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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-12-27 · 46 (27.12.1924) · page 2

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
46 (27.12.1924)
Date
1924-12-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Zur Preutzenwahl am 1.5ebr. 1925. Bon Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin. Vorsitzender der Bereinigung für Las liberale Judentum e. V. Wenn wir preußischen Juden den Wahlen zum 1. Februar 1625 eine so große Bedeutung beimessen, so geschieht dies, weil seit Menschengedenken das erste Mal wieder bei einem bedeutenden Teil der deutschen Judenheit unter großen Gesichtspunkten jüdische Politik gemacht werden soll. Der 1. Februar 1925 soll die Kräfteverteilung im deutschen Judentum zeigen. Wir Liberalen erhoffen von ihm, daß er uns eine Vertreterversammlung bescheren wird, die tatsächlich ein treues Spiegelbild des Standes der deutschen Judenheit wiedergeben wird. Drei große Gruppen von Aufgaben sind es, die den neuen Landesverband hauptsächlich in der ersten Zeit beschäftigen werden: 1. Die Umgestaltung der staatskirchenrechtlichen Stellung der preußischen Juden, 2. die wirtschaftliche und geistige Stützung der Kleingemeinden und 3. die Förderung des religiösen und geistigen Lebens überhaupt. Die wichtigste staatstirchenrechtliche Ausgabe des Landesverbandes bedeutet die Beseitigung des veralteten Judengesetzes von 1847 und der gleichartigen Normen Neupreußens, in der Schaffung einer einheitlichen und neuzeitlichen preußischen Juüengesetzgebung. An die Spitze dieser staatskirchenrechtlichen Neuschaffungen muß der Satz gestellt werden: „Die jüdische Gemeinde ist eine Religions^emeinde und ist als religiöse Gemeinde zu erhalten." Der Landesverband hat daher allen Bestrebungen aufs schärfste entgegenzutreren, die darauf Hinzielen, das Judentum zu nationalisieren, es von einem, sei cs politischen, sei es geistigkulturellen Mittelpunkt, abhängig zu machen, der außerhalb unseres Vaterlandes liegt. Es gehört zum Wesen unseres Judentums, daß es ein deutsches Judentum ist, d. h., daß es auch in religiöser, geistiger und sozialer Beziehung neben den Kraftquellen jüdischer Art sein Leben aus dem Kulturboden schöpft, der uns die deutsche Heimat lieb gemacht hat und als dessen Kinder wir alle uns fühlen. In dieser Grundfraae gibt cs keinerlei Kompromisse, und so sehr gerade der Schreiber dieser Zeilen immer für eine praktische Zusammenarbeit aller jüdischen Parteien eingetreten ist und so wenig er in das müßige Gerede einstimmt, daß der Zionist als solcher schon ein schlechter Deutscher sein müsse, so scharf wird bei dem Neuaufbau unserer staatskirchenrechtlichen Grundlage daran festgchalten werden müssen, daß die Gemeinde sich lediglich als Trägerin religiösgeistiger und sozialer Interessen zu gestalten hat, daß jede außenpolitische Betätigung aus ihr zu verbannen ist. Das ist nach unserem Dafürhalten kein Bruch mit der jüdischen Geschichte, sondern die Erfüllung dev jüdischen Sendung, welche nicht außerhalb der Völker sondern in den Völkern sich abzuspielen hat. —Das neue Judengesetz wird die absolute Trennung von Staat und Kirche sestlegen müssen. Sie wird eine einheitliche und neuzeitliche Bildung der Gemeindeorgane aus demokratischer Grundlage schaffen und vor allem die Stellung von Rabbinern und Lehrern ihrer Bedeutung gemäß verfassungsmäßig verankern müssen. