Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 7 (13.2.1925)
- Date
- 1925-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle lU jährlich M. 2,50, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. i Für die Mitglieder der Vereinigung ist -er Bezugspreis :: s :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. nur: «hesredakteur: Dipl.-Ing. Bruno Woyda. Die „IUdikck-liberale-Leitung" erfckeint jeden freLtag. Bdmftlritung und Gelcbäf taftelU: Berlin, JVIauerftr. 22. f ernruf: Hmt Pierkur JSr. 8225 portrchcckkonto: Berlin I Fr. 137069 (Vereinigung für das liberale Judentum) Farbdruck fämtlieher Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion gcftattetl Anzeigenpreise: Die 12 gespaltene Aonpareillezeile 0,45 Soldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: :: :: Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih, Verlags« abteiiung, Berlin SW 65, Eharlottenfir. 96 (Fernsprecher:, Dönhoff 5360-65), sowie sämtl. Annoncen-Expeditionen.. iRr. 2 Berlin, 13. Februar 1925 5. Jahrgang Rabbiner und Laie. Dber Aufgaben und Stellung des Rabbiners. I. rDer Rabbiner ist Kein Priester; ihm sieht Keine Gemeinde von „Laien" gegenüber, denen er Sakramente jzu vermitteln hätte; nicht einmal Handlungen des Kuljtus und Ritus sind Kraft des Religionsgesetzes ihm allein überantwortet: den Gottesdienst leiten, Ehen schließen mnd scheiden darf jeder andere auch, so er nur das notwendige Wissen hat und einen moralisch und religiös einwandfreien Lebenswandel führt. Der Rabbiner ist jauch kein „Geistlicher"; die Trennung zwischen Geistlichem und Weltlichem überhauvt ist dem Judentum jseit dem Fall des zweiten Tempels fremd. Der Rabbi-!ner ist, was sein Name besagt: rabbi, das heißt Lehrer. Das scheint wenig und ist doch viel; man muß wissen, swelche überragende Bedeutung seit alters Lehren und Lernen im jüdischen Bolk und seiner Religion besitzt. Rabbi und Rabbiner ist der ehrenvolle Titel jener zahllosen Männer, die ohne Amt und ohne Sold, zumeist als Handwerker von chrer Hände Arbeit lebend, im Studium der Thora, in der Auslegung und Weiterbildung ihrer Gesetze, im täglichen Umgang mit einer Schar von Jüngern und als deren leuchtendes Vorbild, die eigentlichen Träger einer religiösen Ueberlieferung waren, die in einzigartiger Weise Leben und Lehre verband. Daran haben die wechselnden Zeiten bis ins Mittelalter hinein nichts geändert. Später haben die Rabbiner wohl ein festes Gehalt bezogen, aber erst das ausgehende 18. Jahrhundert brachte für sie wie für die Iudenheit nahezu der ganzen Erde den großen Bruch mit der Vergangenheit. Die politische Verfassung, welche die deutschen Staaten ihren Gemeinden gaben, kannten wohl Gemeindevorsteher und Gemeindeverireter, für den Rabbiner aber war kein Platz: seine offizielle Stellung war die eines „Kauscherwächters". Und dennoch hat der Rabbiner durch die neue Zeit eine neue bedeutende Stelle in der Gemeinde erhalten. Wollte er weiter der „Lehre r" sein, der Lehrer eines neuen, in allen Wissenszweigen unterrichteten, in europäischer Kultur ausgewachsenen Geschlechts, so mußte er (und nicht allein der „liberale" Rabbiner) eine allseitige Bildung sich aneignen und auf höheren Schulen und Hochschulen in Geschichte und Literatur, m Naturwissenschaft und Philosophie heimisch werden. Auch seine besondere religiöse Vorbildung konnte nicht mehr der wissenschaftlichen Methode noch der Ausdehnung auf alle Gebiete des Wissens von Juden und Judentum entraten. Kam dadurch der Talmudgelehrte früherer Zeit, ja zumeist der Gelehrte überhaupt zu unrz, so gewann der Lehrer, und Lehrer der Religion!m weitesten Sinne zu sein, für die Jugend wie für das Alter, bleibt die vornehmste Aufgabe des Rabbiners, ob es sich um die Beantwortung religionsgesetzlicher Anfragen oder geradezu um Unterricht handelt; daher neben einer gründlichen Schulung jene pädagogische Begabung, die schon die Erzähler, Propheten und Schriftgelehrten des alten Israel bekunden, ein wichtiges Erfordernis auch für den Rabbiner unserer Zeit geblie- Eine neue bedeutende