Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 11 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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darüber hinaus auf Verwesung. Die ganze ungeheuerliche Welt des Unbewußten, in Wirklichkeit keine Welt in uns, sondern die geistige Seite der Außenwelt, des Weltganzen, drängt in uns zu einem Triumph des Bewußtseins. Auch die Künste sind die glanzenden Dienerinnen dieser Begierde. Man könnte die Welt mit einem unendlichen Diamanten vergleichen, der seine Wirkung einbüßt, wenn eine Facette dem Lichte entzogen wird. Der Lärm, die Narkotika, die physiologischen Triebzentren und endlos viele Suggestionslre'rne in unseren verschiedenen Bewußtseinsschichten sind die stärksten Hemmungen für das Bewußtsein. Es liegt aber in dem Ideal, das hier ganz flüchtig angedeutet wird, durchaus keine asketische Tendenz im christkch-kirchlichen Sinne. Vielmehr werden die Triebe a.ufgesatzt als notwendige Berbindungsbrücken mit der Welt, ohne die die Sinne müßig, die Festung des Bewußtseins vereinsamt sein würde. Entscheidend ist der Gedanke der aujbauenden Tendenz im Simie eines wachsenden Bewußtseins. Predigen wir damit aber etwa den gesürchteten „Intellektualismus"? Durchaus nicht, sofern damit ein abgetrenntes und unfruchtbar in sich verkrampftes Denken gemeint wird. Der magische Mensch zeichnet sich im Gegenteil dadurch aus, daß er mit tausend Fasern in besondere Liefen der Welt verwurzelt ist, der umgekehrte Baum: die Wurzeln verflochten in Wind und Weite, die Früchte versenkt in diese Erde, die unser Feld ist und von der in keinem Falle eine Trennung möglich oder auch nur wünschenswert scheint. 4444444444444444»44»4444»444444444»»4444»44<44444444444444444!§| Aus der Bewegung. r 4 4 2 «40444444444444444444444444444444444 »4444444 »444444444444444 Frankfurt a.M. In der Versammlung vom 3. f>. M. sprach a!serster Referent Herr Dr. Rudolf Geiger über die Lehren der Mahlen. Nachdem er im Eingang feiner Ausführungen die Bedeutung des Wahlresultaies, die ja den Lesern dieses Mattes bekannt ist, erörterte, insbesondere auch die Frankfurter Verhältnisse dabei eingehend würdigte, zog er folgende Folgerungen aus dem Ergebnis, die von der Versammlung einstimmig gebilligt wurden: Der Erfolg der Liberalen ist in erster Linie auf ihre konsequenie Haltung zurückzusühren, in ihrer Stellung gegen alle äußerreligiösen Partei- und Mahltendenzen. Weder für" eine politische Vertretung im Sinne eines zionistischen Nationalismus, noch für volkstümliche Sonderinteressen, wie die besonderen Vertretungen der Ostjuden fei die Landesversammlung und ihre Aufgaben da. Dem von vornherein konsequent gegentibergelreten zu sein, und den Standpunkt vertreten zu haben, daß die Parteigruppierung nur nach dem religiösen Standpunkte, sei er nun liberal oder konservativ, zu erfolgen habe, sei die von der übergroßen Mehrheit der Wähler für richtig befundene Haltung, und es sei Aufgabe der Liberalen, diese Tendenz sowohl in der Landesversammlung, ols in den Gemeindevertretungen nachhaltig zu vertreten. Die zweite Lehre sei, daß die Behauptung der Zionisten, die Mehrheit der Liberalen habe sich im Laufe der Jahre zur Minderheit verwandelt, nicht stimmt, daß in den Mahlen.nicht nur der Prozentsah der Liberalen ungefähr der gleiche geblieben-ist, daß sich aus' der Uebersicht über die Bezirksergebnisse