Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 45 (19.12.1924)
- Date
- 1924-12-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ein lag im allen Babel (Erstes Kapitel aus dem unvollendeten historischen Roman „Die Pforte Gottes“.) Von Max Rosenfeld, Dresden. (Schluß.) Die Aegypterin auf der Trage lachte jetzt aus voller Kehle. „In den Staub, Juden,“ donnerte Belsazar noch wütender. „Knechte, gebraucht die Geißeln!“ Auf diesen Befehl schienen die Kriegsknechte im Gefolge des Königs nur gewartet zu haben, denn sofort schlugen sie mit bereitgehaltenen Geißeln auf die wehklagenden Juden ein, von denen manche in die Knie sanken, andere entflohen. Triumphierend warf Belsazar das Haupt empor. „Nun ruft euern allmächtigen Gott,“ schrie er, „daß er euch vör gemeinen Schlägen hüte!“ Daniel hatte sich schützend vor die Seinen gestellt. „Haltet ein, Knechte!“ rief er mit bebender Stimme. Dann wandte er sich wieder an Belsazar: „König von Babel, gebiete Einhalt diesem Frevel! Unwürdig ist ein solches Handeln eines Sprossen vom Stamme Nimrods. Nebukadnezar gewährte den Juden in der Gefangenschaft allen Schutz und alle Rechter er ließ ihnen Menschenachtung zuteil werden. Du aber trittst die Gesetze deines großen Ahnen mit Füßen, Tiere möchtest du aus den Juden machen.“ Die Aegypterin rief dem Feldhauptmann Onnes etwas zu, worüber er in ein häßliches Lachen ausbrach. Sein Gesicht nahm jedoch bald einen finsteren Ausdruck an, er schaute sinnend auf Daniel. Belsazar antwortete dem Daniel mit einem Hohngelächter und forderte von neuem die Knechte auf, die Juden zu schlagen. Es entstand ein Ringen, das schon sehr bedenklich wurde, als Daniels Stimme plötzlich den Lärm übertönte und alle Blicke auf den Jüngling zog. Wie segnend hob er die Hände gegen die Juden, von denen die Knechte jetzt abließen, laut und mächtig rief er: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott; redet mit Jerusalem freundlich und rufet ihr zu, daß ihre Knechtschaft ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben und doppelt soll sie errmfaogen aus der Hand Gottes für alle ihre Sünden. Alle Täler sollen erhöhet werden, doch alle Berge und Hügel erniedrigt; denn siehe, der Herr kommt gewaltiglich und sein Arm wird herrschen. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er gibt den Müden neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler. Alle Heiden sind vor ihm nichts und sollen zu Spott und Schanden werden, alle, die dir gram sind und die mit dir hadern, sollen umkommen.“ Belsazar war das Wort in der Kehle gestockt, dunkelrot wurde sein Gesicht vor Wut. „Schweigst du, Jude ..brüllte er. „niPa geschah etwas Unerwartetes: die Aegypterin hatte si$jh. leidenschaftlich zu Daniel vorgebeugt, sie verschlang Mb Gestalt des Jünglings mit den Augen und stieß hervor: ^Sprich Weiter, schöner Jüngling!“ Belsazar sah mit einem schnellen Blick Eli an und erbleichte. Daniel aber fuhr, ohne darauf zu achten, fort: „So-spricht der Herr: Traufet, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit, denn ich will Zion das Heil geben und Israel meine Herrlichkeit. Herunter, du Jungfrau, du Tochter Babel, setze dich in den Staub, denn die Tochter der Chaldäer hat keinen Stuhl mehr!“ Belsazars Wut kannte keine Grenzen. „Knechte, ergreift ihn, man werfe ihn in den tiefsten Kerker!