Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-03-06 · 10 (6.3.1925) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
10 (6.3.1925)
Date
1925-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613798--1226-2618566
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

IAMÄeraleZeiiniN Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle */« jährlich M. 2/l0, (Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Kür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. u tt rr «hefredakteur: Dipl.«Ing. Bruno Woyda. vie „IUäilck-liberale-Leitung" ertckeint jeden frätag, Bcfmftleitung und GelchäftoftelU: Berlin, JVIauerftr. 22. fernruft Hmt stierkur JSr. 8Z25 poftrchechkonto: Berlin JNlö 2 fir. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) JV&didrudt fämtiieher Original - Beiträge nur mit vorheriger Senebmigung der Redaktion gestattet l Anzeigenpreise: Die 12gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Neklamezeile 3,00 Goldmark, bei :r rr r: Wiederholungen Nabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Verlags« abteilung, Berlin SW 68. Lharlottenstr. 9« (Fernsprecher: Dönhoff 5360-65), sowie sämtl. Annoncen'Srpeditionen. Nr. 40 Berlin, 6. März 4925 5. Jahrgang Taufjudenium. Treue. Bon Rabbiner Dr. Georg Wilde -Magdeburg. Emunoh heißt Treue; emunoh heißt Glaube. Es gibt für Glaube kein anderes hebräisches Wort. Denn Glaube ist Treue. Einst war Gott der Stammesgott. Wer von ihm sich lossagte, sagte sich vom Stamm los, brach ihm die Treue. Es war ein Bund, den nur die Untreue lösen konnte. Zum Stammvater Abraham läßt die Bibel Gott sprechen: „Ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinen Nachkommen." Diesem Bunde blieben Sohn und Enkel treu: „Jakob schwur bei dem, den sein Bater Isaak angebetet hat." Ei segnete seine Enkel: „Der Gott, vor dem meine Bäter Abraham und Isaak gewandelt sind . . er segne die Knaben." Der Stammesgott wurde zum Volksgott. So sprachen Mose und Aron zu Pharao: „Der Gott der Hebräer ist uns erschienen." Wer von ihm sich lossagte, brach doppelt die Treue: der Familie und dem Volk. — Die Juden eroberten das von Gott verheißene Land. Gott war der Gott dieses Landes. Mit dreifachen Banden der Treue waren sie an ihre. Religion gebunden: die Treue zur Familie, zum Volk und zum Land. Der König war der Gesalbte dieses Gottes. Drum war auch die Königstreue Glaubenstreue. Gott wohnte im Tempel zu Jerusalem. Das Land war fein Land. Die anderen Völker hatten andere Götter. Sie waren nichtiger als Gott; sie wurden schließlich zu Einern Nichts. Die Bibel läßt schon Salomon oei der Einweihung des Tempels sprechen: „Der Himmel kann dich, o Gott, nicht fassen, geschweige dieses Haus, das ich dir gebaut habe." „Alle Völker der Erde sollen erkennen, daß nur der Herr Gott ist, keiner sonst." Es kämpften die Propheten gegen den Glauben an einen Volksgott, kämpften für den einen Gott aller Völker, der ganzen Welt. Aber die Religion blieb die Religion der Juden. Glaube blieb Treue. Zum glaubensfremden Volk spricht Gott durch den Propheten Hosea: „Dein Rame ist: Lau arnmi „nicht mein Volk", zum gläubigen Volk spricht er: „Du bist mir durch Treue angelobt." Das letzte Wort des letzten Propheten lautet: Elia wird das Herz der Väter zu den Kindern wenden und das Herz der Kinder zu den Vätern. Elia ist der Künder des Glaubens; der Abfall aber wendet das Herz der Kinder von den Vätern, das Herz der Väter von den Kindern. Israel verlor Tempel und Land und hörte auf, ein Volk wie andere Völker zu sein. Aber sie blieben eine Gemeinschaft, die nur durch die Treue zusammengehalten wurde. And wieder waren Treue und Glauben nicht zu unterscheiden. Wer zur Kirche, zur Moschee überging, der ging zu dem Anterdrücker über; der wollte mit den Seinen nicht mehr beten, nicht mehr leben, mit ihnen nicht begraben sein, der wollte nicht zu den Unterdrückten, sondern zu den Unterdrückern gehören. Am Tage der Taufe brach er die Treue. Die neue Zeit kam. Es sollte nicht mehr Unterdrückte und Unterdrücker geben. Der Menschheitsglaube sollte der Glaube aller sein; die Menschheit das Dach, das sie