Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-16 · 3 (16.1.1925) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
3 (16.1.1925)
Date
1925-01-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2613366-2613788-2613791--1153-2618488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5. Zohrgan- Timnmrr 3 IMchllbemleZeitma Belage 16. Januar 1925 Randbemerkungen rum Wahlkampf. -- wird weiter gelogen. In einer öffentlichen Wahlversammlung der indischen Volkspartei (lies Zionisten) hatte Herr Kareski dnrch die Behauptung die Entrüstung der Massen gegen den Lentralverein m entfachen gesucht, dessen Vorstandsmitglied, Herr Ivstizrat Sonnenfeld, habe Las Wahlrecht der Ostjuden in unseren Gemeinden und Landesverbänden für die Steigerung des Antisemitismus verantwortlich gemacht. Dazu sendet uns Herr Iustizrat Sonnenfeld die folgende Berichtigung. die wieder einmal zeigt, in welch demagogischer Weise ziommsche Führer Vorgehen, um Wählerstimmen zu fangen. „Auf Ihre Anfrage teile ich Ihnen ergebenst mit, daß ich mich sehr genau an die Sitzung erinnere, in welcher beraten wurde,?b und wie mit maßgebenden Persönlichkeiten aus rechtsstehenden Parteien verhandelt werden sollte, um Pogromausbrüche möglichst zu verhüten. Es ist eine ganz grobe Unwahrheit, zu behaupten, daß ich damals erklärt hätte, man dürfe sich über den Antisemitismus nicht wundern, so lange wir in unseren Gemeinden und Landesverbänden den Ostjuden das Wahlrecht geben und sie hiermit als gleichberechtigt behandeln. Wahr ist vielmehr, daß ich erklärt habe. Zionisten seien für Verhandlungen mit rechtsgerichteten Persönlichkeiten nicht die geeigneten Mittelspersonen, weil diese ja selbst auf dem Standpunkt stünden, daß die Behauptung der Antisemiten, wir Juden seien keine Deutschen, berechtigt sei. Als ich mit diesen Worten den Gedanken abgelehnt hatte, Zionisten als Vertreter der deutsch fühlenden Juden zu Rechtsparteien zu entsenden, verließ Herr Kareski mit einer brummenden Bemerkung, die sicherlich keine Höflichkeit enthielt, das Sitzungszimmer. — Die unwahre Darstellung des Herrn Kareski führe ich auf ein mangelhaftes Gedächtnis und auf die Aufregung zurück, in die er durch meine Erklärung gebracht worden war." Hochachtungsvoll ergebenst Der Rechtsanwalt: - gez.: S o u n e n f e l d, Iustizrat." . *v * * fR. 9JL MMelparteilicher Mischmasch.) Sie fragen. wvS t$ mit der „Religiösen Mittelpartei" für eine Bewandtnis hat? Das ist eine konservative Partei, unter der Leitung «gemvärttoer (Reumann, Lichtenstein) und ehemaliger (Simon, Dmmenthai) konservativer Repräsentanten und Repräsentantenkandidaten (Kirschstein), die auf der offiziellen konservatlven Liste Galewski nicht untergekommen sind und nun unter einem farblosen Namen im Trichen fischen. Zu diesem Zwecke haben sie einige uninsormierte Persönlichkeiten mit gut klingenden Titeln wie Kommerzienrat u. dgl. sich angegliedert, die sie aber vorstchkgerweise auf aussichtslose Posten hinter die konservativen Partölgroßen gestellt haben. Irgendwelche Bedeutung hat die Äste nicht, da keinerlei Organisation dahinter steht. * * * Was ist konservatives Judentum? Am 5. Januar fand in Berlin eine konservative Wahlversammlung für den Landesverband statt. 2m Anschluß an diese stellt uns Herr Rabbiner Dr. Gottschalk folgende kleine Anfrage zur Verfügung: Bisher wurde von konservativer Seite immer behauptet: das konservative Judentum sei das Judentum, das liberale sei überhaupt keines. In der Versammlung am 5. 