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Rabbiner in einem jüdischen Gesetz nicht genannt werden durfte. Ernste Aufmerksamkeit werden wir Liberale aber auch den Bestrebungen zuwenden müssen, die darauf Hinzielen, die Zugehörigkeit zur Gemeinde gesinnunasmäßig festzulegen. Bei den Vorberatungen für ein neues Berliner Gemeindestatut ist von zionistischer Seite unter lebhafter Zustimmung der Orthodoxie die Anregung anaekündiat worden, man werde „zu weit linksstehende" Elemente der Gemeinde fernhalten, indem man ein gewisses Existenzminimum jüdischer Pflichten als notwendig für den Erwerb der Gemeinöemitgliedschaft fordern werde, zum Beispiel die Anerkennung des Sabbats usw. Es ergibt sich daraus auch für Indifferente, wie wichtig es ist, daß dev neue Landesverband in seiner Mehrheit hieb- und stichfest liberal ist. Wir verlangen jüdischen Willen und jüdische Gesinnung, ich möchte sagen jüdischen Instinkt. Im übrigen sind wir, soweit es die Gemeindeangehörigkeit betrifft, gegen jede gestnnungsmäßige Bindung. Wer als Jude geboren ist und nicht ausgetreten ist, gehört zur Gemeinde, ganz gleich, ob er rechts oder links steht. Praktische Einzelfragen, wie ein gewisser Mindestaufenthalt, unterliegen natürlich besondere» Diskussion. Gegen eine Differenzierung nach der Staatsangehörigkeit hat sich die liberale Vereinigung von jeher ausgesprochen. Ueber die Stellungnahme des Verbandes zu den kleinen und Mittelgemeinden kann es nur eine Meinung geben, das ist keine Parteifrage. Im Interesse der Erhaltung ursprünglichen jüdischen Gemeindelebens muß der allzu großen Abwanderung aus den kleinen Gemeinden Einhalt getan, müssen vielmehr diese in ihrem Bestände erhalten und gestärkt werden. Um dies möglich zu machen, müssen sie in die Lage gesetzt werden, eine der Kultur und der Erziehung der Inden dienende Beamtenschaft standesgemäß zu erhalten bzw., wenn es zu kleine Gemeinden sind, müssen einige Nachbargemeinden zusammengelegt werden, um diesem Zweck zu dienen. Viele unserer älteren Gesinnungsfreunde stammen noch aus derartigen kleinen Gemeinden. Sie Haben noch die Wohltat erlebt, die aus der gerade in kleinen Gemeinden noch kräftig blühenden jüdischen Häuslichkeit und aus der innigen Zusammengehörigkeit der Gcmeindemitglieder untereinander fließt. Diese Wohltat den preußischen Juden zu erhalten, ist eine ernste und für das gesamte deutsche Judentum wesentliche Aufgabe. Den Kern der Arbeit unseres Landesverbandes muß aber das religiös-geistige Moment bilden. Gottesdienst, Schule, religiöses Gemeindeleben, das sind nach dem jüdischen Hanse die Säulen, auf denen das deutsche Judentum ruht. Auch wir Liberale können nicht genug dafür arbeiten, daß durch Stärkung jüdischer Wissenschaft, durch Schaffung von Bildungsmöglichkeiten für rabbinischen und Lehrernachwuchs, die Lehre, die jüdische Bildung, in unserer Mitte nicht ausstirbt. Mit ernster Sorge sehen wir religiösen Juden auf das Versiegen der Lehrerbildungsanstalten, der Rabbinerseminare. Die Zeit erscheint nicht allzu fern, in der selbst in großen und finanziell kräftigen Gemeinden der Nachwuchs an geistigen Führern nicht mehr dem Bedürfnis der Gemeinden entsprechen wird. Wir müssen dafür sorgen, daß die jüdische Erziehung unserer Kinder aus eine breitere Grundlage gestellt, daß tunlichst eine Erziehungspslicht der Eltern eingeführt wird, dieser Erziehungspflicht aber auch Erziehungsstütten gegenüberstehen, in denen die Jugend nicht aus dem Judentum herausgescheucht, sondern mit Liebe zu unserem Bäterglauben erfüllt werden. Wie wir« alles fördern werden, was jüdisches Wissen zu mehren bestimmt ist, so werden wir dort mit Entschiedenheit allen Bestrebungen uns entgegenstemmen, welche die-jüdische Erziehung der Kinder dazu mißbraucht, um dieselben einseitig jüdischnational zu beeinflussen. Wir wollen unsere Kinöev zu stolzen Juden heranziehen, ihnen aber die Liebe zur deutschen Heimat und ihrer