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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-13 · 11 (13.3.1925) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
11 (13.3.1925)
Date
1925-03-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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S. Jahrgang Hummer 11 1. Beilage 13. Mörz 1925 IiibischliberaleZeitliikg Westöstlicher Divan. Don Doris Witlner. Unsere verehrte Mitarbeiterin, Frau Doris Wittner» die sich auf einer Mittelmeerreise befindet, sendet uns über die Erfahrungen auf ihrer Reife und die Verhältnisse der Juden in Afrika die folgenden interessanten Ausführungen. Don Westen kam er. der große, weihe Luxusdampfer mit dem nordischen Namen „Peer Gynt"; — fünf Tage war er durch die slalilgrau anrollenden Fluten winterlich bewegten Ozeans gevolli. gestampft, sanft hin geglitten; — die südlichen Küsten Poruigals und Spaniens, die blumen- und düfteschweren Märcheninseln Mad eira und Teneriffa waren wie ein h eißer, schwüler Traum an den „Peer Gynt"-Passagicren und ihren sonnesuchenden See- Icri voriibergerauscht und endlich, endlich hob sich vor fiebernder Luvartung aus der tiefblauen Umarmung des Meeres der Küiumi'r. Nordafrikas mit seinen — wenn auch unter französisch-spanischer Kolonialherrschaft stehenden — doch nach Wesensart und Bevölkerung völlig arabisch wirkenden Großstädten und kleineren Siedlungen. Dieweil noch an Bord fröhliche Sorglosigkeit den cytherischen Reigen schlang, junge, schöne grauen allnachmittäglich und allabendlich in den von Künstler- ' bänden geschaffenen Ballsaal einen tadellosen Tango zelebrierten jder neueste Kult internationaler Menschheit) oder wacker daraus- Iuc< „flirteten"; während eine bunt gemischte Reisegesellschaft mit dionysischem Behagen schmauste und pokulierte; während jugendliche Hochzeitspaare auf Sonnendeck ihrer jungen Freiheit und Zweisamkeit sich zärtlich freuten; während das Abendland eben noch unbedenklich scherzte und lachte, versank allgemach Europa mit seinen steinernen Städten und seinen wohlfeilen Pflaster- .veisheiten. Afrikas Silhouette stieg leuchtend — und doch lastend von geheimer Drohung, voll und heiß und schwer cm Rätseln und Geheimnissen — aus den azurnen Wogen. Der Westen verstummte. Fäh und unvermittelt. Der Osten — das heilige Fa des Lebens, die große Menschheitswiege — kam zum Wort. In Lissabon und Funchal. in Eadix und Malaga, ja selbst an den weihevollen Stätten erhabenster Kunst: in Sevilla und Granada — mochte noch — allenfalls — der Okzident gesprochen haben — in Algier schon sprach der Orient. Algier — Tunis — Constantine! Drei wichtige Stützpunkte der französischen Kolonisation, aber drei noch bedeutsamere Bastionen des Mohammedanettums an der nordafrikanischen Peripherie, in denen die Söhne des Propheten scheinbar indifferent und indolent neben ihren französischen Kolonisatoren und Reformatoren leben und in denen doch das Arabertum das unerschütterliche Fundament städtischen und nationalen Daseins bildet. Man muh umlernen, alle überkommenen und übernommenen Begriffe vergessen, fest wurzelnde Vorstellungen revidieren und neu begttinden, sobald man die Schwelle zur Welt des Islams überschreitet. Und vor allem: man darf keine europäischen Urteile und Vorurteile mitbttngen wollen. Was die Reisenden des deutschen Dampfers — insbesondere die Passagiere jüdischer