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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-11-28 · 42 (28.11.1924) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
42 (28.11.1924)
Date
1924-11-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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UncndBdikdt Bs hwdM dar Mmtd dar Schöpfung wrk Md^ ' Date Daakaa raatka wii> dte letzte« Dingo. Poch ahaaad. daß ar »lamals ata bv*wteg«L Wird oA voraweffaft arid« ar «ad ocbwmek IWaa «oft da Wlaataaohaftt — SU Ißri daa Wh^ Doch da« Warna bleibt aartg Ihr rarachloaaaa. Erklimmt da auch dar Weisheit höchst« Spvoaaam Dar Wtstea Frag« Antwort gibt da zte. Und daa beaaelt dea Willen, Mensch za oete, Daa gibt erst anserm Dasein Kraft and Glauben Mag ans die Endlichkeit das Leben rauben — Dar Schöpfung Wunder wird anendlich sefnl X Weiaeaft Der Schritt Ober die Grenze. Skiase tm Mari« Elisabeth Werlo, Wen ich Caspar Frei sah, hatte ich immer den Eindruck eines alten, abgegriffenen Buches, das dis Neugier reizt. Aber nie bekam ich mehr als den Einband zu sehen; eia Schloß bewachte dea Inhalt, und mm ScMflsselEndea fehlte mir von jeher di« Gabe. So reduzierte ich denn meinen Wissensdurst auf das icdiige, unaufdringliche Studium der Hülle dieses merkwürdigen Menschenbuches. Ich kann das Resultat nur in einem Bilde wiedergebeni ln jener Zeit meines Lebens, dm eine regere Bautätigkeit ab sonst im Zellen- und Gedankenstaat meines Seins einsetzte und eine reichere Zufuhr an Baumaterial notwendig machte, geriet ich in meiner ewig wachen Lesebegierde an ein altes, vergessenes Spind auf der Bodenkammer meines elterlichen Hauses. Bucherl Wen reizte nicht das Wrak, das auf der Sandbank der Verlassenheit auf gelaufen ist! Es waren doch einmal Menschen darin, ihr Lachen und ihre Traurigkeit, und es segelte doch einmal auf der See des Lebens, stolz, bewundert und gegrüßt! — Mit einem am Sehe« and Forscherbegierde gemischten Gefühl musterte Ich die verstaubten Bücherruinen. Da Standen feierlich wie ein ewiger Protest riesige Gebetbücher mit großem Druck, schwarzen, kreuzgepreßten Leinendeckeln mit ab gestoßenen Kanten, ln einer spinn- Webbeh&ngtea Ecks lehnte mit Ihren kindlich bunten, zürnenden oder versöhnlich lächelnden Bildern eine Golfern wie eis Klagelied Jeremias. Erzählungsstücke mit herzbewegendem Titel. einer sehr veralteten Orthographie md sehr vergilbten Blättern. Alle hab* ich verschlungen und ihnen meinen Tribut gezollt in mehr oder minder zahlreichen Tränen and erbaulichen Gefühlen. Dann aber War da noch «in Buch. Es war handgroß, in gelbbraunes, verschossenes Leder gebunden — ein Stück des Rückens hing kläglich zerrissen, und einzelne Blätter bogen sich wie auf dringlich* Gedanken weit über die andern. Ich weiß, daß jenes Buch rieh wie eine Mauer vor mein Denken stellt*, all die abgeteilten und zusammengedrängten Buchstaben waren wie festgefügte Steine, durch die ich nicht hindorchfand. So weiß ich nichts von dem Inhalt zu berichten. Nor die Titelseite ist mir fan Gedächtnis. Da groß und stell, Wort unter Wort, wie ein« Denkerfeit« tdf einer ehrfurchtgebietenden Stirn» «Sä* dich und du wirst dich »ratenr Und auf einem Nachblatt oaradierten ln einer vergilbten und jedesmal wechselnden Schrift die Namen meiner Vorfahren, die eine,Reihe hindurch dieses Buch Ui ihrem Besitz und ihrem Wissen gehabt. Ein jeder hatte von seinem Ich wohl hineingesät, vd seine Empfindungen und Gedanken hingen daran — eine reich best eilte Saat! 