Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 2 (9.1.1925)
- Date
- 1925-01-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I t I l Breslau. Um den Wahlkampf zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden zu entgiften, haben die führenden Persönlichkeiten -er hiesigen Parteien in einer Besprechung vom 40. Dezember v. 3. folgende Vereinbarungen getroffen: 1. Die vertretenen Parteien verzichten auf jede Benutzung des Plakatwesens im Wahlkampfe. Soltte indessen von einer an der heutigen Besprechung nicht beteiligten Parteien das Plakatwesen benutzt werden, «m eine Partei anzugreifen, so haben die drei heute vertretenen Parteien sich über Art und Form einer Erwiderung zu verständigen. 2. 3n den Ankündigungen von Wahlversammlungen werden alle Parteien vermerken, daß nur Wähler oder nur Gemein-emilglieder Zutritt haben. S. Zulässig sinin der nichtjüdischen presse 3nserate, welche die Ankündigung von Wahlversammlungen oder di« Bekanntmachung der eigenen Liste und eine bloße Aufforderung zur Wahl dieser Liste enthalten. Jede sonstige Benutzung der nichtjüdischen Presse ist unzulässig. 4. Alle vertretenen Parteien verpflichten sich, auf ihre Mitgli^rer dahin einzurvirken, daß grobe Taktlosigkeit aller Art, insbesondere unsachliche persönliche Angriffe im Wahlkampf unterbleiben. Als Vertreter der liberalen Partei haben dieses Abkommen die Herren Alfred Bielschowski und Curi Brienitzer, für die Konfervakve Partei die Herren Dr. 3osef Schlesinger, Max Simon und Isidor Lichtenberg, für die Zionisten die Herren Rechtsanwalt Iacobsohn, Regierungsrat Dr. Markus und Dr. 3ofeph Prager unterzeichnet. Eaffel. Für die Wahlen zum Preußischen Landesverband Mischer Gemeinden ist im Wahlkreis Hessen-Nassau folgende Komvromißliste beschlossen worden: 1. Sieinberg-Wiesbaden (liberal), 2. Dr. Kahenstein^Lassel (liberal), 3. Löwenthal-Eschwege (orthodox), 4. Dr. Meitzbecker^assel (Zionist). Frmcksort a. M. Durch ein den getroffenen Abreden glatt widersprechendes Verhalten der zionistischen Vereinigung ist das für die Frankfurter Landesverdandswahlen vorgesehene Kompromiß sämtlicher beteiligten Parteien im letzten Augenblick zum Scheitern gekommen. Die Liberalen werden daher selbständig vorgeben und haben folgende Liste ausgestellt: 1. Dr. Richard Merlach, Rechtsanwalt und Notar, 2. Dr. Eduard Baerwald, Rechtsanwalt und Notar, 3. Frau Stefanie Forchhelmer, geb. Fialla, 4. Henry Rochschild, Kaufmann, 5. Willy Dreyfus, Bankier, 8. Willy Wolfs. Mühlendesitzer, 7. Otto Bonwit, Kaufmann, 8. Frau Ella Werner, geb. Plaut, 9. Dr. Arnold Lazarus, Vemeinderabbiner, 10. Dr. Rudolf Geiger, Rechtsanwalt und Notar. Selsenkirchen. lieber das Jubiläum der jüdischen Gemeind« wird «ns noch geschrieben: 3n den letzten Dezembertagen konnte die jüdische Gemeinde Gelsenkirchens ihr goldenes 3ubiläum begehen. Vor 50 Jahren haben 4 Israeliten die Gemeinde gegründet und heute ist dieselbe mit ihren 1600 Seelen die zweitgrößte Gemeinde Westfalens, deren Entwicklung sich in geistiger und wirtschaftlicher Beziehung zur höchsten Blüte entfaltet hat. So konnten denn die, die diese Entwicklung erstrebt und erlebt haben, mit Stolz auf ihr Werk zurückblicken und die jüngere Generation dankbar die Früchte der schönen Saat genießen. Die Feier wurde Freitag abend, verbunden mit dem Ehanukahfest, eingeleitet. Ein würdiger Gottesdienst erfüllte die Herzen der Zuhörer mit Andacht. Herr Rabbiner Dr. GaUiner hielt eine markige Predigt und schilderte in herrlichen Worten die Wunderkroft des Lichtes. Alsdann fand am Sonntag, den 28. d. M-, um 11 Uhr morgens, der Festgottesdlenst statt, der sich zu einer erhebenden Feier