Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 10 (6.3.1925)
- Date
- 1925-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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z«d sichelt auch in den heutigen trüben Zeitverhältnissen nicht erlahmen. im festen 'Vertrauen auf eine bessere Zukunft! Damit in dem Repräsentanten-Kollegium der Deutsch-Israelilischen Gemeinde in Hamburg stets d! e Richtung die Oberhand behalt, die von diesen Bestrebungen durchdrungen ist. und die stets Verständnis bet den Hainburgischen Staatsbehörden gefunden hat, richten wir an unsere liberalen Genossen und Genossinnen in Hamburg die eindringliche Mahnung, am Wahltage einmütig hie liberale Kandidatenliste abzugebenauf -er nur solche Persönlickkeiten stehen, deren liberale Gesinnung bekannt ist, und die sicb >m praktischen Leben bewährt haben: Es sind dies die Namen: Alfred Lisser, Raffael Bachrach, Dr. med. Durlacher, Martin Engel. Rektor Jos. Feiner, Dr. Ludwig Frankel, Daniel Frischniann, Oskar Heymann, Dr. jur. Arnold Herzfeld, Robert Jsaaeon, Hugo Knobloch, Paul Laskar, Paul Levy» Daniel Münden» Julius Schindler» 3. M. Balk. Lim den Berliner Religionsschulirispettor. Von Seminarlehrer Hermann Falkenberg. „Und aber nach fünfundzwanzig Jahren kam er desselbigen Wegs gefahren. Chidher, der ewige Junge, trat wieder feine Wanderung über die Erde an. und überall, wohin er kam. fand er es so, wie er es seit Urbeginn gewohnt war: Stiles hatte sich wieder einmal gewandelt, und ganz besonders in den letzten Jahren war nicht rin Stein auf dein anderen geblieben von dem Gewohnten. Alles? .... Halt! Was mag das fein? Hier in Berlin? Es kommt ihm so altbekannt und vertraut vor? Was kann dieses Etwas fein, an dem die Zeit spurlos vorübergegangen ist? Es ist das Religionsschulwesen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Hier erlebte er das Sonderbarste. Denn das Umgekehrte des sonstigen Welthauses ist hier eingetreten. Stiles ist beinahe geblieben. wie es gewesen, alles fast unverändert in Aufbau und Organisation. Es war wie „zur Zeit der Richter, da kein Herrscher im Lande war und ein jeder tat. was er wollte." Gab es denn keine wirkende, ordnende, neuschaffende Zentralbehörde? Gewiß, der Schul- und Talmud-Thora-Vorstand war da. an Zahl der Mitglieder stark erweitert. Aber in Wirklichkeit war der, dessen technische und fachliche Verwaltung Jahrzehnte hindurch in der Hand eines Laien gelegen batte, für den ankeren und inneren Aufbau fast ganz ausgeschaltet. Ein jeder tat, was er wollte. Die verschiedenen Gemeinde- Religionsschulen, die Religionsschulen der subventionierten Gemeinden, die Unterrichtsstationen an den Profanschulen, der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, alles lief nebeneinander her. ohne irgendwelchen organischen Zusammenhang. Trat irgendwo eine Lücke ein, so wurde sie ausgefüllt, wie es Zufall oder Willkür fügte. Kein Führer mar da. kein Revisor, kein Organisator, der von höherer Warte ausschauend im konsequenten Fortschreiten unen systematischen Aufbau des Religions-Schulwesens begann, einen einheitlichen Bau, der die Gesamtheit der jüdischen Jugend Groß-Berlins erfaßte, damit dort das religiöse Leben der künftigen Generation sich entzünden könnte. Woran aber lag es, daß keine