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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-11-14 · 40 (14.11.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
40 (14.11.1924)
Date
1924-11-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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MinderheitSvertvageS leine offiziellen Sudsidte«. Jüdffche Gta&enten werden den Universitäten fernseh alten. Polen versucht mit allen Mitteln, sich den auS Len Verträgen ihm obliegenden Verpflichtungen betreffs der bürgerlichen und politischen Gleichstellung der Anden zu entziehen. Die Lage der Anden wird auch durch die innere Uneinigkeit beeiu- IrSchtigt. Folttsten, Zionisten. Agndisten. Assimtlatoren gehe« getrennt vor. statt -atz ste eine einzige Front bilden. Die Arbeit der jüdischen Deputierten und Senatoren wird durch innere Spaltungen einander bekämpfender Gruppen unwirksam gemacht. Darin liegt die Ursache ihres Unvermögens, die Achtung der Rechte, die die Verträge der jüdischen Bevölkerung garantieren, durch das Parlament SU erwirken. M Die jüdische Gegenwart. Aufmf zur Komprorrühwahl. Der Wahlaufruf der „Deutschnationalen Bolkspartei" zur MetchStogSwahl. -der als erster ihre menschenfreundlichen Stele kündete, war eine Fanfare, -er eine Schamade nachzusenden man bald gezwungen war. Der Wahlaufruf, mit dem unsere Rationalisten, die „Jübische Volk-partet", in den Wahlkampf für den Landesverband -er jüdischen Gemeinden Preußens zieht, ist noch weniger als eine Schamade. Das kann nicht wundernehmen; Voll er doch als Grundlage eines Kompromisses der jüdischen Parteien in allen Wahlkreisen dienen. Die Ebbe in de» Kasten und -er schlechte Stand der Vorbereitungen bei der zionistischen Bereinigung lasten dieses für die "Jüdische VolkS>partei" als -ringend erwünscht erscheinen. An einer solchen Lage mutz man eine allzu radikale Stellungnahme zu de« jeden Anden der Gegenwart bewegenden Problemen — religiöse Erneuerung oder nationale Zusammenfassung — eben so ängstlich vermeiden wie die klare Scheidung und den Kamps gegen die anderen Parteien im Judentum. Hier liegen die Wurzeln des zionistischen Wahlaufrufs, be« jeder auf die Zukunft des Judentums bedachte Jude in fast alle» Teilen unterschreiben kann. Hier liegt aber auch seine nicht zu unterschätzende Gefahr. Denn je allgemeiner ein Programm gehalten ist. desto leichter fällt es, darauf die Stimmen derer zu vereinigen, die nicht alle werden: der Lauen und Uninteressierten, -er Gemeindewahl-Juden, die ^edeS-mal bei jüdischen Wahlen ihr jüdisches Herz und ihr Interesse fflr jüdische Fragen lies: ihre persönlichen Anterrffen, entdecken. Der Aufruf der «Jüdischen Bolkspartei" verspricht also einen nicht allzu erregten Wahlkampf. Dennoch dürfen wir unS nicht zur Ruhe begeben. Unsere Mitglieder und Freunde müssen vielmehr schon jetzt mit einer unablässigen Auf klärungsarbeit beginnen. Es gilt, die zahllosen Jndiffe reuten für die Wahl zu interessieren und ihnen das wahre Wesen zionistischer Politik aus dem Wust des Gemein Platzes eines Wahlaufrufes herauszuheben. Nur so können wir ein Gegengewicht gegen die zahlreichen ausländischen Wähler der «Jüdischen Volkspartei" schaffen, die wählen werden, auch wenn, wie vorauszuschen ist, die Wahlmndiglett und die ab wartende Haltung bei den deutschen Mitläufern des Zionismus grob sein wird. Nur so können wir verhindern, daß die von deutschen Inden geschaffenen kulturellen Einrichtungen der jüdischen Gemeinden Preutzens denjenigen auSgeliefert werden, die von deutscher Kultur »nd jüdischer Religiosität nichts wissen wollen. Betrachten wir einmal einzelne Punkte des Wahlaufrufes der «Jüdischen Volkspartei"! Wer von uns ist nicht überzeugt vou der (religiösen und geschichtlichen) Einheit -eS Judentums in der Welt? Wer von uns lehnt nicht Bestrebungen ab, die dem Judentum nur lanöeskirchliche Aufgabe« zuschreiben? Gerade der jüdische