Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 40 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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4. Jahrgang Kummer 40 Beklage «.«ovember l«S4 AWchÜbMllkZÄMg Aus den Gemeinden. Berliner ReprLseniantensihrmg. Bemerkung« m Etvmtg tw» I. Rm^ember 1981 I. «Vglmg» widmete der Borsitzende der Versammlung Dkttge Worte de» Gedenktagen, die in die Zeit fett -er kfc. Le» Repräsentanten-sitzung fielen. Am 15. September war ider hnndertjährig« Geburtstag von Moritz Lazarus, -er per Berliner R^räfenfantenversammlung alS Mitglied an. gehörte, am A. Oktober der 50. Todestag Abraham Geigers, der t» der letzten Zeit feines Lebens in der Berliner Ge. weinde wirkte. Mit Recht rügte er es. Satz daS offizielle Demetudeblatt dieser beiden Gedenktage keine Ernxih- >v*no tot ltt« Liberale Fraktion Satte zwei Anträge zur Frage des FvanenwahlrechtS gestellt. Sie hatte beantragt, den weib- Achen Plätzeinhabern das Recht der Wahl von Synagogen» Vorstehern fo früh zu geben, Latz sie schon -in der am November stattfiudetrden Wahl teilnehmen könnten. Auf Antrag der jüdischen Bolkspartei wurde mit den Stimmen der Eoaservattven ü-iefer liberale Antrag vertagt. Begründang Meer Man müßte sich zuvor klar werden, welche Ehrenposten man den Dauren der Gemeinde übergeben könne. Daß diese Frage mit dem aktiven 23-ahlrecht. das Pa nur beantragt war, nichts Mt tun hat, dürfte auch Herrn Dr. Mee klar gewesen sein. Aber so kam man um unangenehme Auseinandersetzungen herum. Der Komik halber sei Loch erwähnt, welche Art von Ehrenposten er den Damen -u präsentieren beabsichtigt. Sie sollen B. „Oberaufsichtsehrenbeamte" bet den Frauenv'.ätzen der Sunarrvge werden. Mahrlich ein wenig beneidenswertes Amt. Der andere Antrag der Liberalen Fraktion, der schon vom Mai dieses Jahres datiert, fordert, dem 8 11 der Ge «reindesatzrrng folgende Fassung zu geben: „Das Recht zur Teilnahme an den Wahlen der Repräsentanten stecht den volljährigen, im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindlichen Mitgliedern zn, welche sich s lbständig ernähren oder Ehefrauen nnthlberechtigter Mitglieder sind. Solange sich ein Mitglied mit der Entrichtung von Gemeindebeiträgen im Verzüge befindet, ruht sein nnö feiner Ehefrau Stimmrecht." In der Begründung wird ausgedrückt. daß die Anerkennung der Wahlberechtigung des rveibuchen Geschlechts dringlich ist. Mn diese Schuld an Frauen und Mädchen möglichst reibirngAlos adzutragen, empfiehlt es sich, diese ffrage aus der Umklammerung vieler streitiger Satzungseftimmungen zu befreien und vorweg zu lösen. Hiermit soll der späteren Entscheidung über alle Voraussetzungen des aktiven und passiven Wahlrechts in keiner Weise vorgegriffen «erde«: jetzt kommt es auf Einführung des Grundsatzes an» daß daS Recht in der Gemeinde vom Geschlecht unabhängig ist. Auch dieser Antrag verfiel, nicht »»letzt wohl durch die Unachtsamkeit der Liberalen, auf Antrag von Moritz A. Loeb der Vertagung. m. Der Verein zur Gründung und Erhaltung etner Akademie für die Wisienfchaft des Judentums hatte beim Vorstand der Indischen Gemeinde angeregt, eine Anzahl von Exemplaren deS erschienenen Werkes „JüdischeSchriften Hermann Cohens" vn-uschaffen, um durch ihre Verteilung jüdische Gedanken te daS jüdische Haus zu tragen. 