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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-11-21 · 41 (21.11.1924) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
41 (21.11.1924)
Date
1924-11-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Wachet auf! 'Aber ich sage euch; Viele hören Gottes Stimme nicht« Denn sie sind taub in ihrem Geiste — Und viele werden Gottes Herrlichkeit nicht scheuen, Denn sie sind blind in ihrer Seele — Und glauben doch alles getan zu haben, Wenn sie beten und singen. 0, könnte ich eure Ohren öffnen, Zu hören Seine göttliche Stimme, O, daß ich den Star von euren Augen lösen könnte! Wachet auf, wachet auf, Daß Er euch nicht verwerfe, Wenn ihr Sein nicht achtet! Wachet auf —- Er ist mitten unter euch! Max Rosenfeld, Dresden Die Warnung. Eine Legende von Hermann Blumenthal (Wien). L In der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts lebte in Gokutien ein jüdischer Gutspächter, der durch Arbeit redlich sein Brot verdiente und dessen Mühe durch reiche Ernten belohnt wurde. Doch nach zwölf guten Jahren kam eine Mißernte. Hagel und Hochwasser zerstörten die Felder und der Pächter hatte für den kommenden Winter nicht einmal Nahrung genug für sich und seine Familie, vom Pachtschilling gar nicht zu reden. Da trat er vor den Gutsherrn und bat ihn um Hilfe in seiner Not. „Seht, Herr, das Unglück ist über mich gekommen", sprach er, „habt Mitleid und stundet mir meine Schuld einige Zeit". Der Gutsherr gehörte aber zum alten Schlag der Adeligen, die gegen ihre Untergebenen weder Rücksicht noch sonst irgendwelche Regung kannten. Er fuhr den Pächter hart an und rief: „Hast du all die guten Jahre mir ein Mehrfaches von dem, was du zu zahlen hattest, entrichtet? Winsle nicht, wenn deine Erwartungen nicht eingetroffen sind." Da half kein Flehen und der Pächter bekam nur einen Aufschub von vier Wochen. Dann hatte er aber den Pachtschilling voll und ganz zu erlegen. Als der Pächter am festgesetzten Tage die Zahlung nicht leisten konnte, ließ ihn der Gutsherr durch seine Knechte ergreifen und an einen Leiterwagen binden, derart, daß sein Körper auf die Erde zu liegen kam. Vor den Wagen wurden zwei flinke Rosse gespannt und bald jagte das Gefährt in wilder Fahrt über Stock und Stein dahin. Der Pächter wurde am Boden geschleift und bekam alle Unebenheiten des polnischen Weges zu spüren. Bald blutete er aus vielen Wunden und verlor das Bewußtsein. Als die Knechte sahen, daß der Pächter keinen Atem mehr in der Brust hatte, schnitten sie die Stricke los, ließen den Körper auf der Straße Hegen und fuhren davon. n. Nach einer Stunde etwa fuhr ein junger Doktor aus dem nahen Städtchen Chmel über die Landstraße. Al» er den Pächter auf der Straße wie leblos daliegen sah, hielt er sein Wägelchen an, sprang ab und trug den Bewußtlosen in seinen Wagen. Dann fuhr er rasch nach Hause und begann an dem Pächter Wiederbelebungsversuche zu machen, die ihm bald glückten. Doch das Schwerste war, den gemarterten Leib am Leben zu erhalten und der Doktor ließ kein Mtitel unversucht. Stundenlang gab er sich täglich mit dem Kranken ab, hütete ihn wie ein Geheimnis und stellte es sich zur Aufgabe, an diesem, dem Tode entrissenen, sein Meisterstück zu vollbringen. Und siehe, es gelang ihm, den Pächter bald wieder ganz herzustellen. 