Liberalismus hat den zwischenstaatlichen Charakter unserer Religion besonderstark betont «rnb auch auS diese« Grunde den -lontfttschen Versuch abgelehnt, ste ln nationalen Grenzen ru beenge«. All« jüdischen Parteien verlangen schlketzüch Mitarbeit an den „ZukunftSausgaben" des Judentum-, an »der jüdischen Gemeinschaft in jüdischem Sinne". Aber gerade darin, wie ste diese auffassen, unterscheiden ste sich. Und hier, im Kernpunkt der Sache, verläßt nnder zionistische Wahlaufruf. Wir sind daher ans frühere Erklärungen angewiesen und werden nur zu bedenken haben, datz -er Ueberschwang in der Zeit der Balfour-Deklaratiou, wo «an alle Sorge um die Zukunft de» Judentums allein für sich in Anspruch nachm und alle« andere« absprach, allmählich einer durch die vielen Fehlschläge der Praxis bedingten Reftg- Nation gewichen ist. Auch wir treten ein für: gleiches Recht allen tüdtschen Richtungen, die der Erhaltung de- Judentums diene», stärkste Mitarbeit -er Fra« in voller Gleichberechtigung, Schaffung einer «mfastenden sozialen Hilfe« die unser« Freunde in den jüdischen Gemeinden stetoarfS reichste betätigt haben, Demokratisierung der jüdischen Körperschaften. Erziehung einer vom jüdischen Geist durchdrungenen Jugend, die gewillt ist, unsere Zukunftsausgaben zu fördern, Sicherstellung einegut vorgebildeten Lehr erstände-. würdigen Kampf gegen den Antisemitismus. Viele vou uns halten die Erziehung tn jüdischen Schulen für segen-reich. Und auch bei dem Aufbau des Heiligen Landes, als Stv-lungSstätie für bedrängte GlaubenSbrüder, braucht mau nicht tatenlos beiseite m stehen. Das alles und nichts anderes steht im Wahlaufruf der «Jüdischen Volkspartei", wenn man von der Pfleae deS Hebräischen alS „moderne" Sprache absieht, die wir ablehnen müssen. Nur der Geist, in dem diese Forderungen in die Wirklichkeit «mgesetzt werden, kann uns also von den Zionisten unterscheiden, kann bewirken, daß sie zum Segen künftiger Geschlechter werden, nicht aber das Judentum zu geistiger Unfruchtbarkeit verdammen. Die iüdische Religion als Aufgabe kann aber nur von einer Gruppe erfaßt werden, die das Ringen um sie und die Weiterbildung ihrer Grundlagen auf ihre Fahne geschrieben hat. Denn so wahr allein das Gesetz der Entwicklung in biblischer Zeit das Wachsen Israels von der BolkSreligion Moses zur universalistischen der Propheten bewirkt hat, so wahr ist auch allein die religiös-liberale Auffassung des Judentums imstande. ,-die preußische Judenheit zu einem wirksamen Faktor innerhalb der Gesamtjlldeuheit zu machen". Botho Laserstein. Die Jrauett und der Antisemitismus. Dem Beispiel der Schweizer Frauenliga folgend, hat auch die deutsche Landmannschaft der internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit einen Aufruf gegen den Antisemitismus verbreitet. In dem Ausruf heißt es u. a.: „Die deutschen Frauen der Internationalen Frauenliga süx Frieden und Freiheit erheben schärfsten Einspruch gegen die ständig anwachseirde unverantwortliche antisemitische Hetze in unserem Vaterlande. Wir erblicken in der systematischen Wühlarbeit und Hetze gegen unsere jüdischen Dtit° bürger, dieser traurigen Folgeerscheinung des Krieges, ein bedenkliches Krankheitssymptom unseres Bolkskörpers. Unfähig, der durch Jahre hindurch künstlich genährten Hassesslut Herr zu werden, innerlich zermürbt, sieht man sich nach dem Sünöenbock um: .Der Jude trägt die Schuld am Kriege und allen seinen Folgen." Wir pazifistischen Fvanen verurteilen diese Methoden vom religiösen, vom rein menschlichen, vom nationalen und von unserem Frauenstandpunkt aus . . . Wer weiß, daß die ganze Menschheit ein Leib ist, an dem alle Völker, alle Nassen, alle Einzelindividuen Glieder sind, der wird niemals ,Ja" sagen können zu der schamlosen Verleumdung und Verfolgung eines großen Volkes, von dessen tausendjähriger Kultur wir Heutigen alle zehren. Wer selbst unter ««gerechte» Anschuldigung«« und