ergeben hat, daß auch die Jugend, die die Zionisten immer für sich in Anspruch nehmen, in gleicher Weise wie früher auch bei den Liberalen steht. Schließlich, daß trotz der Vervielfachung der Ostjuden in unserer Stadt gegenüber den letzten Mahlen dies den Prozentsatz der nichtliberalen Stimmen nicht verstärken konnte, «in Beweis, daß sich d-ie länger In Deutschland lodenden Ostjuden den deÜKchen Verhältnissen assimilieren und der Wahl in gleicher Welse rote die hier geborenen gegenüberst«hen, also sich kein kleiner Teil derselben von seinem religiösen Standpunkt aus bel den Wahlen leiten läßt. Die hieraus zu ziehende Lehre ist, daß die bisher geübte Nachgiebigkeit, welche den nichtlleberaten Parteien eine weitaus größere Vertretung zugesiand, als er durch abgegebene Stimmen legitimiert ist, insbesondere bei Kompromißwahlen ein Ende finden muß. In der Diskussion betonte Herr Rabbiner Dr. Lazarus, daß eine Partei, die sich ausschließlich als religiöse Richtung bezeichne, so wenig Rabbiner unter ihnen Vertretern hat. Es wurde ihm erwidert, daß die auf der Landesliste stehenden Rabbiner wider Er- - warten kein Mandat bekamen, während man ihre Wahl als gesickert betrachtet hatte, und daß man ferner davor zurückscheute, die Herren Rabbiner in den Wahlkampf hineingezogen zu sehen, daß man aber, nachdem man nunmehr die Auswirkung der so komplizierten Wahlüestimmungen in praxi kenne, bei nächster Gelegenheit dafür sorgen wolle, daß unsere rabbinischen Führer an die Stellen kommen, die ihnen zugedacht waren. Herr Dr. Mainzer betonte, daß auch in konservativen Kreisen die Erkenntnis immer weiter um sich greife, daß das Zusammenwählen mit den Zionisten in erster Linie ein so klägliches Ergebnis der Konservativen ergeben habe. Als zweiter Redner gab Herr Willi Wolf, einer der berufensten Kenner auf diesem Gebiete, uns eine Uebersicht über den derzeitigen Stand der Frankfurter Gemeindefinanzen. Er führte aus, daß seit den letzten drei Jahren, als er zum letztenmal uns Bericht erstattete, erst heute wieder von einem Anfang eines geregelten Gemeindebudgets gesprochen werden kann-. Die Unsicherheit rührt heute vor altem noch daher, daß die Gemeinde noch gar keine Berechnungen aufstellen konnte, wie hoch die ihr aus Steuern zufließenden Einnahmen sich gestalten, um so mehr, als die Steuern in den meisten Fällen heute nicht aus dem Einkommen, sondern aus Vorauszahlungen auf Grund des Umsatzes oder eines mehr oder minder willkürlich angenommenen Kapitals bestritten werden, so daß Unterlagen über das voraussichtliche Endergebnis nicht vorliegen. Im einzelnen führte er aus: Für Besoldung betragen die Ausgaben heute rund 600000 M. gegen 400 000 M. im'Frieden. Der Ueberschuß aus Synagogen- und Filialgottesdienslen betrügt heute 73 000 M. gegenüber 30 000 M. 1913. DaS Krankenhaus bedarf heute nur noch eines Zuschusses von 48 000 M. gegenüber 143 000 M. im Frieden. Der Unterschied ist, daß infolge der ausgezeichneten ärztlichen Leitung, Einrichtungen und Verwaltung das Krankenhaus in immer größerem Maße in Anspruch genommen wird, auch von Schichten die früher allgemeine Krankenhäuser vorzogen. Während jedoch der Etat 1913 ausbalanziert war, besteht heule ein ungedecktes Manko von 44 000 M. Die Gesamtsumme des Etats beträgt heute 878 000 M. gegen 923000 M. im Jahre 1913, das Manko ist vor allem darauf zurückzuführen, daß aus