alle beschützte. Viele Juden warteten nicht ab, bis der Menschheitsglaube da war; sie verliehen nur ihren Glauben, sie schlossen sich der Mehrheit an, als ob man so den Menschheitsglauben gewinnen könnte! Sie starrten nach oben, ob denn das Dach der Menschheit sich nicht über sie wölben wollte. Aber frierend standen sie auf der Straße; das alte Haus hatten sie verlassen, ein neues nahm sie nicht auf. Da froren sie innerlich und sprachen bittere Worte, wie Heine und andere getaufte Juden. Wer ist auch so töricht, bei Wind und Wetter das alte Haus zu verlassen, ehe ein neues gebaut ist? Wer kündigt Verwandten und Freunden die Treue, ehe er noch weiß, ob neue, andere Menschen ihm treu sein werden? Abfall vonr Judentum ist Treulosigkeit, aus welchem Grunde der Abfall auch geschieht. Ich kenne einen jungen Mann, der verlieh unsere Gemeinschaft, weil er Sozialist ist und für die freie Schule schwärmt. Er glaubte deswegen der jüdischen Aus dem Inhalt: Artikel von: Rabb. Dr. Wilde- Magdeburg. — Doris Wittner-Lugano. — 3. Laub an- Berliii. — Max Brod-Prag. — Seminarlehrer Falkenberg-Berlin. — Rabb. Dr. Stcaßburger-Ulm. — Oberkantor S. Guttmann-Potsdam. — Dr. Hugo Spie gler- Wien. — Botho Lasersiein-Berlin Die jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Der | jüdische Sprechsaal. — Bücherschau. — Aus der Be- * wegung. — Bersammlungskalender. — Kalendarium. Z Religionsgemeinschaft nicht angehören zu können. Wenn es nicht Schwäche des Gemüts ist, dann ist es Schwäche der Logik. Er gleicht den frommen Damen, die aus Menschheitsliebe Strümpfe für die Negerkinder in Afrika stricken, während sie nicht sehen, daß in ihrer Stadt Leute verhungern. Die Negerkinder benötigen über gar nicht die Strümpfe der frommen Damen. Ich kenne einen anderen, der verließ unsere Gemeinschaft, weil er politisch rechts steht und glaubt, unter dem deutschen Dach dürfte man nur als Christ leben. Aber am Tisch seiner Eltern sitzt er wie ein Fremder und das Andenken von Soldaten, die für Deutschland gefallen sind, beschimpft er. Denn Tausende sind gefallen, weil sie zeigen wollten, daß sie als deutsche Juden mit ihrem Blut das deutsche Haus erbauen. Sie waren treue Menschen; aber jener, der nicht einen Tropfen Blut für Deutschland vergossen hat, ist untreu. Er wird es mit Recht für verächtlich halten, wenn ein Deutscher im besetzten Gebiet sein Deutschtum verleugnet und den Franzosen sich anschließt; er aber hat in einer Zeit, in der wir Juden von Rassen- und Glaubenshaß, von Gegnern unserer bürgerlichen Ehre umgeben sind, ebenso verächtlich gehandelt. Ich kenne andere, die einer Heirat wegen sich haben taufen lassen. Einen Bund der Treue begannen sie damit, daß sie ihrer Gemeinschaft die Treue brachen. Das Judentum ist nicht bloß eine metaphysische Anschauung, die man hat, die man ändert, die man aufgibt; ist ein Bund der Treue, von Abraham bis heute. Anders ist der Aebertritt zum Judentum. Wer vom Stärkeren zum Schwächeren übergeht, hat Mut; wer vom Schwächeren zum Stärkeren überläust, gilt als feig. Wer von der herrschenden Religion zu uns kommt, sucht seine Abstammung, seine Angehörigen nicht zu verleugnen, der getaufte Jude aber schämt sich über sich selbst und die Seinen. Selbstverachtung aber ist verächtlich. Von der Treulosigkeit jener, die nackte Gewinnsucht, schnöden Ehrgeiz zur Taufe treibt, brauche ich erst nicht zu sprechen. Aber kann die Treue nicht zur Unehrlichkeit werden? Kann nicht ein Konflikt der Pflichten entstehen zwischen der eigenen unter schwerem Ringen erworbenen Ueberzeugung und der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft? Soll man Bande des Blutes, der Treue nie lösen können, selbst wenn sie einen innerlich vergewaltigen? Sind sie ein Sakrament, wie beim Katholiken die Ehe, unauflöslich bis zum Tod? Wenn das Judentum einen Glaubenszwang ausüben würde, dann dürfte man die Frage aufwersen; wie man die Frage aufwerfen darf, ob es nicht auch Fälle gibt, in denen man die Treue gegen Vater und Mutter, gegen Weib und Kind, gegen Volk und Land aufgeben darf, weil man sonst als sittliche Persönlichkeit zerbrochen