Mannheim
Compact Memory

Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-12-05 · 43 (5.12.1924) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
43 (5.12.1924)
Date
1924-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2613366-2613741-2613784--1086-2618416
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

,r .'l^V Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bqu-»prei» durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. 2^0 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung 1. Inland 0,25 Air die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mitgliedsbeitrage enthalten. :: :: :: 'Chefredakteur: Dipl..Ing. Bruno Woyda. vie „Jüdisch ttdsrals-Jsttung" erscheint jeden Sreilag Schrtttleiiunc, und Ssschüttsslsils: Veriln, Mauerftratze22. Svrnrukr 5lm1 Merkur Nr. 8728 Postscheckkonto- 0«rUn NW 7Nr.IZ7V64 (Vsrelniaung für Das liberal« ]ut)enfum) tlad)Oruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Der ReDafetion gestattet! Anzeigenpreise: Die lLgespallene Nonpareillezeile 0.45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark. :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih. Verlagsab teilung, Berlin S.W.68. Lharloltenftr. 06 (Lernsprecher: Dönhoff S3K0—VS), sowie sämtl. Annoneen-Expeditionen. Nr. 43 Berlin. 5. Dezember 1924 4. Jahrgang Sie erste Mische" '. '' Der Sonnenaufgang der Gotteserkerminis auf der Höhe des Moria. - : Im Rahmen der von der Lüdweftdeutfchen Rundfunk A.-G. veranstalteten religiösen Morgenfeiern wurde, wie wir bereits in voriger Nummer berichteten, am Sonntag, den 16. November 1924. die erste jüdische Radivpredrgt in Deutschland von - Herrn Rabbiner D r. Cäsar Seligmann- Frankfurt a./M. gehalten. Wir sind in der Lage, Liefe Ansprache, die an die Bibelsdelle von der Opferung Isaaks anknüpft, nachstehend zu vecöffent- , lichen. Niemand wird bestreiten können, daß durch diese Veranstaltungen, die der Fortschritt der Technik ermöglicht, kranken und schwächlichen Glaubensbrüdern, die nicht in der Lage sind, die Synagoge zu .besuchen, eine ihnen erwünschte Möglichkeit zu religiöser Erbauung geboten wird. Sodann mutz es ' uns, nachdem auch christliche Geistliche den Rundfunk . als erfreuliche Bereicherung der Möglichkeiten zur Verbreitung ihrer Ideen begrüßt haben, erwünscht sein, daß auch unsere religiösen Führer auf diesem Wege zu den Vertretern anderer Religionen sprechen und ihnen die erhabenen Gedanken des Judentums nahebringen können. So gebührt der veranstaltenden Südwestdeutschen Rundfunk A.-G. unser Dank, und wir können nur hoffen, daß auch die anderen Radioprogramme durch jüdische Feierstunden geadelt werden. kurzsichtiger Verblendung hat der „Israelit", aas Zönttalorgan für das orthodoxe ^Judentum, sich bemüßigt gesehen, die religiösen Führer des Judentums ünd die Rundfunkgesellschaften durch geschmacklose und persönlich verunglimpfende Bemerkungen von dfesem Versuch abzubringen, die Rttlderung der Gegensätze in unserem Vaterland durch Verbreitung jüdischer Ideen zu erreichen. Die jüdische Telegraphenagentur" ließ der Ruhm der reaktionären Zeitung nicht ruhen, und so verbreitet sie die kindlichen Bemerkungen über Radiogottesdienste in ihrem Korvespondenzblatt. Dabei befindet sie sich in schöner Harmonie mit der angeblich neutralen jüdischen Zeitung für Ostdeutschland". die ebenfalls nicht einsieht, daß man sich gegen den Fortschritt der Zeit nicht stemmen kann. Bor hundert Jahren sträubten sich alle Rückschrittler im Judentum gegen die Einführung der deutschen Predigt. Heute predigen auch sie deutsch