gestaltete, und an demdie Vertreter der Nachbargemeinden, die Vertreter der Schulbehörden, sowie die Geistlichen der beiden Konfessionen' Ukd deren Kirchenbehörden teilnahmen. Chor und Kantor Bändel verherrlichten durch wundervolle Gesänge den Gottesdienst, und besonders weihevoll war die Predigt, die Herr Rabbiner Dr. Galliner nach dem Ausheben hielt. Das Wort des Propheten im Exil: „3ch bin der Ewige, dein Gott, ich fasse dich an deiner Rechten, fürchte dich nicht, ich bin dein Beistand" wg sich wie ein goldner Faden durch die Predigt. An diesem Worte zeigte er den Entwicklungsweg der Gemeinde in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Predigt machte auf die andächtige Versammlung einen fühlbar tiefen Eindruck. Am 29. b. M., abends 8 Uhr, fand dann die weltliche Feier stait. Das abendliche Fest wurde durch einen Prolog von Herrn 3oses Sicunin eingeleitet. Alsdann begrüßte der 1. Vorsitzende der Gemeinde, Herr S. Großmann, in herzlichen Worten die Versammlung und Gäste. Einen geistigen Genuß bot uns der Rabbiner, Herr Dr. Galliner, durch seine formvollendete Rede und gibt seinen tiefen Gedanken folgenden Ausdruck: „Wer sich erinnert, der dichtet und erwähnt, daß die Erinnerung den Autor des Festspiels, Herrn Hauptlehrer Katz, in kurzer Zeit das schöne Werk „Israel" erstehen ließ. Wer sich erinnert, der richte:." indem das Fest ein Gerichtshof für die Gemeinde sei, die die Frage aufwerse, ob sie ihrem Ideal näher gekommen sei. „Wer sich erinnert, der hofft". Diese Hoffnung sei mit dem Wunsche verbunden, daß die Gemeinde aus ihrer bisherigen Bahn weiter schreiten und die Jugend mit dem Alter sich in gemeinsamer Aus der Bewegung. Arbeit vereinigen möge. Herr Hauptlehrer Kaufmann bringt die Glückwünsche des Frauenvereins dar und schildert dessen segensreiche Tätigkeit. Herr Rabbiner Dr. Samuel-Essen bringt' die Glückwünsche der Nachbaraemeinde. Herr Hauptlchrer Katz gratuliert im Namen der Schule und gelobt, die ihm anvertrauten Kinder weiter zu führen, auf daß sie gute Menschen, gute Juden und pflichtbewußle deutsche Staatsbürger werden mögen. — Herr Lehrer Oppenheim bringt die Glückwünsche der Synagogengemeinde Wattenscheid. Herr Hartoa Heymann spricht im Namen des Repräfentantenkollegiums, Herr Alfred Heymann im Namen des 3ugendvereins. Herr Rechtsanwalt Windmüller gratuliert im Namen des „Frontbondes", Herr R. Plaut im Namen des 3sr. Männervereins. Herr Dr. Fritz Bamverger dankt im Namen der 3ugend der Gemeinde und den Lehrpersonen.. 3m Namen des SchülerbundeS spricht Herr Fritz Reichenstein und beantragte den Bau eines Gemeindehauses. Herr Leo Gompertz trat begeistert für die Verwirklichung dieses Planes ein. Hierauf wurde die wunderbare Schöpfung des Herrn Hauptlehrer Katz Israel", ein Vorspiel und 7 Bilder, zur Aufführung gebracht. Das Werk zeichnet sich durch ttne kraftvolle Sprache aus, in der der Dichter seine flammende Begeisterung zum 3udeutum und das echt religiöse Empfinden des jüdischen Herzens kundglbt. Die Aufführung wurde unter der meisterhaften Regie des Kaufmanns, Herrn Alex Silberberg, zu einem tief religiösen Erleben. 