Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 46 (27.12.1924)
- Date
- 1924-12-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Sprechsaal, Gottesdienstreform. i. Einige Worte zu dem Leitartikel in Nr. 44 dieser Zeitung. ES ist schlechterdings unangebracht, ein auf tiefstem Seelengrund verankertes Thema in dieser Form, die ans Witzelnde streift, zum Ausdruck zu bringen. Es läuft auf Verzerrung, Bizarrerie und Oberflächlichkeit hinaus. Und Oberflächlichkeit ist -er Nährboden für Gleichgültige und Schwächliche. Es handelt sich um uralte Gegensätze, die hier erörtert werden sollen. Mit Nietzsche möchte man von der Wiederkehr alles Gleichen roden oder besser, weil ursprünglicher, mit Kohelet (1, a): Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Auf der einen Seite: Gottesdienstliche Andacht mit ihren traditionellen Formen, auf der anderen: Anbetung der All-Natur, des unermeßlichen Kosmos. Hie: Zuqehürigkeitsgefühl zu einer konkreten Glaubensgemeinschaft. Hie: Seid umschlungen, Millionen! Genügt dem religiösen Sinn die zauberhafte Stille einer mondboglänzten Sternennacht? Und wenn dies schon bei einigen wenigen Auserlesenen der Fall sein mag — was will das besagen? Soll sich Religion lediglich auf das religiöse Erlebnis beschränken? Der Mensch als das animal reliAosum ringt und strebt nach Objektivierung seines religiösen Empfindens, das nicht allein mit der Forderung des Propheten Micha l6, 8t: r e ch t tun, Liebe üben und in Bescheidenheit wandeln, vor Gott sich genügen läßt. Die Religion lehrt auch das Gebet und den Glauben an Gott als das Absolute. Die bloße Naturanbetung kann niemals die Religion, die nach dem Unendlichen strebt und ihm am nächsten ist. ersetzen. Und Religionen ohne Formen können nur dann als geschichtlich überwunden angesehen werden, wenn die Zeit erschienen ist. in der es nur einen Hirt und eine Herde geben wird. lB'itta achischenna'j Das vollzieht sich in allmählicher Entwicklung (Evolution) — aber nicht auf dem Wege der Revolution. (Man studiere das Monumentalwerk Elbogens: Ter jüdische Gottesdienst!) Nach uns unterliegen die Formen dem Wandel der Zeiten et nos mutsmur in illis. Es ist ja der Grundsatz des jüdischen Liberalismus, den Zeitverhältnissen Rechnung zu tragen. Aber ein Radikalismus ist religionsun-5 kulturgeschichtlich nicht zu verantworten. Ein Beispiel aus dem philosophischen Gebiete. Um die Mitte des 19. Fahrbunderts erhob der k r a s s e Materialismus kühn sein Haupt (Ludwig Büchner, Jacob Moleschott, Carl Bogt usw) und verwirrte mit seinen Schlagworten die Köpfe großer Massen Ungebildeter — er ist überwunden und hat der spiritualistischen Richtung den Platz einräumen müssen. Und jetzt — das ist unsere Uebcrzengung — sind die kranken Herzen im Mystizismus und Okkultismus besangen, einer ungesunden Geistesrichtung, die zu einem religiösen Aufstieg nicht beitragen kann. — Auch der religiöse Fortschritt vollzieht sich sviralförmia: in jeder Generation muß die Spreu von dem Weizen gesondert werden, müssen die Auswüchse von dem Wcseuskern sich abschälen, um die Religion mit ihrem Ewigkeitsgehalt allmählich in die Erscheinung treten zu lassen. Der neue Adam kann niemals isoliert dastehen: nach dem Gesetze der Kontinuität ist er in Abhängigkeit von dem alten. Kurz. Evolution, nickt Revolution. Dr. M. Spanier, Magdeburg. II. Auf