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Jüdisch-liberale Zeitung · 1925-01-16 · 3 (16.1.1925) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
5 (1925)
Issue
3 (16.1.1925)
Date
1925-01-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Wahlkreis VM. Westfalen. Zahl der Mandate s. Liste -er liberalen Partei. 1. Rechtsanwalt Dr. Katzenfiein, Bielefeld. Frau Ottilie Echöuewald, Bochum. ')■ Lehrer Em. Golbschmidt, Dortmund. 4. Kaufmann D. Leeser, Dortmund. I). Rabbiner Dr. Steinihal, Münster. «>. Kaufmann Hukob Gans, Hörde. 7. Kaufmann Salo Großmann, Gelsenkirchen. 8. Frau Heiuemann, Dortmund. 9. Lehrer Goldmann, Herford. 10. Kaufmann R. Michelsohn, Minden. 11. Rechtsanwalt Dr. F. David, Hagen. Wahlkreis IX. Frankfurt (Main). Zahl der Mandate io. Liste der liberalen Partei. 1. Dr. Richard Merzbach, Rechtsanwalt und Notar. 2. Dr. Eduard Baerwatd, Rechtsanwalt und Notar. '1. Fra« Stefanie Forchheimer, ged. Fialla. 4. Henry Rothschild, Kaufmann. 5. Willy Dreyfus, Bankier. 0. Willy Wolfs, Mühlenbefitzer. 7. Otio Bonwit, Kaufmann. V 8. Frau Ella Werner, geb. Plaut. 9. Dr. Arnold Lazarus, Gemeinderabbiner. 10. Dr. Rudolf Geiger, Rechtsanwalt und Notar. Wahlkreis X. Hessen-Nassau. Zahl der Mandate 4. Liberal-orthodoxe Liste. 1. Fabrikant Moritz Sleinberg, Wiesbaden, (liberal). 2. Rechtsanwalt Dr. Josef Katzenftein, Cassel, (liberal). 3. Kaufmann Siegmund Freudenthai, Eschwege, (konservativ). 4. Rechtsanwalt Solinger, Bad Homburg, (liberal). 5. Apotheker Max Nutzbaum. Cassel, (liberal). (1. Kaufmann Leopold Nutzbaum, Wiesbaden. 7. Adolf Bluinenthal, Wiesbaden. Wahlkreis XI. Köln a. Nh. Zahl der Mandate 7. Liste der liberalen Partei. 1. Dr. Heinrich Frank, Rechtsanwalt. 2. Dr. Adolf Kober, Gemeinderabbtner. 3. Frau Margarete Tieh. 4. Eugen Jacob! H, Lehrer. 5. Emil Blumenau, Fabrikant. 6. Frau Veronika Brümell. 7. Dr. Siegfried Kaufmann I, Rechtsanwalt. 8. Carl Kaiser-Blüch, Kaufmann. 9. Joseph Schlüchterer, Kaufmann. /Ü. Dr. Siegfried Braun, Lehrer. Wahlkreis XII. ~~ Rheinprovinz. Zahl der Mandate m Liberal-orthodoxe Liste. 1. Kaufmann Erich Felfeuthal, Düsseldorf. 2. Saailütsrat Dr. Felix Mendel, Essen. '5. Karl Kaufmann, Mühlheim (Ruhr). 4. Frau Ruth Stern, Rheydt. 5. Kaufmann Gustav Cohn, Lreseld. 0. Husiizrai Dr. Oskar Francken, Aachen. 7. Sanitätsrat Dr. Ollendorf, Barmen. 8. Kaufmann Siegmund Loeb, Trier.!>. Rechtsanwalt Dr. jur. Max Cohn, Bonn. 10. Hystizrat Dr. Heinrich Levison, Düsseldorf. 11. Rechtsanwalt Dr. jur. Siegsr. Kann, Düsseldorf. <M^WMMlWWWMWW>W«lWWW>W^WWWUWWWW>>WMW>>W>WV>»W>WWW> Oer Jude und sein Anteil an abendländischerKultur. Bon A. v o in Ber g. Aller Antisemitismus geht — bekanntlich und naturnolwendig — von der Behauptung ans, die 3uJ>en feien in der Welt übermächtig, sie hätten eS verstanden, die „edlen Arier" zu unterjochen, sie tributpflichtig zu machen, sie hätten alle wesentlichen Gebiete dev allgemeinen Erwerbs- und Gesellschaftsiebens an sich gerissen, figurierten als, die Herren, während die Nichtsuden - - vom Europäer als Christen zu reden, wird,-von den neuheidnlschcn Bestrebungen der „Bölkischen" ganz abgesehen, täglich bedenklicher — mit den KnechtsroUen vorlieb nehmen müßten. Das; „die Huden" von einem solchen Verhältnis weit entfernt find, weih jeder, der mit offenen Augen um sich