“ Sofort sprangen einige Söldner auf Daniel zu und banden ihn. Jetzt hörte man zwei Frauenstimmen gellend aufschrcien, händeringend stürzte Daniels Mutter Ketura herbei, während Thirza, die Braut des Jünglings sich an seine Brust warf. „0, schleppt mich mit ihm,“ schluchzte Thirza, „an seiner Seite will ich sterben.“ Roh stießen die Kriegsknechte das Mädchen zurück, doch immer von neuem hing sie sich an Daniel. Ketura und Jesua knieten jetzt jammernd vor Behazar, und* alles jüdische Volk brach in Klagelaute aus. Doch der Tyrann achtete es nicht. „Fort“, rief er den Knechten zu, die Daniel abführten. Thirza ließ sich indessen nicht abhalten, ihrem Verlobten zu folgen. Ketura kniete dicht am Wagen des Königs nieder. „Ruf . ihn zurück, König“, schrie sie mit angstvoller Stimme, „ruf ihn zurück! Siehe, eine Mutter bittet um ihren Sohn. 0, ruf ihn zurück!“ „Fort, jüdische Hexe!“ zischte Belsazar, dem die ganze Begebenheit jetzt ein Unbehagen einzuflößen begann. Er wollte soeben das Zeichen zum Weiterziehen geben, als plötzlich Ketura fast rasend den Siegeswagen erklomm und «ich wie eine gereizte Katze auf den König stürzte. „Tyrann,“ fauchte sie, „raubst du mir meinen Sohn, — fürchte eine rasende Mutter!“ „Nimm das, Hyäne," preßte Belsazar zwischen den Zähnen hervor und stieß mit der Spitze seines Speeres nach Ketura, die getroffen zurücksank in di« Arme Jcsuas. „Mein Weib getötet,“ rief dieser wehklagend, „mein Sohn im Kerker — Mörder, grausamer Tyrann, dich treffe Gottes Fluch!“ Entsetzen hatte die Juden gepackt, sie stoben nach allen Seiten auseinander. Belsazar lachte jetzt wieder höhnisch auf. „Dies sei euch ein Beispiel, ihr Juden,“ hörte man ihn schreien. „Ich bin euer Gott, der Macht über euch hat, und wer mich nicht anbetet, der soll in den glühenden Ofen geworfen werden, die Sichelwagen will ich über euch schicken.“ Er gab ein Zeichen, die Musik setzte ein, der ganze Zug entfernte sich. Bald hörte man nur noch fern die Cymbeln und Becken ertönen, bis auch dieses Geräusch sich verlor. Die entflohenen Juden kamen ängstlich und schweigsam wieder heran, alle wollten über das Befinden der verwundeten Ketura etwas erfahren, die besinnunglos in den Armen ihres Gatten ruhte. Tücher wurden ausgebreitet, man bettete die alte Frau weich auf dem Boden und bemühte sich um sie. Serubabel, der wie leblos stand und sein Gesicht verhüllte, ließ jetzt die Hände sinken, blickte zum Himmel auf und sagte laut und fest: „Das Maß ist voll, o Gott, — ich glaube wieder!" Da entstand eine neue Bewegung unter den Juden, alle sahen auf eine kostbare Sänfte die von zwei Sklaven herbeigetragen wurde. „Die gute Königin Summata,“ so flüsterte man sich gegenseitig zu. Da hielt auch die Sänfte schon auf dem Platze, und ihr entstieg eine junge Frau. Das Volk hatte sich nicht getäuscht, es war Belsazars Gemahlin. Milde Trauer lag über ihrem Wesen, eine Welt von uneigennütziger Liebe schien in dieser Huldgestalt verborgen, und wen ihre schönen Augen ansahen, den überkam ein seltsam beruhigendes Vertrauen, es war, als ob dieser Blick spräche: „Sei geduldig!“ Summata ertrug als Gemahlin des launenhaften Belsazar ein bitteres Los; die schwersten Martern, die ein liebendes Weib nur erdulden kann, waren ihr auferlegt. Mußte sie zunächst der Fluch der Kinderlosigkeit Niederdrücken, so litt sie noch weit schrecklicher durch die völlige Entfremdung ihres Gemahls, des Königs, der mehr und mehr in den teuflischen Bann Etis, der Aegypterin, geriet. Es war rein natürlich, daß Summatas ungestilltes Liebesbedürfnis nach Gegenständen suchte, so nahm sie sich aller Leidenden und Unterdrückten mit Eifer