Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 5 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle V4 jährlich M. 2,50, Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung im Inland 0,25. Kür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis nun im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: Lhefredakteur: Dipl.«Ing. Bruno Woy-a. Die „^üdifcb - liberale - Zeitung“ crfcbeuit jeden fr eitag, Sdmftleitung und 6efcbäftsftelle: Berlin, jMauerftr. 22. fernruft Hmt Merkur JSr. 8725 portfebeefchonto: Berlin WB 2 Nr. 132069 (Vereinigung für «Ute liberale 'Judentum) Nachdruck fämtlicher Original - Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion geftattet! Anzeigenpreise: Oie 12 gespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark, bei :: :: Wiederholungen Rabatt. Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Verlagsabteirung, Berlin SW 6S. Lharlottenstr. 96 (Fernsprecher: Dönhoff 5260—65), sonne famtl. Annoncen-(kxpeditionen. Ttv.l Berlin, 2. Januar 4925 5. Jahrgang Liberaler Glaube. Aeberblickt man das heutige Judentum nach seinen Gestaltungen, so heben sich drei heraus: die orthodoxe, die liberale, die zionistische. Dazu kämen freilich noch die Massen der Unorganisierten: die Pietätsjuden, die Trutzjuden, die Ethiker, die Philosophen. Gewiß finden sich Vertreter aller dieser Gruppen in den genannten drei Hauptrichtungen, aber es ist ebenso sicher, daß Hunderte, ja Tausende jener Nebenrichtungen ihren eigenen Weg gehen und die Trutzjuden allenfalls in den bekannten Trutz- und Abwehrvereinen auftauchen oder auch sehr rührig wirken. Es kann nicht meine Absicht sein, sämtliche genannten Nichtungen in ihrem Wesen und Wert hier aufzuzeigen. Der Naum verbietet es, aber auch der psychologische Amstand, daß niemand — im philosophischen Sinne — wahr von einer Sache reden kann, die für ihn selbst keinen bestimmenden Seelen- und Lebenswerk bedeutet. Er braucht deshalb zu jenen Gruppen nicht feindlich zu stehn, er wird tolerant genug sein, sie alle gelten zu lassen und im Hinblick auf das große Ganze, d. h. die ganze große jüdische Sache keiner seine jüdische Sympathie versagen: aber von Sympathie zum Seelenwert ist doch ein gewaltiger Schritt. — Sprechen möchte ich daher nur vom liberalen Judentum, als dem Judentum, das für mich setbsi wie für viele andere Seelen- und Lebenswert bedeutet, aber sprechen auch wieder nicht im Vergleich mit allen anderen Judentümern, sondern reden von dem, was es in sich ist, was es will und was es innerhalb des Judentums bedeuten kann und sott. Was es ist. — Nicht das, was es dem gewöhnlichen Betrachter zu sein scheint: orthodoxes Judentum, abzüglich aller Gebote, die man von den 613 abtrennen muß, welche dem orthodoxen Bruder auferlegt sind. Nicht auch das, was es für manchen Liberalen selber ist: eine Angelegenheit des religiösen Konzertes oder der hinreißenden „sehr schönen" Predigt. And endlich auch keine Gelegenheit, aus einem 100% jüdischen Menschen einen 25% zu machen und die restlichen 75 % durch deutsche Gesinnung und deutsches Fühlen zu ersetzen. Das und das zweite und dritte ist liberales Judentum für gar nicht wenige, aber für derartige Liberale spreche ich hier nicht. Sondern ich spreche für die, die nach ihrer gesamten Seelenhaltung, nach ihrer gesamten Geisteseinstellung nur ein freies Judentum zu ertragen imstande sind. Wir sind innerlich — und nicht etwa bloß im politischen Sinn — auf Freiheit und Selbständigkeit eingestellt, aus Drang nach Persönlichkeit und steter Entwicklung.. And darum können wir nicht orthodox sein. — And in geistiger Hinsicht sind wir Verehrer aller Fortschritte der Technik und Wissenschaft, wir beugen uns ihr, wo sie beweist. Wir ertragen keine Knechtung unserer Vernunft und lehnen den blinden Glauben ab, und deshalb können wir nicht orthodox sein. — And wir sind so kulturfreundlich eingestellt, daß wir den Stimmen aus allen Zeiten, nicht zuletzt darum auch aus der Gegenwart, den Stimmen in Dichtung, Kunst und Musik, den Stimmen der Ethik und Philosophie weit die durstige Seele erschttetzen, daß wir sie