800 Exemplare sollten an di« Gemeind« zu einem Vorzugspreis abgegeben werden, und die Akademie würde bereit fein, zu diesem Grundfonds 100 Exemplare unentgeltlich htnznzufügen. Von Einzelnen der verschiedenen Fraktionen wurde schon wegen der prekären Geldlage der Akademie eine vvlle Berücksichtigung deS Vorschlages gewünscht. Beschlossen aber wurde, vorerst nur 100 Exemplare anzuschaffen. und zwar nicht etwa aus finanziellen Gründen, sondern weil mau glaubte, mehr Exemplare nicht I» geeignete Hände bringen zu können. Ilm die Schaffung einer deutschen Bibelübersetzung zu Krber». soll z«nSchst die Ueberfetzung einzelner Teile der Bibel durch geeignete Persönlichkeiten erfolgen. Zu diesem vehnse wurde eine Kommission eingesetzt, welche di« Uebertztzer M berufen hat, ihnen die Arbeiten überträgt, eine kleine Kommission von Sachversiändigeu zur Prüfung der eingehenhje» Arbeite» eiufetzt. «ad imr Honorier«»« der ttctes» setzer und der Sachv e r ständigen-Kvtnmission über eine» Betrag bis zu 20 000 Mark verfügen kan«. Die größere Kow- Mission soll bestehen ans den Herren Rabbiner Dr. Baeck, Justiz rat Matower und Dr. Sandler vom Gemeind evorstand und Prof. Loewe, Moritz A. Loeb und Hirfchfrld von der RepräsentantenverfammUmg. IV. Durch Geuretndedeschluß war an jedem Fnettagabend Ar de« Synagoge» Linden-, Fasanen- und Levetzowstraße bis onf weiteres etn -weiter FreitagabendgotteSdiensi eingeführt worden. Nun sind seitens -er Herren Gemeind erabbiuer Bedenken gegen die Durchführbarkeit dieses Beschlusses geäußert worden, Tue Herren Rabbiner erklären, daß sie durch den »weiten Freitagabendgottesdiensi eine Schädigug« deS ersten Freitagaben-dgottesdiensteS befürchten, daß sie die große Zahl von Predigten, die ihnen durch diese Gottesdienste -«gedacht ist, nicht in vollem Umfange übernehmen könnten, einmal, weil das ihre physischen Kräfte übersteigt, sodann, weil die allzu große Häufigkeit der Predigten SaS Niveau leicht herabdrücken könnte. Die Heranziehung von Vertretern bei den Predigten halten die Herren Rabbiner nicht für tunlich. Deshalb rvnvde beschlossen, den Gemeindebeschluß betr. den zweiten Freitagabendgottesdienst dahin abMändern. daß vorläufig bis zum Ende des Jahres dieser Gottesdienst nur alle zwei Wochen abgehalten wird. ES braucht wohl nicht besonders betont zu werde», daß dieser Beschluß, dem leider auch Liberale zustimmlen, außer» ordentlich bebau, rt werden mutz. Durch die regelmäßige wöchentliche Abhaltung von Freitcigabendg-ttesdiensten zu einer Zeit, die es auch den Angestellten ermöglicht, daran tcllznnehmen, hätte sich eine Gewohnheit herauSbilden können, durch die jetzige Ausführung hat man leider diese E u t w i ckl u n g u n te rb roch e n. Auch scheint es unS kein Schade zu sein, wenn der »weite Freitagabendgottesdienst einen so zahlreichen Besuch auswcist.daß 'n-durch der erste verschwindet. Und inwiefern es untmttich sein fitt'tt. Nabbinatskandidaten und andere geeignete Persönlichkeiten (Dozenten, Lehrer ns.v.) zu Predigten herinzuziehen, können wir nicht ein sehen, wenn diese Predigten wirklich von den Herren Rabbinern wegen lieberlasttma nicht geha'ren werden können. Don Herrn Pincns (liberal) wurde beantragt, auch in der Syn.agoge Lützowstraste einen zweiten Freitagabendgottesdienst errlzurichten. Durch die Stimmen der jüdischen BolkSpartei und der Konservativen (die wohl sämtlich nicht Besucher der Synagoge Lützowstraße sei« dürsten) wnrdr dieser Wunsch vereitelt. V. Neben Liesen größeren Fragen wurden viele kleinere Angelegenheiten erledigt. Der Zuschlag für verspätete Steuerzahlungen wurde Len Sätzen deS Reiches an gepaßt. Zur Vorbereitung der am 1. Februar 1925 stattfindenden Wahlen Stritt Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden wurde für den Wahlkreis Groß-Berlin -er Betrag von 5000 Mark bewilligt. Für ein Werk „Methodik des Neltgionsnnterrichts" wird ein Druckkostenbeitraa beschlossen. Die Synagoge Münchener Straße wird, worüber wir an anderer Stelle dieses Blattes berichten, in die Gemeinde übernommen. Nachdem nunmehr auf Antrag der evangelischen Landeskirche Mecklenburg-Schwerin das Neichsschiedsgericht yrundsätzlich entschieden hat, daß die