Wandlung zum Besseren eintreten konnte? Wer sträubte sich gegen eine solche grundlegende Regelung? Nicht die Lehrerschaft. Nur zu gut sah sie ein. wie notwendig cine solche Organisation und ein solcher Organisator für das gesamte Religionsschulwesen Groß-Berlins war. Aller Widerstand ging von der Stelle aus. von der man es am wenigsten erwarten sollte, von den Rabbinern der jüdischen Gemeinde. Sollte es wirklich eine Beeinträchtigung ihrer Würde und ihres Standes sein, wenn die von ihnen geleiteten Religionsschulen einem für alle gemeinsamen Schulrat unterstellt werden? Ist es wirklich unerhört, daß Einrichtungen, die bei jeder weitverzweigten Organisation in Staat und Kommune für das Funktionieren der Maschine als unbedingt erforderlich selbstverständlich sind, auch auf das Religionsschulwesen der jüdischen Gemeinde Groß-Berlins übertragen werden? Darf die Standesempfindlich-- keit soweit getrieben werden, daß man die Interessen der Gesamtheit schädigt, weil nach der Rabbiner — zudem völlig irrigen Und unberechtigten Ansicht — die Würde des eigenen Standes nicht genügend gewahrt wird, wenn auch ihre Schulen dem gemeinsamen Schulrat unterstellt werden! Alle Bemühungen, sie von dem Gegenteil zu überzeugen, waten umsonst, die Gemeinderabbiner drangen mit ihrem Protest durch, die Gemeindebehörden wichen damals unmutig zurück, und alles blieb beim Alten. Die alten Schäden! Die alten Klagen! Und welche sonderbaren Blüten hat dieses „bewährte Alte" seitdem getrieben! Wäre es nicht so traurig, man wäre versucht zu lachen: denn lächerlich genug ist es! Da gab und gibt es (neben der großen Zahl der Unterrichtsstationen an öffentlichen und privaten Profanschulen, die bisher jeder Einwirkung und Kontrolle entzogen sind): 1. Religionsschulen unter Leitung von Gemeinderabbineru 1. Grades; die bedurften und bedürfen einer Revision überhaupt nicht. Und es gab und gibt: 2. Religionsschulen konservativer Richtung unter Gemeinderabbinern 2. Grades, die sich gegenseitig revidierten und revidieren und 3. desgleichen Religionsschulen liberaler Richtung, deren Leitern das gleiche konzediert wird und schließlich 4. die nicht geringe Zahl von Religionsschulen und -stationen unter Leitung von Nicht-Gemeinderabbinern oder Lehrern, die einer Revision unter allen Umständen bedürften und bedürfen. Aber auch die Revision dieser vierten Gruppe wurde nicht etwa einheitlich ausgeübt, sondern auf die verschiedenen Rabbiner und auf Mitglieder des Talmud-Thoravorstandes und auf sonstige Beauftragte übertragen. Welche lächerlichen Situationen enstanden! Es konnte Vorkommen. daß ein Lehrer, der an mehreren Schulen unterrichtete, on der einen so vortrefflich war, daß er keiner Inspektion bedurfte (denn diese Schule mar von einem Gemeinderabbiner geleitet) und an der anderen revisionsbedürftig erschien. Sowie er verseht wurde, änderte sich feine Befähigung, je nachdem er an eine revisionsfreie oder revisionsbedürftige oder bedingungsweise revisionsbedürftige Religionsschule kam. Das Sonderbarste aber war, daß manche Religionsschulen selbst in der Revisionssrage ein wechselvolles Schicksal erlebten. Als vor Jahren eine neue Gemeinde-Religionsschule im Westen eingerichtet wurde, war sie revisionspflichtig: denn ihr Leiter wurde ..bloß" ein