1. konnte man folgende Feststellungen machen: 1. Am V o r st a n d s t i s ch saß der vor kurzem von konservativer Seite a b g e s e'tz t« langjährige Leiter der Synagoge Gesundbrunnen. Es gibt also ein konservatives Judentum Berlin und ein solches Berlin W.! 7. Eingeladen hatte ,ch e r" konservative Wahlausschuß. Die Referenten dieses. Ausschusses polemisierten: a) gegen die konservativen Zionisten, b) die konservative Mi ttel- Partei und empfahlen ihre Liste. Esgibtalso3weitere konservative Spielarten! 3. Ein Referent bekannte: „Mr wollen auch den jüdischen Staat" und polemisierte gegen den T. V. 2m C. D. wirkt ober besonders auch der konservativ eingestellte deutsche Flügel. — Also wieder 2 Spielarten! Das Zusammengehen mit der Mittel pari ei wurde von „dem" konservativen Ausschuß deshalb abgelehnt, weil die Mittelportei einen Rabbiner präsentiert hatte, der >m Orgeltempel spricht. Dem Ausschuß gilt dieser Rabbiner als liberal. Am V o r st a n d s t i s ch saß aber ein Herr, der dauernd den Orgeltempel besucht! Wieder 2 Spielarten! 5. Zwei Referenten beriefen sich auf Mendelssohn! Run ist aber die Bibelübersetzung Ms. bekanntlich von konservativen Rabbinern in den Bann getan worden, und M. selbst hat bekanntlich in seinem Briese an Lao ater die „Zusätze" in seiner Religion vom „Wesentlichen" unterschieden, ganz ln liberale m Sinne! Also wieder 2 Spielarten! 6. Ein Diskussionsredner, ein orthodox-zionistijcher Rabbiner, hat die Liberalen als „Feinde" der Konservativen bezeichnet. Gleichzeitig aber hat er an das Wahlbündnis bei der letzten Gemeiirdewahl zwischen Liberalen und Konservativen erinnert. — Wieder 2 Spielarten! 7. Ein Diskussionsredner hat beklagt, daß seine Kinder in der Religionsschule ohne Hut hebräisch lernen. Zwei Referenten des Abends aber haben ohne Kopfbedeckung hebräisch zitiert, einer sogar noch im Schlußwor.t! Wieder 2 Spielarten! 2m ganzen konnte man in der Versammlung am 5. 1. 15 Spielarten des konservativen 2udentums seststellen! So frage ich: was »st konservatives 2udentum? * * Deutsche Jude« leibett Rot. Zur Linderung dieser Rot ist nicht zum wenigsten der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden ins Leben gerufen worden. Er soll besonders die kleinen Gemeinden durch einen Lastenausgleich zwischen ihnen und den Grotzgemeinden unterstützen. Schon kommen aber die Zionisten (Wahladresse: Jüdische Bolkspartei) und bezeichnen in ihrem Wahlprogramm die materielle Mitarbeit am „Aufbau der jüdischen Heimstätte in Erez Israel" als eine der Aufgaben dieses Landesverbandes. Das sind dieselben Zionisten, die immer behaupten, die Aktionen zur Linderung jüdischer Rot, namentlich unter den jüdischen Beamten, für sich gepachtet zu haben. Das sind aber auch dieselben Zionisten, die schon während der Inflationszeit fortlaufend größte Goldmarksummen aus Deutschland herausgeführt und, bar und in Waren, nach Palästina überführt haben; Summen, die ausgereicht hätten, alle deutsch-jüdische Rot zu lindern. Jetzt sollen nun auch noch die Steuereinnahmen der jüdischen Gemeinden auf dem Umwege über den Landesverband diesem Zweck zugeführt und den deutschen Juden und jüdischen Beamten auf diese Weise entzogen werden. Dabei ergibt die letzte offizielle Statistik des Keren Hajessod, daß auch jetzt wieder das deutsche Judentum an einer der ersten Stellen unter dem Judentum der europäischen Großmächte bei der Aufbringung von Mitteln für Palästina stcht. Dies mögen die folgenden auchentischen Zahlen beweisen, die ergeben, daß durchschnittlich die Juden in Deutschland mehr für Palästina geopfert haben als diejenigen in England und Frankreich und daß sogar das zahlenmäßig viel stärkere polnische Judentum in einzelnen Zeitabschnitten wesentlich geringere Summen als das deutsche Judentum dem Aufbau von Erez Israel zugewandt hat: Keren Hajessod-Eingänge. 