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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-12-19 · 45 (19.12.1924) · page 5

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
45 (19.12.1924)
Date
1924-12-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4. Jahrgang Nummer 45 1. Beilage 19. Dezember 1924 MischllberckZeiiW Aus den Gemeinden. Berlin. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden ist bereit. Lehrern und Lehrerinnen, die an den von der Freien Jüdischen Volkshochschule zu Berlin für die Zeit vom 28. bis 31. Dezember 1924, bzw. 8. Januar ISA geplanten Ferien-FoetbildungSkursen teilnehmen wollen, Reisebethilfen zu gewähren. Anträge sind an den Preuß. Lan-esverband jüdischer Gemeinden, Berlin N 24, Oranienburger Straße 29. II, zu richten. Berlin. Die Wahlen in der Jüdischen Reformgemeinöe zeitigten folgendes Ergebnis: Zu Repräsentanten imirden gewählt: i. Vorsitzender: Geheimer Sauitätsrat Dr. Benno Holz, Stellvertreter: Herr Emil Drap. 2. Schcistsührcr: .Herr Hans Baer, Herr Friedrich Bendix. Herr Oskar Italiener. Herr Max Hartmaun, Krr Martin Heß, . Herr Max Lippmann. Frau Iustizrat Magims, Herr Obtzrstudienrat Prof. Dr. Schäfer, Here Bruno SchapSki. 1. Schriftführer: Moritz Silber, Rechtsanwalt Malter Simon. Moritz Werthaner. In den Borstand wurden gewählt: Paul Pincus, Arthur Eifenhardt, Frau Stadtrat Hamburger. Hans Lachmann- Mohe, Direktor S. Lewin, Direktor Hermann Lipschütz, Amtsgerichtsrat W. Michaelis. Eduard Neumann, Sanitätsrat Dr. Alfred Peyser, Handelsgerichts rat Samuel. Jnstizrat Gustav Sandberg. Philipp Schlesinger. Berlin. Die Zentralwohlsahrtsstelle -er deutschen Juden terk-t uns mit: , „Die Rcichsregierung hat auch für das kommende Jahr ^lnen erheblichen Betrag szunächst 10 Millionen Mark! zur Unterstützung der Wohlfahrtseinrichtungen in den Reichs- Haushalt eingestellt. Der seitens -des Rcichsarbeiismimstcrrums mit den Vorarbeiten betraute Herr Staatssekretär, Dr. Gelb» sucht sich durch Augenschein über Wesen und Umfang der 'Fürsorgeanstalten aller Art zu informieren. Zu d'eiem Zweck besuchte der Staatssekretär in Begleitung seiner Aleserentin. Frl. Regierungsrat Dr. Dünner, jüngst einige minierer iudi,chrn Einrichtungen, und zwar das alte und das Treue Indische Krankenhaus in Berlin. Der erste Besuch galt dem Hause in der Auguststraße, wo ^uier Führung des Herrn Engen Caspary und der Bvr- ^dcnden des Ahawa-Kinderheims lehemaligcö jüdisches Kinoerflüchtlingsheiml. Frau Wagner-Tauber, das ganze ^ums umn Dach bis zum Keller in allen Einzelheiten gründlich be- Uchtrgt wurde. Tie weiten lustigen, in modernster Ausstatlirvg versehenen Schlaf-, Speise-, Spiel- und Aufenthaltsräume, die Nebeneinrichtungen, die Poliklinik, die Säug- Ittigökrippe, der Agudv-Kindergarten, die Lehrwerkstätten u,w. machten einen vorzüglichen Eindruck. Der Staatssekretär sowie die gleichzeitig anwesenden dirigierenden Aerzte unseres neuen Krankenhauses, die Herren Strauß. Rosenftcin, Abel und Direktor K«bürger äußerten sich in unoerhole ne r Bewunderung über die Umnoandlung und 2teugeitaltnna dieser historischen Krankenheilstätte. Im Anschluß hieranerfolgte die ebenso gründliche Besrchtignng der großen Krankenhausanlagen irr der Exerzier- Araße. Der Eindruck auf die Gaste war ein unverkennbar ve-eutender. Der Staatssekretär hat bei dieser Gelegenheit wiederholt zugesichert, dem zuständigen Ministerium über den überraschenden Eindruck, den er empfunden habe, zu berichten. Es sei immerhin als eine große Tat aufzunehmen, daß