Konfession oder Rasse — jählings mit der ganzen Wucht_der Kamtrasbwirkungüberfiel ist der offensichtliche Friede und die gegenseitige Duldsamkeit, worin an diesen seligen Küsten Volk neben Volk. Rasse neben Rasse. Bekenntnis neben Bekenntnis lebt und strebt, ohne dah Mensch wider Mensch. Stamm wider Stamm, Konfession wider Konfession sich erhebt und beste Volkskräfte und -säfte verzettelt in dem mcsquinen Guerillakrieg niedrigster Rassenhaß- Instinkte und ihrer demagogischen Listen und Laster. Auf dem Rutschen Dampfer galt im Namen westeuropäischer Zivilisation, nid wiewohl man sich notdürftig mühte, „das Gesicht zu wahren", wch letzten Endes der bittere Spruch: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." der Beste wenigstens nicht, wenn und sofern er, wie die „völkischen Belange" (diese Sprachmonstrosität!) es ja wohl hießen, ein „Fremdstämmiger" war. — Man hätte eigentlich meinen sollen, ein Luxusdampfer auf dem sich nur 160 Passagiere erster Klasse — also von vornherein sozial ziemlich gleichstehende Mitglieder einer Gesellschaftskaste—befinden, müsse neutraler Boden sein, auf dem Konflikte der Rassen oder Konfessionen schon durch ^e gute Erziehung, die selbstverständliche „Kinderstube" jedes weisenden ausgeschlossen sind, weit gefehlt! — Fm Gegenteil: erweiche der selbstbewußten und selbstgefälligen Herrschaften, die so demonstrativ auf ihren Namen, Rang, Stellung oder — wenn Sör nichts anderes blieb — auf ihr Geld pochten, schien selbst die impetriose Unendlichkeit des Ozeans oder gar die schwüle Wunderprocht der blumen- und düfteschweren Mvrcheninseln Madeira und Teneriffa nicht ablenken zu können von ihren bevorzugten Liebhabereien, einer exakten Blutsprobentheorie ihrer Mirreisende'n nachzugehen oder jene Mitpassagiere, die der „Wüstemvanderung" und des „tausendjährigen Schmerzes" unschwer verdächtig waren durch direkte oder indirekte Rüpeleien anzu- U'.npeln. (Ein Engländer, der sich also betrüge, würde aufhören, unter seinesgleichen als „Gentleman" zu gelten.) Und die düstere Pracht spanischer Kathedralen, insbesondere des Domes von Sevilla — dieses steinernen Mirakels — schien für diese Fgnoranirn jeglicher Herzensbildung nur insoweit Bedeutung zu besitzen, Vls sie darin die Heimat der Inquisition. d. h. der gewalttätigen ^rnichtung — Andersgläubiger, erblicken zu dürfen glaubten. Isu' vergaßen ad hoc wohl gern, daß vor und von diesem erbarvmugslosen Tribunal auch den meisten von ihnen — als Prote- Nanten! — das Autodafe gerichtet worden wäre.) Lärmender Wortführer dieser Duodez-Pogromisten war der Träger eines klangvollsten Namen der westdeutschen Schlotbaronie, ein Herr Wilhelm Thyssen aus Essen. Ob er. der die geselllchastliche Atmosphäre des deutschen Vergnügungsdampsers geiHfientIidj durch „völkischen" Offensivgeist vergiftete, wirklich ein naher Agnat der großen Kohlen- und Erzdynastie ist oder er mir einen im Fn- und Ausland gleichermaßen geachteten ^amen (dank entfernter Verwandtschaft) mißbrauchte, lieh sich ^^evwegs nicht ermitteln. Fedenfalls beliebte dieser Amateur- Kapitän etwaigen deutschen Bürgerkrieges und Bruderzwistes, oer selbstverständlich mit seinen Gesinnungsgenossen, den „Cchlagctots" vom grünen Holz. in fremden Ländern auch stets mit dem Zerbrrchnen deutschen Schwert rasselte und drohte, nach der belebten Tonart: „Wir werden euch verdresche n". 