zusammenhang bestand. Es fehlte an einem System für die Zusammenarbeit, so daß die vorhandenen Mittel zum Teil unproduktiv blieben. Jetzt haben wir zwar eine viel größere Anzahl von Notleidenden, aber auch eine gute Organisation. Die Anstalten, Einrichtungen und Organisationen haben es gelernt, sich den gemeinsamen großen Zielen einzusügen. Die Zentralwohlfahrlsstelle der deutschen Juden ist von der Großloge, dem Deutsch- Israel, Gemeindebund und dem Frauenbund als Kopf für die jüdische Wohlfahrtspslege in Deutschland begründet worden. Seit ihrem Bestehen ist sie bemüht, sich nach unten ihre Organe zu schaffen, indem sie in den einzelnen Orten und Gemeinden örtliche Zentralen, in Ländern und Provinzen Landes- und Provinzialverbände ins Leben ruft. Ein solcher Organismus der Zentralwohlfahrtsstelle ist auch der Provinzialverband Brandenburg. Der Referent führte weiter aus, daß die jüdische Wohlfahrtspflege, die früher ganz isoliert dastand, jetzt in engster Zusammenarbeit mit allen öffentlichen Stellen steht und die gesamte jüdische Wohlfahrtspflege bei Behörden und interkonfessionellen Vereinen vertritt. Die größte Wandlung gegenüber früheren Jahren besteht darin, daß die Wohlfahrtspflege jetzt nicht mehr als Almosengeberei ausgefaßt wird, sondern stärker vorbeugend wirkt. Es sollen nicht nur bestehende Schäden geheilt, sondern es soll von vornherein vermieden werden, daß solche erwachsen. Die Zeutralwohlfahrtsstelle hat noch eine Fülle von Aufgaben gemeinsam mit anderen Verbänden und allen Landes- und Provinzialverbänden zu leisten, so steht man z. B. jetzt unmittelbar davor, eine Tuberkuloseheilsiätte ins Leben zu rufen, ein Kinderpsychopathenheim zu errichten, Altersheime auszubauen und neue Einrichtungen für gefährdete Jugendliche zu schaffen. Es wird erwartet, daß sich an diesen großen Aufgaben das gesamte deutsche Judentum beteiligen wird. — 3m Anschluß cm das Referat wurde ein Ausgabenvoranfchlag für das Jahr 1925 vorgetegt und eine Schätzungslist«, aus der hervorgeht, welche Beiträge die einzelnen Gemeinden an den Drovinzialverbcuid zu leisten haben. Es wird ein vorläufiger Etat von 10 000 M. eingesetzt. — Nach einer lebhaften Diskussion über verschiedene wichtige neue Aufgabengebiete des Provinzialverbandes und die Organisierung der Wanderarmenfürsorge wird die außerordentlich rege Hauptversammlung vom Vorsitzenden geschlossen. Cassel. Der verstorben« Kommerzienrat Georg Aoisenzwelg batte mehrere Jahre vor dem Kriege der Akademie für die Wissenschaft des Judentums in Berlin ein Legat von zwanzigtausend Mark gestiftet, das den Grundstock der nach ihm benannten Rosenzweig-Stiftung bildete. Als Aequioalent war von der Akademie die Abhaltung von jüdisch-wistenschafttichen Kursen in Lasset in Aussicht gestellt worden. Me Stiftung ist infolge der Inflation für die Gegenwart wertlos geworden, «s sel denn, daß Angehörige des Stifiers, was in letzter Zeit nicht selten geschieht, die Auf.! Wertung in Reichsmark vornehmen würden. Die Akademie der! Wissenschaft des Judentums hat aber trotzdem, wie bereits kurz! mitgeteilt wurde, die Abhärtung der Kurse wieder ausgenommen! und Dr. Leo Strauß aus Frankfurt a. M. mit deren Ausführung! und Leitung beauftragt. Die Beteiligung ist errf eul ich erwehr! recht