'W*t sollte ernten? Ich? Der ich den Weg in diese Vergessenheit fand? Aber ich fürchtete mich vor dem Buch! ln der Tat, diese starren, eingeteilten Buchstabengefüge, durch die für mich keine Bewegung des Geistes lief, ängstigten mich und verfolgten mich in meine nächtlichen Träume. Die Folge war, daß meine Mutter den Schädling meines jugendlichen Schlafes aufstöberte und kurzerhand verbrannte. So wie dieses merkwürdige Buch, erlebte ich Caspar Frei Er war alt und vergilbt und silbersträhnig und wohnte in einem Häuschen, das wie ein Winkel der Verlassenheit mutete ln seinem Versteck von Bäumen und HÄgalwiadon. Mm sah fern wnfe hu Dorf. Nur dar oft» wöchentlich einmal ga tätigt« Einkauf safnar geringen Labapsbadflrfnlaas zaigte ihn auf der Straß«. Sain Lächeln, •ela BÜck, ja totes Haltung woran die des Kindea, dea dk aterigen Schatz vor der Willkür der Großen seine Deorat bet Aber an feacn versöhnenden Schleier haftete steh ein Ahnen von einer fremden «ad aadurchdrtegßehaa Weh, (Be h dem merkwürdigen Manne blühte. Eia jeder Maneoh ist dazu verurtattt, ans »einem {hopfe buch*, ht daa sein Leben eiageechriebea, zeitweilig Aozsüg« zu machen und das hi der brettea Oeffentltehkeit, wo jeder Begegnende dem Schreiber Aber die Schalter blickra darf. Und jeder erspähte Paaeos wird sorgfältig registriert and aufbewahrt, and so lebt von jedem ein Bach hi den Händen der Gemeinde, der er xugeteilt. Und sie tragen des Buch hinter Ihm her, die biedern Dorfgenossen des Caspar Frei and ließen auch mich bereitwilligst hineinblicken. Caraar Frei war der Sohn eines Totengräbers and einer Hebamme. Die innere Verwandschaft dieser beiden Extreme maß wohl diese eigenartige Verbindung zustande gebracht haben. Inwieweit die Fracht der ehelichen Gemeinschaft, das einzige Kind Caspar, von dieser Polarität beeinflußt wurde, entzieht sich meinem Wissen. Ein auffälliger Junge war er immer gewesen, insofern ein Plus oder ein Minus an dea landesüblichen Nonnen immer auffällt. Der kleine Caspar Frei hatte etwas von der Art der Zeitlose, die lenzhafte Zartheit und Hoffnungsfreude mit der Schwermut dea Herbstes und wunschlosen. Ergebenheit verbindet. Und so stach er unter den robusten Gleichaltrigen des Dorfes sehr merklich hervor. Die schüchterne Art des Jungen, seine Lernfreudigkeit und rasche Fassungsgabe rief das Interesse und die Hilfsbereitschaft des frommen Pfarrers auf den Plan. Und Caspar segelte in dem von dem guten Manne flottgemachten Nachen dem seelsorgerischen Berufe entgegen. Abel* im letzten Semester machte er eine so radikale Schwenkung, daß das Boot an das entgegengesetzte Ufer Bef. Was jedoch die heimatgemeindlichen Gemüter in die gewaltige Erregung versetzte, war weniger der an dem Seelsorger so schmählich begangene Verrat als vielmehr dies plötzliche