'beliebte es rhm sagten wir, aus eine völlige korrekte Rede des Schiffskapij0”5 D^npwolf. die sich an alle Passagiere wandte, mit poliftlchen Taktlosigkeiten zu antworten, ungefähr im Stil des wohl, Wortspieles: „Als unser Dampfer sich im Golf von Biseaya ^'vhcblich auf die rechte Seite legte, folgte er damit nur dem der heutzutage in unserem deutschen .Vaterlands und in allen deutschschlogenden Herzen gottlob der richtunggebend e ist" Abwarten, Herr Wilhelm Thyssen, abwartcn! Die nächtlichen Saufgelage und das provokante Absingen des „Heildir-im-Siegerkranz" und «Die Wacht am Rhein"-Hymne (die beiläufig im gegebenen Augenblick wie kindische Travestien wirken) machen den deutschen Patrioten ebensowenig wie das lauteste Hepp-Hepp-Geschrei. Vielleicht könnten diese deutschen Chauvinisten und Patriotards etwas lernen von dem genialen gallischen Nationalisten Gambetta, der in die Seele seines Volkes die Idee der Vergeltung pflanzte durch tzas lapidare Wort: „Immer daran denken, nie davon sprechen." — Aber allerdings war dieser glühende sranzösische Patriot auch ein „Fremdstämmiger" (wenn auch kein Jude); und bei den Deutschen vom Schlage der „Peer Gynt"; Demagogen kommt immer erst das Wort (und zwar je lauter, desto besser) und lange nachher, wenn überhaupt, die Tot. Item: Das war die Sprache der soi-disant westlichen Zivilisation an Bord und zu Land gewesen. Häßliche, würdelose Szenen, die bis zu Tätlichkeiten ausarteten, waren die Folge einer nationalen Hemmungslosigkeit und politischen Kurzsichtigkeit. die selbst angesichts der Mojestät des Meeres ihre Scheuklappen nicht abzulegen vermochte und in täppischer Bärenhaftigkeit auf — „moralische Eroberungen" unfreiwillig verzichtete. — Mit dankbarer Anerkennung verdient erwähnt zu werden, daß die Schiffsbesatzung — vom Kapitän und ersten Offizier an bis zum letzten Steward herab — vornehme Loyalität all den unerfreulichen Vorgängen gegenüber bewahrte und einem Subalternbeamten gegenüber — nämlich den Photopraphen des Schiffs, der sich von der völkischen Fahne gleichsam als „Bravo" hatte dingen lassen. — autoritäre Ablehnung seiner dunklen Machenschaften fühlen ließ. Und nun. nach diesem bitteren Nachgeschmack der Heimat und des scheinbar allgemein verjüngten Okzidents jählings der Orient mit seiner „besinnlichen" und besonnenen Weisheit, seiner alten Geisteskultur und seinem toleranten Nebeneinander von Nationen, Konfessionen. Raffen und Individuen. Man glaubte, auf den Echiffsplanken fürwahr den vielberufenen „Untergang des Abendlandes" in Symptomen und Symbolen wahrgenommen zu haben. Jetzt begann das Morgenland seinen Sirenengesang, dem man nur zu willig Ohr und Herz lieh. Algier, am ehesten zertrümmert und gebrochen in seiner mohammedanischen Eigenart, schon vielfach gallisch übertüncht, bleibt an Ursprünglichkeit und Urwüchsigkeit orientalischen Volkslebens vielfach hinter Konstantine und Tunis zurück. Wer aber diese beiden Stücke reinsten Morgenlandes nicht kennt, der wird von Algier, diesem Glacis arabisch-nationaler Individualität mit st a r k jüdischem Einschlag und — Einfluß, doch immer wieder schlechthin überwältigt werden. In dumpfen, luft- und lichtlosen Löchern haust vielfarbene Menschheit eng gelniäuelt beieinander. Volker und Rassen mischen sich ungehemmt. Araber. Sudanneger, Marrokaner, Meffittier: eine vielfältig Mattierte Menschenpalette. Frauen schreiten vielstusige Gäßchen