schaut. Es gibt aller - d'.ngs eine Menge führender Huden aus allen Wirtschasts- und allen Geistesgebieten: aber keinem einzigen wird nachzuweisen sein, das; er sich seinen Führerposten erschwindelt oder erschlichen habe, das; er diese und jene Stelle wohl inne habe, aber nicht befähigt dazu sei. Wir dürfen die „Bölkischen" selbst als Zeugen dafür cmsrufen, das; in dieser Hinsicht alles solide und echt ist; nur zu solide uni) echt, werden sie zugeben, denn völkische „.rubrer", die ihre bessere Befähigung durch Schlagworte in Bersammlungen und Zeitungen zu beweisen suchen, haben noch Ui neu der angeblich unberechtigten „Herren" zu stürzen vermocht, „-laurohi," werden sie sagen, „wo es aufs Betrügen, Blenden, Wuchern ankvmml, da sind uns die Huben freilich weil über." (Das; man auch durch Reden und Schreiben betrügen, blenden, räuchern und gaunern kann, beliebt man zu vergessen, solange ..völkisch" geschieht.) lind im besten Fall werden sic dann eine ranz spezielle Handlungsweise dieses oder jenes „Huden" (der : äeUDcht obendrein seiner Abstammung zum Trotz längst in jeder Hinsicht Nichtjude ist) vorsühren. Mit Berlaub, die Gedankenlosigkeit ist allgemein und so gross, datz in einem derartigen Fall nicht nur die gutgläubigen „Arier" überzeugt sind, sondern sogar marrcher Hude " (der dann ob seiner auünahmSweisen Ehrlichkeit l och erhoben wird) schweigt oder gar zustimmt, wenn aus dein Einzeisall die allgemeinsten Schlüsse gezogen werden. Datz die Huden gewisse Dinge „besser verstehen", darüber wollen wir mit den Antisemiten einig fein. Es frügt sich nun, ob die Meisterschaft der Huden sich auf regelrechte Betnebssührung oder auf Blenden und Betrügen bezieht, und weiter, ob etwaiges Blenden und Betrügen grundsätzlich oder beiläufig erfolgt. Meines Wissens ist diese Grundfrage in präziser Weise innerhalb der Abwehr ailiisemiUscheu GeflunkerS überhaupt noch nicht gestellt worden. Die Formel landläufiger Nationalökonomie besagt, der Preis 12. Frau Frieda Sternberg, Essen (Ruhr). 13. Rechtsanwalt Dr. jur. S. Kaufmann, DuiSburg. 14. Dr. med. Eichrlberg, München-Gladbach. 15. Frau Hedwig Hamburger, Düsseidorf-Obercassel. 18. Kaufmann Herrn. Loewenstein, Düren.. 17. Rechtsanwalt Gustav Brück, Elberfeld, 18. Dr. phll. Alfred Beis, Andernach. 19. Fabrikant Leopold Feldmann, Bonn. 20.. Kaufmann Adolf Cohen, Neuß. Die liberal« Berliner List«. Bon Rechtsanwalt Dr. 2. L. S e l l g s o h n, Vorsitzender des Liberalen Vereins für die Angelegeche-iten der jüdischen Gemeinde zu Berlin Die Landesverbandswahlen stchen bevor. Soll der VerbanAstag eine wirkliche Gesamtvertretung der preußischen Huden darsteilen, so müssen in ihm die großen geistigen Richtungen des Judentums ihren Platz finden. Drei Strömungen sind es, die unsere Gemeinschaft heute bewegen. Wie in jeder Religion, so ringen auch in unserem Bekenntnis Orthodoxie und Liberalismus als gleichberechtigte Träger religiösen Lebens um die Herrschaft. 