und bekämpfen die Radiopredigt. In weiteren hundert Jahren werden sie die Einführung der jüdischen Feierstunde im Radio als ihr Verdienst buchen. Die Redaktion. Gestern, in unserem Sabbatmorgengottesdienste haben wir von der Prüfung Abrahams aus der Heiligen Schrift vorgelesen. Wie Gott dem Abraham 'Srüst und zu ihm spricht: „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Isaak, und bringe ihn mir zum Opfer dar." Wie Abraham den furchtbaren Weg zmnMoria mit seinem Sohne schreitet, ivie er ihn auf den Altar bindet und schon seine Hand über ihn ausstreckt, ihn zu opfern. tief ein Engel des Ewigen vom Himmel: Abraham! Abraham! Lege deine Hand nicht an den Knaben und lue ihm nichts!"-' Eine rätselvolle, gedankenschwere Geschichte, wie uralt geheimnisvolle Bilderschrift. Wenn man unsere Geschichte ibres mystischen Gewandes entkleidet, so war es in Wirklichkeit doch so, -aß in Abraham selbst sich eine gewaltige Tragödie vollzieht, so erschütternd und au die letzten, abgrundtiefen Fragen der Menschheit rührend, wie nur je eine Tragödie sich abgespielt hat. ist die Tragödie der Gewissensnot, die seelische Erschütterung, die ein Mensch erlebt, der bisher gewohnt war, selbstsicher nnd unbeirrt seinen Weg des Gewissens zu gehen. Und über den es nun zum erstenmal kommt wie ein Argwohn, wie ein Mißtrauen gegen sich selbst. Aus seiner Sicherheit gerissen, von Zweifeln gejagt, in die finstere Nacht seelischer Wirrnis ymeingestoßen, erfährt er die Tragik des Lebens, die stch, je größer, je reiner, je heroischer der Mensch ist, mn so furchtbarer in ihm vollzieht und durch einen unerhörten Aufruhr der Seele, durch eine innere Entladung, einen Zusammensturz hindurch zu neuem Leben, neuem Lichte, zur Entdeckung neuer Wahrheit führt. „Wo ist der rechte Weg. den der Mensch sich wählen soll?" „Wer lehret mich? Was soll ich meiden? Soll ich gehorchen jenem Drang? Ach! unsere Taten selbst, so gut als unsere Leiden, sie hemmen unseres Lebens Mang." .ftfiflS Aus dem Inhalt: Robb. Dr. SeligtnaAu-Fraukfurt a./M.: Der Sonnenaufgang der Gotteserkeuntnis auf der Höhe des Moria. — Generalsekretär Dicknranu-Berlirr: Wie gewinnen wir den jüdischen Menschen Mr den religiösen Liberalismus? Poof. Dr. Grotte-Breslau: Vergessene jüdische Kunstwerke. — Sau.-Rat Dr. Scherbel-Lisia: Ein literarisch-künstlerisches Museum. —Franz Cingia: Sonett. — I. Landan-Berlin: Reb Kreisrichter. * Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinde«. — Bücherscha«. — Ans der Bewegung. — Borfammlungskalender. — Kalendarium. Religiöse Gemeinschaftsarbeit. In der Liberalen Jüdischen Synagoge in London wurde am Abend des 27. November eine Konferenz über das Thema: „Religion als erzieherisches Moment" abgehalten. Die verschiedenen christlichen Körperschaften (Kirche von England. Römisch-Katholische Kirche, Presbyterianer. Baptisten usw.) haben 381 Vertreter entsandt, von jüdischer Seite waren IW Personen erschienen. Der Vorsitzende, Rabbi Matttzck, führte aus, daß in einer so schweren Zeit wie heute, wo der Glaube täglich anaeföchttzn wird, es mehr als je nötig sei, daß alle, die an Gott glauben, sich vereinigen und die gemeinsamen Glaubenssätze mit größtem Nachdruck betonen. Wenn auch die religiösen Anschauungen verschieden seien, so bleiben doch Berührungspunkte und vvr allem hegt jeder Gläubige gegenüber dem Anhänger einer anderen Religionsgemeinschaft Achtung und Loyalität. Mrs. Hanbidge, die Leiterin der Central Foundation School, sagte, daß 60 Prozent ihrer Schüler Kinder eingewanderter Inden seien, 40 Prozent sind Engländer. Die