hinauf und herab: in Lumpen, aber Königlich, voll heiterer Gelassenheit, so ungefähr, wie wenn sie eben aus dem Hohenlied Salomonis einhergeschritten kämen. Andere — die meisten — tragen nach dem Gesetz des Propheten das Gesicht durch schwarze oder weiße Schleier dicht verhüllt, so daß keines Mannes Blick des Weibes Antlitz berühre. Nur die Augen bleiben frei und ungeschützt. Die Augen einer Frau! Als ob sie nicht genügten, auszuplaudern, zu verraten und zu offenbaren, was die Schleier züchtig bedecken und verstecken sollen? Vielleicht mißkannte der Gesetzgeber des Korans die Beredsamkeit des Frauenauges, als er ihm — Redefreiheit gewährte. Vielleicht auch wußte er, daß jeder Zwang eines Ventils bedarf, woraus zuzeiten gestauter Groll, Unlust und Empörung entweichen können. In den Kaffeehäusern und Teestuben der mohammedanischen Viertel — winzigen fensterlosen Gelassen mit offener Tür zur Straße hinaus — liegen die Moslim eingeschlagen in ihre weißen Burnusse, auf dem Haupt den hochgewickelten Turban, bei Schach-, Domino- oder Kartenspiel. Bethel kauend oder den aromatischen Trank des Ostens schlürfend. Sie spielen, ober auch das ruhig, leidenschaftlos, ohne die Unrast und jähe Gier des Westländers. In ihren Augen glüht die fromme Inbrunst der Betrachtung.. Väter und Söhne des Geheimnisses von der Vita eonlswplativa sind sie. Sie haben den Stein der Weisen gefunden: zweifelfreies, fragloses Beharrungsvermögen. Kraft der inneren Gewißheit: Allah ist groß — und was er tut. ist wohlgetan. Neben den Moslim, in Kaftan und seidenem Käppchen oder häufiger noch in der farbigen Landestracht, von den eingeborenen Arabern nur mit geschultem Auge zu unterscheiden, fromme jüdische Männer, die mit eiferndem Ernst und ernstem Eifer ihre Köpfe neigen über die heiligen Schriften der Väter. Aber auch sie ohne die grelle und gelle Ruhelosigkeit. die in ost-europäischen Ghetti oft so atcmraubend und beklemmend wirkt. Auch sie— späte Nachfahren des Wüstenwanderstammes — haben offenbar als der Lebensweisheit letzten Schluß erkannt: „tzuieta non movere." Nicht bewegen was ruht. Alle Fieber in ihnen sind erloschen, schweifende. weit ausgreifende Sehnsüchte schlafen gegangen. — Nicht bewegen, was ruht .... In den Souks den arabischen Basaren, ioinnt sich das „business-life“, das Geschäftsleben der Bevölkerung ab. Die merkantilen Hauptadern der Araberstädte werden von einem heißen Blutstrom gewerblichen Lebens durchpulst. Mer auch im tollsten Wirbel des Kommens und Gehens, des Feilhaltens und Erfeilschens — wiederum von Arabern und Juden fteundnachbarlich. meistens sogar in Gemeinschaft betrieben — im kräftigsten Fortissimo der Geräusche, bleiben chrakteristische Eigentümlichkeiten gewahrt. Vor allem: — auf arabischer wie auf jüdischer Seite: Würde und Verhaltenheit in der Bewegung. Dann eine gewisse kummervolle Trauer in Gebärden und Mimik. Es ist immer so, als trüge jeder — Sohn des Islam oder des Alten Testaments — außer der Schwere persönlichen Schicksals, individuellen Erlebens noch mit an dem großen, allgemeinen Fluch, Mensch zu heißen. Und als sei jeder sich der Wucht dieser Verdammnis bewußt, und fei ihrer ständig eingedenk. Viel Analogien. Seelenvermandtschaften und gemeinsame Traditionen verbinden in diesem Geistesklima religiöser Beschaulichkeit die'großen Kulturvölker des Ostens: Araber und Inden. Der Koran denkt Mosis als