2!eben ihnen steht der Zionismus, in religiöser Beziehung neutral und teilweise sogar indifferent, jüdisch politischen Zielen nachstrebend. Seine Richtung nennt sich „Hüdische Volkspartei", eine Bezeichnung, die sich in unschöner Weise an den Namen der deutschen politischen Rechtspartei anlehnt und dabei ihre eigentlichen Ziele mehr verhüllt als offenbart. Auch wer Zionismus als politische Verfälschung des religiösen Hudentums ablehnt, wirb feine Bedeutung als Gegenwartsströmung zugeben und die Notwendigkeit seiner Vertretung auf dem Verbandslag anerkennen müssen. Es ist erfreulich, daß Liberalismus, Orthodoxie und Zionismus mit getrennten Listen in den Wahlkampf eintrelen. Die Wahl wird den Ueberblick über das Stärkeverhällnis der jüdischen Parteien geben, der infolge der starken Umschichtung des preußischen Hudentums in Kriegs- und Nachkriegs, zeit verlorengegangen war. Bei der Listenaufftellung hatten es Orchodoxie und Zionisnms verhältnismäßig leicht. Ihrer geringeren Stärke entspricht die kleinere Anzahl der in Betracht kommenden Kandidaten. Die Orthodoxie, von welcher überhaupt nur ein Teil dem Landesverband zugehört und daher an der Wahl teilnlmmt, ist durch die gesehestreue Auffassung des Hudentums fest gebunden. Die jüdische Bolkspartei wird durch den Palästinagedanken zusammengehaltei: und infolge ihrer religiösen Neutralität nicht durch Glaubens- Konflikte belastet. Daneben steht wieder die gewaltige Schar der Berliner Hudenheit, welche die unbedingte Unterwerfung unter die überlebte mittelalterliche Form der Orthodoxie ebenso able!-nt, wie die politischen nationaljüdischen Ziele. Die Verbindung von liberaler Religionsauffassung und deutschem Staatsbewuhtsein bilden den gemeinsamen Rahmen. Hn ihm finden wir wieder die verschiedensten Schattierungen und Stufen jüdischen Lebens. Neben den verschiedenen liberalen religiösen Richtungen unserer großen Gemeinde steht das selbständige gottesdienstliche Leben der Reform. Neben dem Central-Verein, der trotz betonter religiöser Neutralität in der Hauptsache Werk und Organisation des liberalen Hudentums ist, findet sich der Verband nationaldeutscher Huden. Die Hugend gliedert sich in verschiedene Organisationen, der Neichsbund jüdischer Frontsoldaten, überwiegend aus liberalen Männern mit deutschem Staatsbewußtsein bestehend, hat in den letzten Hcchren eine erhebliche Bedeutung im jüdischen Bereinsleden gewonnen. Hier fiel der liberalen Partei eine bedeutsame Ausgabe zu. Es mußte unbedingt verhindert werden, daß, wie bei den letzten politischen Wahlen zum Reichstage Gruppen und Grüppchen mit eigenen Listen hervortraten, was St.mimnzersplilterungen und die Einflutzlosigkeit vieler Wähler zur Folge gehabt hätte. Blicken wir heute auf die von uns geleistete Arbeit zurück, so können wir mit Befriedigung festslellen, daß die Aufgabe im Wesentlichen gelöst ist. Es ist gelungen, die große einheitliche Liste zu finden. Datz dies Werk gelungen ist, ist ein Verdienst aller Beteiligten, insbesoirdere ein Verdienst der liberalen Bezirksorganisationen, die selbstlos berechtigte Wünsche zurückslellten, um das Gesamlwerk nicht zu gefährden. So wird der Berliner Wahlkampf im Mesenllichen zwischen den drei Parteien, den Orthodoxen, Zionisten und Liberalen ausgesochlcn werden. Die Liste der „Poale Zion" und einer sogenannten „Miltelparlei", die unter Verwischung klarer Parteiverhällnisje Orthodoxe und angeblich Liberale vereint und unter dem Vorwände der Einheit tatsächlich der Zersplitterung dient, werden keine erhebliche Rolle spulen. An der Spitze der liberalen Liste stchen die Vorsitzenden des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung unserer Gemeinde, ein Wahrzeichen dafür, daß die Mehrheit unterer Bcrllner Hudenschaft liberal ist und bleibt. Leo Wolf s bat sich als festes Bollwerk gegen zionistische Herrschaftsgelüste in der Gemeindeverwaltung erwiesen. Heinrich Stern ist der Führer im Kampf für religiösen Liberalismus. Hulius Brodnitz, per erste Vorsitzende des Central-Vereins, ist eine Verkörperung dafür, datz tiefe jüdische Religiosität lebendigstes deutsches Stanlsgefübl nicht ausschließt. Rabbiner Weyl vertritt die liberale Berliner Theologie, der ferner ixn Rate des Landesverbandes maßgebender Einfluß gesichert sein wird. Mit Helene M e y e r - S t a r g <n D , der sich Minna Schwarz, Gertrud Scligsohn. Binnen Hamburger und andere zngesellen, ziehen endlich uns.re Frauen gleichberechtigt in daä jüdische Gemeindeleben cin. Der religiösen Richtung der Reformgemeinde ist durch Aufstellung ihres Vorsitzenden Pincus und anderer Vorstandsmitglieder Rechnung getragen. Die beiden Vorsitzenden der hiesigen' Ortsgruppe des Fronibundes stchen aus der Berliner Liste. wUrend dem verdienstvollen Bundcsvorsitzenden L ö w e n sr e: n ein hervorragender Platz auf der Landesliste gewahrt ist. Der bedeutungsvollen Rolle, die der E. V. in unscrm jüdischen Leben spielt, entsprechen die Namen S o n n e n s e l d , Holla n d e r, W e r t - heim, Stein und W e i l. Die Hugend hat in L i l i e n i h e. I „ Tieh und Sero in hoffnungsvolle Vertreter. Leider hat sich uns manch hervorragender Vertreter von Handel und Hndustrie wegen Arbeitsüberhänsung versagt. Hmmerhin weist die Liste viel verdienstvolle Kandidaten aus, deren Rat in wirtschasllichen Fragen uns im Bedarfsfälle wertvoll fein wird. Tcebcu den: Kopfarbeiter steht der wertvolle jüdische Handwerker. Datz trotz der gleichmäßigen Berücksichtigung aller Interessen und Schichten der berufsständische und verbandsmäßige Anstrich fehlt, dafür bürgen unter anderem die Namen G u t m a n n , F n l k e n b e r g , P l o t k e und Fleischer. 53 Kandidaten gilt es zu wühlen. Mancher von ihnen wird in den Rat des Verbandes cinlreten, andere von ihnen werden in die Landesversammlung ausrücken. Heder von uns tue feine Pflicht! Dann werden wir unter der Parole „für deutsches und liberales Judentum" siegen! Zionistische Zetten. Von Hermann Becker, Berlin. I. Der fleißige Zeitungsleser kennt den Ausdruck „Zellenpolitik" Er weiß, datz damit die Methode der Kommunisten bezeiclMet wird, welche durch Einlriit in die sozialistischen Gewerkschaften, Berufs-, Brlduugs- und politischen Vereinigungen sowie durch Wahlen in die Betriebsräte der großen Fabriken, Banken und industriellen staatiichen und privaten Unternehmungen die Stimmenmehrhcit zu erlangen streben und damit auch den politischen Charakter dieser Organisationen zu einem ihrer Parteirichtung entsprechenden umzumodeln beabsichtigen. Diese Absichten, welche eine frappierende Aehnlichkeit miT dem gerade von kommunistischer Seite so oft verdammten Spitzeltum haben, sind fast überall durch die Wachsamkeit der Gegner vereitelt worden, aber immer wieder versuchen die Terroristen ihre Ziele auf dem bisher betretenen Wege zu erreichen. Natürlich bekennen sie nicht ihre Ziele beim Eintritt in die gegnerischen Organisationen, sondern eher ihre Sympathien für dieselben. Sie sprechen von