Aufgabe erstand dem Rabbi J.c* *n ^cr Predigt. Sie ist eine Schöpfung der jü dlschen Gemeinschaft, war ihr für Jahrhunderte verlöre' gegangen und ist erst vor hundert Jahren wieder ein geführt worden als eine hervorragende Errungenschaj oes Liberalismus. Ohne Zweifel ist sie bei den liberale Gottesdiensten, vor allem der Großgemeinden, allzu sehr nach protestantischem Muster in den Mittelpunb geruckt worden und tut durch ihre Häufigkeit nicht nu ihrem eigenen Wert, sondern — was schlimmer ist - cmu1 Charakter des jüdischen Gottesdienstes Abbruch da, wo sie sich diesem Charakter einfügt, al im engeren und im weitesten Sinn« als Brücke zwischen alter und neuer Zeit, als Antwoi auf brennende Fragen der Kultur, als Mahnung z f i Aus dem Inhalt: Artikel von: Rabbiner Dr. Salzberger-Frankf u r t a. M., Robert Hirsch fei--Berlin, Rabbiner Dr. Behrens-Fürth, Norbert Probst- Berlin, Oberregierungsrat Hans Goslar-Berlin, Arthur Schweriner, Berlin, Dr. Ludwig Daoi-tohn -Berlin, Dr. Julius Woyda-Brem e n, Hans Adolf M a r g o l i u s - B e r t i n u. a. m. ★ Die jüdische Gegenwart. — Wahlbetrachtungen. — Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaat. — Bücherschau. — Aus der Bewegung. — Bersammlungskalender. — Kalendarium. einem Leben in jüdischer Religiosität wird sie ohne falsches Pathos, schlicht, wahrhaftig, gedanklich überzeugend und herzenswarm, immer das eigenartig Jüdische bewahren-, einen Faktor von stärkster religiöser Wirksamkeit bilden. Wie schwer es für den Prediger ist, allen verständlich zu sein und jedem Zuhörer etwas zu geben, ohne das Niveau zu hoch oder zu niedrig zu wählen, ohne zu sehr nach der ästhetischen oder nach der logischen Seite zu neigen, ohne zu „aktuell" oder zu wenig aktuell zu sprechen, braucht hier nur angedeutet zu.werden. Eine Vorbedingung für die rechte Kunst des Predigens ist die nahe persönliche Fühlung des Rabbiners mit seiner Gemeinde. Sie ist noch unerläßlicher für die Seelsorge. Gewiß ist dies Wort nicht jüdischen Ursprungs, wohl aber die Sache. Denn was Ezechiel von der Verantwortung jedes Menschen für die Seele des andern sagt, das ist im besonderen die Pflicht des Rabbiners. Es genügt nicht, daß man ihn von der Kanzel und vom Katheder kennt: wesentlicher ist seine soziale Tätigkeit, nicht allein im Sinne der Fürsorge für die Armen, die Kranken, die sittlich Gefährdeten und die Strafgefangenen, sondern auch im Sinne des geselligen Verkehrs mit den Mitgliedern seiner Gemeinde, von denen jeder wissen muß, daß der Rabbiner für ihn, seine Fragen, Zweifel und Röte aller Art jederzeit ein williges Ohr und ein mitfühlendes Herz hat. Auch hier ist der Rabbiner der Großgemeinde in einer schwierigen Lage: es ist ihm schlechterdings unmöglich, allen auch nur flüchtig nahe zu kommen; um so mehr sollte er jede Gelegenheit zu einer persönlichen Annäherung ergreifen: in den Logen, in Vereinen und Versammlungen und zumal bei den Wechselfällen des Lebens, wo er persönlich sprechen kann: Einsegnungen, Trauungen und Beerdigungen; hier sich auf das genaueste über die Menschen und ihr Geschick unterrichten lassen kann ihn allein gegen den Angriff schützen, daß zu den intimsten Anlässen ein völlig Fremder redet. Am dankbarsten dürfte diese Seelsorge bei der Jugend sein; für ihre Kämpfe, Leiden und Freuden Verständnis, für ihr Werden und Wachsen die regste Anteilnahme haben, ohne sich ihr als „Rabbiner" aufzudrängen oder ihren Irrungen zu schmeicheln, ist für unsere Zeit der Jugendbewegung besonders not. Ein Rabbiner, der den vollkommenen Lehrer, Prediger und Seelsorger in einer Person vereinigt, bleibt wie alle Vollkommenheit ein frommer Wunsch. Der eine wird mehr nach dieser, der andere nach jener Seite Begabung und Neigung zeigen. Das Entscheidende ist der Mensch, der Mensch, der mit keinem Glorienschein sich umgibt, dem nichts Menschliches fremd ist, der überzeugungsfesi sich doch keiner gemeindepoliti scheu Partei oder Richtung verschreibt, der seinen Beruf nicht so sehr ergriffen hat, als vielmehr von ihm ergriffen worden ist, mit einem