Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 11 (13.3.1925)
- Date
- 1925-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2613366-2613788-2613799--1239-2618580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/. f i" f ) ' I Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. VeM-preidurch die Seschästestelle lU jährlich M. 2M Sinrrlmnmner o/ro. Sei freier Zusendung im Inland 0,25. Kür die Mitglieder -er Vereinigung ist -er Bezugspreis CCS im Mitgliedsbeiirage enthalten. SS« ekhefredakteurr Dipl.«Ing. Bruno Woyda. Die „'Jüdtfcb - liberale - Leitung" erfebrint jeden freitags. Bcbriftleitung und Geschäftsstelle: Berlin, JMauerftr. 22. f ernruf: JJmt Merkur ]Sr. 8725 poftrchedthofito: Berlin JSCO 7 Jfr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Piadidrudi fSmtlieber Original - Beiträgt nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gestattet I Anzeigenpreise: Die 12gespalteneAonpareilltzeile 0,45 Soidmark, die ^steklamezeile 3,00 Goldmark, -ei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: n s Anzeigenannahme: Hermann Laswitz, Verlags« abteiluitg, Berlin SW 68, Sharlottenstr. 96 (Kernsprecher: Dönhoff 5369-65), somie samtl. AnnoneewElkpeditionen. Ar. 11 Berlin, 13. März 1925 5. Jahrgang ^lNiiiLiSSSSWSiSSiSSSSSSSiSiSSSSMSiiWiiSiiWiSiSSiiSSSSSSSiSS Okkultismus und Religion. Okkultismus und Religion. Bon Rabbiner Dr. Baeck-Berlin. Es ist oft versucht worden, einzelne wissenschaftliche Erkenntnisse als für die Religion wesentlich hinzustellen. Man glaubte dadurch zur Religion einen wissenschaftlichen Zugang zu eröffnen, im Namen der Wissenschaft zu ihr hinführen zu dürfen. Kants großes Beroienst ist es, daß er dem entgegengetreten ist. Weder die Wissenschaft noch die Religion Hütte von diesem Bündnis auf die Dauer einen Ruhen gehabt. Die Wissenschaft nicht, denn manchen ihrer Sätze wurde, weil die Religion von ihnen ausgeht, ein besonderer Charakter gegeben, ein dogmatisches Gepräge wurde ihnen aufgedrückt; sie sollten jeder Kritik enthoben sein. Sie bedeuteten darum eine Hemmung oder eine Verlangsamung des wissenschaftlichen Fortschrittes. Aber ebenso wenig und noch weniger hat dieser Bund für die Religion ein Gutes gebracht. Denn sie würde durch ihn mit dem Schicksal wissenschaftlicher Sähe in eins gesetzt; waren diese in Zweifel gezogen oder widerlegt, so schien auch sie dadurch in Frage gestellt. Die Selbständigkeit und Eigenart der Religion ist hierdurch, immer gefährdet worden. Eine Bergung zu solchem Zusammenschluß hat sich besonders dort eingestellt, wo die Menschen okkulten Pyänvmenen nahe treten wollen, das heißt Erscheinungen, in denen verborgene, bisher nicht erkannte Kräfte des seelischen Lebens unb der Weltwirklichkeit sich offenbaren sollten. Zn ihnen vor allem sollte das All der Religion sich auch erschließen. Sie scheinen in eine Welt hineinblicken zu lassen, die hinter unserer Welt als eine Welt tiefsten Grundes und wirklichen Seins liege, in eine Welt des Jenseits, in die Welt auch, in die der Tod hinein trüge. Jene Welt, zu der sonst nur das Ahnen und seine Dichtung hinauszogen, scheint nun der Beobachtung und dadurch der Wissenschaft sich zu erschließen. Es ist kein Zweifel, daß es in dem weiten Bereiche des Unterbewußten Bezirke seelischen Lebens gibt, die bisher nicht erforscht sind und deren Aufdeckung neue wichtige Erkenntnisse gibt und in Aussicht stellt. Es sei nur an die Bereicherung erinnert, welche die Seelennunde seit längerem durch die Tatsachen der Suggestion und der Hypnose und jetzt durch das neu erschlossene Gebiet der Psychoanalyse erfahren hat. Auch die Religions-Pjychologie hat dadurch wichtige Einsichten gewonnen. So manche Borgänge im Seelenleben der Pwpheten werden uns jetzt deutlicher. Die Wissenschaft von der Religion würde sich selber berauben, wenn sie hieran vorübergehen wollte. Aber das, was durch die Beobachtung okkulter Vorgänge sich hier eröffnet, ist, so hoch auch der wissenschaftliche Wert eingeschätzt werden mag, für die Religion als solche ohne wesentliche Bedeutung. Es ist das, was den Propheten Israels mit den Sehern anderer Völker gemeinsam gewesen ist und was in Israel selbst em primitives