an, machte sie doch ein dankbarer Blick der Getrösteten schon überglücklich. Nur von fern folgte sie Belsazars Spuren und tat Gutes, wo er grausam die Geißel des Tyrannen walten ließ. Teilnehmend beugte sich die Königin über Ketura. Man brachte WasS'er herbei, und Summata wusch die blutende Wunde der alten Jüdin, pine Dienerin, di« der Sänfte gefolgt war, holte aus dieser weißes Linnen und heilsame Salben hervor, und die königliche Pflegerin bestrich und verband die Wunde. „Armes Weib,“ sprach Summata voll Mitleid, „wer hat dich so verwundet?“ EISSPEISEN TORTEN FEIN6EBACK liefert frei Haus Bestellungsann ahme: BERLIN W8, LEIPZIGER STR. 24 Merkur 4871/73 Da quoll die ganze Erbitterung des jüdischen Volkes ■wieder empor, und man rief: „Der Tyrann, Belsazar selbst!" Die Königin erschauerte, ein Zug des T "ides grub sich um ihren Mund, doch ihr seelenvoller Blick schien wieder zu sprechen: „Sei geduldig!" Jetzt erwachte Ketura aus ihrer Ohnmacht, erstaunt schaute sie sich um. Doch bald kam ihr alles wieder zum Bewußtsein. „Wer pflegt mich hier?“ fragte sie entsetzt, Jesua suchte sie zu beruhigen: „Es ist die milde Königin, sie will uns wohl!“ „Berühre mich nicht,“ schrie Ketura erregt, „fort, Gemahlin jenes grausamen Tyrannen!" „0 Weib, höre mich an,“ entgegnete die Königin schmerzlich bewegt „Bin ich auch Belsazars Gemahlin, so teile ich doch nicht seine Art, Siehe, ich will aufrichten, wo er niedertrat, will heilen, wo er verwundete, und wo er demütigte, da will ich trösten. Darum, o Weih, nimm meine Wohltat freundlich an!“ „So gib mir meinen Sohn wieder, den mir der Tyrann geraubt!" stieß Ketura mit bebender Stimme hervor. „Du arme Mutter,“ sagte Summata, „alles, was irt meinen Kräften steht, das will'ich für dich tun.“ Da blickte Ketura die gute Königin lange an, ini$' Augen füllten sich mit Tränen. w, „Du Gütige,“ flüsterte sie gerührt, „deine StimrnerMH wohllautend und tröstend. Meine Wunde schmerzt nicht mehr, seitdem du sie berührt hast. Habe Dank, o Königin! wenn noch so viel Güte unter unsem Feinden wohnt, dann brauchen wir an Gott nicht zu zweifeln. Doch einmal möchte ich meinen Daniel noch sehen, zu seinem Kerker mich hinschleppen und — wenn es sein muß, dort bei meinem Sohn sterben.“ Nun wandte sich auch Jesua flehend an Summata. „0 Königin, du vermagst viel, führe du uns in den Kerker unseres Sohnes!“ „Ihr Armen,“ sprach Summata voll herzlicher Teilnahme, „wie gern möchte ich euch helfen. Ich will den Kerker eures Sohnes zu erforschen suchen, vielleicht kann ich euern Wunsch erfüllen." Als Ketura dieses hörte, kam es wie eine göttliche Erhebung über sie. „Hoffe, Israel, denn eine weiße Taube ging aus der Otternbrut hervor!" Und zu Summata gewandt: „Habe nochmals Dank, du gute, gute Königin, dich liebe ich wie eine Schwester." Da schimmerten Tränen in den Augen der Königin Summata, es waren Tränen der Freude, fand sie doch hier bei den verachteten, unterdrückten Juden Liebe — Liebe, die ihr sonst versagt war. ... „Nichts bringt die Herzen näher als das Leid,“ sprach sie und schloß Ketura in die Arme. „Sei meine Schwester, o Weib!“ Und hoffnungsvoll rief das ganze Judenvolk: „Der Herr sandte einen Engel über Israel, der Name des Herrn sei gelobt!“ Geschäftliche Mitteilungen. Wir bitten unsere geschätzten Mitglieder um besondere Beachtung der Anzeige „Oscar Apel, Traiteur des Brüder- Vereins z. g. 1L". Das Weihnachtsgeschenk für den Herrnl t Mod. 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