geistigen Kultur nicht mindern. Darum sind mir gegen die Hebräisierung dev deutschen Juden. Das Hebräische ist uns die heilige Sprache unserer Gebete,' sie bleibt uns unerläßlich als Vermittlerin der tiefsten Jdeengäng-e unserer Lehre und unseres Schrifttums, sie ist uns wertvoll auch in ihrer neuen Form als Künderin jüdischen Geisteslebens. Die Muttersprache aber, in der wir sprechen und Lenken, bleibt die deutsche Sprache. Wer uns die Muttersprache nimmt, muß uns folgerichtigerweise dem Mutterlande entfremden. Wer dies nicht tun will, rühre nicht an der Sprache, in der wir zuerst unsere Eltern angereüet und unser Herz zu Gott erhoben haben. Es ist selbstverständlich, daß wir liberale Juden auf religiösem Gebiet unbedingte Parität unter den religiösen Richtungen wahren. Wir verlangen aber diese Parität auch für unsere eigene Richtung. Wir werden uns energisch dagegen wehren, daß etwa das Judentum in seiner historisch jetzt religions-gesetzlich festgelegten Gestalt als offizielles Judentum proklamiert wird, daß Bräuche und Formen, die tatsächlich von der Mehrheit der deutschen Juden nicht mehr geübt werden, als bindend für die Gemeinden anerkannt werden. Wir wollen gewiß niemarrden vergewaltigen, und es ist selbstverständlich, daß in Gemeinden mit gesetzestreuen Minderheiten dafür gesorgt werden muß, daß auch diese Minderheiten in den gemeinschaftlichen Gemeinöeeinrichtungen zu ihrem Rechte kommen. Wir werden aber n^cht gestatten, daß ein extremer Flügel der Orthodoxie bewährte und unangefochtene seit Jahrzehnten im Gebrauch befindliche Gemeindeinstitute und Gemeindeeinrichtungen plötzlich nach einer nur von einer verschwindenden Minderheit geteilten Auffassung ummodelt. Als die wichtigste Aufgabe des Landesverbandes erscheint es uns, daß auf dem Gebiete des Gottesdienstes, des Unterrichts und der allgemeinen jüdischen Fortbildung Einrichtungen geschaffen werden, die dazu bestimmt sind, die indifferenten Juden mit neuem jüdischen Leben zu erfüllen, die dazu geeignet sind, das wieder erwachende religiöse Gefühl in jüdische Tat umzusetzen. Große und schwierige Aufgaben warten des Landesverbandes. Er wird alle Hände voll zu tun haben, wenn er sie wird erfüllen können. Deswegen soll er nach unserer Anffassunq auch nicht die anderen Organisationen ablösen, die ihren Aufgabenkreis in vorbildlicher Weise erfüllt haben. Die Abwehr des Judenhasses z. B., die einßeitlich-wirksam nur auf bestimmter religiös-politischer Einstellung geführt werden kann, bleibe dem Centralverein, die Wohlfahtspflege den großen Zentralorganisationen, die sich die deutsche Judenheit selbst dazu geschaffen hat. Im übrigen, und letzten Endes kann auch der preußische Verband nur eine Vorstufe sein des großen Reichsverbandes der deutschen Juden,' denn wir kennen kein preußisches, bayerisches und hessisches Judentum, sondern wir kennen nur ein deutsches Judentum. Wohl ist das Judentum — und gerade der Schreiber dieser Zeilen ist immer aufs wärmste für« diesen Gedanken eiiGetreten — nicht an die Grenzpfähle unseres Vaterlandes gebunden, und der Gedanke jüdischer Gemeinbürgschaft findet bei uns liberalen Inden wärmsten Widerhall; die deutschen Juden aber haben sowohl in ihrer religiösen Gestaltung wie in ihrer organisatorischen, wissenschaftlichen und geistigen Struktur ibr eigenes Gesicht, und dieses Gesicht wollen sic sich erhalten. Dies ihr Eigen wollen sie sich auch nicht nehmen lassen von Brüdern, die wir in unserer Mitte willkommen heißen und gern zur Mitarbeit berufen, die uns aber nicht an einem Bau rühren dürfen, der uns teuer geworden ist, und den uns von Moses Mendelssohn bis Eugen Fuchs die großen Führer des deutschen