3n dem Vorspiel und den 7 Bildern ,Jakobs Traum", 3srael in Aegypten, 3srael und die Thora, Israel im Exil, Israel im Ghetto, Versöhnung und Schwur der Jugend, zog die Geschichte Israels ergreifend vor den Augen und Ohren der Zuhörer vorüoer. Verschönt wurde die dichterische Schöpfung durch die Solo-?esänge von Frl. A. Löwenstein, Altenessen, Herrn Viktor Herzeld, Herrn Kantor Bändel unter der seinen Klavierbegleitung des Schülers, Herrn Otto Baruch, sämtlich aus Gelsenkirchen. Am Schluß brach ein Sturm der BElstcrung aus und dem Autor und Regisseur wurden besondere Huldigungen zuteil. Die Mitwirkenden haben ihre Aufgabe in geradezu künstlerischer Vollendung erfüllt. Hof be! Cassel. Am 1. Dezember war Lehrer Rothschild nach mehr als 40jähriger Tätigkeit im Amte in den Ruhestand getreten. Die Stelle wird glücklicherweise erhalten bleiben und zwar hat die Gemeinde nach erfolgtem Probegottesdienst Lehrer Schirling aus Rauschenberg, der durch Abbau feiner Stelle in den einstweiligen Ruhestand versetzt war, zum Amtsnachfolger gewählt. Die Bestätigung der Regierung zu Cassel dürfte mit Sicherheit zu erwarten sein. Mellrichstadt (Rhön). Die hiesige Gemeinde beklagt den Heimgang ihres allgemein beliebten Lehrers und Kantors Viktor Gottlied. 33 Jahre hat der Verstorbene die ihm übertragenen Funktionen mit Gewissenhaftigkeit und Treue versehen, bis eine heimtückische Krankheit ihn zwang, dem Berufe zeitweise zu entsagen. 3m Krankenhaus zu Frankfurt a. Al., wo er Heilung von seinen Leiden suchte, hat ihn der Tod ereilt. Von seiner Beliebtheit bei der Einwohnerschaft, auch der nichtjüdischen, zeugt die Tatsache, daß ihm im Sängerverein, dem er als aktives Mitglied und Vertreter des Vorstandes mehr als 30 Jahre angchörte, die Ehremnttgiiedschaft zuerkannt war. Berlin. Am 18. Dezember fand in der Rosensiraße 2,4 eine Versammlung des Liberalen Vereins, Ortsgruppe Norden, statt. Rabbiner Pr. Gvttschalk sprach über das Thema: „Ein liberaler Synagogen per« in N vrdLn ';-7-' e i n dringendes BedütsNls"/" Hext Dr. Beyer: „Was bedeuten fÜr «ns die Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden? Herr D r. G o t t f ch a l k führte aus, daß die Gründung des liberalen Gottesdienstes, Schönhauser Aller 162, und eines liberalen Synagogenvereins Norden wichtig sei nicht nur für den Norden, sondern auch für das liberale Berlin und den Liberalismus überhaupt. An gottesdienstlichen Veranstaltungen besitzt der gesamte Norden nur die konservative Synagoge Rykestraße und eine Anzahl orthodoxer Prioat-GotteÄiensie. Auch im übrigen Berlin gibt es fast nur konservative und orthodoxe Gottesdienste. Der Liberalismus geht in dieser Hinsicht nur langsam vorwärts. Deshalb kann der Norden innere Mission treiben. Er zeigt Kraft, Willen und Seldsttätigkeit, um religiöses '-Neuland zu bebauen und gibt damit dem liberalen Berlin und dem Liberalismus überhaupt die Anregung, auf diesem Wege neues religiöses Leben zu schaffen. Herr D r. Beyer legte Aufbau und Verfassung des Preufrischen Landesverbandes dar und zeigte, weiche Bedeutung die Wahlen für den Liberalismus haben. 3n der sehr angeregten Debatte, in der auch Gegner zu Worte kamen, wurde besonders das Verhältnis der ausländischen Juden behandelt: die Mehrheit vertrat den Standpunkt, daß gerade vom religiösen Standpunkt aus jedem Juden, welcher Herkunft er sei, der den Willen offenbart, an dem Aufbau des deutschen Judentums teilzuhaben, gleiche Pflichten und gleiche Rechte zuaehilligt werden müssen. Gegenüber Anschauungen, die Über den Gottesdienst in unserer Synagoge, Schönhauser Allee 162, innerhalb und außerhalb der Versammlung ausgesprochen wurden, wies der Vorsitzende darauf hin, daß dieser Gottesdienst kein Konkurrenzunternehmen gegen die Rykestraße darstellen kann. Es wurde ihm allseitig zugesnmmt, als er ausführte, daß sich jeder, welcher Richtung er sei. vielmehr freuen müsse, wenn der Liberalismus ln feinem Kreise neues Leben wecken und pflegen wolle. Ebenso verfehlt sei es, wenn man diesen Gottesdienst wegwerfend einen Abklatsch des Gottesdienstein der Iohannisstraße nennen wolle. Wer das behaupte, kenne unseren Gottesdienst nicht. Der Antrag des Vorstandes, einen