Kirchengemeinden des öffentlichen Rechts dem Besoldnugssperrgesetz nicht unterliegen, wurde unter grundsätzlicher Anfrechterhaltung der Retchsbesoldungsordnung für die Beamten der Gemeinde mit Wirkung vom 1. Oktober 1924 beschlossen, die Gehälter der Gruppen II bis VI so zn erhöhen, daß das Gehalt der verheirateten Beamten dem Friedensgehalt der entsprechenden Kategorie gleichkommt. Für die verheirateten Beamten kommt zu diesen Gehältern noch die nach der ReichSbesoldnngSordnnng zu zahlende Frauen- bzw. Kinderzulage Hinz«. VI. Soweit der Bericht über die sachlichen Verhandlungen. Nun noch die Feststellung einer betrübenden Tatsache. Die Art. tn der hier verhandelt wird, ist unter der Würde einer jüdischen Religionsgemeinschaft, unter der Würde einer Gemeinschaft von über 200000 Seelen. Wer trägt die Schuld? Lxempln äoaeant! Dr. Klee, der Demagoge der jüdischen VolkSparkei sauf deutsch der zionistischen Fraktion) spricht gegen seinen für das Krankenhausdezernat zuständigen Gesinnungsfreund am Vorstandstisch, Direktor Kareski. lEkeer SA g§ m» ttMetact&ett mit de« chrfftttcheu Apotheker tat stimmt, aber sonst könne« Sie mich ja dementiere». Eiver sei«, FradttonSkoüege« Aüstert chm M. daß es stimmt. Klee auttoortet ihm pitmiMmv. was fvM nicht gerade fetn« Art: ^Jch weiß doch, daß «S stimmt, was rede» St« denn." In dieser demagogische« Art verläuft die ganze Tagung. Wichtige Dinge müsse», darüber sind sich all« Parteien einig, verschoben werden, so «. a. auch et»« Anfrage betr. Maßnahme» gegen Mischehe». Klee sagt, er wäre mit der Vertagung dieses Punktes einverstanden, wen» der Ge» meiudeVorstand die Garantie dafür übernähme, daß inzwischen keine Mischehen geschlossen werden. Klee herrscht in der Versammlung, zicht die ernsthaften Probleme inS Lächerliche und untergräbt systematisch die Würde deS HanseL. Er spricht von dem Takt, der die Herren deS Vorstandes persönlich ziere, und vergißt, einen gleiche« Takt auch setnersei-ts tn der Versammlung auzuwcnden. Nicht alle Mitglieder seiner Fraktion dürsten ihm immer znsfimmen. Dvch keiner wagt, offen za opponieren. ES wird während etner Anfrage betr. die durch den Unterrichtsmtnister erfolgte Untersagung der Beförderung jüdischer Lehrer s« Konrektoren eine Privafitnterhaltung der jüdischen BolkSpartei abgehalten. Selbst dem Sprecher deS Vorstandes, Dr. Freund, nähersitzende Repräsentanten können kein Wort verstehen. Der Borsitzende der Versammln«« bittet: möglichen Sie eS doch wenigstens de» Herren» die Interesse daran haben, zuzuhören. Klee sieht seine Unterhalt«»« bedroht und antwortet: JS>t. Freund spricht leise." Der Vorsitzende: „Ne-in, Sie spreche« zu laut." Nur Dr. Loeb haut in dieselbe Kerbe wie Klee. Wenn vom Borstandstrsch etwas gesagt wird, waS ihm nicht znsagt, spricht er von ^fadenscheinigen Gründen", und Dr. Loeb hält es mit der Würde der Repräsenmntenversammlunq für vereinbar, znm Vorstandstisch einem so verdienten Manne wie Euaen Caspary. dem Leiter der ZentralwohlsahrtSstelle der deutschen Juden, mehrmals hintereinander zuzurufen: „.Herr Caspary schläft." Dieser fjottc nam!ich gerade eine sehr wichfige Unterredung aut Borstandstisch mit dem Führer der Orthodoxen. Niemand ruft gerrr nach der GeschaftSordrnurg, aber wenn die Verhandlungen in cinrm religiösen Gremium von einem unbeteiligten Zuschauer als grotesk empfiindcn rverden müssen, dann ist eS Zeit, doch für Ordnung zu sorgen. Von Dr. Klee, der, auch wen« er als stellvertretender Vorsitzender die Geschäfte leitet, ironische Bemerkungen nicht unterlassen kann, kann man Erzielung vin Disziplin wohl nicht verlangen. Um s-o dringender sei der Vorsitzende der Repräseniantenversammlnng aufgefordert, nicht nur durch Milde, sondern auch durch Schärfe für die Wütbe