das Zwiegespräch der beiden Freunde über Revvlutionieruna des Gottesdienstes einzugehen, verlohnt nicht so sehr im Hinblick auf die dort geäußerten Ansichten, sondern weil es sich hier um Symptome unserer allgemeinen Geistesverfassung und um Produkte einer Entwicklung handelt. die endlich zum Nachdenken stimmen sollten. Daß der eine der jungen Leute seinen Jom Kippur in Gottes Natur, in Gesellschaft von Rilke. Buber und (!) des Joelschen Machors zuvringt, sei ihm persönlich unbenommen. Was interessiert die Leser einer jüdischen Zeitung die philosophische Liebhaberei irgendeines jungen Mannes? Ich frage bloß? Was hat dieser Spaziergang — ausgerechnet — mit Jom Kippur und mit Judentum zu tun? Zumal doch die .Löeihe" gerade darin lag, daß keine .Zuden" in der Nähe waren? Wo hier beginnen, um diesem ahnungslosen Jüngling auch nur etwas vom Wesen und Sinn des Jom Kippur beizubringen? Da aber sogar von dieser Seite noch „Reformen" nicht nur, nein eine ganze Revolutionierung des Bestehenden gefordert wird sin welchem Sinne die Namen der Akteure eigentlich hätten vertauscht sein sollen und „Moses" als modernster Erneuerer des Judentums den schon vorhandenen drei als vierter hätte zur Seite treten müsien) — so muß man doch auch diesen letzten Ausläufern der „individuellen" Entwicklung einige Jrrtüm-er Nachweisen. Zumal wir doch hier nur die Zerrbilder eines Gedankenganges sehen, der damit anhnb, im Judentum Gesetz und Lehre zu trennen. Jenes sei ursprünglich verbindlich, diese frei. Man könne gesetzestrcuer Jude und Anhänger irgendeines philosophischen Systems sein, mcinetlvegen einen Leibniz-Wolfschen oder sptnozisttsche» Gottesbogrtff habe». Das Judentum fei keine geoffenbarte Religion, sondern eine geoffenbarte Gesetzgebung« Und dann der weitere Schluß: Da et« Gesetz für ei» Volk aus eige»em Grund und Boden gegeben wirb, so ist die Berbindlichkett des jüdischen Gesetzes für die Diaspora nicht vorhanden. In Wahrheit ist Loch der „Gott Israelis". das Volk und die Thora eine unzerreißbare Einheit, und tft es «och heute, wo Judentum „gelebt" wird. Wo aber dieses Bewußtsein verlorengegangen ist. herrscht die Anarchie: matt verglimmend in der großen Masse di« einst das Leben erhelleirde Flamme, und in den paar eigenwilligen, selbständigen Naturen ein HyperindioidualiSmuS. wie wir ihn bei unsere« Juden in der Vorkriegszeit kannten nnd der erst jetzt vom jüdischen Standpunkt uns interessiert, wo er in erwachtem, jüdischem Empfinden anfängt, sich Misch zu betätigen. Da kommen nun Menschen de- XX Jahrhunderts von Nietzsche her oder von Gttrner oder Buddha ober Konfuzius, irgendwie in einem a«-eren „ismuS" gescheiterte und wollen mit den Segnungen ihrer individuellen Geistesfreiheit unsere ohnmächtig daliegende und jedem Pfuscher auSgelieferte Gemeinschaft beglücken. Ja wißt ihr nicht, daß ein wahrhaft Berufener im jüdischen Oste», als er zu seinen Brüdern sprach, sich bescheiden nannte: „Diner andem Volke" (Achadha-Am.). Meint ihr. das Volk kann zu euch kommen, zu einer ideologischen Verstiegenheit? Was käme bestenfalls dabei heraus? Din paar philosophische Teestunden mit Debatten, ob diese- oder jenes ,Flte Stück" im Sinne der gerade bei euch herrschenden Geistesströmung zu brauchen oder „auf Neu aufzuarbeiten wäre". Nein, liebe Freiheitsschwärmer, i