Erwachen einer nie vermuteten Energie des so schüchternen Studenten, Seine Dissertation „Im Ring der Widersprüche“ war glänzend. Dann verschwand der junge Doktor für einige Jahr« den hehnatgenössischen Blicken. Und so fehlen einige wichtige Blätter in der dörflichen Chronik über Caspar Frei. Es geht ohne Ueberleitung zu dem Spätsommer seines Lebens. Da kam er wieder, ganz der ehemalige, bescheidene, zaghaft lächelnde Schüler des Dorfkantors, nur verblichen und unansehnlicher und von den derben Händen de« Leben* arg verwüstet Er nahm Besitz von der geduckten Behausung, aus der seine Erzeuger schon längst den letzten Weg getan, und lebte wie einst seinen Büchern und Heften. Von Zeit zu Zeit brachte ihm der Briefträger eine bescheidene Summe von der Adresse irgendeines wissenschaftlichen Blattes. So fristete Caspar Frei sein bescheidene«, lärmloses Dasein. Hier hörten die dörflichen Aufzeichnungen auf, bis eine« Tages unerwartet ein gewaltiges, unerhörtes Finale einsetzte. Ein Menschenauflattf und Gejohle trieb mich auf die Straße, und ich sah Caspar Frei, nur mit dem Hemde bekleidet, mit wildem Haar, leuchtenden Augen und großartigen Gesten vor dem blöde grinsenden Haufen reden. Als ihn starke Fäuste packten und hineintrugen, schrie er gellend aofr „Laßt ab, ihr erstorbenen Gedanken, von meinem Ich, das euch erzeugt! Ihr seid tot, wenn ich aufhöre, euch za denken! Was empören sich die Kreaturen gegen den Schöpfer? Zu Hilfe, mein Ich! Sie steckten Qm in die Zwangsjacke und schafften ihn nach einer Irrenanstalt. Als die übliche Inspektion der Behörde und der Neogier in der verlassenen Behausung einsetzte, eignete ich mir heimlich ein paar lose, engbeschriebene Blätter an, über denen quer mit eingetrockneter Tinte der Federhalter gelegen. So war ich sicher, die letzte Geistesfracht des Unglücklichen in Händen zu halten. Ich lasse die knappen, hingestoßenen Sätze hier folgen: „Eines ist nur: Ich. Mein Ich, mein Wunderland, mein einzig existierendes, königliches Reich! Ich bin! Meine Gedanken fliegen wie Sturmvögel, die über die Wogen des atmenden Lebens streichen; wie Schmetterlinge, die reich beladen mit Blütenstaub ihrer Illusionskraft heimkehren! Jfefe mmmÜü, ftr GsjÜsjüfeiiJ MNffgl fsA wM fea Oo&l «war GüminähsgiW sridHi Um «**5 siebtel Schafft aaah «fe Rateh, sine Welt, ein Untern« teuai Stechet — mi das Weltall zoretfihnt te Nichtei Jch bfe. Wer kt Galt? Vte Gedanke, efa Ate», stoß aeba Geistes. Ute Weh der Ersehnte« ngonf Go* danken, beladen mit BMtwwtidb. Begriffe? Lästige Gfe dnakeageteteet dte steh asolrteoh befehden, sich verschanz«« «ad «ach Last «ad Laune wtedm bervocbrechaa, «dg «heftend, «te ooterffegauA „Kommt, Phfloeophoa, mft «wem HehtgeecbOpftan Denkaprodel: mete Geist hat eech «schaffen, matee Gedanke« seid Sur — ein Nichts Ihr ohne meinen Getet, der euch denkt! Jauchze, mein Ich, hier Ist Neulaad, wo ahnend da dl4 Hände tauchst I« des Aetherstrom seliger Klänge, der Musik aufiaba Indes, wiegendes Band —( wo dein Fühlen mit bebenden Fingern streicht an der SdhÖD, heit aufstrahlenden Linien —| wo die Pfadfinder-Gedanken drehen das Rad, da« zwingend, besiegend Myriaden