gemeinsamen Zielen, von einheitlicher Arbeit zum Besten ihres Standes und Berufes, von einer gemeinsamen Front gegen einen Dritten, dem sie alle möglichen und unmöglichen verderbenbringenden Ziele andichten, von einer „friedlichen und versöhnlichen Neutralität". Sobald aber die Gegner auf der anderen Seite diesen lockenden Nattensängerlönen folgen, in Bequemlichkeit und Gutgläubigkeit ihre Wachsamkeit einstellen, dann überwinden die Neuen die Alten, sie bemächtigen sich der Führung, und die Organisation ist durch diese Zellenpolitik zugrunde gerichtet. — II. Diese politische Auseinandersetzung war notwendig, um die seit kurzem geübte, dem aufmerksamen Beobachter nicht entgangene zionistische Zellenpolitik zu enthüllen. Denn in fast allen liberalen, ja osl auch orthodoxen, inehr aber noch in den sogenannten neutralen jüdischen Vereinen und Organisationen treiben die Zionisten gegenwärtig mit Eifer diese Politik. Sie suchen und der Ware werde durch Nachfrage und Angebot bestimmt. Nur in recht flachem Sinn ist diese Formel richtig; beide vermeintlich entscheidenden Faktoren sind nichts Natürlich-Primäres, sondern nur Zwischenglieder in der Kette, die an einem naturgegebenen Bedürfnis beginnt und mit der Befriedigung eines Verlangens endet, das lange nicht mehr identisch mit jenen: Naturgegebenen ist. Die Nachfrage wie das Angebot können k ü ii st l i ch gesteigert und verringert werden, je nach den Bedürfnissen des Handels (zunächst) und in der Beteiligung an entsprechenden Künsten besieht denn auch in fortschreitendem Matz die eigentliche Betätigung des kaufmännischen Genies. Nachfrage und Angebot bestimmen den Preis und damit im Fortgang der Linie auch die für den Einzelnen noch erschwingliche Menge und Güte der Ware, aber schon bei geringer Selbständigkeit des Handels werden vorher Nachfrage und Angebot vom einseitigsten Handelsinleresse bestimmt, was' auch wieder seine tieferen Ursachen hat. Der moderne Mensch lebt in jeglicher Hinsicht viel weniger gemäß wirklichen, seiner lebendigen Hndwidualität entsprechenden' Bedürfnissen als nach der aus nicht mehr übersehbaren Quellen fließenden Rio de. Wie grotesk die Wirkungen der Tyrannin Mode sind, haben wir kürzlich z. B. an dem weiblichen Knierock gesehen, der die heiratswidrigsten Krummbeine gegen alles Hnteresse der beirefsenden Frauen biotzlegte. Eine Frau, die heule etwa einen Artikel gegen die Stöckelschuhe schreibt, ist gezwungen, selbst Stöckelschuhe, zu Kausen, sei es auch nur aus Rücksicht auf ihren Geldbeutel, der ihr Schuhe nach eigenem Wunsch oder Bedarf verbleiet. Knieröcke und Stöckelschuhe, wie tausend andere Dinge, entsprechen also keinem natürlichen, sondern einem künstlich gemachten Bedürfnis. Wenn nachgewiesen werden könnte, welche Personen oder Stände im allgemeinen Ozean von Ursache und Wirkung sie „geschöpft" haben, sto wäre mit ihnen etwa zu rechten, aber ein solcher Nachweis kann heute nicht versucht werden, er hieße: eine vollkommene und gründlicher als alles Bekannte fundierte Geschichte der Kultur schreiben, die nach sehr äußerlichen Merkmalen christlich oder auch europäisch genannt wird. Hn der Kultur spielen auch andere als im menschlichen Willen liegende Ursachen ihre Rolle, aber in bezug aus die meisten Handelsgegenstände (eingeschlossen die des