Judentums unverletzlich hingestellt haben. In der Einheit von Judentum und Deutschtum, in seiner organischen Verschmelzung liegt unsere Kraft: die ständige Fortentwicklung religiöser Ideen und religiöser Formen soll uns Gewähr dafür bieten, daß bas Judentum der Väter auch das Judentum der Kinder sei. Der 1. Februar 1925 soll uns die Organisation schaffen, die diesen Wünschen gerecht wird. Jeder Jude, dem an der Erhaltung und Fortentwicklung des deutschen Judentums gelegen ist, wähle die liberalen Listen. Jüdische Gemeinde. Freitag, den 2. Januar 1927,. findet abends 7 ltljr in der dienen Synagoge beim zweiten Abendgottesdienst eine Feier aus Anlaß des siinsiindzwanzigjährigen Amtsjubiläums des Herrn Rabbiner Dr. Warschauer statt. Es wird ersucht, die Plätze bereits um Uhr einzunehmen. Der zweite Freitagabendgottesdienst in der Synagoge Lindenstraße fällt ans. FH Stückwerk Stückwerk ist aller Zeiten Gelehrsamkeit. Was die Wissenschaft emsig erforschte, ist groß, — Und dennoch ist alles ein winziges Teilchen bloß Vom All und seiner tiefen Verborgenheit. Mar R o s e n s e l d, Dresden Philosophische Systeme in ihrem Verhältnis zum Judentum. 1. Platon. Bon Rechtsanwalt M. L e w i n s k i - Berlin. Begnügen sich di« ältesten griechischen Philosophen damit, alles auf einen Urstoff — Wasser. Materie — zurückzuführen, so erwacht mit Heraklit die Frage nach dem Einen und dem Vielen, dem Zusammenhang der wechselnden Erscheinungen mit dem Beständigen. Alles stießt, alles ist seucrikhnlich, nichts ist beständig, ist bekanntlich das Keruwort Heraklits. Erst der Athener Platon packt dieses Problem in der Diese seiner Seele. Der Mensch i st ihm das Maß aller Dinge. Die Frage ist nicht mehr eine naturphiloivphische. wie bet den früheren jonischen Denkern, sondern eine psychologische. Gibt cs nur Vieles und Unzusammenhängendes. wo bleibt da der Mensch mit seiner Persönlichkeit, seiner Seele? Ueber die Wesensmerkmale deS Menschen konnte Platon nicht zweifeln. Nicht an den aufrechten Gang, an ötc Sprache hätte er gedacht, sondern nur an das eine Merkmal des Psychischen. Der Mensch ist eine Einheit, ein Zusammenhang: wird er nicht so aufgekaßt, so ist er irgend etwas von außen Gesehenes, aber kein Mensch. Nur wer Platon nicht einseitig genug, um dieses Merkmal dem Menschen allein zirzmprechen. Mau kann ihn als Panmychislen bezeichnen. Das Seelische mußte in der Natur überhaupt anerkannt werden, wenn es auch dem Menschen zugcsprochen werden sollte. Der Mensch ist eine Einheit, also aibt es nicht bloße Vielheiten, sondern auch Einheit — aäbe es nicht Einheit überhaupt, so könnte es auch nicht Menschen geben: das scheint mir die kürzeste Formel zu sein, auf die man Platons Philosophie bringen kann. Man hat vielfach gesagt, Platon sei mehr Dichter als Denker: deshalb seien die Probleme von ihm nicht restlos aufgelöst, und sei sein System auch nicht eindeutig und geschlossen. Hieran ist etwas Wahres. Es sind wahrlich nicht die schlechtesten Philosophen — besonders Platon und Goethe —' denen man solches nachsagen kann. Platon ist nicht der Mann der reinlichen Worterklärungen und Wortentschciidungen. durch welche die Zusammenstöße der Begriffe vermieden werden. Er kennt nicht ein Hüben und Drüben des 2. priori und a posteriori. Man tut ihm Gewalt an, wenn man ihn als frühen Anhänger Kants bezeichnet und behandelt. Andererseits ist er mit seinem System n i c fertig, niemals in dem Besitz der unfehlbaren Weisheit, die nicht mehr zu ändern, sondern nur noch zu überliefern und zu verbreiten wäre. Der Begründer der Akademie ist kein Akademieprofesior. Er ist ein Dichter, der wirken will und wie kaum ein Zweiter zu wirken