von Rädern ergreift und (Be plumpen, langsamen Geister der irdischen Schwerkraft besiegt! All, was erkannt, ersonnm^ vollbracht die Meister der Töne, der Farbe, des Wortes^ der Technik — ich bin Schöpf«, ihr meine Gedanken, Kreaturen, mein Werk! Neuland ht hier! Jauchzend springen die Geister zurück, Kunde za geben von sll Möglichen, was ungehoben noch ruht ln Schächten. — —, Heil ihr, meine Gedanken zu fernere», tteffoxochsndem Werk! „Ich wandle weiter —>. Sonnen glühen aof, Sterne sprühen empor unter meinen echaoererbebenden Schritten -Ich hebe weit die Anne empos» gleich Leuchtern, die geheimnisvolle Flammen tragen — ich schreite auf Glückslandl Träume der Liebe, der Schönheit, Schale der Schwermut, der Heiterkeit! Nicht hemme der Materie Faust euer göttlich bewegtes Fluten! Nicht grau«, gebar* dene Farbe euer wechselnden Schönheit Glanz! Träume ihr, meine herrlichen, beglückenden Kinder! Ich, euer König! Mein Zauberstab weckt eocld Mete Zauberst«!» tötet euch! „Dann läßt er euch Materie werten. Wie Leichen* steine stehen ihre Gestalten auf dem Cr abacker der Hin-, sionen. Sie nennen mit prunkend«* Gebärde den Gor danken, den sie decken, den ri« mit ihrer last ersticken, so daß er leblos unter ihnen Hegt Traum der Lieber wie süß, als sie noch Traum and als solcher ganz Empfindung war! Aber die Materie, «Be rieb Liebe nennt, haucht?lump Über das Fleisch — wütend sacht die Seele den raum der Liebe — er Ist tot, er starb, als er Materie wurde, und Ekel bleibt und Sehnsucht and Zerwürgteete. „Materie ist Alter und Tod. Geist und Empfindung aber Jugend and Lebern Der Geist tri das Lebendige, Gott; die Materie di* Schlacken, die er abstöBt, atu denen er immerfort ne« rieh wandelt, wte aus der Asshe der Phönix! „Der Getri tri da — jssde* mete MB Do htri de! Alleinherrscher GeistP — — — Hier brechen die letztes Aufzeichnungen Caspar Frefe ab. Der ihnen anhängende lange Gedankenstrich mutete midi immer an wie ein tiefes Atemholen zu neuem wilden Stürmen, Ich kann die Erinnerung an dieeen Menschen steht voq dem Buche trennen, das man verbrannte, weil man «• nicht mehr verstand. Caspar Frei tat den Schritt über dte Grenze und mußte den Frevel büßen. äalentartnm fftr Nt 3dl tow 28. lt Ml 6.12. November 1924 Liste« W93 fttriteo Eorrvaveiri 98. 29. | 1 Daa Hofft «bodesch 1 Vochen-Abschnitt: Tanidair- (L B. M. Step, SB, Hasteraft: «ateach» 1 (114) , (!-« Sonntag 80. 8. Dezember im Montag 3L ft Dienstag 3. ft Mittwoch 8. ft Donnerstag 4. 7 Mri AMster. Freitag 5. ft Sonnabend 0. s. Wochen-RVschutttr Cftaffetoe (1. B. M. Äapttri 38, 10 —SS. ft Haftarah: Hvjea 11 (7—U) IS (1—IS) ■AAUUAAAA AUAUA1AAAAAAAAAUI ► > > Burg straße Berlin Ankauf £ ► ► Preisliste gratis I £ 'yVVTVVYTYVVTVTYTVVYVrrrTTYYB Sonderangebot (Br den Famlllengcbraudi HOBUurrenZlOS sbid meine NedUlHtHbCH Haanv&sduetfen ln Qualität stark schäumend- Weg mit dem MHUDiateii Sduunpoon-Puiver. 1 Liter ----- IS Waschungen. Ftttssige Teer-Seife, hcD und dunkel . . 1 Probeliter 2.00 Mk. \ c_I B Flüssige Glyzerin-Seife, sehr mild ... 2 Liter 3.50 Mk. / ”” Poetkolli, franko .4 Liter 3.00 Mk. 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