des Hauses Sorge zu tragen. Bei den Verhandlungen im Fugendveretu eines kleinenStäötchenS dürfte es im allgemetnev parlamentarischer zugehen, als in diesem Parlament der Berliner jüdischen ReligionSgemeind«. Bruno Woyda. Berlin. Am 10. November tritt die PlenarversiammlunH Ser deutschen Großlog« deS Ordens Buei Britb nach vier Jahren wieder zusammen. Einer der wichttgsten Punkte der Tagesordnung wir» die Neuwahl des Großpräsidenten deS deutschen Distrikts bilden. Großpräsident TinerD öorfer wird, seinem seit langer Zeit gehegten Wunsch g8 maß. nach mehr als 26 jähriger Tätigkeit und Ueberschrei« tung deS 70. Lebensjahres zurücktreten, so daß an seiner Stelle ein neuer Großpräsident »u wählen sein wirb. Berlin. Der Vorstand der Berliner jstdische» Gemeinde hat beschlossen, an den Rabbiner der Frankfurter Syn^ogengemeinde, Herrn Dr. Salzberger, eine vernfnna alS Berliner Gemeinderabbiner zu richten. Berlin. Die Wahlen zur Nepräsentantrrwersammlung -er jüdischen Neformgemeinöe finden am Sonntag, den 80. November, vormittags von 11 bis 1 Ufa im Lvgenhause JoachimSthaler Str. 18 statt. Gewählt werden 17 Repräsentanten und 7 Repräsentanien-Stellvertreter, Berlin. In Berlin ist eine neue wissenschaftliche Ver-- etnignng. die sich di« Erforschung der Sprachen und jkrrlturen des Alten Orients zur Ausgabe setzt, gegründet worden: die Altorientalische Gesellschaft. Ihre Forschungsarbeit erstreckt sich ans alle Länder Vorderasiens, die unter dem Einfluß der mesopotamischen 5kultur gestanden haben, also vor allem Scheidende Sonne DI« Menschheit kniet, Alle Menschen» alle, Iw Abendblu tl tcht And wissen nicht, Was sie zieht Zinn Niederfalle. Die knien im Geiste ES reißt An ihren Seele»'—^ Vott segnet ... Max Nosenf^rV, VveNe» Schalom Asch: Golk der Rache. Aufführung Berlin: Theater am Kurfürstendamm. Sie wird zu Hause bleibe« und nach »nuten" gehen, Nach unten: in den Brodem deS jüdische» Bordells, das ihr Vater, der ehemalige Zuhälter, und ihre Mutter, di« frühere Dirne, in der polnischen Provinzstadt eröffnet habe«. Reich sind sie dnrch den Erlös Ser Unzucht geworden, aber ausgestoßen ans d er Gemeinschaft geblieben. Das sollte anders werden. Sie wollten aus dem Dreck emvorkletter» in die Gefilde bürgerlicher Achtung. Darum hat Jankel Schepfchowitsch eine Thorarolle gestiftet, die sein in Reinheit behütet geglaubtes Riwkele vor dem Versinken in die sexuelle Hölle bewahren und ihr bei dem Weg in die Höben reinen Atmens Begleiterin sein soll. Gott hat es nicht gewollt. Der Verkehr mit der Ware des Vaters, von der Mutter begünstigt, hat zwar die tänzerische Leichtigkeit gebracht, die Unterdrückung abgestreist, aber zugleich das Seelenmark des Kindes zersetzt. Allmählich zieht fie's nach unten. Voll Sehnsucht wirst sie den Blick in das Treiben des öffentlichen Hauses. In geschlechtlicher Undifserenziertheit fühlt sie sich zu Manika, der Verlorenen, hingezogen, in mehr als Freundschaft. Und geht, kurz vor der Verlobung, aus dem Hause, die gleißenden Tage der -^Mädchen" zu genießen. Wird vom Zuhälter, wach Stunden schon, der Mutter zurückgeliefert. Blieb sie rein — wenigstens körperlich? „Der Vater hat's gedurft, die Mutter hat's gedurft, ich darf's auch .. .