Kultussteuern heute nur noch 575000 M. eingenommen werden gegen 723 000 M. vor dem Kriege. Der Referent erklärte, daß es vor allen Dingen Aufgabe der Verwaltung sei, den Prozentsatz der Steuererträge am Gesamtbudget zu vermindern, dadurch, daß vor allem die Einrichtungen der Gemeinde möglichst rentabel gestaltet werden, so daß jeder, der Gemeindeinrichtungen in Anspruch nimmt, auch hierfür voll die Kosten deckt. Eine weitere Einnahmequelle soll durch werbende Betriebe beschaffen werden, insbesondere eine Mazzebäckerei, welche die Bevölkerung preiswert mit Mazze versorgen und trotzdem einen Ueberschuß abwerfen soll. Äeuanlagen wie der neue Friedhof und eine geplante konservative Gemeindesynagog« müssen aus dem außerordentlichen Budget im Anleihewege gedeckt werden, und nur bi« Verzinsung und Amortisation darf der gegenwärtigen Generation zur Last fallen. Die hierfür erforderlichen Anleihen denkt die Gemeinde ohne allzu große Schwierigkeiten unlerbringen zu können, um so mehr, als sie es als Ehrenpflicht betrachtet, die Gläubiger von Vorkriegs- und auch späteren Anleihen ange- - Messen zu befriedigen. Gerade eine Relliigionsgemeinde' mstffe sich ihrer moralischen Verpflichtungen bewußt fein, und daß die Frankfurter Israelitische Gemeinde auf diesem Standpunkt steht, ergibt sich daraus, daß sie seither schon die Besitzer von Gemeindeanleihe, die darauf angewiesen waren, in weitaus höherem Maße als für sie mach der Gesetzgebung Verpflichtung vorlag, nach Prüfung der individuellen Verhältnisse entschädigte. Mne anschlietzende DiSkussiött «MeS, welchlebhkM Interests für alle Gemeindeangelegenheisen in unseren wefbfcit Göppingen. Am 3. März hielt 'der Syndikus der „VerÄitt-! gvng für das liberale Judentum" Herr Dr. Mayer ttz. unsere^ Gemeinde einen Vortrag, in welchem er in fesselnder Weise die. Aufgaben und Ziele des liberalen Judentums darlegte und in ge-, -ankenvoller Art zeigte, wie die Mitarbeit derer beschaffen sein! müsse, die sich der Verantwortung für Zukunft und. Entwicklung, des Judentums bewußt seien. Reicher Beifall lohnte diese Ausführungen, an welche sich eine sehr lebhafte Diskussion anschloß. Auch haben verschiedene Neuanmeldungen von Mitgliedern stvttgefunüen. Sobernheim. Im hiesigen Ili sprach kürzlich Herr Rabbiner Dr. Appel, Bingen, über das Thema „Notwendigkeit und Ziel des religiösen Liberalismus". Herr Dr. Appel zählte die Aufgaben, die der jüdische Liberalismus zu erfüllen hat, und die ihm Existenzberechtigung verleihen, in gedrängter Form auf. Für unsere Glaubensgenossen ist eine gefestigte religiöse Weltanschauung von unbedingter Notwendigkeit: eine Anschauung, die Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen weiß. Es dürfen keine Widersprüche vorhanden sein zwischen den gesicherten Ergebnissen der Natur- und Geschichtswissenschaft und den religiösen Auffassungen. Gottesdienst und Religionsunterricht müssen den Ansprüchen und Empfindungen modern religiöser Juden angepaszt sein. Das ist dadurch zu erreichen, daß auch der deutschen Sprache im Gotteshause beim Gebeie Raum gewährt wird, und der Religionsunterricht sich nicht zn sehr in Einzelheiten verliert, sondern vor allem die großen Gesichtspunkte berücksichtigt. Wie für baS Leben im allgemeinen, so gilt auch für die Religion das Gesetz der Entwicklung. In welcher Weise und in welchem Maße diese Entwicklung vor sich gehen soll, darüber mühte eine jüdische Gemeinschaft zu entscheiden haben, die ernstlich gewillt ist, religiös zu denken und zu handeln. Darum sollte eS Pflicht unserer liberalem Vereine sein, eine jüdisch-religiöse Meinung zu schaffen, die gegründet ist auf jüdischem Wissens Millen und Fühlen. Damit verschwänden auch die unliebsamen Erscheinungen im jüdischen Leben: „Die Schein-Orthodoxie und der Indisferentismus". 