der Religion darstellte. Das, worin der ll^elitische Prophetismus sein Charakteristisches und Eigentümliches hat> worin er seine weltgeschichtliche Stellung besitzt, bleibt völlig unabhängig von irgendwelchen okkulten Phänomenen. Nicht vermöge von Erlebnissen im Gebiete des Okkulten sind die Propheten das, was sie sind. Ihr Eigenes und Besonderes ist davon völlig unabhängig. Was sie zu Propheten macht, ist einerseits das kategorische Gebot, das sie sprechen yerht, dieses Nichtanderskvnnen, dieses Erfahren der Offenbarung, diese Ausschaltung alles persönlichen Erachtens und Strebens, und andererseits vor allem oer Inhalt dessen, was sie sprechen, das Reue, das protze, das sie verkünden. Das, was sie geschaffen ^bem ist, wie in allem Genialen, das Entscheidende. -0ie Religion, die von ihnen herkommt, ist ab eits aller Sphäre des Okkulten. kann, ganz abgesehen von den wissen- Safilchen Ergebnissen, die Erforschung der okkulten gebiete haben. Sie hat die Erkenntnis dessen geförvert, daß der Bezirk des Bewußten nur ein Teil und Aus dem Inhalt: Aabb. Dr. Baeck, Berlin: Steligion und Okkultismus. — Walter Toepelmann, Pötzneck: Der magische Mensch. — Doris Wlltner, Lugano.- Westöstlicher Divan. *■ Dr. Ludwig Davidsohn, Berlin: Zum Ableben von Max Bernstein. — Arthur Schweriner, Berlin: Ein verpfuschtes Leben. — Max Rosenfeld, Dresden: Der Sandalenschuster von Kairo u. a. m. Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherschav. — Aus der Bewegung. — Bersammlungskalender. — Kalendarium. wohl nur ein kleiner des Seelenlebens ist. Damit wird der Begriff davon gegeben, daß die Linien unseres Lebens weiter verlaufen, als die Beobachtung des zu Messenden und zu Berechnenden zeigt. Der Sinn für die Hintergründe des Lebens ist damit lebendiger geworden, für das, was heute auch Schicksal genannt zu werden pflegt. Ein Weg zu etwas Weiterem kann damit auch eröffnet sein, der Weg zum Verständnis des Geheimnisses. Gerade für die Einsicht in den israelitischen Prophetismus ist dies von großem Wert. Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die moderne Theologie den geschichtlichen Platz, den er einnimmt, deutlicher zu erkennen begann, erfaßte man vor allem mit gutem Grunde die neuen ethischen Werte, die er geschaffen hat, die neue Sittlichkeit und den neuen Gottesdienst, die neue Frömmigkeit und die neue Hoffnung, die er gelehrt hat, und man war dazu geneigt, Wesen und Eigentümlichkeit der Propheten nur darin zu finden, daß sie eine neue Ethik verkündet hatten. Man betrachtete sie oft ein wenig Professorenhaft und allzu bürgerlich. Ein Zwiefaches wurde dabei übersehen. Zunächst das — geistig, nicht politisch — Revolutionäre der Propheten, die Tatsache, daß sie eine Entwicklung, die sich bis dahin vollzogen hatte, verwarsen und vernichteten, daß sie Gedanken, die bisher herrschten, zerbrachen, daß sie ein völlig neues Prinzip in die Welt der Religion einführten. Und sodann wurde es nicht genügend beachtet, daß alles, was die Propheten verkündeten, in dem Geheimnis, welches sie erfuhren, wurzelte, ihnen ein Erlebnis des Unergründlichen war. Ohne das wären sie nicht Propheten gewesen. Diese Verbundenheit mit dem Geheimnis hat ihnen auch die Kraft des Revolutionären gegeben. Dem Verständnis dafür kann vielleicht in gewissem Maße die Erforschung der okkulten Phänomene dienen. Aber mehr vermag sie, soviel sie an sich auch bedeutet, der Religion nicht zu geben. Sie kann im Gegenteil oft auch von der Religion fortführen. Denn wenn das Okkulte das Ziel der Sehnsucht vieler wird, so spricht darin nicht selten nur eine triviale Neugierde, die wie jede bloße Neugierde sehen und wissen möchte, wo sie nicht sieht und nicht we ß, jene Ehrfurchtslosigkeit, die alles zu haben und alles zu verstehen meint. Es gibt keine Neligion ohne die Ehrfurcht, ohne die Andacht gegenüber dem Geheimnis. Und vor allem: okkulte Erkenntnisse sind noch keine Religion, acht einmal ihre Peripherie, geschweige denn ihr Mittelpunkt. Wenn sie Religion sein sollen, dann bildet sich ein Neligionsersatz, der Name einer Religion ohne ihren Gehalt, eine Technik an Stelle der Gebote, der Anschein ohne die Wirklichkeit, eine