eines Heiligen und Propheten. Sittenlehre und Kult weisen manche verblüffende Aehnlichkeit auf. In jeder Moschee grüßt als unentbehrliches Sinnbild der — D a v i d s st e r n. Und ob man die Araber in ihren Gotteshäusern odw die Juden in ihren Tempeln die Körper gen Osten werfen und mit einförmig singender Stimme ihre Gebete dazu murmeln hört: Der Sinnescindruck ist von täuschender Gleichartigkeit. Und beide Völker begraben ihre Toten, die Füße gen Osten so daß sie bei der groben Wiedererweckung. dem „siävsillon" der Seelen, unverzüglich und unverzagt den Sonnenaufgang zu grüßen vermögen. Ex Oriente lux! An Bordschwellen, in Rinnsteinen, in höhlenartigen Haustoren (wo von solchen überhaupt geredet werden kann) ballen Kinder sich rudelweise, in großen schmutzigen Bündeln zu- 'ammen. Man tritt auf sie. fällt über sie. kann oft nicht auschreiten zwischen ihnen. Der Begriff „Geburtenrückgang" ist iu den Araberquartieren Nordasnkas — Chimäre. Vielmehr gilt auch hier buchstäblich das Gebot des „Alten Bundes" wie des Korans: „Gehet hin und mehret euch!" — Unbekannt auch sind Vorstellungen wie Körperpflege. Ceifengebrauch, Wohnungskultur. In trauter Einttacht mit Groß- und Kleinvieh und ohne daß sich die Lebensbedingungen der Menschen von denen der Tiere wesentlich unterscheiden, haust in finsteren Kojen — auf dem Land in lehmverkleideten Erdlöchern, gleichsam prähistorisch — beieinander, was will und sich zusammenfindet. Ohne Ansehung von Geschlecht, Alter. Personenstand. Ohne Scham, aber auch ohne Lüsternheit! Rein vegetativ. Ohne Wissen und Bewußtsein anderer Möglichkeiten Ueberall sind die Daseinsgesetze auf primitivste Formeln gezogen. Und dennoch: zwischen Armut, Schmutz. Verkommenheit, Elend. Widerwärtigkeit jeglicher AN; zwischen Blinden» Krüppeln. Mißgeburten. Leprazersressenen aller nur denkbaren, kaum vorstellbaren Grade, zwischen Lebensmitteln, vor denen jeder europäische Magen sich beim bloßen Anblick schmerzhaft zusaminenkrampft; zwischen Düften, die den Begriff der „arabischen Wohlgerüche" in das Reich der leichtfertigsten Erfindung verweisen; zwischen all dem und noch manchem anderem blüht trotzdem und alledem die Blume orientalischer Poesie, singt und klingt die Zauberharfe des Ostens. Und man erkennt mehr und mehr, daß die bizarren Köstlichkeiten, die blühenden Wunder und das schwüle Geschehen der „Tausendundeine Nacht" nicht von müßiggeschäftigen Dichterhirnen erfabulrert worden sind, sondern daß sie kühnen und wilden Wirklichkeiten lreufam abgelauscht wurden und noch zu jeder Minute abgelauschl werden können. Immer noch schreiten nächtlicherweile gelangweilte, nach neuen Sensationen dürstende Kalifen („cosi fan tutte“) verstohlen durch die verschwiegensten Quartiere ihrer Untertanen, um der Wahrheit, vielleicht auch nur, um einem Menteuer oder einem Rausch zu begegnen. Und immer noch — oder immer wieder — findet sich Frau Scheherazade» die Blutdurst mit Märchen stillt und die sehnend Nächte füllt mit den traumschweren, weisheitsdurchwirkten Gespinsten morgenländischer Phantasie. Was erlebt, erlauscht, erlogen ward zwischen Sultan und Favoritin in jenem süßen, furchtbangen Stunden, die der Nachtigall (und nicht der Lerche) gehören, ward zum bildhaften Eindruck, zum unverlierbaren Besitz all jenen, die durch die Städte des Kalifen schritten und sich nicht scheuten, auch nachts durch ihre heimlichsten