h r müßt zum Volk kommen, ihr müßt seine tief versponnene Geistigkett, seine Leiden, seine messianischen Hoffnungen kennen lernen, in Ehrfurcht und abwartender Stille, die in euch langsam das Gleiche und auch das Entgegengesetzte reifen läßt. Nur so ließe sich wieder schaffen, was ihr in Zirkeln aleinen Homunkulus künstlich destillieren wollt, das religiöse Massenbewußtsein. Und dann gingen euch erst Sinn und Tiefe unserer Gebet« auf, aus denen die Ewigkeitsgeschichte eines BolkeS spricht, wenn auch nicht alle Bitten eines Muttersöhnchens um die „Annehmlichkeiten des erlaubten Luxus" berücksichtigt werden, und Gott nicht „in der Anziehungskraft der Elektronen", sondern nur als El chas w'katom gerühmt wird. Und wir können beruhigend versichern, daß aller selbständig« GeisteSdrang alle metaphysische Veranlagung Nahrung bei uns finden könnte, und sei es „nur" in der Ausschöpfung des ^Adonoi echod" im Schma (was selbst ein Constantin Brunner zugibt) oder des ,K'dauschim tih'ju". Dann ließe sich auch über berechtigte — übrigens schon tausendmal beantwortete — Fragen reden, wie über die der Anthropomorphismen (hierzu sei nur in Parenthese bemerkt, daß auch Keyserling kürzlich hier betonte: Bei unserer Unfähigkeit, Gott in Formel und desinierien Begriff zu bringen, komme es nur darauf an, sich in ein persönliches Verhältnis zu ihm zu bringen, was ein neues herrliches Licht auf unsere Psalmen wirft und die ganze poetisch-symbolische Darstellungsweise der Bibel). — Daß der konzertante Charakter vieler Gottesdienste mit dominierender Orgel, in denen das Ariofe, daS alte schlichte „Dawwenen" überwiest, auf feinere Gemüter verstimmend wirken kann, sei zugegeben, aber auch der alte „Nigun", der die Eingeweide umkehrt, in seinen elementaren Ausbrüchen und — rote Sulzer gezeigt hat — doch aller Veredlung fähig ist. auch er kann erst wieder zu Ehren kommen. wenn ein pietätvolles und doch geistig freies junges Geschlecht, das Erbe der Väter wirklich „erwirbt", um es auf ewig zu besitzen. Oberkantor Dr. Rudolf Pik, Königsberg. Der Landesverband und die Kantoren Preußens. Die Unterzeichnete Vereinigung ist sich der allgemeinen Zustimmung innerhalb der Kollegenschaft. sowie anderer objettiv denkender Kreise sicher, wenn sie — angesichts der bevorstehenden Wahlen zum Landesverband — die Aufmerksamkeit auf folgendes Faktum hinlenkt: Der Landesverband, laut Art. 1 seiner Verfassung (vom 25. Juni 1922) eine Religionsgesellschaft, soll nach dem Witten seiner Begrüirder auch in der Zusammensetzung seiner Verwaltungsorgane, speziell des geschästsführenden „Rates" nur das religiöse Prinzip widerspiegeln und keine Standes- oder Berufsvertretung darstcllen. Dieser Standpunkt wurde keineswegs aufgegeben, als man neben den sechs vorgesehenen Rabbinern auch zwei Lehrern satzungsgemäß einen Platz im „Rate" einräumte. Denn es braucht hier nicht erst nachgewiesen zu werden, daß das Judentum in solchem Falle anders zu entscheiden hat Äs andere ReligiouSgemeiuschafteu. Die au feine« Aufbau und seiner Erhaltung am intensivsten beteiligten Faktoren habe» — vom demokratischen Standpunkt hier abseheud -c gerades» eine» Anspruch darauf, es auch ge - meinsam nach außen hin vertreten zu helfen und Leu ihnen gebührenden Einfluß auf Lie Lösung der Aufgabe» zu gewinnen. Da aber bleibt — und dem