Religion bildet ein gemeinsames Band. Die Schulkinder haben zwar getrennten Gottesdienst, aber einmal in der Woche findet der Gottesdienst laut einer Genehmigung des Bischofs von Kensington und des Oberrabbiners gemeinsam statt. Claude Montefiore drückte in einer Ansprache seine Freude darüber aus, daß die Konferenz zustande gekommen sei und betont, eine derartige Versammlung wäre nur in England, höchstens in den Bereinigten Staaten, möglich. Man sei nicht zusammengekommen, um zu debattieren, welche Religion die bessere sei. sondern um, getragen von der gegenseitigen Achtung, zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme beizutragen. Er sehe in der Versammlung einen erfolgreichen Beginn, einen Meilenstein im geistigen Fortschritt, der nicht leicht weggewälzt werden wird. — Es sprachen noch Hon-Lily Montague und viele andere. Max Hickl gestorben. Der Herausgeber der Brünner .^Jüdischen Volksstimme". Max Hickl, ist während seines Besuches in Wien plötzlich erkrankt und am vergangenen Montag im Wiener allgemeinen Krankenhaus verschieden. Er stand im 51. Lebensjahre. Die von ihm in Brünn gegründete und geleitete „Jüdische Volksstimme" hat erst vor wenigen Monaten das 25 jährige Jubiläum ihres Bestehens gefeiert. Das Ableben Max Hickl's hat in jüdischen Kreisen Wiens und der Tschechoslowakei tiefstes Bedauern erweckt. Max Hickl hat sich nach dem Auftreten Theodor Herzl's. des Begründers des politischen Zionismus, der Bewegung zur Verfügung gestellt und wirkte publizistisch und organisatorisch für dieselbe. Zu den ersten Mitarbeitern seiner Zeitung gehörten Berthold Feiwel und Robert Stricker. Gleichzeitig mit der .Jüdischen Volksstimme" schuf er das populär gewordene Jahrbuch „Jüdischer Bolkskalender" und den „Jüdischen Buch- und Kunst-Verlag". Verlag und Redaktion der „Jüdisch-liberalen Zeitung" haben bereits Gelegenheit genommen, dem Verlage zu dem Heimgänge seines ausgezeichneten Begründers ihr herzliches Beileid auszusprechen. Oom Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Nachdem in der letzten Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus der Reichskanzler a. D. Fohrenbach in den Vorstand des Vereins gewählt worden ist, hat der Vorstand die Aemter nunmehr folgendermaßen verteilt: Vorsitzender: Reichsminister a. D. Dr. inß. Georg Gothein. Stellvertr. Vorsitzender: Reichskanzler a. D. Constantin Fohrenbach: Schatzmeister: Rcchtöamvalt und Notar Dr. Hermann Fischer. Berlin: Stellvertr. Schatzmeister: Rechtsanwalt Willy Braubach. Berlin: Beisitzer: Geh. Justizrat Dr. Dove, Berlin: Rechtsanwalt und Notar Dr. Eduard Baerwald. Frankfurt a. M.: Jnstizrat Dr. Gehrke. Frankfurt a. M.: Dr. Paul Natlian. Berlin: Staatsminister a. D. Dr. Albert Südekum. Zehlendorf: Bankier Abi S. Marburg. Hamburg: Universitätsprofessor Dr. Ziegler. Greifswald. Man sagt freilich, Gott Hai uns seinen Willen ins Herz geschrieben. Gott hat uns ein sittliches Bewußtsein gegeben, welches imstande ist, sofort untrüglich das Gute zu erkennen. Aber ist das wahr? Hat das Gewissen nicht die ungeheuerlichsten Taten nicht nur geschehen lassen, sondern verursacht? Nicht von den Molochsaltären allein lodern die Feuer gemordeter Kinder zum Himmel empor. In die Hand des Bluträchers drückt das Gewissen den geschärften Dolch. In die Flammen, die den Gatten verzehren, stürzt das Gewissen die indische Witwe. Zur höheren Ehre Gottes hat der fromme Maube Ketzer und Hexen verbrannt. Kein Verbrechen ist zu groß, keine Qual zu entsetzensvoll, als daß sie nicht vom Gewissen gutgehcißen worden wären. Die