rege: an drei Abenden wird Hebräisch für Anfänger und! Fortgeschrittene gelehrt, außerdem werden auch in einer Arbeit;.! gemeinschcift über „Deutschtum und Judentum" Referate geholte.,.! Den ersten diesbezüglichen Vortrag hielt der Kursleiter über! „Motive des deutsch-jüdischen Zusammenhangs", dem eine Aus-! spräche über das Verhältnis von Deutschtum und Griechentum! nach der Auffassung des deutschen Judentums des 19. Jahrhunderts folgte. Teilnehmer der Arbeitsgemeinschaft übernahmen außerdem kurze ergänzende Referate über die Stellungnahme Heines.! S. R. Hirsch, Cohens und Moses Heß zu dem genannten Thema.! Die günstige Weiterentwicklung dieser mit großem Eifer begönne-! neu Lehrversuche zur Bereicherung jüdischen Wissens kann nur gewünscht werden: sie wird auch der beredteste Ausdruck des Dankeil sein, den man den Veranstaltern der Lehrkurse schuldet. Davos. Kürzlich ist in Davos ein Verein unter dem Namen! „Jüdischer Verein (Kehillath-Israel) Davos" gegründet worden.f Dieser Verein bildet die jüdische Gemeinde in Davos und läßt sich als solche auch die üblichen Gemeindearbeiten, wie Synagogen- Verwaltung usw. angelegen sein. Naturgemäß ist hier die Fürsorgetätigkeit die wichtigste Auf-I gäbe einer jüdischen Gemeinde. Denn Hunderte von Judo» kommen jährlich hierher, um .Heilung von der Tuberkulose suchen. Die Länge der zur Wiederherstellung unbedingt notwendigen Kur braucht nicht nur die geringen Mittel der 'Armeiil auf, sondern bringt auch die Kranken aus dem Äriltelstand! in größte Not. Daher kommt es, daß von den tuberkulös Erkrankten der weitaus größte Teil — nur die ganz Wohlhabend^! ausgenommen — schließlich auf öffentliche Hilfe angewiesen ist. Die Leiden der Kriegs- und Nachkriegszeit haben die Zahl! der Tuberkulose-Erkrankungen in erschreckendem Maße an»! steigen lassen. Die katastrophale Wirtschaftslage der jüdischen! Massen im Osten hat einen günstigen Nährboden für die Aus»! breitung dieser Volksseuche geschaffen. Aber auch in den Län-I Lern Mitteleuropas wütet die Tuberkulose als Folge der schlechten! Ernährungsverhältnisse im letzten Jahrzehnt mehr denn je. Ein! großer Teil der Schweizer Juden hat sich bereits seit mehreren Jahren zu einem Hilfsverein für jüdische Lungenkranke in der Schweiz zusammenaescylossen und eine jüdische Heilstätte in Davos! errichtet. Dieser Hilfsverein bringt jährlich die Summe von rund 100 000 jch-rv. Franken auf, eine im Verhältnis zur Zahl dcr Schweizer Juden sehr beträchtliche Leistung. Dennoch ist und! bleibt es für ihn ein Ding der Unmöglichkeit, allen aus verschic denen Weitleilen zu ihm gelangenden Gesuchen um Ausnahme in| seine Heilstätte zu entsprechen sowie den vielen, für einen Äusent. halt in Daoos zugereisten Petenten zu Willfahren. Daher hat betI der Schweizer Hilfsverein immer von neuem einen Appell an j das Ausland gerichtet, eine großzügige Hilfe zu organisieren. Leider ist dieser Ruf ungehört verhaut. Der Jüdische Verein Davos, zu dessen Mitgliedern die Leidensgefährten der bedürftigen Kranken zählen, kennt aus täglicher! Anschauung am besten die Not der Tuberkulose, die es zu lindern §iU. Es ist deshalb die berufene Informationsstelle über alle fragen, die den Tuberkulosekranken augehen. Vor allem muß er darauf Hinweisen, daß die Hilfsmittel, die