1922 1923 1923 1923 1923 1924 1924 1924 Okt.- Äc Deutschland England Polen Frankreich Zan.- Apr.» 3»Ii- Oft* 3an« Slpr.« Juli* Mrz. gunl £>«}. Mr?. 3’jni Scpt. Stlg. Stlg. Stlg. Stlg. Stlg. Stlg. Stlg. Stlg. 163 1861 2339 1240 4725 6998 6707 3592 1000 2408 6430 366 1725 1496 1368 929 1747 1528 2945 1790 2032 4295 4356 5628 56 14 442 593 207 389 224 116 Wiener Brief. Ein Zukunftsbild? Van einem Zeitungskiosk grüßte mich vor einigen Wochen ein neues Witzblatt. Das Bild der ersten Seite zeigte einen polnischen Juden gemeinsam mit einem Arier ein Paket mit Nummern des neuen Blattes tragen. Der Titel dieses, die Verbrüderung der jüdischen mit der arischen Bevölkerung symbolisierenden Bildes lautete fragend: „Ein Zukunftsbild?" Es fehlt in Wien wahrhaftig nicht an Zeitungen und Witzblättern, die die religiöse Toleranz propagieren und die meisten traten viel pompöser auf als die im schlichtesten Rahmen gehaltene Reugründung, und doch verdient diese eine gewisie Beachtung. Denn zum Unterschied von den meist jüdischen Heraus- Sehern der anderen libevalifierenden Zeitschriften ist die Grünerin der neuen nicht nur über den Verdacht erhaben, eine von Geburt und Rasse prädestinierte Schrittmacherin der „Weisen von Zion", der „Alliance Israelite" oder sonst einer in der Phantasie der Hakenkreuzler spukende Verkörperung jüdischer „Welteroberungspläne" zu sein, sie war vielmehr in der OeffenAichkeit bisher als Schrittmacherin der entgegengesetzten politischen Macht bekannt: der christlich-sozialen Partei. Die betreffende Dame ist nämlich die Erbin und langjährige Herausgeberin des antisemitischen Witzblattes „Kikeriki", der für die Popularisierung der Iudenhetze seinerzeit ungleich mehr geleistet hat als die „ernsten" Antisemitenblätter, weil der Wiener Intellekt weit mehr auf „G'spaß" und Humor eingestellt ist als auf seriöse Diskussionen. Wenn nun eine politisch so prononcierte Persönlichkeit mit ihrer Vergangenheit resolut bricht, die Leser aufmerksam macht, daß sie mit dem alten „Kikeriki", der in andere Hände übergegangen ist, in keinen wie immer gearteten Beziehungen steht, und dem neuen Blatte ausdrücklich den Tendenz „zuin Geleit" mitgibt: „Mensch mit Mensch zu versöhnen . . denn sagt, hat es einen Sinn, wenn Christen und Iudeii stch streiten, statt miteinander versöhnt, gemeinsam sich Wohlstand bereiten?, dann ist eine solchc Bekehrung schon eine artige Sensatton und würde auch überall sonst als in Wien, diesem „Kapua der Geister", als solche wirken. Hier ist. sie ebenso wie das neue Blatt, dem leider kein Rekiamcapparat zur Verfügung steht, ziemlich unbeachtet geblieben. Der aufmerksame Beobachter der hiesigen politischen und gesellschaftlichen Strömungen wird aber dem Symptomatischen dieses zumindest pikanten, wenn schon nicht wclterschüttcrndcn Ereignisses nachgehen müssen. Was Frau Annic Berg zu einer nicht gerade scheinbaren, der Tendenz der Zeit entsprechenden Revision ihrer Weltanschauung veranlaßt hat, erklärt vielleicht der Titel ihres neuen Witzblattes: „Einer von unsere Leut'". Es ist dies gleichzeitig der Titel eines von ihrem Vater A. E. Berg verfaßten und seinerzeit sehr populär gewesenen Iudenstücks mit ausgesprochen philoscmitischer Tendenz, die der Autor anfangs auch in dem von ihm gegründeten „Kikeriki!" propagierte'— bis eines Tages ein Jude mit einem Konkurrenzblatt „Der junge Kikeriki!" auf den Plan trat. Von diesem Zeitpunkt an verwandelte sich der Liberalismus A. E. Bergs in sein Gegenteil und der „Kikeriki" wurde der wirksamste Wegbahner des damals gerade dieselbe Wandlung durchmachenden Dr. Lueger, der die liberale Partei zerschmettert und die klerikal-antisemitische zu