liberalen Synagogenverein Norden zu gründen, der den bisher von der Ortsgruppe Norden unterhaltenen Gottesdienst übernehmen soll, wurde schließlich einstimmig angenommen. Es wurde von verschiedenen Seiten besonders betont, daß der liberal« Charakter dieses Gottesdienstes in den Statuten unbedingt verankert werden müsie. Lin Ausschuß wurde gebildet, der die Satzungen d e S Vereins ausardeiten und die Eintragung ins Vereinsregister vorbereiten soll. Liegnitz. (Jüdisch-liberaler Iugendverein. Nachträglicher Bericht.) Am 4. Dezember fand hier eine Versammlung statt, in der der Vorsitzende zunächst der beiden Hingeschiedenen Mitglieder Frau Käthe Iakobsohn und Herrn Max Wiener mit ehrenden Worten gedachte, wobei sich die Anwesenden zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen erhoben. Sodann ergriff Herr Markiewitz das Wort, um einleitend die Gedankengänge seines letzten Referates für die Diskussion zusammenzufassen. Herr M. betonte, daß die eigentliche Aufgabe des 3li in einer innerlichen, seelisch-religiösen Dertiefung liege und bat, sich bei der Diskussion nicht mit der nutzlosen Besprechung von Einzelheiten aufzuhalten, sondern zu dem Kernpunkt Stellung zu nehmen und die Frage zu diskutieren, ob eine Reform des überlieferten Judentums notwendig ist und auf welche Weife sie am erfolgreichsten durchgeführt werden kann. — Darauf legte Herr Dr. Scheyer die Grundlagen und Ziele des reiigiös-liberalen Judentums an Hand der Prygrammschrift von Herrn Rabbiner Dr. Norden dar. 3n der Debatte kam zum Ausdruck, daß über die cinzuichlagenden Wege zur Vertiefung der Religiosität sehr verschiedene Anschauungen bestehen und jeder einzelne die seinem Empfinden entsprechenden Gesetze und Formen sich auswählen müßte, während Herr Markiewitz den Standpunkt vertrat, daß die Lösung dieser Frage nur durch eine Synode erfolgen könne. Der Abend gab viele neue, wertvolle Anregungen und bedeutete dadurch einen vollen Erfolg. 3n der zweiten Versammlung des Monats, am 15. Dezember, sprach Herr Dr. Lillenthal-Berlin, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der 3lis. Auch waren zu diesem Abend als Gäste Herr Dr. Korn und Fräulein Rosenthai aus Breslau erschienen. Herr Dr. Lilienthal behandelte in seinem Referat über fugend und NeutraUlät" die Erforschung der Frage, ob ein neutraler oder ein parteimäßig eingestellter Iugendverein der richtige sei. Cr lehnte den neutralen Iugendverein nicht nur aus prinzipiellen Gründen ad, sondern gab auch ein Bild davon, daß ln der heutigen Zeit neutrale Iugendvereine in Wirklichkeit eine gedeihliche Entwicklung nicht autweifen können. Die mit großem Beifall ausgenommenen Ausftihrungen des Vortragenden lösten eine äußerst vielseitige und anregende Diskussion aus, in der selbstverständlich auch die gegenteilige Ansicht zu Wort kam. An der Diskussion beteiligten sich besonders unsere Breslauer Gäste, denen auch an dieser Stelle der herzlichste Dank für ihren Besuch und ihre Anregung ausgesprochen sei. i H j ~ Versammlmtgskalenden Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde, Bezirksgruppe Norden.) 3m Auerdachschen Waisenhaus, Schönhauser Allee 162, findet regelmäßig, abends 6)4 Uhr, Freitagabend-Gottesdienst mit Orgel, Ehor und Predigt statt. In der Versammlung der Ortsgruppe Norden des liberalen Vereins am 18. Dezember v. Al. würde ein liberaler Syuagogenverelu Norden gegründet, der den bisher von der Ortsgruppe Norden eingerichteten Gottesdienst in der Synagoge Schönhauser Allee 16? übernehmen und ausbauen soll. Alle, die sich für den Ausbau des religiösen Lebens im liberalen Sinne interessieren, werden gebeten, sich unserem Verein anzuschiiehen,- Meldungen zum Beitritt sind zu richten an die Geschäftsstelle: A. Zander, Linienfir. 