scheint man sich auch maßgebenden OrtS nicht zu verschließen — bas Bild «i« unvollständiges, bleibt man auf halbe« Wege stehe«, wenn man dabei den religiösen Faktor hintansetzt, der seit alterdazu besttmmt ist, jener Stätte, ohne die ein jüdisches Gemeindelebe» nicht denkbar ist. geradezu das Gepräge zu geben: -en Gchaliach-ztbbirr („Wbaesandter") der Gemeinde, den Borbeter, den Kantor. Eine Forderung der Logik und Gerechtigkeit ist es — und zwar nicht nur unserer Meinung nach —, daß auch eine solche daS Judentum vor anderen Konfessionen geradezu kennzeichnende Institution in solchem Falle nicht ausgeschaltet bleibe. Dieser unser Anspruch wird auch nicht mit dem etwaigen Hinweis abzutun sein, daß in den für die Srakttsche Arbeit vorgesehenen KultnS-AuSschüffe» (laut tri. 37) auch die Mitwirkung von je zwei Kantoren vorgesehen ist. Die Beschlüsse dieser Arbeitsgemeinschaften haben jedoch nach Art. 28 den Gemeinden gegenüber „nur gutachtliche und keine zwingende" Bedeutung. Darum wird in ihnen ein« Einflußnahme im Sinne der uns gestellten hohen Aufgaben also nicht gewährleistet sein. Läßt sich auch aus Artikel S1 (Abs. 8) eine Möglichkeit für unser Bertretensein im „Rate" entnehmen, so wirb unser Ziel — weil ebe» auf der Forderung der Logtzk und Gerechtigkett basierend — es fein müssen, losgelöst von Zufall oder gutem Wille», auch unseren berechtigten Anspruch gesetzmäßig fest, g e l e g t zu sehen. Wir wüßten nicht, welche schwer wiegenden Bedenke» einer Verfassungsänderung nach dieser Richvmg endgegenstehen könnten. Bereinigung der Kantoren Grotz-BerltrS und Umgegend. Guttmann - Potsdam. Sersarrnnlungskalender. Magdeburg. (Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Ingendvereine Deutschlands.) Am 3. und, 4. Januar 1935 findet in Magdeburg die diesjährige Delegiertenversammlung der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugend vereine statt, deren Tagesordnung lautet: Sonnabend, den 3. Januar, nachm. 4.30 Uhr. BorstanbS-- sttzung: nachm. 6 Uhr. Delegierterwersammluna (geschäftliche Tagesordnung): abends 9 Uhr. geselliges Beisammensein. Sonntag, den 4. Januar, vorm. 9.30 Uhr. Referat von Ernst H. Seligsohn-Berlin über das Thema: .Indioidium und Gemeinschaft": 12 Uhr. Referat von Lotte Rosenthal-Bre-lau über das Thema: .Löte gewinnen wir den jungen jüdischen Menschen für unsere Bewegung?". Korreferat: Ludwig Lewin-Berliu. Mittags 2 Uhr. gemeinsames Mittagessen: nachm. 3.30 Uhr. Diskussion über die Referate von Lotte Rosenthal und Ludwig Lewin. Die Veranstaltungen finden im Hotel ,-Weißer Bär", Magdeburg. Kutscherstraße, statt. Alle Jltmitglieder. auch soweit sie nicht stimmberechtigte Delegierte sind, sind zur Teilnahme an der Delegiertenverfammlung willkommen. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde, Bezirksgruppe Norden.) Im Auerbachscheu Waisenhaus. Schönhauser Allee 163, findet regelmäßig» abends 6.30 Uhr. Freitagabend-Gottesdienst mit Orgel. Chor und Predigt statt. Für die Wahlen zmn Preußischen Landes verband benötigen rviv eine große Anzahl von Wahlhelfer»! Ohne die Mitarbeit vieler freiwilliger Helfer ist eine erfolgreiche, systematische Wühlarbeit weder vor der Wahl noch am Wahltage möglich. Wer bereit ist zu helfen, melde sich sofort in unserem Büro, Dorothee» st ratze 77/78, Zimmer 54 (Zentrum 1716). Liberaler