111. Alljährlich pflegte der heilige Bai Schern den Pächter, der «in frommer Mann war, auf seinen Fahrten durch das Land aufzusuchen. Als er auf dem Gutshof erfuhr, wie arg dem Pächter mitgespielt worden war, beschloß er, nach seinem Befinden zu sehen und begab sich in das Städtchen Chmel. Mit Bewunderung sprach der Pachter von seinem Retter und erzählte dem heiligen Männ haarklein, was ihm widerfahren war. „Seht, Rabbi, ich hatte keinen Atem mehr in meiner Brust und dieser Mann hat mir neue Kraft verliehen", schloß der Pächter. „Darum bitte ich Euch, segnet ihn als wenn er unseres Glaubens wäre." Der Bai Sehern ergriff die Hand des jungen Doktors und sprach: „Groß ist das Verdienst, das du dir erworben, indem du diesen Mann, der fast die Schwelle des Todes überschritten hatte, seinem Weibe und seinen Kindern wieder geschenkt hast. Einen Gerechten nenne ich dich, als wenn du zu den Meinigen gehören würdest. Doch nun nenne mir den Lohn, der dir für deine Heilkunst gebührt. „Ich tat es nicht des Lohnes wegen," erwiderte der Doktor bescheiden, „Es geschah nur aus reiner Menschlichkeit und dann reizte mich auch die Aufgabe, den Todgeweihten dem Leben wiederzugeben." Der Bai Sehern schwieg lange und sein Blick suchte etwas in der Ferne, dann sagte er: „Du wirst ein Heilkünstler ersten Ranges werden. Du wirst nicht nur ein Arzt sein, der Wunden und körperliche Leiden zu heilen weiß. Viel mehr wirst du den Menschen sein und von weither werden sie um deinen Rat kommen. „Doch da sehe ich eine Wolke, die über deinem Haupte schwebt und dich zerschmettern will. Es ist etwas Dunkles, da» mir nicht ganz klar ist. —- Doch es soll von dir ab- «eweodet werden ob deiner guten Tat Zur rechten Zeit •olbt du gewarnt werden, damit da» Unheil dich nicht erreichen kenn. Da» »oH dein Lohn sein!" PT. Viele Jahre vergingen und e» geschah, wie der Bai Sehern vorautgesagt hatte. Der Doktor heilte viele Kranke, die von anderen Heilkundigen aufgegeben worden waren. Mit der Zeit wurde sein Name weit fan Lende bekannt und vielen war er bald mehr als ein Arzt, denn er war auch ein Seelenarzt, der manchen Schmerz der Seele durch »einen klaren Blick zu lindern verstand. So wurde er angesehen und sein Wohlstand gedieh. Er zog bald in eine größere Stadt des Ostens und bewohnte ein Castell, das er von einem Adeligen billig erstanden hatte. Das Wohnhaus lag in einem Garten, von einer hohen Mauer umgeben und glich einer kleinen Festung, m die, wenn alle Riegel des Eichentores vorgeschoben wurden, niemand gelangen konnte. Dort hauste der Doktor mit einer alten Wirtschafterin, die ihm sehr ergeben war. An jedem Abend pflegte die alte Frau die Heimkehr des Doktors abzuwarten. Dann sperrte sie das Tor sorgfältig ab und das Castell war eine Welt für sich, ganz abgeschnitten von der Außenwelt. V. Als der Doktor eines Morgens erwachte, empfand er eine große Unruhe und ahnte, daß dieser Tag ihm etwas Besonderes bringen werde. Eine zeitlacg saß ex in seinem Studierzimmer und konnte sich nicht entschließen, wie sonst, seiner Beschäftigung nachzugehen. Warum befand er sich in dieser seltsamen Stimmung, fragte er sich oft. Fürchtete er, daß seinen Patienten etwas zustoßen werde oder daß ihm selbst etwas widerfahren werde? Er wußte keine Antwort auf diese Fragen, die ihn bestürmten und so ließ er alle Kranken, die er zu besuchen hatte, an seinem Geiste vorüberziehen. Da fiel ihm ein Gutsbesitzer ein, der vor einigen Tagen vom Pferde gestürzt war und sich einen Beinbruch zugezogen hatte. Nun glaubte der Doktor mit Bestimmtheit zu wissen, wem seine Beunruhigung galt. Doch dann stellten sich wieder Zweifel ein. Es war lächerlich zu denken, daß der Gutsbesitzer sich in Lebensgefahr befinden sollte. Es war eine