8 251. Preui.-Staats-£otterie jj jj Hauptgewinn cd. : fJ 82 Millionen Mark 8 8 1 Million Mark I! £2?% .10000003 S2Ä.1000000 II 821» 600000» 82^.4000003 310m»»l0000008 «4 “VS». 3000008 «Mrvi.700000 II usw. ' 2! | Ziehung 17. und 18. April 1925!! v8 V4 y8 Vi 1 Doppellos j! 83f— 8,— 12,— 24,— 48,— M. pro Kt» |i ÜFeilchenfeldjj II $ Leistung bildete einen sehr wichtigen Faktor im Münchener Theaterleben. Eine mannhafte Feder in der Hand ist «r immer sauber mit dem kritischen Mort umgegangen. Er schrieb aus einem reichen Missen und Gefühl heraus mit jener Zuneigung zu beir theatralischen Dingen, die ihnen nicht irgendwo ein Fach im Liieralurwinkel anweist, sondern Kunde davon besitzt, daß hier ein heißer Quell des Lebens und der Freude am Leben springt, den zu betreuen und vor den Händen der Pfuscher und Missetäter >m bewahren ein hohes Amt voll innerer Verantwortung bedeutet. Eo immer dem Leben zugewandt, hat Bernstein nie sich, sondern immer nur der Sache gedient!" Die reizenden Bücher ,Das Münchener HoffchauspielyauS" und „Münchener bunte Mappe", ferner seine zahlreichen Beiträge für den ,-8 i mp lizifs imus" entstammen ebenfalls seiner Tätigkeit als Kritiker in dieser Stadt. Sein äußerer Lebensgang war geradlinig und einfach. Seine Eitern entstammten alteingesessenen und angesehenen jüdischen Pa t r i z i e r f a m i l i e n. Sein Vater war der bekannte Fabrikbesitzer in Fürth, seine Mutter eine geborene Dormitz er. Er batte in Mürzburg, Heidelberg und Leipzig studiert, und hat den größten TeiH seines Lebens in 'Münch an zugebracht. Fast 35 Jahre lebte er in denkbar glücklichster Ehe mit Elsa Porges, der Tochter des bekannten Musikgelehrten, die sich als Dichterin Ernst Rosmer nannte. Seine Tochter, die Vioiinvirtuosin Eva B e r n si e i n , ist seit kurzem mit Gerbart.Hauptmanns Sohn Klaus verheiratet. In München war das Bernsteinsche Haus der Treffpunkt aller geistigen und geistig interessierten Menschen, der letzte „Salon" großen Stils. An seiner überkommenen j ü d i s ch e n R e l i g i o'n hing Bernl/"n Zeit seines Lebens mit großer Innigkeit. Sein Verständnis!ür jüdisches Wesen zeigen die jüdischen Figuren in seinen Stücken und Erzählungen. Als nach dem unglücklichen Kriege in München die Wogen des törichten Antisemitismus hoch gingen, versuchte cr in einigen Reden Vernunft zu predigen. Leider mit wenig Erfolg. Anter den politischen und sozialen Rachkriegsverhältnissen im Reich wie in Bayern hat Bernstein unsäglich gelitten. In den letzten Lebensjahren war aus dem fröhlichen, immer zu Scherben aufgelegten Mann ein etwas stiller und schweigsamer Mensch geworden! Testamentarisch hatte er verfügt, baß fein Tod niemandem, auch Nicht seinen nächsten Freunden mitgeteitt werde, daß man ihn in aller Stille.obne jede Feierlichkeit und ohne irgendeine Zeremonie einüichern solle, lind also geschah es in voriger Woche. . Hätte er diese Bestimmung nicht getroffen, so wäre wohl «ine unposanle, trauernde