trotz der trüben vergangenen Zeit der letzten zehn Jahre, cs möglich gewesen ist. ein so umfangreiches Merk in so ausgezeichneter Weise zu erhalten. . Diesen Besuchen sollen demnächst wertere Besichtigungen lü'discher Anstalten folgen." Berlm. Die ZentralverValtuna der Gesellschaft für jüdischen Gesundheitsschutz „Ose" eröffnet demnächst in Berlin cm großan'g'elegtLs Museum für Hygiene, welches von hier aus als Wandcnurnseum nach den jüdischen Zentren Osteuropas geführt werden wird. Das Museum ist dem Rahmen der sanitären Ausklärungsarbeit der „Ose" emgegliedcrt. Das .uf&uni wurchc in Dresden speziell für „Ose" zusammengestellt: es ist das erste hygienische Museum, in welchem Aufschriften, Diagramme. Literatur «sw. in jiddischer Sprache gehalten sind. Am l. Januar 1925 wird in Berlin die erste medizinische Beratungsstelle für die ostjüdische Bevölkerung eröffnet «BW werden. Die Beratungsstelle wird durch die Berliner „Oie". Abteilung geschaffen und Hat daS Ziel, sanitäre Aufklärungsarbeit unter den Ostjuden in Berlin zu leisten. Cassel. DaS große Sterben der öffentlichen israelitischen Volksschulen im Reg.-Bez. Cassel nimmt Infolge der Abbaubestimmungen seinen verhängnisvollen Fortgang. Neuerdings wurde die Stelle in Lichenroth (Kr. Gelnhausen) aufgelöst und der derzeitige Inhaber, Lehrer Oppenheimer, nach Eiterfeld bei Fulda versetzt. Das gleiche Schicksal soll auch der zu den ältesten Instituten dieser Art zu rechnenden Schule in Kirchhain bevorstehen, wenn eS den Bemühungen der maßgebenden Organe nicht gelingt, die Auflösung zu verhindern. Die Schülerzahl ist allerdings in letzter Zeit bauernd zurnckgegangen. so daß für Erhaltung der Schule nur geringe Hoffnung besteht. Eine traurige Perspektive für die hessischen Gemeinden und bi« jüdische Lehrerschaft! -~ Zu den wenigen Stellen, die der Auslösung entgangen sind, gehört Mansbach, das auch schon zu den aufgelösten gehörte, nach einer Verfügung des Ministers aber erhalten bleiben soll. Der seit zwei Jahren dort amtierende Lehrer Berninger ist nach Burghaun versetzt. Als sein Amtsnachfolger wird Lehrer Rothschild genannt. Durch Anordnung deS Ministers ist auch die israelitische Volksschule in Tann lRhön) erhalten geblieben. Danzig. Demnächst wird in Danzig eine jüdische Volksnnrversität eröffnet werden. Tie Volksnnivcrsität, um deren Gründung eine Gruppe jüdischer Intellektueller sich bemüht, wird das Ziel verfolgen, die wachsende jüdische Gemeinschaft in Tanziq mit den sozialen und kulturellen Problemen des Judentums vertraut zu machen. Danzig. Der Danziger Senat brachte im Bolkstag einen Gesetzesvvrschlag ein, daß das Recht von Ausländern, gegen die Abweisung ihres Einbürgerungsgesuches zu appellieren, abgcschasft werde. Das Appellationsrecht abgcwiesener Ausländer wurde seinerzeit aus Vorschlag des Komitees der jüdischen Delegationen beim Völkerbund eingeführt. Sollte der Antrag des Senats angenommen werden, so würde dies bedeuten, daß kein Ostjude mehr als Danziger Staatsbürger ausgenommen wird, da der Senat des Freistaats aus Dentschnationalen zusammengesetzt ist. Gegenüber diesem Vorschlag beantragte die sozialdemokratische Volkstagsfraktion, daß 1. schon ein dreijähriger istatt wie bislier ein fünfjähriger) Aufenthalt im Freistaat zur Ausnahme in den Staatsverband berechtigen sott, und daß 2. den Ausländern das Recht verbleiben soll, für den Fall der Ablehnung ihres Bürgecschaftsgesuches an eine höhere Instanz zu appellieren. Die Sozialdemokraten begründeten ihre Forderung mit den wirtschaftlichen