Asche der Unschuldigen, mit deren Mord sich das Gewissen abgefunden hat, ist ausgestreut über alle Länder. Wie konnte je das Gewissen der Völker Menschenmord, sei es im Namen welcher fanatischen Idee auch immer, gut-heißen? Wie kommt der Mensch auf diesen Wahnsinn, daß Gott Menschenblnt fordere? Wie konnte Abraham glauben, sein Gott verlange von ihm, daß er ihm feinen Sohn, seinen einzigen, den er liebt, als Opfer darbringe? Man muß tief in das Dämonische der Menschenseele hinabbauchen, um den Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels zu finden. Es ist die Furchtbarkeit des ehernen PsUchtgsd-ankenS, der sich bei den Starken und Starren bis zur UneLbittlichkeit der Forderung und Leistung steigert, und der jg auch von dem großen deutschen Philosophen vergöttert wird. Wider seine Neigung handeln, das Unerhörteste als die höchste Leistung betrachten, das Schwerste tun, auf das Liebste verzichten, alles, bis ans das Letzte restlos hingeben für die Pflicht — das ist wie. ein Rausch, der über den Menschen kommt: Dann stürmt es und hämmert es in seinen Adern. Alle Lebenskräfte strömen zusammen in einen Ungeheuern hochgespannten Willen, der in seiner Einseitigkeit blind, taub, sühllos wird gegenüber allen Tangen. Von jeder Anhänglichkeit an das Irdische gelöst, alle freundlichen'Zusammenhänge der Menschengesellschast innerlich zerreißend, Familie, Heimat, Glück, Leben — alles, alles von sich werfend und zertretend — so sind die Glaubenshelden ihren Weg gegangen, besinnungslos, in trunkener Entschlossenheit. Die Gottesstimme spricht! Die Furchtbarkeit des Gewissens erhebt sich gigantisch — unter diesem Zwang hört, sieht, denkt, fühlt, will der Mensch nichts als das Eine, vor dem Recht und Unrecht, Gut und Böse verblassen, Vernunft und Wahnsinn ihren unterscheidenden Charakter verlieren. Auf diesem Wege gibt es keinen Halt, keinen Widerstand, kein Zurück. Diesen Weg ist auch Abraham, der Glaubensheld, geschritten. Er hat sich losgerissen von Vaterland nnd Heimat und Elternhaus, um seinen einsamen Weg allein zu wandeln. Er hat sein Herz bezwungen nnd sich für seinen Gott entschieden gegen alles, was ihm von Kindheit an lieb und verehrungswürdig war. Er hätte sich verachten müssen, wenn er sich untren geworden wäre.. Sollte es Heiden geben, die für ihren Glauben größere Opfer bringen konnten als Abraham? Sollte es ein Opfer geben, das er nicht bringen konnte? Heute will er frei werden von seiner letzten Gebundenheit an Irdisches. Noch ist er nicht ganz frei. Ist es die natürliche Liebe des Vaters zu seinem heißgeliebten Kinde? Ist es das Anfbänmen der reinen Seele vor der Sünde, das entsetzenSnolle Zurückschrecken vor dem Wahnsinn, dem er sich verfallen sieht, was in seiner Seele wogt? Erschütternd deutet die Heilige Schrift diesen Seelenkanrpf in feiner Wendung an: „Und Isaak sprach, mein Vater, hier ist das Feuer und das Holz, aber wo ist das Lamm zum Opfer?" Und Abraham: „Gott wird sich das Lamm ansersehen." Wie? Gott wird sich das Lamm ausersehen? Hat sich Gott das Lamm nicht schon ausersehen? Hat Abraham eine heimliche Verborgenheit im letzten Winkel seines Herzens? Hofft er ans ein Wunder, um loszukommen von seiner Gewissensnot? Gehört auch er zu den Lauen, zn den Halben, die ein Kompromiß schließen mit ihrem Gewissen? Er ist sich treu geblieben bis beute. Leicht war sein Weg nie. Das ganze Leben des Menschen ist eine stete Verführung zur N:^rene.ge^en sich selbst. Nicht umsonst reden unsere Weisen von den zehn .Prüfungen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.