Verein für die Angelegenheiten der jüdische« Gemeinde zn Berlin e. 8. nichts kommt ein Schöpfer schwerer und später zur Klarheit als über sich selbst und die Art seines Schaffens. Aber in Wahrheit folgt er nicht den physischen Daten, sondern dem Leitfaden der psychischen Erlebnisse. Deshalb ist sein Denken nach Dnrchivanderung der Erkenntnis nicht am Ende angelangt und gezwungen, für Ethik und Aesthetik neue Wege suchen zu müssen: sondern seine Methode führt ihn unmittelbar und ohne Sprung von der Erkenntnis zur Ethik weiter. Das Psychische schafft die Inhalte und prägt sich in ihnen aus. Ebenso wie es die Erkenntnis geformt hat und aus ihr nicht ausgeschieden werden kann, gibt es als Ethik und Aesthetik dem Streben den Inhalt. Alle Philosophie geht ihm auf die Verwirklichung des höchsten Ideals. Der Philosoph ist vom Streben besessen. Die b ö ch st e Wahrheit i st ein S t r e be n s z i e l. Philosophieren bedeutet deshalb nicht nur erkennen, sondern überreden, überzeugen. Platon will schaffen. Gesetze geben, sein Ideal verwirklichen. Er bemüht sich, die Methoden zu erkennen, durch die Eigennutz und Zügellosigkeit beseitigt. G e m e i n fi n n . Gerechtigkeit. Besonnenheit und Mut verbreitet und befestigt werden können. Er spürt dem gesellschaftlichen Leben Griechenlands nach, erforscht «eine Sitten, sucht die Quellen der Unsittlichkeit zn verschütten und Einrichtungen zn empfehlen, die das Gegenteil herbeisühren sollen. E s ist die Zeit nach dem p e l o p o n n e s i s ch e n Kriege. Platon merkt wohl, daß dos staatliche und gesellschaftliche Leben Griechenlands zerfällt. Deshalb will er alle Landsleute aufrütteln. Keiner, nicht Mäuncr noch Frauen noch Heranlvachsendc, sollen dem staatlichen Leben oerlorengehcn. Jeder soll seinen Platz der Arbeit haben, nicht Unrecht tun noch Unrecht zu leiden bereit sein, aber bereit und befähigt zn kämpfen, wenn dem heilsam eingerichteten Staatsganzen Not und Unrecht droht. Platon ist ein ganz Großer, einer auf den das biblische Wort paßt. daß er aanz eins mit seinem Gotte ist. Er ist E t h i k c c. ethischer Metaphysiker, ethischer Lehrer, ethischer Theologe, ethischer Politiker. Er zeigt, wie ein ganz Großer von einem einzigen Gedanken beseelt ist im Denken, Wollen und sandeln. Wenn so c i n Gedanken den ganzen Menschen besitzt, so muß der Gedanke ewig wahr sein und seine Wahrheit sich über alle Zeiten und Völker erstrecken: er muß die allgemeinmenschliche Wahrheit enthalten. Es wäre nur Hochmut des Unverstandes, wenn wir heute nicht mehr von Platon lernen wollten, weil er vor mehr als 2000 Jahren in Griechenland gelebt hat. Die Inden sind das Volk der Religion. Sie müssen Platons Geist verstehen: denn auch Platon war durch und durch religiös. Er nnd seine Schule haben auf die europäische Religionsbildung ungeheuren Einfluß ausgeübt. Für Griechenland war er der Begründer des M o n o th e i s m u s. Er zeigt, wie der Monotheismus ohne weiteres aus der Ethik hervorgeht, wie eine konsequente und wahre Ethik, die kompromißlos das ganze Leben ergreift, den Monotheismus in sich schließt und begründet. Allerdings kämpfte er nicht gegen die anderen Götter und um den einen Gott, wie die israelitischen Propheten, aber er hatte ihn: er kannte nur die eine Ethik, das einige höchste Strebensziel. den Gott. Dieser Gott war