Interessen des Freistaats. Erfurt. Auf denr Grundstück des städtischen Hospitals, auf dem jetzt ein Neubau errichtet wird, sind jüdische Grabsteine ans dem 13. Jahrhundert gesunden worden, die daS städtische Museum der hiesigen Synagogengemeinde als dauernde Leihgabe unter Vorbehalt des Widerrufes überlassen hat. Dagegen hat das städtische Museum vorbehaltlich des Widerrufes als dauernde Leihgabe von der Synagogengemeinde Erfurt eine» israelitischen Grabstein aus dem Jahre 1287 erhalten, der im Museum au ausfallender Steller mit dem Hinweis aufgestellt werden wdrd, daß eine große Anzahl alter wertvoller Steine auf dem Israelitischen Friedhöfe an der SchützenhauSstraßc ausgestellt ist. Frankfurt am Main. Nachdem Rabbiner Dr. Lazarus den Ruf als Schuliuspektor an der Berliner Jüdischen Gemeinde abgelehnt hat, hat nunmehr auch Rabbiner Dr. Salzberge c. der ebenfalls eine ehrenvolle Berufung als Rabbiner an die Jüdische Gemeinde erhalten hat. sich entschlossen, in Frankfurt am Main als Gemeinderabbiner zu bleiben. Frankfurt a. M. Nachdem das im Auftrag der Verwaltung der israelitischen Gemeinde für die neue Westenösynagvge im Jahre 1910 zur Einweihung der Synagoge fertiggestellte S e l i g m a u y s ch e Gebetbuch bereits seit mehreren Jahren vergriffen war. beriet am 4. November d. I. die liberale K u l t u s k o m m i s s i o n über die Veranstaltung einer neuen Auflage, und beschloß einstimmig, an den Vorstand der Gemeinde den Antrag zu stellen, die neue Auflage schleunigst von seiten der Gemeinde heranszugeben, und Herrn Rabbiner Tr. Teligmann mit der Neubearbeitung zu betrauen. Eine eingehende Diskussion, die sich an ein Referat Tr. Seligmanns über das Gebetbuch anschloß, mmmmmmmammmmmmmmammmmmmmmmmmmmmmmummmmm ergab allgemeine Uebereinstimmnng darüber, daß sich das Gebetbuch vorzüglich bewährt, und eine ganze Generation von Entfremdeten den Gottesdienst in dieser neuen Form wieder gewonnen habe. Deswegen müsse das Gebetbuch in seiner prinzipielle» Struktur, seiner Verteilung von Deutsch! und Hebräisch und feinen deutschen Uebertragungen und neugeschaffenen Gebeten aufrecht erhalten werden. Neber die unbedingt notwendigen oder wünschenswerten Aenderungerr solle Herr Rabbiner Dr. Seligmann in der nächsten Sitzung der liberalen K u l t u s k o m m i s s i v n referieren. Ans Anregung der Rabbiner und des Synagogenvorstan^ des der neuen Westenbsynagoge an der Königsteiner Straße wurden hierauf die Besucher dieser Synagoge und des entsprechenden Ftltalgottesoienstes zu einer'* Aussprache „Ueber unser Gebetbuch" auf den 23. November dieses Jahreeingeladen. Hier sollte den Synagogenbesnchern Gelegenheit gegeben werden, ihre Wünsche und Anregungen in bezug auf die neue Auflage des Gebetbuchs vorzubringen. In der sehr gut besuchten Versammlung, die im Trausaal der Synagoge stattfand, wurde auf Anregung des Synagogenvorstandes die Begründung eines „Synagogenvereins der Königsteiner-Straßen-Synagoge" beschlossen, dem sofort etwa 40 Mitglieder beitraten. Ferner wurde mitgeteilt, daß vom neuen Kalenderjahr ab belehrende Vorträge der Rabbiner im Anschluß an den Freitagabenogottesdienst etngeführt werden sollen. Die Besprechungen über die Neuauflage des Gebetbuchs cröfsnete Dr. Seligmann mit einem einleitenden Referat, in welchem er etwa folgendes mrssiilirte: Eine Neuauflage des Gebetbuchs ist schon seit Jahren ein dringendes Bedürfnis, da die alte Anflage schon lange vollständig vergriffen ist. Erst jetzt, bei der allmählichen Wiederherstellung der Wirtschaft aber könne an einen Neudruck gedacht werden, der nach einstimmiger Ansicht der liberalen Kultuskonnnisfion Sache des GemeindevorstandeS sei. Die Frage, die nun zur Erster ung stehe, sei, ob undi welche Veränderungen bei der neuen Auflage eintreten sollen. Und da seien zu nnterscheiden: 1. notwendige Abänderungen. 