sehr bekannter Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, der Zwar Rabbiner ausbiidete, aber selber kein Gemeinderabbiner war. Und alle Lehrer, solange sie unter ihm unterrichteten, unterstanden natürlich auch der Revision. Als dann ein Wechsel in der Leitung eintrat, war plötzlich die Schule in ihrem Werte so gestiegen, daß sie nicht mehr revidiert zu werden brauchte: denn der neue Leiter war ein Gemeinderabbiner. Aber das Lächerliche ist noch nicht zu Ende. Nach einiger Zeit wurde ein anderer Rabbiner hierher gestellt. In demselben Augenblick wurden wieder alle Lehrkräfte einschließlich des Leiters revisionsbedürftig. Aber dieselbe Notwendigkeit wurde sofort wieder zum Unrecht, als der Leiter im Laufe der Zeit zum Gemeinderabbiner avancierte. Bon alledem hat sich so gut wie nichts geändert. Die verrotteten Zustände sind grau vor Alter geworden, aber in den Augen aller, die die Wirklichkeit sehen, nicht ehrwürdig und nicht heilig. Wohl hat die Schulverwaltung in neuester Zeit versucht, dem Schlendrian entgegen zu arbeiten, wohl sind durch die gegenwärtig tätigen Persönlichkeiten manche Mißstände beseitigt. Aber das Grundübel ist nicht behoben und kann nicht behoben werden, solange nicht ein grundsätzlicher Wandel in der Organisation vorgenommen wird. Dazu ist wenig Aussicht: denn der Widerspruch der Mehrheit der Gemeinderabbiner bleibt sich gleich, obwohl es an Ueberredungskünsten und Konzessionen nicht gefehlt hat. Selbst als in neuester Zeit die Gemeindeverwaltung einen energischen Schritt unternommen hatte, als es ihr gelungen war. einen — nach der allgemeinen Ansicht — geeigneten Organisator in einem auswärtigen Rabbiner zu finden, da trat dieselbe Situation ein. Die Mehrheit der Gemeinderabbiner war nicht zu bewegen, auch nicht durch die wohlbegründeten Argumente eines der bedeutendsten aus ihrer eigenen Mitte, von ihrem Standpunkte abzugehen, daß jede Unterstellung als Gemeinderabbiner unter die. Leitung eines anderen der Würde ihres Standes Abbruch tue. Dürfen die Berliner Gemeinderabbiner sich wundern, wenn nun gegen sie der Vorwurf erhoben wird, daß die Gesundung des Berliner Religionsschulwesens an ihrem Widerspruch scheitert, daß die beabsichtigte Reorganisation durch ihr Verholten sabotiert werde? , Was werden nun die verantwortlichen Gemeindebehörden tun? .Und aber nach 25 Jahren will ich desselbigen Weges fahren! ..... * * Nachbemerkung der Redaktionr Wir haben eine Anzahl der Herren Gemeinderabbiner um ihre Stellungnahme zu der Frage des Religionsschulinspektors gebeten. Die Meisten Herren haben es nicht für notwendig gehalten, eine Antwort zu erteilen. Nur zwei Herren haben geantwortet, und zwar ablehnend, Der eine der Herren hat die Ansicht eines Teiles seiner' Kollegen dahin präzisiert, daß sie sich an einer Behandlung der Frage in der Oeffentlichkeit gegenwärtig nicht beteiligen können. So wird die Oeffentlichkeit, ohne die Stellungnahme der Herren Rabbiner abzuwarten, selbst zur Frage des Religionsschulinspek-. ters Stellung nehmen müssen. Mag in Potsdam. Am 14. und 15. März findet ln unseren Mauern eine jüdischliberale Iugendtagung statt. Jeder, der Zeit und Lust hat, an unserer Tagung teilzunehmen, ist herzlichst eingeladen. Kommt und empfindet an einem herben Borsrühlingstag die Schönheit Potsdams. Kommt und feiert mit uns Purini. Lernet unseren 3li und seine Menschen kennen. Besonders aber, kommt und beschäftigt euch mit den Problemen unserer Bewegung. Zwei Fragen sollen erörtert werden: „lieber unsere jüdische Arbeit" und „die religiöse Fortbildung unserer Jugend". Die praktische Auswertung unserer 'Ideen für die künftige Entwicklung des Judentums soll hier in ihren Grenzen und Aiöijlichkeiten geklärt werden. 