Wort, die sittlich lautere, durch und durch religiöse Persönlichkeit. Am diese Persönlichkeit frei auswirken zu können, wäre es ein Glück, wenn der Rabbiner wie ehemals wirtschaftlich unabhängig wäre, das ist unter den heu-I Ligen Verhältnissen leider unmöglich. Der Rabbiner ist besoldeter Angestellter der Gemeinde, ist Beamter,' „Funktionär". Er ist der Herr Doktor anstatt der Rabbiner. And auch dem Tüchtigsten gelingt es, wo er nicht Staatsbeamter ist, nur schwer, der Gemeindeverwaltung gegenüber sich die Stellung zu schaffen, die! ihm als dem Haupt und Führer der Gemeinde gebührt.. Es sollte nachgerade selbstverständliche Pflicht jeder Gemeinde sein, ihren Rabbiner materiell so zu stellen, daß er von Sorgen um seine Existenz und die seiner Familie geschützt ist. Es sollte das Streben der Grvtzgemeinden sein, ihre Rabbiner vor einer Aeberlastung zu bewahren, die gegen das ideelle, ja gegen das materielle Interesse der Gemeinde selber sich sehr bald richten muß; wie soll der Rabbiner wissenschaftlich arbeiten oder auch nur in seinem eigensten Wlssensfach sich fort-! bilden, was für ihn so unerläßlich wie für Arzt und Anwalt, wenn seine ganze Zeit mit seiner „Praxis" ausgefüllt ist? Endlich sollten die Gemeinden begreifen, daß niemandem mehr an ihrem Wohl gelegen, aber auch! niemandem mehr das nöttge Missen für alle sie beroe-; § enden Fragen (denn alle sind letzten Endes jüdische 'ragen) gegeben ist als dem Rabbiner; als Konsequenz sollten sie ihm die Teilnahme an allen Beratungen ihres' Vorstandes ermöglichen. Es fehlt in liberalen Kreisen noch vielfach an deri Achtung vor dem Rabbiner. Sie wird kommen, wenn' zwei Faktoren Zusammenwirken, wenn der Rabbiner seine Aufgabe an seiner Gemeinde und wenn die Ge-' meinde die Stellung ihres Rabbiners richtig erfaßt. Dafür aber ist heute, wenn je, die Zeit; denn Don einem positiv religiösen Liberalismus allein, dessen gegebener Führer doch der liberale Rabbiner ist, kommt die Erneuerung des Judentums, nach der unsere Jugend sehnsüchtig verlangt. Rabbiner Dr. Salzberger.Frankfurt a. M. IL Bis vor ungefähr 150 Jahren war die Stellung des Rabbiners auch in Mittel- und Westeuropa die des' unbedingt anerkannten geistigen Führers der Gemeinde und seine Aufgaben waren ganz scharf Umrissen, als die' des Lehrers der Heranwachsenden und Erwachsenen: und des Richters nicht nur auf religionsgesetzlichem Ge-! biet, sondern in allen Fragen des Lebens. Beides, sowohl die Stellung wie die Ausgaben des Rabbiners ist inzwischen wesentlich verändert. In kleineren und Mittelgemeinden könnte die Stellung unserer Rabbiner auch heute noch dieselbe sein, wie in früheren Zeiten, und gewiß ist sie es auch noch in einzelnen Fällen. Aber im großen und ganzen haben unsere Rabbiner es nicht verstanden, den Aufgaben gerecht zu werden, die die veränderten Verhältnisse und Anschauungen an sie gestellt haben und auch heute noch stellen. Der Rabbiner soll jetzt auch unterrichten, aber im eigentlichen Sinne nur die Heranwachsende Jugend. Er soll an Profan- und Religionsschulen lehrend Einfluß gewinnen auf die künftigen Glieder und Führer seiner Gemeinde und soll diese selbst durch seine Predigten und durch die Seelsorge führend beeinflussen. So soll er also zum größten Teil heute auch noch der Lehrer seiner Gemeinde sein, wenn auch in anderem Sinne und in anderer Art als früher, und er könnte auch auf diese Weise der geistige Führer seiner Gemeinde sein. Er müßte also zunächst jede Gelegenheit benutzen, um die Jugend davon zu überzeugen, daß sie an ihm einen verständnisvollen Berater und Führer haben kann, der zu jeder Zeit zu ihrer Verfügung sieht, der nicht nur die vorgeschriebenen „Pflichtsiunden" gibt, sondern der gerade in den „Aeberstunden" seine erzieherische Aufgabe ausznführen sich bemüht. Er soll in den Jugendvereinen mit jung sein und auf sie von dem Feuer seiner jugendlichen Begeisterung immer wieder etwas übertragen, er sott nicht ermüden, wenn seine Bemühungen nicht immer von Erfolg gekrönt sin- und er soll nie von der Aeberzeugung lasten, daß er