jener Ersatzreligionen, die zumal in Uebergangszeiten nicht selten sind. Sie können wirkliche oder vermeintliche Erkenntnisse,-Fähigkeiten und Fertigkeiten gewähren. Aber sie haben nicht das, worin die Religion ihr Eigenes erst besitzt, das Gebot Gottes, den Weg, der dem Menschen gewiesen ist. Am Gottesgebot scheidet sich die Religion von der Ersatzreligion. Die wahre Frömmigkeit hat den Respekt vor jeder Wissenschaft, vor jeder neuen Erkenntnis, vor der des Okkulten wie vor der jeden anderen Gebietes. Aber ihr Eigenes vernimmt sie in> dem Worte: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert, nichts anderes, als Recht zu tun, Liebe zu üben und in Demut zu/ wandeln mit deinem Gotte." Oer magische Mensch. Von Walter Toepelmann. Musik, Sokrates, mache Musik! phaidon. Seltsam ist es und erstaunlich, daß die Menschen nicht müde werden. Wahres zu suchen. Jahrtausende haben das Gedächtnis der Völker mit verwirrenden Runen bekritzelt. Wie Muscheln vom Meere wurden all die vergeblichen und doch so fruchtbaren Systeme geboren, deren Quelle im Grunde ein toller Uebermut war und die doch irgendwie an dem Ganzen und somit an der Wahrheit teil hatten. Schließlich waren es die Tat-Sachen, die die ganze Liebe der westastatischen. Geister gewannen, die Tat-Sachen, die durch einöw hypnotischen Bann den neuen Aberglauben befestigt^ daß in ihnen die ganze Wahrheit stecke, die für merftch- Uche Erkenntnis jemals erreichbar wäre. 3n der Tat ist das Filmband unserer Erscheinungen eine Quelle dev Klugheit und ein äußerst wichtiges Medium für unsere menschliche Erkenntnisweise. - Indeffen gliche der Mann, der sich an ihnen endgültig genügen ließe, einem Gefangenen, der gezwungen ist, die Flora des -Landes an den Blumen und Gräsern zu studieren, die sich auf den Mauern seines Kerkers anfiedelten. Die Wälder, mit ihrem weiten endlosen Rauschen und die wimmelnde Fülle der Bildungen, die in ihrem Schatten der Erde entsprießen, wären ihm vollständig versagt. Es ist für den Menschen auf meisterlicher Stufe des Denkens ein qualvoller Gedanke, daß das Denken sein eigenes Gehäuse unaufhörlich verhärtet, und daß seine ganze Arbeit auf die Schöpfung von Bindungen gerichtet ist, die wohl seine Sicherheit einwiegen und die industrielle Plattform des Lebens erweitern, zugleich aber eine tötliche Umftrickung von dem erzeugen, dessen innerste Sehnsucht die Befreiung und das Zerreißen von Stricken ist, die doch endlich durch die Jahrtausende in Zunder verwandelt sein sollten. * * * Bleiben wir im Bilde. Ist der Gefangene so sicher, daß jenseits seiner Kerkermauern auch wirklich die weiten Wälder rauschen und ein wimmelndes Leben unabsehbare Funde für den aus der Haft entlassenen verheißt? Ist es nicht möglich, daß dort nichts ist als eine schlafende Steppe oder ein blauer Dunst oder ein irrsinnig machendes Gespinst, ein gefährlicher Urwald, den zu durch dringen Menschen nicht geschaffen sind? Fast alle Gefangene glauben es und je länger sie hinter den Mauern schmachten, desto mehr verblaßt das Bild von dem Jenseits ihrer Mauern, ja desto vollständiger herrscht ein Geist der Entsagung, der leisen Verzweiflung, die in eine Abkehr von den Träumen der Jugend ausartet und die zuletzt in ein Vergessen versenkt. Wie aber nun, wenn ein Ruf aus der Ferne kommt, wenn an die Tür geklopft wird und die verrosteten Angeln ächzend sich mühen einen Fremdling einzulassen, der nicht nur weiß, sondern auch künden will von der Ferne und Weite und ihren Geheimnissen? — Da steht der Fremdling und ftagt die Staunenden: Seid ihr denn hier geboren? Wo habt ihr eure Mutter? Habt ihr keine Träume? Wo macht der Wind Halt? Wohin weht er eure Gebeine, wenn ihr tot seid? Dann wird es wie ein Klingen in mancher dieser Herzen sein, etwas wird aufspringen, etwas wird keimen, was lange ruhte wie der Weizen in Gräbern am Nil und schließlich wird es wie ein Stammeln lein, ein Erinnern an Wiegenlieder, an die Gärten der Zugend, an den Duft von Blumen in der Morgensonne. Ein, großer Durst wird die Gefangenen befallen, nach den Quellen, die sie zum ersten Male wieder rauschen hören, eine schmerzhafte Begierde, den Weg dorthin zu wissen/ zu wandem und