ihm Welt, Leben, Ziel, die Wahrheit der Natur nnd der Seele, die Zusammensaffung von Natur und Seele. In Temperament und Charakter ist Platon von den Propheten Israels sehr weit verschieden. Während diese auf einer vom Strudel umbrausten Planke kämpfen und leidenschaftlich eine schwer bedrohte Situation behaupten, betrachtet ec geruhsam die Welt. Er rechnet mit Eigentümlichkeiten der Menschen nnd der Welt und sucht sein Ideal dennoch öurchzuführen. Er ist überzeugt, daß. wer die Wahrheit erkennt, nicht untergeben könne und die Welt besitze. Die Propheten sind revolutionäre Ekstatiker. Platon ist betrachtender Forscher. Beide kennen aber keinen Zwiespalt zwischen Meinen und Wollen oder Handeln. Beide sind ganze Menschen, das heißt religiöse Menschen, deren gesamtes Leben durch das eine Prinzip der Gottheit zusammengefaßt ist. Deshalb sind die Propheten und Platon im letzten Ziele Prakt i k e r. Sie lehren nicht Gott, sondern führen ihn durch. Sie unterwerfen alle ihre Lebensauffassungen, die vom Einzelmenschen. vom Staat und von der menschlichen Gesellschaft. ihrem einheitlichen Ideal. Ist das nicht genug Verwandtschaft. um den Juden zur Vertiefung in Platons Lehre zu nötigen? Suchen wir Vorbilder, wie im Gegensatz zur Scheinreligion echte große Religion sich darstellt und betätigt. so wissen wir neben den Propheten kein besseres als Platon. Bei der Verwirrung unserer Zeit können wir solch« Vorbilder zur Aufklärung brauchen! Das jüdische Der Fluch. Diesen Film müßte man bejahen, selbst wenn die Einwände riesenstart wären. Denn wir vergraulen mit unserem Widerspruch allmählich den Filwleuten die Lust, jüdische, religiöse Filme zu gestalten. Es scheint unmöglich, das religiöse Problem im Bild zu fangen. Diesen Film muß inan loben. Denn hier ist das Geheimnis gelöst, ist gelungen, die naive, aus dem Bernstein der Allheit Gottes geborene Wundergläubigkeit mittelalterlicher Mysterien dem Film einzngliederu. Und das Wunder wird sogar noch glaubhafter, indem es in den Menschen hineinprojiziert ist. In diesen Pferdehändler Jehuba Nachmann. dem der Fluch des Vaters der verlassenen Braut über Raum und Zeit im Ohre weitergellt. Dem er das Händlerherz zerfressen hat, daß er in jedem Geschehen den Arm Gottes ahnt, auch wenn nur jener Vater Esra ihm vorgegriffen hat, und Nachmanns Tochter verführen lassen will. Darin wäre, bis auf Namen und Milien, noch nichts Jüdisches. Jüdisch wirkt i n s o w e i t der Film nur für den, der weiß, welche Bedeutung der Verlöbnisbruch von je im Judentum hatte. Aber da ist noch eine andere Seite, die mit der Parte; jenes Esra verknüpft ist, Lessen Tochter Liebe hingemocdet hat. Da rauscht etwas auf aus religiösem, jüdischem Urgrund, etwas von grandiosem Fanatismus, wie er im Ostjudentum ebenso wie im mittelalterlichen Katholizismus Märtyrer und Heilige geschaffen hat. Und es entstehen. nicht nur in der Szene vom rabbinifchen Gericht. Bilder, die uns ahnen lassen, was es mit dem Bannfluch auf sich hat. ahnen um die Kämpfe eines Baruch Spinoza, Nriel da costa, der Reformer. Bilder, die diesem Film so sehr den Stempel des Künstlerischen aufdrücken, daß die Fülle der ungeschickten, nicht in Bilder umgefetzten, teils unnötigen Zwischentitel dahinter verschwindet, und nur das Erfreuliche, in Aufbau und Spiel, zurückbleibt. Botho Laser stein.