einfache Fraktur und der Sturz würde für den starken Mann ohne schlimme Folgen bleiben. Das sagte sich der Doktor immer wieder und doch packte ihn eine Besorgnis, so oft er an den Gutsherrn dachte. Endlich hielt er es im Zimmer nicht länger aus und faßte den Entschluß, die Fahrt nach dem Gutshofe sofort anzutreten und nach dem Befinden des Patienten zu sehen. VL Es war ein schöner Sommertag. Am Himmel sah man kein Wölkchen. Die Ernte stand schon hoch und die Sonne schien hell und warm. Ein süßer Friede lag über den wogenden Feldern. Gegen Mittag langte der Doktor auf dem Gntshofe an und nun überzeugte er sich, daß seine Besorgnis ganz umsonst gewesen war. Es waren keinerlei Komplikationen zu befürchten and der Patient befand sich verhältnismäßig wohl. Der Doktor wollte gleich -die Rückfahrt antreten, doch er wurde gezwungen, zum Mittagessen za bleiben. Nach dem Essen wurde der wagen angespannt und zurück ging es zur Stadt. Der Doktor saß in eine Ecke znrückgelehnt. Die Unruhe wich nicht von ihm und ihm war, als wenn sich der Wagen nicht vom Platze bewegen würde. Von Zeit zu Zeit erhob er sich und spornte den Kutscher zur rascheren Fahrt an. Plötzlich schlug der Wagen an einen harten Gegenstand an und bewegte sich nicht mehr vom Platze. Der Fuhrmann sprang schimpfend ab und versuchte den Wagen zurückzustoßen, doch bald ließ er von seinen Bemühungen ab und sagte resigniert: „Eine Achse ist gebrochen. Wir können die Fahrt nicht fortsetzen, bis der Schaden gutgemacht ist." Der Doktor saß ratlos da und dachte an den verlorenen Tag. Einer Einbildung zuliebe hatte er die Stadt verlassen, wo ihn seine Patienten notwendig brauchten und nun war er verdammt, seine kostbare Zeit auf der Landstraße zuzubringen. VH. Endlich faßte er den Entschluß, den Weg ins nächste Dorf zu Fuß zurückzulegen und dort einen anderen Wagen zu mieten. Es war ein Marsch von zwei Stunden und in der Waldeinsamkeit hatte der Doktor reichlich Gelegenheit, seinen Gedanken nachzuhängen. Ihm war, als wenn er auf irgend einen Befehl gehandelt hätte. Etwas, was stärker als sein Wille war, trieb ihn aus der Stadt. Er erreichte das Dorf und mietete nach einigem Umherfragen einen Bauernwagen. Der Fuhrmann schonte die Pferde nicht, doch war es bereits dunkel, als sie am Marktplatz anlangten. Der Doktor suchte noch einige Kranke auf und es war bereits stockfinstere Nacht, als er müde und hungrig, aber auch verdrossen über den nutzlos verbrachten Tag vor seinem Landhause anlangte. Die Mißgeschicke dieses Tages waren aber noch nicht zu Ende, denn als der Doktor das Tor aufschloß, merkte er zu seiner Ueberraschung, daß es von innen verriegelt war. Seit vielen Jahren war es zum ersten Male geschehen, daß die Wirtschafterin, ohne seine Rückkehr abzuwarten, die Riegel vorgeschoben hatte. Er zog die Klingel und wartete. Um ihn war es still und finster, kein Stern war am Himmel zu sehen und es ging ein kühler Wind. Minute um Minute verstrich, doch nichts regte sich. Er läutete noch einmal, aber kein Ton war zu hören und auch die Glocke, die sonst laut vernehmbar war, schwieg. Bestürzt stand der Doktor da. Er sagte sich, daß im Hause etwas Besonderes vorgegangen sein mußte. Einige Male zog er aus Leibeskräften an der Klingel, schlug mit dem Stock ans Tor, aber drinnen blieb es unheimlich still, als wenn jede» Leben im Hause erstorben wäre. Feinste CocosnussbuNer ' , JlK TVflVVR Die erste I ttfD Mandelmilch- Pflanzen bimer- , Margarine.; Pfund 90 Plg. Der Doktor entfernte rieh vom Tor «ad die