gemeinernngen gelitten hat. der vor allem sollte eS ftlf *** würdig zurückrveifen. die Fehler und Vergehe» Einzelner der Gesamtheit zur Last zu legen . .. Wir Frauen richten an alle Mütter und Erzieher die dringende Aufforderung: Hütet eurer Kinder empfängliche Seelen vor dem verderblichen Einfluß antisemitischer Hetzer! Und wir fordern unsere Schulbehörden auf, dem unsittlichen nnd verbrecherischen Treiben Einhalt zu tun, das unter der Flagge „völkischen" Interesses in rmfereu Schulen Eingang gesunden hat! Wer sein Vaterland wahrhaft liebt, der nehme de» Kampf ans gegen diese Kwltursünde de- W. Jahrhundert-! Dpferwoche der Deutschen Nothilfe. von der ZentralrvohlsahrtSstelle -er deutschen Jude« wird uns mitgeteilt: „Die Deutsche Nothtlfe" veranstaltet wie dm letzten, auch in diesem Jahre eine Opferwoche, «u neue Mittel zur Linderung der leiblichen Notstände in beschaffen. Die Opfer wo che findet im ganzen Reichsgebiete im Laufe der M v n a t e Dezember »»- Jcknuar statt. Um die Einheitlichkeit der Aktto» zu« Ausdruck zu bringen, wird unter Förderung aller Krvife anS Handel und Industrie und der karitative« Verbände ei» Verkauf der Woh lfah r tS bri efmarken der NetchS» post stattfinden, von deren Erlös 60 Prozent de» vertreibenden Stellen für örtliche und regionale WohlstchrtSpflege verbleiben. Die ZentralwohlfahrtSstelle hat a»S de» RSbevigt» Gammelergebnisse« Zuschüsse auS dem ReichSauSgletchSfonds für überlokale Zwecke regelmäßig erhalte». DR Unterstützung des Verkaufs der WochlfahrtSb riefmarke», die namentlich für Sammler erwünscht sein dürsten, Km» allen jüdischen Kreisen nur warm empfohlen werd». Die Marken sind bei allen Postanstalten «rd Mt M Organen der Deutschen Nothtlfe zu erhalten." Versammluilgskalender. Berlin. (Liberaler Verein für die Angelegerchette» ch« jüdischen Gemeinde. Bezirksgruppe Norden.) Im A««r» bachschcn Waisenhaus, Schönhauser Allee 162, findet regelmäßig abends 6'/2 llbr Freitagabend-GotteSdienst mtt Orgel» Chor und Predigt statt. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendverei« jCGfoqfant Geiger"). Geschäftsstelle: Breslau 7, Höfchenstr. 61. ll l. Vereinslokal: VereinLzimmer des KorrzerthawseS, Gardenstraße, Eingang Portal 1. pt. l. DienSiag.den 18. November.abends SX Uhr: Vortrag des Herrn Curt Brienitzer über: J«dent«m inderdeutschen Geschichte. Gäste willft>mmen. Magdeburg. (Jüdisch-liberaler Jugendbund «Heimat"^ Am 22. November 1Ü24 veranstalten wir tm GesellschaftLhause .^Hohenzollern", Breiter Weg, einen Festabend mit künstlerischen Darbietungen. Mit diesem Festabend trttt der Verein zum erstenmal an die breitere ^Öffentlichkeit, und er bittet deshalb alle Mitglieder und Freunde der liberalen Bewegung, die in der näheren Umgebung MagdeburgS ihren Wohnsitz haben, diese Vevanstaltnug zn besuchen. Zu näheren Auskünfte« ist Herbert Basch, Breiter Weg 159, gern bereit. Mannheim. Am Dienstag, de« 18. November 1864. findet im Festsaal der August Lamey-Loae ein« Versammlung der Liberal-jüdischen Vereinigung Mannheim statt, t» der Herr Dr. Max Mayer-Berlin, Syndikus der Bereinigung für das liberale Judentum, einen Vortraa halten wird. Wiesbaden. Mittwoch, den 19. d. M., nachmittags ötthr, im Saal der jüdischen Mttlstandsküche Versammlung mit dem Thema: Die Ziele und Aufgaben des liberalen Lfitbentums. Redner: Nechtsamvatt Stern-Berlin mrd Rabbiner Dr. Lazarus. Inden, v. Ubmenstein spricht die noch nicht genügend nachveprüfte Bermutnna aus. daß die Rahmergasse identisch mit der mittelalterlichen .