Gaffen zu streichen — Harun al Hraschids im Neisekleid! Schließlich: Wahrheitssucher — Gott sucherl Und letzten Endes vielleicht alle: „betrogene Betrüger!" Impetuose französische (oder spanische) Präfektur- und Bankgebäude zeigen an. wessen die politische und wirtschaftliche Macht in den nordafrikcmischen Küstenstädten ist. Und dennoch: in Algier 20v.H. Mohammedaner 10v.H. Juden, in Tunis 52 v. H. Mohammedaner, 20 v. H. Juden, in Konstantine 55 v. H. Mohammedaner, 20 v. H. Juden: — diese Ziffern zeigen mit Fug. wo das moralische Uebergewicht zu finden ist. — In Konstantine, der romantisch gelegenen Siedlung oberhalb der abgründigen Rhumel-Schlucht, herrscht nicht nur die farbenpräch- ' (ige Volkstracht des Mohammedaners, sondern auch das mittelalterliche, ungemein pittoreske und kleidsame jüdische Frauen k o st ü m vor. „Rosen von Zion und Lilien im Thal", fürwahr. so blühen die schönen Töchter eines Stammes, der Hier als Gleicher unter Gleichen sein anspruchloses Dasein fristet, ohne von „völkischen Belangen". „Arierparagraphen", „Dlutsprobe" und dergleichen beschämende und schändende Produkte eines sich annoch „Deutsche Republik" nennenden Claatsgefüges etwas zu zhnen. Die Franzosen — sonst nicht immer glücklich in der Menschenbehandlung — sind in Nordafrika klug genug, ihren Kolonialvölkern weitgehende „Gedankenfreiheit" einzuräumen. Ueberall in der Welt der Realitäten entscheidet die Zahl. Es ist mithin wahrscheinlich daß auch — günstige Verhältnisse für den jüdischen Teil der Bevölkerung unterstellt, diese ein Produkt numerischer Zwangsläufigkeiten darstellen dürste. Eei's drum! — Wer aus dem Westen, insbesondere aber dem neuen Deutschland mit seinen „zugkräftigen Parolen" (Refrain: „Juden raus!"), seiner systematisch betriebenen Volksverdummung. Rassenverhetzung und gegen klingende Münze inszenierten Auspeitschung der niedrigsten Masseninstinkte; kurz, wer aus der dumpfen Atmosphära des neomittelalterlichen geistigen Obskurantismus kommt, der atmet schon in dieser ttcmsluciden Welt der glückhaften Mittelmeervölker leichter und freier. Gewiß: man soll sich von dem schönen Schein nicht beirren und verwirren lassen; — es wird auch in den kribbelnden, wibbelnden Araberstädten Nordafrikas nicht fehlen an Konflikten weder zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten, noch an Reibereien zwischen den Söhnen der Propheten und den Bekennern Iehovahs; (Gärungsstoffe gibt es allenthalben, wo mannigfache, nicht bodenständige Völker nebeneinander Hausen), aber es wirkt schon wohltuend, daß das demagogische Moment alltäglichen Rassenhasses und Rassenkampfes fehlt. Weder auf den pomphaften Boulevards des üppigen Algier noch in den warenstrotzenden Basaren Tunis, noch in den dichtest bevölkerten Gassen Konstcmtines kann es geschehen, daß ein argloser Spaziergänger oder gar eine.Dame Gegenstand hämischer Bemerkungen, höhnischer Blicke öder womöglich rüpelhafter Anrempeleien wird, bloß weil die Objekte besagter Taktlosigkeiten über brünetteres Haar, feurigere Augen oder eine kühner geschwungene Rase verfügen als die seelischen Wegelagerer, die sich der wohlfeilen Offensive gegen mißliebige — Physiognomien befleißigen. Derlei beschämende Episoden, die ftm Rahmen westlicher Zivilisation — insbesondere aber deutschen Gesellschaftslebens ~ alltägliche Selbswer»

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