wird. Aber selbst dann wird man die naturgegebene Tatsache nicht ändern, daß man ein Geschöpf seiner Eltern, der Vater der Kinder, ein Kind des Landes und des Volkes ist. —- Aber kein Jude wird zu einer inneren Unwahrheit gezwungen. Das Gotteshaus sieht ihm offen; aber wenn er es nicht betritt, so beklagt ihn nur der Fromme, wie der Musikalische den beklagt, dem der Sinn für Musik fehlt, dem ein Gebiet seelischer Erhebung verschlossen ist, wie dem Blinden die Welt der Farben. Wenn er das Gotteshaus betritt, so kann er beten oder auch nur seinen Stimmungen, seinen Gedanken sich überlassen. Er kann zur Thora hintreten und sich zur Religion bekennen, er kann aber auch in das Gotteshaus kommen, um ein geschichtliches Fest mit seiner Gemeinschaft zu feiern, um an Tagen, die fast ganz Israel einen, zu zeigen, daß auch er sich nicht ausschließt. Er kann auch kommen, nur um der Toten zu gedenken. Zu keiner religiösen, zu keiner politischen, zu keiner sozialen, zu keiner philosophischen Anschauung wird er gezwungen. Er ist so ftei, wie ein Erwachsener den Eltern gegenüber. Er darf andere Anschauungen haben als die Eltern, darf andere Wege gehen. Nur sein Herz muß den Eltern gehören, sein Gefühlsleben muß mit ihnen verbunden sein. Er darf sie nur nicht verleugnen, nicht ohne Hilfe lassen, ihnen nicht untreu werden. Emunoh heißt in seinem Wortsinn „Festigkeit", dann „Treue" und „Glaube". Wer uns für immer verläßt, der bricht einen Schicksalsbund, der ist ein haltloser Mensch, ohne Festigkeit, ohne Glaube, ohne Treue. Georg Brandes über Heinrich Heine. Von Doris Wittner. 3n den nächsten Tagen kommt der große Ltterarrmd Kulturhistoriker Brandes nach Berlin, um hier einige Borträge zu halten. Er wird sich alsdann nach Jerusalem begeben und dort als Nichtzionist an der Universität Borlesungen halten. Angesichts dieser Reise gewinnen die nachstehenden Betrachtungen ihre besondere Bedeutung. Kürzlich vollendete er sein dreiundachtzigstes Lebensjahr. Aber an Aufnahmefähigkeit und Schaffensfreude steht er hinter dem Rüstigsten nicht zurück, Georg Brandes, der geniale Europäer. Was alles hat er nicht in jüngster Zeit vollendet! Michelangelo, Voltaire, Eäfar, Goethe, jedes ein klassisches, ein Standardwerk der Welt- und Kulturgeschichte. And auch die „Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts", drei starke Bände, liegen jetzt abgeschlossen in neuer Bearbeitung vor und erregen Bewunderung durch die meisterhafte Darstellung, die Klarheit des Arteils und die eindringende Würdigung der Ereignisse bis in die unmittelbare Wirklicheit hinein. Wie sehr Brandes auf der Höhe der Zeit ist, zeigen insbesondere seine Betrachtungen über Heinrich Heine, die für sich allein ein stattliches Buch abgeben könnten. Als Deutscher — so schildert Brandes sein Wesen — gehört Heine der deutschen Romantik an, besitzt er die Grundstimmung ihrer Schwärmerei, ihren Wohllaut, ihre Farbe, etwas vom heidnischen Geiste Goethes, etwas von Hegels Dialektik in seinem Witz. Als Weltbürger vereinigt er germanische Gefühlsromantik mit französischem Esprit und jüdischer Innigkeit, Wehmut, Schelmerei in einer Form, die leicht zugängig und anziehend ist und die seinen Merken auf der ganzen Welt Einlaß verschafft hat, so daß sie heutzutage in allen Sprachen übersetzt sind. Brandes fährt fort: „Das Deutsche Reich weigerte sich, Heikrich Heine das Denkmal zu errichten, das seine Bewunderer wünschten und das er so gut entbehren kann. Oesterreich-Ungarns Kaiserin sah sich seinerzeit gezwungen, ihren Beitrag für das Heine-Denkmal zurückzunehmen. Selbst in seiner Geburtssiadt Düsseldorf hat kein Denkmal von ihm Platz finden dürfen. Uno aegenüber dieser Haltung des Deutschen Reiches haben die zeitgenössischen Franzosen nicht einmal den Einfall gehabt, ihm ein Denkmal in Paris zu errichten, das er so sehr liebte und in dem er die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte. Und dennoch hat außerhalb des Deutschen Reiches sicher keiner, der in der deutschen Sprache geschrieben hat, einen so großen Leserkreis wie er."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.