3m gegenseitigen Austausch der Enahrungen und Anregungen, die ein jeder aus langjähriger Arbeit geben kann, möge ein vielseitiges und ein alle Möglichkeiten unserer Arbeit umfassendes Gesamtbild entstehen. Das Ergebnis unserer Aussprache soll neuer Ansporn, neuer Mut und neue Betätigung im Sinne der gewonnenen Erkenntnis sein. And dann ein zweiter Gedanke: der Wert einer öuaendtagung liegt auch in der Erweckung des Gemeinschaftsbewu,zt,eins. Wenn wir in gemeinsamer Aussprache, das unsere Bewegung Einende erkannt und uns im Millen zu gemeinsamen Handeln gefunden haben, wollen wir die geistige Gemeinschaft bei frohem Wandern und Beisammensein noch vertiefen. Die Gewißheit, in Gemeinschaft dieselben Ziele zu verfolgen, wird unseren Eifer an der Jliarbeit um so mehr befeuern. Dieie Gedanken leiten uns bei unserem Borhaben und dieses erhofft Potsdam: Für die gesamte Bewegung einen großen Fortschritt und Gewinn, für unseren Potsdamer Verein Anregung und Gelegenheit, von euch, aus dem Reiche, zu lernen, für jeden einzelnen schließlich Bereicherung an fruchtbaren Gedanken und eine bleibende schöne Erinnerung. Wenn ihr bei eurem Scheiden derartige Gefühle hegen werdet, wird dieser Erfolg uns der schönste Lohn für unsere aufgewandte Mühe sein. Jüdisch-liberaler Jugendverein zu Potsdam. §251. Preufi.-Staats-Eotterie |f Hauptgewinn ev.: S!2 Millionen Mark u i 8 Million Mark g Si 9 Prämien! Ää 500000 M. 2^1.1000000 1000000 Gewimte li ß+i 500000 M. »2 .L«. «00000!!2“Ä«.400000! jl0S.1000000! 300000g 14%.700000 Ifl ufto. li Ziehung 17. und 18. April 1925 \\ }{ V, lU Vg Vi 1 Doppellos S SS 3»— 6,- 12,- 24<- 48,- M. pro Kl. ( PI offeriert und versendet t f! 8 offeriert und versendet II Staatlicher Lotterie.Sinriehmer ü Fellclienf eld iS l| Berlin SW 19, Kommandantenstraße 69 jj Kl Fernspr.: DBnhofl 6887. Postscheckkonto Berlin 31157 H •iss'! Gewinn.Plan gratis tu franko Ü5S» Aus der purim-Andacht. Bon S. G u t t m a n n, Potsdam. Obgleich nach einem altjüdischen Sprichwort „P u r i m kein 3 o utero" (kein Feiertag im landläufigen Sinne) sein soll, so ist oe! den allen Liturgikern das Streben unverkennbar, dem an sich "r wie bei Ehanukah — mehr werktäglichen Charakter des Gottesdienstes doch an einzelnen Stellen ein festtäglicheres Gewand anzulegen. Fehlt z. B. auch das am Cyanukah übliche Hallel-Geoet, das, den Psalmen entnommen, wie an jedem Feiertage. die Wunderkraft und die Gnade Gottes preist, so wird anderseits in der langhingedehnten Borlesung des Esther-Buches ausdrücklich ein hinreichender „Ersah" für jenes erblickt; und zwar mcht mit Anrecht: Wird uns doch hier an einem „lebendigen" Böi- Ip-el das veranschaulicht, was im Halle! allgemein und abstrakt behandelt wird. Die Liturgie kennt auch — von der besonderen -i.ageseinschaltuug Al hannissim (,ft)b -er Wundertaten . . .") abziehen, einen Purim-Psalm (Ps. 7 bzw. Ps. 22). Am ausfallend' sten aber bekundet sich jenes Streben nach festtäglicher Aus- -l^taltung^ in der Bereitstellung einiger mittelalterlicher Poesien i'A'ijutim"), die an die Esthergeschichte anknüpfend, auch dem Borbeter dabei die entsprechenden althergebrachten festtäglichen Töne der Pijutim anschlagen lassen. Auch das der M'gillo folgende Mbetsstück Ascherheni mit. dem jubelnden Abschluß Schoschanas 3aakoro gehört zu dieser Gattung. Mein Lehrer Birnbaum s. A. erinnert gelegentlich an ein im altfranzösischen Ritus hier stehen- ."2 "heiteres W e i n l i e d" (Zunz, Art. Avignon). Der allerdings m die häusliche und gesellschaftliche Feier gehörige Freudentrunk vd der göttlichen Errettung galt an diesem Tage bekanntlich als -'Auzwoh" (gottgefällige Tat). And launige, humorvolle Trinkl>eder in hebräischer Sprache erinnern daran. Birnbaum, der n: auch ein deutsches Predigllied für Purim in den Druck ge- ^acist hak, benutzte zu einem P.-TrinKlied eine alte sephardische ^onagogenmelodie (Siegeslied Moses). Als sollte wenigstens in ^>ner Hinsicht zu Beginn zitiertes Sprichwort recht behalten, wir am Purim eine sogenannte traditionelle, im Gottesdienste immer wiederkehrende „Festmelodi e"; man e-enke an das so „populäre" Moauszur für Cyanukah. And ist die Tradition auch hier nicht spurlos vorübergegangen. :cs zeigt sich verschiedentlich bei der im Mittelpunkte des Jntergehenden M'gilla-Borlesung. Schon die ersten Töne der emienenden Benediction lassen uns aufhorchen. So-—ruch. öt-i'O Wir vernehmen sie fönst nur noch vor dem Ertönen des Schofar am Neujahr. And doch ist's, wie wiederum Birnbaum (vgl. „Zeitung des Judentums" 1891, Nr. 12,13,15) bemerkt, kein Zufall, sondern die Brücke ist trotz der so ganz verschiedenen beiden Gegenstände (Schofar und M'gillo) vorhanden; indem im einschlägigen Schrifttum beide mit Bezug auf ihre praktische Ausführung einander an Wichtigkeit gleichgestellt und als die gleiche Andächtigkeit der Zuhörer erfordernbefunden werden. Dies aber vermochte gar wohl den alten Chafan zu veranlassen, solche B e - Ziehungen in Tönen anzuoeuten. Oft geschah es, wie B. meint, um seine Kenntnisse des Schrifttums zu dokumentieren; nicht selten aber sollte wohl der Zuhörer dadurch ebenfalls zum Nachdenken, Fragen und Nachforschen angeregt werden. 3m Judentum waren von jeher Lehramt und Borbeteramt zu sehr miteinander verknüpft, als daß nicht auch das pädagogische Moment hie und da im Borbetergefange sich bemerkbar machen sollte. An verschiedenen Stellen wechselt die freudig dahineilende Escher-Rezitation für einige Augenblicke mit den — freilich nicht unverwandten — aber doch zum mindesten in schwermütigem Tempo erklingenden Tönen der für den Tischo-b'aw bestimmten Weise der „Klagelieder" Jeremias. Sei es nun, weil gerade textliche Reminiszenzen an Tempelzerstörung oder babylonisches Exil erinnern oder wiederum die sinnige Deutungsweise der alten Erklärer hierzu Anlaß gibt. Am markantesten tritt in tonsymbolischer Hinsicht der Anfang des VI. Kapitels hervor: Ballailoh hahu nod'doh schmas Hamme lech - ,Hn derselben Nacht wich der Schlaf des Königs" (Ahasoeros). Das hier vom Borleser verwendete Hauptmotiv 3 N-jk ::fc£ 9-«- ' -yrrjtaharn -—-- - me-lech kennen wir ebenfalls von den hohen Festtagen, vom ersten Teil des Morgengottesdienstes her. Bom regelrechten Wortsinne absehend, will die erbauliche Schriftauslegung das Wort melech — König — hier auf den Welten König gedeutet wissen, -er als Lenker der Geschicke in „jener Nacht" der Entscheidung darüber wachte, daß nicht Habgier und Haß über Demut und Unschuld triumphiere. Dies berücksichtigend, verstehen wir's, wenn der vorlesende alte Ehasan sein musikalisches Zitat hier jenem Milieu entnahm, in dem die Huldigung des Weltregenten einen breiten Raum einnimmt, nämlich ebenfalls wie vochin, den hohen Feiertagen. Ein Brauch, der aber (nach Birnb.) jüngeren Arsprungs zu sein scheint. Der M'gilla-Borlesung eigentümlich ist u. a. auch das mehrmalige laute Ein fallen der Kemernde, bet den sögenannten ,/A'ulah-Bersen", Bersen der „Erlösung", Stellen, dir den Amschwung zum Guten in der .Handlung" markieren. Als würde die gespannt lauschende Menge gleichsam enthusiastisch mit fortgerissen, mit eigenem Munde das göttliche Walten anzuerkennen. Und als in neuerer Zeit unsere Synagogenmusiker mit am Werke waren, den im Ghetto verwilderten Gottesdienst (vgl. den Anfug des „Hamanklopfens" usw.) auf ein höheres Niveau zu heben, da gaben sie an diesen Stellen auch dem währendes ganzen Jahres zur Andachtstimmung mit beitragenden Ehore das Wort. Der Rahmen dieser kurzen Betrachtung gestattet es leider nicht, einmal ausführlicher über die nicht allgemein bekannte Tatsache zn sprechen, daß bei den litauischen Juden und einem Teile der orientalischen auch die anderen „M'g i l l a u s" der Bibel (Hohes Lied, Ruth, Koheleth) — von den „Klageliedern" wissen wir's bereits — in melodischer, ganz eigenartiger Weise zum Bortrag in der Synagoge gelangen. (Bei den litauischen Juden, wie Ich mich aus meiner Heimat Königsberg erinnere, ebenfalls aus einer Pergament-Rolle (M'gillo). Ein kleiner kulturhistorisch-musikalischer Hinweis bilde unfern Schluß: Mehr als ein mal ist unsere Gemeinschaft oder Telle dieser aus ähnlicher Gefahr wie zur Zeit der Esther durch Gott errettet worden. In dankbarer Erinnerung hat man alsdann verschiedentlich lokale „Pur!m"-Tage zum Lob und Preise des Erretters angsseht (vgl. Zunz, Ritus S. 129). So erinnert das sogenannte „Purim-Dincvnz^ an die 1614 zu Frankfurt a. M. durch Bincenz Fettmilch angestiftete Plünderung und Austreibung der dortigen Juden. (B. nannte sich offen den „neuen H a m a n d e r Juden" — Graeh, Gesch. Bd. 10, S. 32). Nach Berichten soll bei ihrer Rückkehr und Rehabilitierung (20. Adar!) zwei Jahre später ein Trompeterkorps die damals noch bekannte, später aber vergessene Bolksmelodie „Schlacht von Pavia" geblasen haben. Den 20. Adar nunmehr zu ihrem alljährlichen besonderen „Purim" machend, hätten sie an diesem Tage einen Abschnitt aus dem Morgengottesdienste nach jener Melodie gesungen und' sie so der Bergessenheit entrissen. — Nach einem Berichte (Hambg. Fam.-B!. v. 5. 11. 1914) war dieser Abschnitt das Kaddisch („Trommelkaddisch"), Jener „Pavier-Weis" sott entsprechen: 3n Erk Böhme „Deutscher Liederhort" Bd. II 1893, S. 110, woselbst diese Melodie verzeichnet ist, wird jedoch ihre Identität mit der Melodie ,Schlacht bei Pavia" aus mannigfachen Gründen in Zweifel gestellt.