jener Macht geführt hat. die sie in Oesterreich noch heute besitzt. Das Judentum zu vernichten ist dieser Bewegung freilich nicht geglückt. Es wurde vielfach, besonders in seinen kleineren und mittleren Existenzen Wirtschaftl i ch stark geschädigt, 'seine Position im G e i st e S leben hat cs aber so Fem'lich behauptet. Am sinnfälligsten erhellt diese Tatsache aus dem Theaterrepertoire, das noch vor ganz kurzer Zeit von Iudensiücken aller Art, literarischen und witzigen, aber künstlerisch ambitionslosen, förmlich beherrscht wurde.' Diese Konjunktur hat auch zu der alten Posse A. E. Bergs gegriffen und sie auf. einer Leopoldstädter Bühne eine fröhliche Auferstehung feiern lasten. Es ehrt Frau Annie Berg gewiß, daß sie sich nicht nur die unverhofften Tantiemen, sondern auch die Tendenz der Dichtung ihres Vaters zu Gemüte geführt und den Isaak Stern, den Helden des Stückes, liebevoll in ihr Herz geschlossen hat. Ob das neue Blatt seinen menschenfreundlichen Ansichten die geeignete Resonanz verleihen können wird, ist freilich bei dem allzu bescheidenen Auftreten der Herausgeberin leider fraglich. Warum sie sich eine solche Zurückhaltung auferlegt, ist ebenso unklar wie der Grund, der Frau Berg veranlaßt hat, ihr angestammtes, sehr EEEEEEEEEEEEEEESEEES 8 0 0 B E E E liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Äerlin <S. V. Frauenversammlung Mittwoch, den 21. Zarurar abends s Uhr im Logeichaus, Kleiststr. 16 Gartensaal Ss werden sprechen: Mifeto Dr. Margarete Berent Fr« Bertha FaEenberg Frau Diama Hamburger Krau Meyer»Stargard Kran Gertrud Seligsohn über: Jrauenfragen in der preußischen Landesversammlung Leiterin u. Gnberuferin: Frau Minna Schwär- Eintrittsgeld wird nicht erhoben! i«3 Der brennende Dornbusch Mose sah den Dornbusch flammend lohen, Doch kein Älait ward von der Glut verzekrl: .Heller, glühender sah er die Flammen drohen, Dennoch blieb der Dornbusch unversehrt. Und zu Mose sprach Gott aus den Flammen: „Zch will euch erlösen, so ihr glaubt! Denn ich kann vergeben wie verdammen, Ltnd ihr werdet nicht des Heils beraubt . . “ Da sah Mose jäh in lünffge Weiten: Sah, daß Israel der Dornbusch war, Heiß umflammt von schwersten Leidenszeiten, - Fernste Zukunft ward ihm offenbar. Mose sah des ganzen Volkes Sterben, Sah die ganze Welt, wie sie vergeht, — ßr erkannte, daß aus dem Verderben Stets ein neues Leben aufersieht . . . Mag sich noch so schwer das Leid gestalten, Flammt es immer neu in wilder Wut, Gott der Herr kann doch sein Volk erhalten, Wie den Dornbusch in der hellen Glut. Seht die Leidensflammen wieder sprühen! O sie brennen wie zu Moses Zeit, — Erdenleid muß heiß und heftig glühcn, Am so schöner glüht die Seligkeit! Max Vosenfeld, Dresden lmmmmmmmmmmtmmnmmaKmmmmmmKmmmBmmmmmmmmmmmmmmm Rosa Mschnl. Ein jüdisches Milieustück von Beda und Hans Kottow. Aufführung im Berliner Residenztheater. Es ist ebenso taktwie gesckmacklvs, in einer Zeit, wo durch häßliche Finanzskandale die allgemeine Stimmung auch gegen die . in der überwiegenden Mehrzahl befindliche sympathische Iudenheit in ungerechter Weise beeinflußt ist, derartige Jargon-; stücke zur Aufführung zu bringen. Genau so bedauerlich ist es. daß Künstler vom Range der Werbezirk und Ettlingcr sich dazu hergeben, die Hauptrollen in solch flachem und geistlosem Machwerk zu kreieren. Dadurch werden die Berliner Theaterverhältnisse, die ohnehin nicht sehr erfreulich sind, noch widerwärtiger. — Aeber das Stück zu! sprechen, ist peinlich. Jüdischen Humor gibt's schon! Der echte leuchtet in psychologische Tiefen hinab und ist einzigartig! — Aber in diesem Schwank voll platter Allerweltskomik ist er wahrlid> nicht zu