2. in der Praxis bisher schon eingetretenc, 3. wünschenswerte Aenderungen. Bon prinzipiellen und den Charakter des Gottesdienstes aufhebendcn Blenderungen könne selbstverständlich keine Rede sein. Notwendig sei, wie anS der Denkschrift zu dem Gebetbuch sich ergebe, die Hinzufügung einer Liturgie für die zweiten Feiertage an den 3 geschichtlichen Festen (Denkschrift S. 42 f.). Notwendig sei ferner eine neue Auswahl von Prophetenabschnitten, zu denen, wie gleichfalls in der Denkschrift (S. 44) bereits erwähnt, wertvolle Abschnitte aus den Hagiographen binzukommen sollen. Besonders dte 5 Megilloth müssen an den entsprechenden synagogalen Tagen tm Gottesdienst auf genommen werden. Notwendig sei endlich, für den Vcrsöhnungstag eine Umgestaltung des ersten Teils des Morgengcbets. während, sonst der Gottesdienst der Jomim noroim im großen und ganzen unverändert bleiben könne. >44444444444444444444444444444444444444 Ortsgruppe Dresden der Bereinigung für bas liberale Judentum e. «. Zur Wahrung der Interessendes liberalen Judentums hat sich in Dresden eine Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. gebildet. Freunde der Bewegung werden gebeten, die Bestrebungen der Ortsgruppe durch ihren Beitritt zu fördern. Anmeldungen nimmt der Vorsitzende -der Ortsgruppe. Rechtsanwalt Paul Salinger in Dresden-A., Grunaer Straße 15, II. entgegen. Dresden, Dezember 1924. Rechtsanwalt Salinger. Rnbols Apt. Egon Feuerstein. Auf dem Friedhof. Ueber der Stätte der Toten liegt heiliger Gottedfriede. — Hcrbsteswind breitet den Arm um der Bäume buntfarbige Kronen, Und ersterbend sinkt still Blatt um Blatt nieder zur Erde. — Bild des ewigen Werdens, Vergehens. — Klagend tönt im Gezweig die Weise des einsamen Bögleins, Dtl den Abschied es beut den trauten Gefährten des Sommers. — Plötzlich bricht ein Strahl der Sonne durch dunkles Gewölle. Milde ruhet sein Glanz auf dem efeuumsponnenen Grabe. Und er scheint zu künden: „So leuchtete jenes ‘ Verklärten Gütige Liebe dereinst mit lichtem Schein in dein Leben Und erfüllte mit Glück und Weihe des Alltages Stunden. O, so spende auch du den Menschen Liebe und Treue, Auf daß deiner man denkt, wenn du zur Ruh hier gebettet." — Hefter der Stätte der Toten liegt heiliger Gottessriede. — Sophie Jacobsohn. Aphorismen eines namenlosen Philosophen. Wer uns nicht zeigen kann, wie wir aus der Menschenhaut berauskornmen. hat kein Recht, den Atheismus zu predigen. „Nichts glauben" ist ja auch nur eine andere Art, alles zu glauben. Es ist ein anderes, der Sklave alter Ueberlieferungen, von ererbten Anschauungen nie sreigekommen zu sein, oder aber frei von ihnen und unbekümmert nm sie durch Erfahrung und Denken bestimmte Einrichtungen als unumgänglich notrvendig zu erkennen, die dem Altüberkommenen entsprechen. „Glauben beißt nichts wissen," sagen viele. Da nun der Ungläubige ebensowenig weiß wie der Gläubige, dieser aber mindestens missen muß, welchen Wert für ihn der Glauben hat, so heißt nicht glauben: eins weniger als nichts wissen. Newton fand, alle Arbeit seines Lebens sei nur ein Spiel mit den Muscheln an der Küste des unerforschlichen OzeanS der Wahrheit gewesen: wie viele Schwätzer dagegen wollen dasselbe Meer ausgeschöpft