45, Tel. Norden 3233. Breslau. (Jüdisch-liberaler Iugendverein „Abraham Geiger".) Geschäftsstelle: BreÄau VII, Höfchenstr. 61, 2. l. Vereinslokal: Vereinszimmer des Konzerthaufes, Gartenstr., Portal 1, prt. links. Dienstag, den 13. Januar 1925, abends 8)4 Ahr, 1. Bericht über die Magdeburger Delegiertentagung der JUS. 2. Vor! rag von Lotte Rosenthal: Wie gewinne« wir de» jungen jüdischen Menschen für unsere Bewegung? Freie Aussprache. Gäste willkommen. Auch in diesem Falle verstand es Neumann, die Gemüier in eines katholischen Klerikers zur Iudenfrage wirkte auf mich, den Berlin zu beruhigen, und der Zyklus fand in Berlin statt. an Verhetzung gewöhnten Angehörigen des zwanzigsten Jahr- Die Fahrt nach Rußland war die letzte Tat im Dienste Hunderts, fo verblüffend, daß meine Illusion von der Aktualität Wagners: Neumann wurde am kgl. Landestheater zu Prag des Buches rettungslos zerstört war. Und ernüchtert erinnerte Intendant und viele Jahre fanden dort im Mai ganz vorbildliche ich mich, daß das Werk, in dem ich blätterte, nicht aus diesem, Wagner-Festspiele statt. Den Werken und Gedanken des großen sondern aus dem — dreizehnten Jahrhundert stammt. Es war Reformators namzukommen, war das vornehmste Ziel seiner nämlich der „Wälscke Gast" des Thomosin v. Z i r k! a i r « , verganzen Lebenstütigkeit. saßt in den Jahren 1215 und 1216. . . Es galt dem „M u s i k e r" Wagner, nicht dem ■ „M ensche n". - Die Weintirltur in Israel. Gin aktuelles Äuch. ' Bon Wilhelm Wölkerling. Von Dr. Hugo Spiegier, Wien. Kanaan war nicht nur das Land, in dem „Milch und Honig" Jüngst fiel mir ein Buch in die Hände, das mich durch seinen floß, sondern in dem auch der Anbau des Feigen- und Olivenaktuellen Inhalt sofort gefangen nahm. Ein katholischer Geist- Zaumes sowie des Weinstockes schon im grauen Altertum« in hoher licher nimmt darin von seinem naturgemäß streng ultramontanen Blüte stand. Bereits zur Zeit der Patriarchen galt gekelterter Standpunkt Stellung zu den Weltereignissen und den aus ihnen; Wein in besseren Familien als gewöhnlicher Haustrank bei den resultierenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Er beklagt die Hauptmahlzeiten, noch mehr jedoch bei festlichen Gelegenheiten soziale Amschichlung in drastischen Worten: .Me Knechte reiten ' Veranstaltungen. Die ganze Lage Kanaans war aber auch und die Herren gehen zu Fuß!" Besonders peinlich empfindet er z danach angetan, es zu einem Weinlande ersten Ranges zu machen, den sinkenden Anwert, den die geistige Arbeit bei Jung und Alt , Aeberall, wo es nur die Verhältnisse erlaubten, befindet. Bei Vergebung von Aemtern ist ntcht mehr die perfanden sich darum Gärten oder Anlage« zur Kultur des edlen sönliche Tüchtigkeit der Petenten maßgebend, sondern eine heil-! Gewächses, wie das noch heute die vielen in die Felsen gehauenen lose Proiektionswirlschaft ist eingerissen. Die beispiellose Ver-! Weinpressen beweisen. Der Ertrag muh auch ein äußerst lohwahriosung der Jugend erschreckt den Seelenhirten, und er hält! nenüer gewesen sein. Sind doch gegenwärtig die Trauben, wenn ihr eine Predigt über Moral und Anstand. Kräfttg rückt er der! man den Berichten sonst zuverlässiger Reisender Glauben fchen- Schundliteratur an den Leib und kann es nicht verwinden, daß i ken darf, trotz der dürftigen, mangelhaften Bewirtschaftung, in auch die Erwachsenen in der Lektüre „erfundener Abenteurer-! der Amgegend von Hebron mit ihren weiten Rebenaeländen geschickten" billigen Nervenkitzel suchen. Gewisse Bücher sollte j außerordentlich schwer. Beeren von