finden! Ekelhaft ist die „typische Szene", die sich; auch in so vielen ähnlichen derartigen Possen findet, in der bei einem Heiratsprojekt mit Bezug auf die Mitgift gefeilscht wird, wie bei einem Warengeschäft! -- Ach, das ist h e u tzu l a g e bestimmt nicht „echt-israelitisch", wie den schmunzelnden nichtjüdischen Zuschauern glauben gemacht wird. Krasser Materialismus kommt auch in jüdischen Familien vor. — Gewiß! — Ihn aber als; „Kennzeichen" des Judentums lächerlich zu machen, ist genau so j töricht und einseitig, wie etwa z. B. bei Spinoza oder Heine nur semitische Gesichtszüge und sonst nichts anderes erwähnenswert zu finden. Die Handlung? — Liner schon etwas sehr angejahrten, ver-? witwelen Textilmarenhändlerin wird durch einen schwadronierenden i und charakterlosen Geschäftsreisenden der Kopf verdreht. Sie ist schon nahe daran, sich mit ihm zu verloben, wird aber noch zur rechten Zeit dadurch geheilt, daß er sich in ihrem eigenen Hause; mit ihrer Nichte verlobt, worauf sie prompt zur' allgemeinen! Acberraschung ihren altgedienten Buchhalter, mit dem sie sich; dauernd freundschaftlich gezankt hat, veranlaßt, sie zu heiraten. Diese belanglose und gleichgültige Handlung wird in d"ei Akte , gedehnt uno^mit einer Fülle ältester und abgebrauchtester Jargon-; witze und Blätzchen verbrämt. „Pottasch und Perlmutter", die i Herrnfeldiaden seligen Angedenkens und die Blumenthal-Kadelj burgschen Kalauer eien sind dagegen wahre Kulturwerke! Gar nicht zu reden von den wirklichen, jüdischen Schwänken etwa eines Scholem alechein usw. usw. Uralte Possentricks und Reqursilenscherze, die man, auf Pergament geschrieben, dem Museum^ für Altertumskunde überweisen sollte, wie z. B. das klownhafte Skch-Sehen auf Sofas mit herauStretenden Sprungfedern usw. werden wieder aufgewärmt und von einem naiven, anspruchslosen Publikum weidlich belacht. Von psychologischer Entwicklung und Logik kann natürlich in einem Werk, das nur an bk Lachmuskeln appelliert, nicht die Nede sein: die sentimentalen Anwandlungen der Verfasser am Schluß des zweiten Aktes wirken um so unwahrscheinlicher, weil sie verlogen sind und ganz aus dem Rahmen des konstruierten Stückes yerausfallen. Wenn überhaupt trohalledem noch ein ästhetischer Genuß zustande kam und die Aufführung einen etwas Interesse abnötigte, so ist das in erster Linie Frau Werbezirk zu danken, die alle Re gister ihres drastischen und trockenen Humors spielen ließ. Ihr sowohl, wie Herrn Ettlinger, der den ewig brummenden und gereizten Buchhalter spielte, gelang es beinahe, aus diesen Theatcrpupppen wirkliche, warmfühlende Menschen zu machen. Dagegen übertrieben die anderen Darsteller das ohnehin schon Grobschlächtige durch allzu prominentes Gemauschel, so daß man zeitweilig glaubte, nicht im Restdenztheater, sondern in einem jiddischen Theaterverein in der Grenadierstraße zu sein. — Besonders stark outrierte Ellen Reusiädter, sonst eine sehr beachtenswerte Künstlerin, die ihre Schwiegermutterrolle in unnatürlicher Weise vergröberte. Harry Stollberg hatte seinen prahlerischen, hohlen Coirmm voyagour im Grunde nicht schlecht angelegt: aber auch er übertrieb um des Lacheffekts willen in ziemlich unkü-nftlevischer Weise: Rur Fritz Strehlen als Julius war echt und natürlich. Die Damen Eiinor Brinkcn und Elfe Kahner hatten weiter nichts zu tun, als reizend auszusehen, was ihnen vollauf gelang. Die Inszenierung des Herrn Henry Berg hatte für ein flotteS Tempo gesorgt. Der äußere Erfolg war sehr groß, der Beifall lärmend. Rur wenig Rachdenmiche und feiner Empfindende gingen verstimmt nach Hause . . . Dr. Ludwig David lohn-Berli»,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.