brauchen, wo wir religiös sind — und deshalb aönnenwir nicht orthodox sein. And s o gestattet und so geworden treten wir an unser Judentum und fragen es: was hast du mir zu geben? Kannst du mir, so wie ich nun einmal bin, Seelen- und Lebenswert bedeuten? — Doch weshalb fragen wir denn überhauvt? Nun weit eben neben all dem Genannten auch noch ein anderes in uns lebt: die Verbundenheit mit dem Jüdischen. Die Art der Verbundenheit stehe dahin und die Ouctlkraft dieser Verbundenheit auch. Aber es ist etwas da, so fühlen wir, und dieses etwas verlangt nach mehr, nach mehr Judentum und immer mehr. And daher frage ich, wie ich ' getan: kann mir, dem also bestimmten Menschen die jüdische Religion — noch jetzt Religion sein und immerdar bleiben? Denn alles andere genügte mir nicht: nicht das Judentum in seinem Märtyrertum, nicht das Judentum in nationaler Gestalt. Für jenes habe ich natürlich Ehrfurcht; für dieses habe ich historischen Sinn; aber die Gegenwart kreist für mich um oeutsche Kultur Aus dem Inhalt: Robb. Dr. Goltschalk-Berlin: Liberaler Glaube. — Dipl.- 3ng. Woyda-Berlin: Aus dem Wahlsumpf der jüdischen Dvlksparlei. — Pros. 3. Elbogen-Berlin: David Neumark. — Rabb. Dr. Strahburger-Ulm: Rabbiner Dr. Leopold Treitel. — Rabb. Dr. Salomonski-Frankfurt a. O.: Malroin Warschauer. — Dr. Hugo Spiegler-Wien: Wiener Brief. * Sophie Jacobsohn-Berlin: Beten. — B. Segel: Schicksale jüdischer Bücher. — Emil Weisstock-Breslau: Mission. — Marie Elisabeth Werte: Ahasver. * Me jüdische Gegenwart. — Aus den Gemeinden. — Der jüdische Sprechsaal. — Bücherscha«. — Aus der Bewegung. — Bersammlungskalender. — Kalendarium. Sichert euer Wahlrecht! Auf Grund der Verfassung des preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden finden am Sonntag, den l. Februar 1925 die Wahlen zum Derbandstag statt- Es ist Pflicht jedes liberalen Jude«, von feinem Stimmreckt Gebrauch zu machen. Der Landesverband wird bei oer zukünftigen Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden in Preußen entscheidend Mitwirken. Rur diejenigen über 21 Jahre alten Männer und Frauen werden aber chren Wünschen für die Zukunft des deutsche« Judentums Ausdruck verleihen können, deren Namen in die Wählerlisten der einzelnen Verbandsgemeinden eingetragen sind. Darum überzeuge sich jeder, ob dies geschehen ist, und sichere sich evtl, durch Einspruch sein Wahlrecht. Die Wählerliste für den Bezirk der Jüdischen Ge meinde zu Berlin (Wahlkreis 2 Groß-Berlin) liegt in der Zeit vom 4. bis 12. Januar 1925 im Verwaltungs gebäude der Jüdischen Gemeinde Berlin R 24, Oranienburger Str. 291, Zimmer 33, während der Dienststunden (Sonntags 8—1 Ahr, Montag bis Donnerstag 8—4 Ahr, Freitag 8—3 Ahr) für die Wahlberechtigten zur Einsichtnahme aus. Einsprüche sind bis zum 12. Januar 1925 bei dem Vorstand der Jüdischen Gemeinde, Berlin N 24, Oranienburger Str. 29, schriftlich anzubringen. w*ffff?T?fffffffVfffffffffffffffffffffffffffff???????▼▼ Sammelt Me »Jüdisch-liberale Zeit«««-! Ginem aus unserem Leserkreise lautgewordenen Wunsche folgend, werden wir im Laufe des Monats Januar Einbanddecken für die „Züdisch-liberale Zeitung" (Jahrgang 1925) herausbringen. Wir wollen damit unseren Lesern die Möglichkeit geben, diese Blätter als getreuen Spiegel der Zeit aufzubewahren. Oer preis dieser Sammelmappe, die eine Zierde jeder Bibliothek darstellen wird, ist außerordentlich niedrig, nämlich auf 3.- Mark fest« gesetzt worden. Wir hoffen, daß unsere Leser von diesem Angebot einen recht zahlreichen Gebrauch machen werden. Wir liefern die Einbanddecken nur gegen Dorausbestellung, die bis zum 15. Januar in unserem Besitz sein muß, und gegen Voreinsendung des Betrages auf das Postscheckkonto der Vereinigung für das liberale Judentum e. Berlin NW. 7, Nr. 137 069 unter Angabe des Zweckes. Am Ende beS Jahres wird ein Inhaltsverzeichnis allen Sammlern unentgeltlich zugehen und ihnen einen üeberblick über den reichhaltigen Inhall der „Jüdisch-liberalen Zeitung^ gewähren. Verlag der.Züdisch-liberalen Zeitung- und deutsche Nation. Und darum: Religion, Religion, Religion — kann ich s i