heute für bedürftige Lungenkranke hier zur Verfügung stehen, noch sehr beschränkt sind und daß daher ein planloses Herreisen mittelloser Patienten ohne Vorsorge für die erforderlichen Kurkosten zu vermeiden ist. Rur eine Hisse, die durch Zusammenfassung der berufenen jüdischen iV U; fl» Y H £J I> 0 bi Ol st b. 0! W §ap echte Trinkkur mit 's Sodener Mineral- Husten, gegen Heiserkeit, Verschleimung. öJltllCtl Seit 40 Jahre« glänzend bewährt. Soöener Wasser von vorzüglicher Wirkung. Dir Frage der Zurücksetzung der jü-ifchen Medizin alvraktikanten spielte im neuen Reichst^ eine große Roll«. Wortführer im Kampfe gegen antisemitische Krankenhausdirektoren war der Reichstagsabgeordnete Dr. S t r v v e von den Fortschrittlern, der sich feiner Aufgabe mit Geschick und Humor entledigte. So sprach er am 19. 3. 1912 in drei Sätzen mchr, als andere in langatmigen Ausführungen für die jüdischen Medlzinalpraktlkanten und ihre gerecht« Sache hätten ins Treffen führen können: „Nach der vom Reichskanzler erlassenen Prüfungsordnung sind Kandidaten nur wegen sittlicher Verfehlungen zurückzuweisen. Hierin liegt der Beweis, daß eine Zurückweisung aus konfessionellen Gründen nicht statchaft ist. OderistdieAngehörigkeit zur jüdischen Konfession schon eine sittliche Verfehlung?" Als ich in jener Zeit in einer Versammlung auf diese Frage Dr. Struves zurückkam. meinte ein junger Student der Medizin, die Beschneidung der Juden, durch die sie ihren Abscheu vor allen Nichtjuden zum Ausdruck bringen wollten, fei in ethischer und physischer Hinsicht eine — Schweinerei. Schlagfer tig kam eine Antwort aus jüdischem Munde: „Mein lieber Freund! Sei doch gescheit! Ans trennt ja nur 'ne Kleinigkeit!" * * * Besonders heftig war der Wahlkmnpf in den hessischen Kreisen Cassel. Efchwege und Fritzlar. Ironisch war es jedenftills nicht gemeint, als die ,D e u t s chs ozia! e n Blätter" des Herrn Liebermann v. Sonnenberg zeterten, die jüdischen Berbände hätten ungeheure Summen in diese Wahlkreise hineingeworfen, und hinzufügten: „Wie tapfer .-unsere Leute" dort gefochten haben, das ahnen die meisten gar nicht!" 2n einem hessischen Städtchen wurden von jüdischer Seite 3000 M. aufgebracht und mit großer Freude konstatiert, daß ein einziger wohlbegüterter Jude 1000 M. für den Wahlsonds gezeichnet habe. Die Frau dieses Spenders war im Städtchen bekannt dafür, daß sie großen Luxus trieb und sich auch sonst unliebsam bemerkbar machte. Als einem einfachen Manne prahlerisch mitgeteilt wurde, daß der Herr X. 1060 Mark gezeichnet habe, antwortete er resigniert: „Cr zeichnet 1000 Mark, vnd sie macht für 2000 Mark Risches!" * * * Für den Parlamentsalmanach wurde ein -bekannter bayerischer Abgeordneter um sein Bild und um die Ausfüllung eines Fragebogens gebeten. Rach einiger Zeit kam der Fragebogen zurück. Der Abgeordnete hätte vergessen, die Frage nach der Konfession zu beantworten. Kurzerhand schrieb Herr F. ln die betreffende Rubrik: siehe Bild. * * * Im Wahlkreis des Herrn B r u h n gingen die antisemitischen Wellen besonders hoch. In einigen Städten des Bezirks war unter den Juden trotzdem die Lauheit schr groß. Deshalb wurde in der Wohnung eines Wischen Stadtrats der Plan ausgeheckt, während eines Purimvergnügens, zu dem die Gemeinde vo!lzühlig