haben. Reiner Materialismus sei gegenwärtig herrschend in der Welt, meint ihr? Wäre es wahr, eS ginge und besser. Wäre wirklich nur der wäg- und meßbare Stoff anerkannt, würde das Leben nicht mehr von Instinkten. Gefühlen. Idealen getrieben, so hätten wir ein Wenig verloren und ein Viel gewonnen, insofern bloße Automaten zwar keiner Ehrfurcht, aber auch keiner Verachtung wert sind wie lobende Menschen mit zu n i e d r i g e n Instinkten, zu rohen Gefühlen und zu lächerlichen Idealen. Jahrtausendelang behandeln wir nun die Geschichte von der Sündflut: aber der Gelehrteste von uns allen weiß keine Antwort« wenn ein kleines Mädchen fragt, was denn damals die armen Tiere verkrochen hatten, daß sie mit den Menschen untergehen mußten. Bevor ein sonst echter Dichter über den „Pfaffen" schimpft, sollte er begreifen lernen, -aß er selbst nichts weiter ist als Ersatz für den Pfaffen, den Massen nicht ganz so unbequem wie dieser, dafür aber dem Fußtritt um so eher auSgefetzt. Irrlehren stiftet notwendig jeder, der vor einer größeren Menge lehrt. Gott ist überall, nur da nicht, wo um die Farbe feines BarteS gestritten wird. Der höhnende Teufel steckt nicht nur hinter dem Kreuz, sondern hinter allem Erhabenen. DaS erHaSeuste Profan« nennen sie „schöpferische Tätigkeit" und wer bei Worten überhaupt denkt, mag dann im Geist einen Seifensieder vor sich sehen. Die Höhe des „metaphysischen Bedürfnisses" entspricht ganz genau der Tiefe des Biehseins. wie auch die Phantasie im Grunde nur Korrelat der psycho-physrschen Schwäche ist, die es zu einem wirklichen Haben nicht bringt. Außer der einen, daß wir uns von ihm ein niederes Bild machen, wird uns Gott kerne Sünde anrechnen. Der einzige Maßstab, an dem Tugenden zu messen sind, ist die Natürlichkeit: alles Widernatürliche ist Sünde und alle Sünde ist widernatürlich. So ist die echte Demut, die des Kleinen dem Erhabenen gegenüber, die Krone aller Tugenden, weil sie das einfachste Natürliche ist: die falsche Demut, die vor dem Niedrigen, das durch Menschentrug irgendwie erhoben wurde, ist die widerwärtigste aller Sünden. Ein wahrhaft demütiger Knecht vor dem natürlichen Herrn hat selbst Herrenrang gegenüber allem Geschmeiß von gemachten Herren, deren Minderwertigkeit cs nur verhindert, -atz sie in ihren Kreaturen ihre eigene verächtliche Art erkennen. Gold und Wahrheit sind nicht rein zu verwenden, es müssen geringere Zutaten hineingearbeitet werden. Beide aber blenden auch und locken die Gier unheiliger Krämerseelen: Tränen des Leids statt der Freude sind dann sichere Folge und es erscheint als heilige Tat. den Schatz an unbekannter Stelle zu versenken, damit ihn keiner mehr mißbrauche. Es gilt — trotz Spengler — „ewige Wahrheiten", aber eben auch mir als Objekte, die zuerst Anerkennung ihrer Absolutheit verlangen und dann im Kampf mit dem Gvgen» ding sich in einem reduzieren laßen müssen, um im andern, dem Relativen, um so stärker zu werden. Wenn nun einer die Existenz der Objekte ohne „erkennendes Subjekt" leugnet, weil er vom „Absoluten" nicht loskommt, so braucht nur er selbst keine ewigen Wahrheiten einzusehen und es sind faktisch — für ihn — keine da. In der Jugend sucht der Mensch mit Worten zu glänzen, im Mannesalter strebt er nach »Begriffen, am Lebensabend örrrchstöbert er den ganzen Wust seiner geistigen Habe nach einem tröstenden Gedanken. Worte ohne Geist sind leerer Schall: aber dem Geistlosen gegenüber verfügt auch der Prophet nur Mer Worte. A. v o m Berg.

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