e noch dort finden: Deutung der Welt und ihrer Rätsel- Deutung des Menschen und seines Seins; Anreiz zum Guten und Wahren und Schönen; Trost unter Tränen und Demut im Glück! And da erstehn sie noch einmal vor uns, jene Recken der Seele, unsere Propheten, von denen nock immer das Mort Cornills gilt: „Die Geschichte der gesamten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur entfernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen ließe. Durch seinen Prophetismus ist Israel der Lehrer der Menschheit geworden." And dieses Wort Eornills, des nichtjüdischen Forschers, behält auch dann für uns seinen Wert, wenn wir die Propheten als nationale Helden, als Verkünder einer neuen nattonalen Aera mit Entschiedenheit für uns ablehnen müssen. Sie waren es, das geben wir durchaus zu — aber sie sollen es uns heute nicht mehr sein. Für uns sind sie groß und herrlich und edel gerade in ihrer Zeitlosigkeit. Nicht die Amwelt der Propheten ist die Hauptsache, sondern allein ihre Innenwelt. Nicht ihre Zukunftsschau bedingt ihre Größe, sondern allein ihre Seelenschau. And diese kann ja nur ewig sein, weil sie nicht bloß eine Schau in andere, sondern eine Schau aus der eigenenSeele: aus dieser Glut, aus diesem Brennen, aus dieser herrlichen Ursprünglichkeit, aus diesem überquellenden Gefühl, aus dieser lodernden Gottesliebe! Sie grübeln ja nicht, zergliedern ja nicht, sie sind ja nicht kühl und philosophieren: sie fühlen und brennen, und jedes Mort — ist ja nicht Sprache, ist ja nicht Rede, ist ja doch fressende, leuchtende Flamme! Anbändig sind sie im Freiheitsdrang, unwiderstehlich im Eigenwillen, trunken in Gottesbegeisierung, hinreißend in dem Schwung ihrer Rede; Menschen, die nichts in der Welt anerkennen als nur ihren Gott und des Menschen Seele; Männer von WahrheitSdrang ohne Grenzen; Menschen mit der Fähigkeit, alles zu leiden, alles allein für ihre Idee; Menschen, die die Religion verkörpern und sie nicht bloß lehren und davon reden; Menschen, die Jahrtausende vor Luther bekannt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders . . .", die Jahrtausende schon vor Ibsen das „Alles oder nichts" zur Wahrheit gemacht und das Ziel „Brands", der Ibsenfigur, auch für sich elber zur Richtschnur genommen: „And eure Opfer? fei A lle Götzen, die euch den e w i g e n G o t t ersehen. Der Siegespreis? Des Wittens Einheit, des Glaubens Schwung, der Seelen Reinheit; die Freudigkeit, die euch durchschauert, die alles opfert, überdauert." — Ja, Menschen, die es nicht nötig hätten, die niemand drängte, die niemand bezahlte, die verachtet wurden und ausgelacht, eingesperrt und am Leben bedroht, und dennoch nicht schweigen und schweigen wollten, einfach, weil sie nicht schweigen konnten, denn „das Mort des Ewigen erging an sie", d. h. — denn so verstehen wir das — aus den Artiefen der Menschheit, der Anendlichkeit, da stiegen sie auf und redeten sie, sprach das Urgeheimnis, der Ewige! — And „Ö a n z" waren sie nach dem Worte der Bibel auch ohne das Ganze der äußern Formen. Mit der Ganzheit ihrer Persönlichkeit standen sie gegen das Ganze auf: den Kaufmann, den Bauern, den Reichen, den Armen, den Priester, den Feldherrn, den Minister, den König. Mit der G a n z h e i t ihrer Persönlichkeit fühlten sie Gott allüberall, sahen in ihm das Vorbild des Ganzen und darum eines heiligen Wesens, widmeten ihm das klassische Wort: „Voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit". And tarum hassen sie mit heiligem Haß die Halben, die Aeußerlichen, die Männer des Scheins; verwarfen nicht Formen um jeden Preis, aber „sündliches Leben und festliche Feier" war für sie eine „Lästerung Gottes." Ja, sie fühlten Gott allüberall: fühlten seinen Atem in der Ratur, fühlten sein Gebot in ihrem Gewissen, fühlten sein Richten im Geschicke der Völker! —- And diese Männer sie waren liberal — weil sie „sich" lebten, d. h. ihr Ich und nichts Vorgelebtes, nichts Dorgemachtes; sie waren liberal, weil sie herrlich frei und herrlich kühn religiöser Freiheit die Gasse gebahnt; sie waren liberal, well sie wahrhafte Priester: nicht die der vor- Jin