befähigt ist. Er strebt bis an das Ende seines langen Lebens, sich in die Seelen der Menschen einzubohrcn. seine Philosophie nach den Seelen seiner Jünger und seine Jünger nach seiner Philosophie zu gestalten. Darum ändern sich seine Gedanken und spitzen sich immer schärfer auf praktische Wirksamkeit zu. Die Grundlehre Platons ist die Ideen lehre. Das Eine der Natur kann nichts Materielles, weder Waiser noch Feuer, sondern nur etwas Geistiges sein. Dieses Geistige tft nicht Form oder Methode: denn es ist dazu bestimmt, zu herrschen und I n h a l t zu bilden. Es fügt sich nicht den Dingen an. ist nicht ein Etwas an der Vielheit der Dinge, seine Bedeutung und Geltung ist nicht von der der Dinge abhängig: sondern es ist selbst ein Inhalt, nämlich der v ö ch st e Inhalt, für sich. Tie Dinge kommen und gehen, haben untereinander keinen Zusammenhang und damit keinen dauernden Wert. Im Geistesleben zeigen sich aber die Tinge aufbewahrt. Hier gehen die Bilder der Dinge den ewigen Zusammenhang des Erinnerns, Vorstellcns. Wertens, Strebens ein. -Ger geht kein Ding verloren, sondern ist jedes als Idee (eidos — Bild) ewta. notwendig, unverlierbar. Ein Widerspruch scheint dem alten Denker .zunächst zwischen dem Tatbestand der Veränderung und dem des TingcS zu bestehen. Was bedeutet der D i n g b c g r i f f, fragt er. da es stets nur wechselnde Erscheinungen gibt? Worin liegt Recht und Anlaß, eine Einheit hinter diesem Wechsel zu behaupten? Diese Einheit behauptet ex als Realität, während er soweit geht, in dem Wechsel bloßen Schein oder bloße Erscheinungen zu sehen. Der Wechsel der Veränderungen ist ihm so widerspruchsvoll und unfaßbar, daß er nicht Wirklichkeit sein kann. Daß die Einheit aber wirklich ist, ergibt sich aus vielen Gründen: Zunächst ist sie die Erkenntnisq nelle, durch die Wesen und Bedeutung der Einzeldinge er Hart sind: dann wird sie als Seele als Wesen des Menschen erlebt; schließlich entwickelt sie sich im Seelenleben des Menschen zum letzten Inhalt und zur höchsten Norm aller Wirkichkeit, nämlich um Schönen und Guten. Alles, was nicht gedacht werden kann, ist also für Platon nicht wirklich und nicht möglich. Der unznsammcnhängcnde Wechsel kann nicht g e d a ch t werde n. Er bedarf also der Ergänzung durch die geistige Einheit. Diese Einheit hält er an manchen Stellen mit dem Gattungsbegriff für identisch. Denn in diesem sieht er Erklärung des Ursprungs und der Bedeutung des Ein-.cldinges. Andererseits betont er an vielen Stellen, daß die Idee (eidos) jede Erscheinung begleite, daß sie alle Erscheinungen in einen ewigen Zn sammen-hang hebe, und daß es Ideen zu allem, was wahrgenommen werde, gebe. Die Idee ist also die Dentbarkcit und der Dcnkinhalt jeden Seins. Sie weist ans die Untrennbarleit zwischen Physischem und Psychischem, zwischen Ding und Ich. hin. Diese Einheit glaubt Platon deshalb mit der Seele des Menschen gleichseben zu können. Tic ist in ihrer ticsi'teu Wurzel die dauernde P e r s ö n l i ch i e i t. Die Per sönlichkeit verfolgt aber Platon in seinem herrlichen „Gast mal" (svmposion) als strebenbcflngelten Prozeß, dessen eigentlicher Inhalt sich in dem Ziel des S t r c b e n s enthüllt. Der eigentliche Inhalt alles Strebens und alles Seins ist nach Platon die Idee an sich, das höchste Ideal, nämlich das S ch ö n e lt n d G nie, die W otthcit. To entwickelt sich Platon vom Erkenntnissorichcr zum Ethikcr und zum Theologen. Eins geht ihm ans dem andern hervor. Das Sein kann er nicht verstehen, ohne die Seele zu prüfen und zu erforschen. Er ist sich der Quelle und der Methode seiner Forschung nicht klar bewußt; über

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