Menge von Menschen aller Richtungen, Parteien und Konfessionell feinem Sarge gefolgt, denn dieser Mann hatte keine Feinde! Aber auch so ist die Gewißheit in das allgemeine Bewußtsein eingedrungcn, daß Deutschland mit ihm einen seiner besten Bürger und liebrnswertesien Menschen verloren hat. Oer Sandalenschuster von Kairo. Von Max Rosenfeld, Dresden. s Kairo lebte im Handwerkerviertel ein alter San- ^areilschuster, ein tüchtiger Mann in seinem Fach. Er trachtete nach weltlichen Gütern, cr lebte als bedürfnisloser Ansiedler in einem Kellerloch. Der Schuster war nach seiner Art ein frommer Mann, er glaubte an Gott und an ein Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes. Nun lebte in Kairo auch zur nämlichen Zeit ein alter berühmter Gelehrter, der leugnete Gott, und über rin Fortleben der Seele spottete er. Der berühmte Gelehrte glaubte nur an die Wissenschaft, was sie erforscht hatte, dünkte ihm über alle Weisheit erhoben. Er hörte indessen von jenem einsiedlerischen Schuster und da ihm sonderbare Menschen als wissenschaftliche Gegenstände der Beobachtung wert erschienen, und weil er gern geistig kämpfte, ging er eines Tages in das Schusterloch und besuchte den Alten. Er unterhielt sich mit ihm. sagte wer er sei und wollte ihm eine gelehrte Rede der Aufklärung halten. „Wie kommt es dock)", fing der Gelehrte an, „daß Du so sehr bescheiden lebst, da Du doch, wie ich hörte, ein tüchtiger Handwerker bist, der viel Geld verdienen könnte, um sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen?" „Guter Herr, ick) bereite mich für die Auferstehung und für ein ewiges Leben vor", erwiderte der Schuster ruhig. Der Gelehrte konnte ein spöttisches Lächeln nicht verbergen. „So willst Tu wirklich auferstehen?" fragte er belustigt. „Hast Du noch nicht genug an diesem Dasein?" „Wollen? Was nutzt des Menschen Wollen? Bist Du, guter Herr, durch eigenen Willen in dieses Leben gekommen? Rein, Du bist ungefragt hineingesetzt worden in die Welt, niemand hat Dich gefragt, ob Du auch willst. Siehe, so wird Gott Deine Seele auch nicht erst fragen, ob sie ein ewiges Leben will. Menfchenwille hat keine Bedeutung vor dem ewigen Gottesgesetz." „Was verstehst Du unter „ewig"?" Der Schuster blickte den Gelehrten gütig an. „Du hast Dein Leben lang studiert, guter Herr, hast Werke gelesen und Werke geschrieben, — und dennoch hast Du keinen Begriff von Zeit und Raum und Ewigkeit. Fn allen Büchern, die Du durchstudiertest, fandestDu keine einzige Offenbarung darüber, und niemand wird sie hier jemals finden. Das weiß ich. obwohl ich nur ein Schuster bin. Fch fühle, daß der menschliche Begriff zu klein ist. um sich nur eine schwache Vorstellung von Raum, Zeit und Ewigkeit machen zu können. Für unser irdisches Erkennen hat alles einen Anfang und ein Ende, eine Unendlichkeit vermögen wir nicht zu fassen. Ist Dir nicht vieles unbegreiflich. ja, ist Dir nicht Dein eigenes Leben ganz unfaßbar? Ich verstehe nicht die Unendlichkeit. Du verstehst sie ebenfalls nicht. Siehe, mein Schustertisch hat «in Ende, danach kommt mein kleines Kellerstübcheu. und damit ist mein Bereich zu Ende. Draußen aber kommt di: Straße, ganz Kairo, Afrika die ganze Erde und schließlich der Himmel. Wir könnten uns vielleicht denken» daß der Himmel irgendwo ein Ende hätte, aber kein Ende, nie und nie — das kann der Mensch nicht ausdenken. Oder kannst du es?" Der