Kunst-, Wissenschasts- und Religionsgebieies) dürfen wir schon mit menschlichem Wollen als dem Entscheidenden rechnen, also für etwaigen Betrug, für allenfalsigcn blendenden Flitterkram die Menschen verantwortlich machen. „Wir sind alle Sünder." beißt dann eine Phrase, deren Urheber man noch für die Ehrlichsten nehmen muß. aber auch dieses Wort wird nie ohne Mißbrauch der noch erkennbaren Wahrheit ausgesprochen, d. h. selbst dieses SündendekenntniS ist mit neuer Sündenschuld verbunden. Wir sind wohl olle gleichmäßig Sürrder, wenn man uns mit einem „Heiligen an sich", das nirgends in der Welt existiert, vergleichen will, oder wir sind alle Sünder, wenn das, was einer lut, mit dem verglichen wird, was er vermutlich tun könnte; aber am wenigsten können u>ir_ Menschen diesen ussd jenen großen Schaden, der sich im GeseNschoftsledcn konkret zeigt und von ziemlich allen als Schaden erkannt wird, mit jener'Phrase abtun wollen: einer sieht viel schärfer und weiter als der andere, er hat manche Dinge schon bei ihrem Auftauchen als schädilch erkannt, hat gegen ihre Einführung gekämpft, wurde aber niedergeschriei: ui:d bestraft im Sinne der meisten. Hn bezug auf ein solches Ding gehören die Kämpfer gegen feine Einführung eben nicht zum großen Sünderyaufen. An jedem bestimmteren Schaden sind also bestimmtere Menschen schuld^ U"d nie können es einzelne sein, sondern^ unter allen Umständen müssen „vom Haufen die meisten" als Schädlinge ae-undcn werden. Kein Ueberme-nsch leistet irgendetwas, ohne daß die vielen aktiv und passiv mithelfen: Führer und Geführte haben stets ein Verhältnis von „Ding und Gegending", in dem Anziehunas- und Abstoßungskräfte miteinander ringen: das, was jeweils ist, stellt den momentanen Kompromiß dar, zu dem der nie jtilistehenoe Kampf geführt hat. An diesem Kampf irgendwie beieiligt sind im Grunde alle bis zum letzten müßigen Zuschauer gewesen, verantwortlich aber im notwendigen gröberen Betracht können nur „die meisten" sein. Die Kultur kann, kurz gesagt, nie eine Richtung einschlagen, im Größten oder im Kleinsten, die nicht im Sinne der meisten gelegen wäre, kann keine Rkode herovrbringen, die den meisten gegen den Strich ginge. Alles vom menschlichen Willen abhängige Geschehei: ist lebendiger Ausdruck des phnsio-pfychischen Wesens aller bzw. der meisten, gemäß welcher Erkenntnis das dann unbedingt wahre Wort zu verstehen >st, daß ein Volk jederzeit genau die Regierung hat, die ihm entspricht. Unter diesem Gesichtspunkt an unsere Frage heranlreten heißt ohne weiteres erkennen, daß der antisemitische Grundgedanke entweder plattester, unsinnigster Aberglaube oder aber bewußter Schwindel sein muß: denn die Huden machen in der deutschen bzw. europäischen Masse jedenfalls nicht wesenilicti mehr als ein Hundertstel aus. Nach den: oben angedeuteten Naturgesetz (gemäß dem unter den „bedeutenden" Menschen sehr unbedeutende und sogar eiinge der atlerunbedeutendslen Vorkommen) dürsten die Huden sämtliche leitenden Posten auf allen Gebieten inne haben und sie könnten doch nichts weiter tun c-'-.- dem Werl und Willen der ganzen Masse entsprechend handtin, d. h. „ch r i st l i ch e Sitten und Blöden" d:r:gieren. (Datz sie dann überhaupt keine eigentlichen Huden -mehr sein konnten,

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