* Sie wird zu Hause bleiben und nach „unten" gehen. Das weiß mau. wenn sich der Vorhang »ach Schalom Aschs .Mott der Rache" senkt. Das könnte auch Sen Inhalt eines Dramas bilden, wenn es in Handluna aesetzt würde. Erforderte aber eine andere Gestaltungskraft, als die Asch zur Verfügung steht. Dessen Handlung ist dünn. Das meiste erfahren wir nicht durch sie, sondern durch den Plansch der Agierenden. Im zweiten Akt, dem längsten, geht eS kaum vorwärts. Nicht Riwkeles Psyche, sondern die der jüdischen Bordellmädchen, die noch im bezahlten Beischlaf GottgefüHl zeigen, wird ausgebveitet. So wird nicht Tragödie, sondern ostjüüische Novelle. DaS wäre weniger hervorgetreten, hätte die Regie Emil GeyerS fich in Kürzung deS Dialogs entschlossen. Die Langatmig, kett in der Szene mit dem Thoraschreiber, in der Unterhaltung da „unten", in der Auseinandersetzung der Eheleute im dritten Akt hätte sie gut vertragen. Dabei sei die Feststellung nicht unterlassen, daß Geyer sonst die richtige Tönung getroffen hat. Die Tendenz dieses Stückes Ist nicht die unsere. Unsere Auffassung ist nicht, daß der in Schuld Verstrickte sich nicht erlösen kann, daß er und seine Familie restlos in ihr verstnrgen find. Wir lehnen den Schicksalsgedanken des griechischen Dramas ab. daß, waS nicht gnt begonnen, nicht gut enden kann. Und mit ihm das sinaittsche Wort, da-S vom Gott der Rache, der die Schuld der Väter ahndet an den Kindern bis ins dritte Geschlecht. Uns ist Gott ein Gott der Gnade und Barmherzigkeit, der dem Reuige» die Hand nicht versagt, ihm Schuld und Sünde vergebend. Und mit dieser Auffassung des modernen religiösen Menschen befinden wir uns in Uebereinstimmung mit der psychologischen Erfahrung: Es ist gar nicht gesagt, daß die Tochter der Dirn« wieder den Krallen des Sexus verfällt. Nicht einmal, wenn sie, wie Riwkele. den Blick hinter die Kulissen dieser armseligen Welt da .ernten" geworfen bat. Gerade hier wird das Gesetz der Abstoßung gleichartiger seelischer Pole zur Geltung kommen. So hat Vastja die Dirnennatur schon überschritten, wenn sie allnächtlich sich von der Mutter verfolgt glaubt. So kan« die gefagteste Mädchen- , seele dem Schmutz verfallen «nd in dies« Natur hineinwachsen. Wäre bei Jankel Schepschvwitsch die Wandlung innerlich vollzogen sewesen, hätte sie nicht nur in der protzigen Stiftung einer Thora bestanden, dann hätte der Wille Gottes zuwenigst dem Ausstieg entgegengestunden. Gerade weil Jankel zu spät erkennt, daß nicht das nackte Dasein einer Thorarolle die Tochter bewahrt, daß nicht, wie Reb Elje sagt, die Entweihung der Rolle das Unglück heraufbeschwört, sondern daß dieses Unglück, das rettungslose Hinabgleiten seines Riwkele, diese Entweihung bedeutet, muß Gott daS Schicksal vollenden. Nicht weil er rachsüchtig ist. sondern weil er nur denen hilft, die nicht auf ihn warten, sondern die um ihn ringen, denen die Thora nicht Schmuckstück und Name«, aber Aufgabe ist. So erweist sich im Grunde daS Drama als «jüdisch, aber auch alS apsychologisch, und darum als ««dramatisch. Bei der Erstaufführung im Berliner „Theater am Kurfürstendamm" fand es doch rauschenden Beifall, schrie man nach dem Dichter, Ser nicht kam. Woran das lag? Ein Teil des Jubels galt sicher der Demonstration für den Zionisten Schalom Asch. Die Hauptsache aber war der Darstellung bestimmt. Alexander Granach als Bordellwirt packte in der Mischung von jüdischem Gefühl und bodenloser Gemeinheit, von Baterliebe und Znhältertum. Prachtvoll. wie seine Seele anSbricht. Das reine Zuhältertmn verkörperte triefäugig Ernst Stahl-Nachbaur «nd Gmilia Und», Kitty Aschenbach, Barbara von Annenhoff und Jtfitfa Haack verkörperten glanbhast und possierlich die Insassinnen deS jüdischen Freudenhauses. Edgar Licho traf besonderden satyrischen Ton. Dagegen konnte Margarete Schlegel dem Riwkele kein Leben verleihe». Infolge -«- novellistischen Charakters des Stückes ist Mefc Tochttr, eine der Hauptpersonen, zur Nebenrolle verdammt, mit -er wohl auch nicht viel anzufangen ist. Di« stärkste Enttäuschung aber brachte Jlka bat. biS auf dakurze Gespräch «tt Schlojme, nichtvom Charakter -ex Dirne, sie hat aber auch f&WÄ A«»lrau. Und ist darum nicht die den Weg tn Achtbarkeit klimmende Frau Jankels, des Besitzers -er „Mädchen. Botho Laferstein. 1