Gelehrte wußte keine Antwort. „Fn welche Kirche gehst Du?" fragte er rasch. „Fn keine", antwortete der Schuster. „Oder wenn Du willst, in die große Kirche unter Gottes freiem Himmel. Ich möchte kein Bekenntnis und keine Kirche anfechten, alle mögen gelten, denn jeder Glaube führt doch schließlich zu dem einen Gott, zu dein Licht, zu der Wahrheit. Die Seelen der Menschen werden dort hingezogen, sie wissen es nicht, bis sie einst.auferstehen.". „Was verstehst. Du unter „Seele"?" \ „Den geistigen Menschen." sagte der Schuster. „Der Geist des Menschen erlischt," versetzte der Gelehrte, „so-i bald der Körper zu leben aufhört." \ „Es gibt keine Beweise dafür und dagegen," fuhr der Schuster; fort. „Körper und Seele sind zweierlei. Du kannst Dich mit! Deinen Gedanken im Augenblick tausend Meilen weit versetzen, j und Dein Körper bleibt doch hier in diesem Schusterkeller.! Kann so nicht die Seele auch davon fliegen, wenn der Körperl im Grabe liegt?" „Wo denkst Du denn, daß die „Seelen", wie Du es nennst, weiter leben sollen?" fragte der Gelehrte weiter. „Denkst Duj es Dir etwa schön, mit diesem oder jenem unserer Feinde, mit unleidlichen Menschen, die uns hier geärgert haben, wieder zu-> zusommenzukommen und „ewig" zu leben?" Der Schuster sann einige Augenblicke nach, dann schaute den Gelehrten klar und offen an ..Hast Du nicht schon oft später über manches geringschätzig, geiächelt. was Dich früher aufregte und Dein ganzes Sein erschütterte? Siehe, alles Irdische bleibt hier und vergeht mit dein Leibe. Die Seelen werden vollkommen sein und im unbegreiflichen Lichte glühen. Haß, Ehrsucht, Neid und alle schlimmen Eigenschaften des Fleisches, sie werden vergehen und nicht' dorthin gelangen, in das himmlische Reich, wo die Reinheit und, der ewige Friede herrschen." „Wie denkst Du Dir beim dieses „himmlische Reich"?" „Kein Mensch kann es sich denken, es ist das Ungeahnte/ „Was tust Du sonst, wenn Du nicht schusterst?" fragte der Gelehrte plötzlich. „Guter Herr, ich bin ein einfacher Mann und will auch weiter^ nichts sein. Doch ich bereite mich, wie ich schon sagte, für,das« ewige Leben vor. Siehe, ich fertige doch für manchen meiner Mitmenschen des Leibes zeitliche Schuhe, die durch Schmutz und! Unrat müssen und nie ganz vom Staube frei sind. Fm füllen: aber bereite ich mir selbst die Sandalen der Ewigkeit, die den Staub dieser Erde niemals berühren." ' Der Gelehrte ging in tiefen Gedanken nach Hause. „Wahrhaftig," sagte er zu sich selbst. ..gegen die Weisheit oder Torheit! dieses einfachen Menschen versinkt all meine Wissenschaft inj nichts. Die einzige Erkenntnis, die mir wurde, ist: daß wohl' mancher Schuster besser ein Gelehrter geworden wäre." Und er besuchte den Cckiuster noch oft. er wurde sein Freund und ließ sich von ihm die weltlichen Schuhe besohlen. Ob ihm aber der Schuster auch ein Paar Sandalen der Ewigkeit angefertigt hat, ist bisher nicht bekannt geworden. Erklärung. Die hebräische Schrift und Sprache» ein psychologisches Moment. In Nr. 7 unserer Zeitung vom 13. Februar war unter dieser Ueberschrift ein Aufsatz des Herrn Norbert Probst erschienen.^ Hierzu bittet uns Herr Norbert Probst um die Mitteilmm» daß das Material zu dem Aussatz dem ausgezeichneten Werke „BarsLai" »Sprache als Schrift der Psyche^ des bekannten Sprach-Wisienschaftlers. Ahrou Marcus, Berlin 1905, Berlag Lamm» Entstammt. ~ '