zu erscheinen pflegte, einen Vortrag über die.Gefahren des Annfemitismus halten zu lassen. Schonend machte man die Mische Gemeinschaft damit vertrant, daß der Vortrag über den AnAsemitismus nichts Ungewöhnliches darstelle, da der Verfasser des Th e a t e r st ü ck ch e n s, das an diese» I Purimabend gespielt wurde, derselbe sei wie der Redner. So kam ich nach Neudorf. Die Vortragsangelegenheit war schnell erledigt. Der Schriftführer der Purimvereinigung drückte mir 30 Mark in blankeu Goldstücken in die Hand, und dann wurde «ich zum Esten geführt. Da man mit Recht annahm, daß ich rituell lebe, hatte man mir einen Rieseneierkuchen oorgesrtzt. der eine zehnköpfige Familie ausreichend hätte sättigen können. Das Theaterstück: „Der gute Ton -im Hause Hillelv ging über die Bühne. Erwartungsvoll klopfte mein Herz! Doch wehe! Gerade als die Mitspielenden ein wenig das La-mprnfieder überwunden hatten, und ich Lorbeeren erhoffen durfte, fetzte eia regelrechter Theaterskandal ein, der bis zum Schluß des Stückes andauerte. Was war vorgefallen? Ein dezenteres Theaterstückchen gab es nie. Moralische Bedenken konnten die Unruhe alft nicht hervorgerufen haben. Doch! Doch! Eine Künstlerin hatte umnorailisch interpretierte DerSkaudalkamso: In einer Szene, wo Held und Heldin zeigen müssen, daß einander lieb haben, hatte ein temperamentvolles, schauspielerisch begabtes, fesches junges Mädchen recht fest ihren Partner umarmt. Diese Darstellungsweise schien einer Partei im Sa» — in jeder kleinen Gemeinde gibt es mindestens zwei Parteien zu r e a l i st i s ch. Man machte halblaut einige a b f ä l 1 i fl * Bemerkungen. Kaum waren die Worte den Kritikern enffahren. da wurden sie auch schon von den hinter ihnen sitzenden Anverwandten des jungen Mädchens gehört. Lautes Hin und Her»- und um die Theateraufführung war esgeschehem Mich reizte es, die 18 jährige Range, die das ganze Unglück angerichiet hatte, kennen zu lernen. Ich interpellierte d Kleine, die die ganze Angelegenheit durchaus nicht tragische genommen hatte. „Wäre ich mal lieber zum Besuch bei meiner Schwester ,rn Berlin geblieben, dann hätte ich heute einen Studentenball mw gemacht und mich nicht über die Kleinstädter ärgern brauchen- Ich habe mich in den Gei st des Theater st ückchens hineinverseht und wollte meine Rolle als „erste Liebhaberin" zu briugen. Da durfte ich nicht die Naive spielen, wie das ein Ten meiner nüchternen Mitbürger und Mitbürgerinnen gewünscht hat- Uebrigens war der Partner mein leibhaftiger Vetter. Der Unverstand der Menschen ist manchmal grenzenlos. Gibt es eine harmlosere Liebe als di«, die man öffentlich 3wri Schau trägt, Herr Aedakteur?" Die Abfahrt des Zuges rückte bedenklich näher. „\ „Darf ich mit Ihnen korrespondieren, gnädiges Fräulein- „Da müssen Sie meine Mutter fragen. Tanzen Sie einmal mit meiner alten Dame rum, dann macht sich das leichtesten!" Die schwere Arbeit war bald getan. Nun galt es, sich an den Vater des Mädchens hrranzupirschcn,' der im Nebenzimmer einen Skat spielte. . , Ich sprach ihn freundlich an, er würdigte mich aber «erne^ Blickes, denn er hatte mit seinen Karten im Augenblick be-'-o^ Handr voll zu tun. Später entschuldigte sich der unhöfliche Herr. Es sei nicht bös gemeint gewesen. Er habe gerade einen fast ans-