der Größe kleiner Pflaumen man wenigstens den jungen Mädchen fernhalten. Selbstverständi gehören zu den alltäglichen Erscheinungen. Ja, es gab sogar nach lich macht der fromme Verfasser für alle Aebel seiner Zeit das! der historischen Aeberlieferung gesegnete Täler und sonnenreiche Sinken der Religiosität verantwortlich, und zur Eindämmung des Abhänge, deren Erzeugnisse sich eines besonderen Rufes er Anglaubens ist ihm kein Mittel zu scharf Aber siehe — der! freuten. So ttanken die persischen Könige mit Vorliebe den feu- Mann, der alle „Ketzer" am liebsten auf dem Scheiterhaufen sähe, > rigen Wein von Chelbon bei Damaskus und vom Libanon, macht einen feinen Unterschied zwischen den Renegaten des! Die Weinpflanzungen lagen größtenteils an Hügeln oder Ber- Christentums und den Juden. Diese dürfen nicht als Abttün- > gen mit möglichst steinfreiem Blwen. Diese wurden mit Mauern nige vom reckten Glauben verfolgt werden, da sie ja niemals der umschlossen, die das Wegspüien der Erde verhindern und unkatholischen Kirche angehört hätten, sondern vielmehr ihren eigenen gebetene Gäste abhalten sollten. Frühzeitig geschieht auch Klei- Glauben besäßen, der als solcher allen Anspruch auf Dul- I ner Warttürme Erwähnung, die ebenfalls der Abwehr Anberudung habe. Hier stockte ich! Diese eigenartige Stellungnchme jener dienten. Nirgends aber wurde die Ertragsfähigkeit des Bodens richttg ausgenutzt. Die Stöcke standen in weiten, unregelmäßigen Abständen und entbehrten oft der sorgsamen Pflege. Sie lagen entweder auf der nackten Erde ohne Stütze oder an schrägen Hoizgestellen am Felsen. Man zog sie auch wohl über langgestreckte niedrige Steinwäll« und befestigte sie an der gegenüberliegenden Seite. Beliebt war ferner für kleinere Betrieb« die Laubenform sowohl in den Gärten und im Freien als an den Häusern.! Auf diese Weise verband man das Angenehme mit dem Rütz-! Uchen. Bot ein solches schattiges Blätterdach ja Gelegenheit zum! Ausruhen nach des Tages Mühen, zur Ausübung des Handwerkes und zur Einnahme der Mahlzeiten. Die Weinlese begann ln Kanaan größtenteils schon im September und zog sich, je nach der Lage der Kulturen, bis spät in! den Oktober hinein. Das war für die Bewohner eine rechte Freudenzeit. Die süßen, sattreichen Trauben preßte man gleich! an Ort und Stelle in der höchst einfach angelegten Kelter aus.; Meist bestand sie nur aus einer mäßig tiefen Rinne im Felsen j oder aus einem Kanal in der Erde, der mit gebrannten Steinen! ausgelegt war. Hierhin schüttete man die abgeschnittenen Trauben, legte ein Brett darüber, und drückte den Saft durch Treten aus. 3n vielen Fällen aber fand dieses Gebot der Sauberkeit gar keine Beachtung, indem die Beeren gleich mit den nackten Füßen bearbeitet wurden. Dabei hielten sich die „Treter" an herabhängenden Stricken, die an einem Gestell befestigt waren. Arme Leute preßten ihren geringen Ertrag in einem zugebundenen Sack aus, den zwei Personen zusammenbrehten. Den Satt ließ man in ein darunter stehendes Gefäß laufen. Bei der Kelter floß der Most an ihrem vorderen Ende durch ein siebartiges Gitter, das! die Rückstände nicht durchließ, in eine tiefer liegende Grube, j Alsdann wurde der Most in irdene Gefäße geschöpft, um dort die i eigentliche Gärung durchzumachen. Häufig fanden auch Schläuche aus zusammengenähten Tierfellen Verwendung, in denen der Wein auch überhaupt zum Versand zu kommen pflegte. Nicht aller Wein wurde getrunken. Für den hauSwirtfchaftj lichen Gebrauch kochte man den Most zu Syrup ein. Betrachti liche Mengen Trauben fanden auch als Roflnen Verwendung, die,! zu flachen Kuchen gepreßt, einen begehrte» Handeisartikel ab- > gaben.