Steinmauer. Plötzlich blieb er überrascht stehen. In seinem Schlaf, zimmer brannte Licht. Der rosige Schimmer der Nachtampel erhellte den Raum, während da» -aa»e Haas in tiefster Dunkelheit lag. Eine Weile stand er wie erstarrt «ad bAckta zum erleuchteten Fenster hinauf. Da bemerkte er, daß rieb jemand im Zimmer befand. Eine Gestalt, <fia er nicht genau unterscheiden konnte, ging auf «ad ab. Der Doktor begann mft lauter Stimme zu rufen. Er klatschte in die Hände and schrie, daß man ihn kn Hause hören mußte, aber vergeben». Es achten, daß flm nicht hören wollte und daß er daza verdammst was, Le Nacht außer seinem Hause za T«itirlii0»w Doch er maßte Gewißheit m Der Doletor schwang sich mR vieler Mühe auf einen Baum, und nun konnte er k» eein Schlafzimmer blicken. Er 8ah einen Mann, der mit dem Rücken zum Fenster stand; unbeweglich and verträumt, als sinne er über etwas. Dann begann er langsam, Schritt «m Schritt das Zimmer zu durchqueren. Als er bet der Wand angelangt war, wandte er sich plötzBch um, ging auf das Fenster zu und der Doktor starrte — in sein eigenes Antlitz. Er selbst war es, der eben im Schlafzimmer «mherging; es war sein Gesicht und auch seine Bewegungen «raren es. „UnsnÖgBch, «nxnögBch, «, mem Gott, welche Einbildung," stammelte der Doktor, der seinen Verstand za verlieren fürchtete. „Es ist eine Vision." Er schloß die Augen, überzeugt, daß die Erscheinung wieder verschwinden werde. Als er nach einer WeÜe wieder (Re Augen öffnete, packte ihn ate solcher Schreck, daß rieh ihm die Haare sträubten. Am Fenster stand der Mann — kein Zweifel der Doktor selbst — und sah in die dunkle Nacht hinaus. Der Doktor konnte den Anblick seines zweiten Ichs nicht vertragen, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und fiel fast besinnungslos zur Erde. DL Da berührte jemand seine Schulter und der Doktor erblickte einen Mann neben sich, der also sprach: „Ich warne dich, in dieser Nacht dein Haus zu betreten. Deine Wirtschafterin mußte dich kommen sehen, damit sie sich zur Ruhe begebe und es dir unmöglich gemacht werde, in deine Wohnung zu gelangen. So hat ein anderer deine Gestalt angenommen. Suche eine Herberge auf und morgen kannst du in dein Haus zurückkehren." Da erkannte der Doktor die Stimme, die zu ihm sprach. „Rabbi," rief er, „was geht in meinem Hause vor?" Doch der Doktor erhielt keine Antwort, denn die Gestalt war, so rasch wie sie aufgetaucht war, wieder verschwunden. Der Doktor erinnerte sich der Worte, die der heilige Bai Sehern zu ihm dereinst gesprochen hatte und er wußte, daß die Stunde der Gefahr für ihn gekommen war. So erhob er sich und eilte von dannen, suchte in der Stadt einen Gasthof auf und verfiel bald in tiefen Schlaf. X. Es war schon spät, als der Doktor am nächsten Morgen erwachte. Rasch kleidete er sich an und schritt seinem Hause zu. Vor seinem Hause war eine große Menschenmenge versammelt, die gespannt zu den Fenstern des Hauses emporblickte. Der Doktor drängte sich durch die Menge und schloß das Tor auf. Da stieß er auf seine Wirtschafterin, die bei seinem Anblick wie erstarrt stehen blieb und sich dann zu bekreuzigen begann. „Was ist geschehen?" rief der Doktor aus. „Ein Wunder," sagte die alte Frau, die ihre Stimme wiedergefunden hatte. „Sie leben, Herr, und wir haben Sie für tot gehalten." Sie ergriff seine Hand und bedeckte sie mit Freudentränen. Nun erfuhr der Doktor, was sich im Hause begeben hatte: Die Decke seines Schlafzimmers war in der Nacht eingestürzt.

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