^studcngasse" sei. v. INnrenstein HI, 67 ff. Noch einmal Friedrich Hebbel: Eine Genovevaszene. Von Dr. Elise Dosen Heime r. In einem vor einigen Monaten an dieser Stelle erschienenen Artikel: „Friedrich Hebbels Tragödien aus der jüdischen Geschichte" wurde dargetan, in welcher Weise Hebbel den mit gewissen Episoden der jüdischen Geschichte gegebenen welthistorisch-symbolischen Gehalt erschaute und künstlerisch gestaltete. Heute soll hier noch zur abschließenden Ergänzung auf eine einzige Szene aus einer anderen Dichtung, seinem durch höchste poettsche Schönheit ausgezeichneten Jugenddrama: „Gerwveva" gewieisen werden. Hebbel liebt es, in solch kleinen, nebenbei gesagt, nicht immer ganz einwandfrei tm künstlerischen Sinne mit dem Ganzen verbundenen Szenen den Gehalt dieses Ganzen auf eine besonders eindringliche Weife zu beleuchten, zu verstärken, verttefen. So gerade in Merodes und Mariamne", wo in dem Diener, der als Uhr dient, eine Zeit illustriert wird, in der der Mensch einer Sache gleich behandelt, Me Würde des Individuums für nichts geachtet wird, oder im gleichen Stück das Erscheinen der heiligen drei Könige am Schluß, das in dem Herannahen des Christentums das eines neuen Weltgeistes versinnlichen soll. Eine derartige Szene nun findet sich auch in «Genoveva". „Genoveva" sollte nach Hebbels eigenem Zeugnis ein Gegenstück zur .Judith" sein und ist schon von hier aus von besonderem Interesse. Wen« Judith, wie sich vielleicht einige Leser entsinnen werden, tm Gegensatz zu Holofernes als dem Repräsentanten deS sich überstürzenden Heidentums „den schwindelnden Gipfelpunkt de- Judentums" darstellen sollte, und zwar, wie wir sahen, als aktive und au dieser Aktivität tragisch schuldig werdende Frau, so sieht Hebbel in der alles Leiben kampf- und widerstandslos auf sich nehmenden Genoveva den gegebenen Ausdruck für die christliche Idee. Insofern Genoveva ganz auf Dulden gestellt, insofern Hebbel im Dulden die Idee des WeibeS gegeben sieht (.Idee deS Weibes: durch Dulden tun"), wird daS in des Dichters Ginne wesensgesetzlich weibliche zum Symbol eines sittlich-religiösen WeltzustandeS. Genoveva „stille wie ein Gotteshaus" ist die Gegenerfcheinung zu Judith. alS einer „Feuerkugel". «Denn daS Stück ist eigentlich ein zweiter Teil der Judith, es führt daS leidende Opfer, die Heilige vor, wie diese daS Handelnde, die Heroine, die tötend stirbt und beide zusammen schließen so Sen KreiS der christlich-jüdischen Weltanschauung", schreibt der Dichter selbst. An anderer Stelle setzt er den Gehalt des Stückes in die Enffühnung der Welt durch Heilige, waso ziemlich dasselbe besagt. Die Szene, die fünfte im zweiten Akt, spielt im Schloß- Hof. „Ein alter Jude stürzt herein, vom Gesinde verfolgt." Er hat aus dem Brunnen getrunken. Aus dem Brunnen äber will nun niemand wehr trinken. ,Löer trinkt wohl noch aus einem Brunnen, aus dem der Jude trank!" Einer erinnert an den Heiland, dessen „steinern Bild mit der Dovnenkron" im Hofe hängt und der ja auch «vor Durst am Kreuz verging", ein anderer dringt mit dem Messer auf ihn ein. Da aber ruft Golo, die Hauptgestalt neben Genoveva „Halt". Er ruft es. weil er sowohl den Juden alS sich selbst für einen Sünder betrachtet und sich jedem Sünder verwandt fühlt. Aber der Jude will gar nicht geschützt werden! „Nein! Laß sie, Christ! Noch keinem deines Volks Ward Tank ich schuldig, würd's auch dir nicht gern! Fluch, Fluch der Feigheit! Warum wandt ich mich. Daß ihre schweren Steine nur die Brust Mir trafen, nicht die Schläfe. Wenn ein Greis, alb blind, eleird-iglich. in Fiebers Glut us einem Brunnen trinkt, wo er vorher — Sonst hätt' er's nicht gewagt — den grindigsten Der Hunde trinken sah. und man den GreiS, Bloß, weil er trinkt, zu Tode steiniget: Dann ist daS MaßberZeiterfüllt. danndreht Der Herr die Welt, daß unten oben wird. Dann tut ex unsere Sünden aus und spricht: Siesind bezahlt." Bleiben wir zunächst einmal hier stehen, und wir werden sehen, wie sich der Gehalt dieser Szene mit dem des ganzen Stückes, das mit dieser Nebenfigur gegebene Motiv mit dem der Hauptgestalt kreuzt. Wie der Jude, so duldet Genoveva: alles LeD der Welt ist auf sie gehäuft, so daß «daS Maß der Zeit erfüllt ist". Die Welt ist durch dies über die Unschuldige verhängte Lvid so schuldbeladen, daß ihr Weiterbestand gefährdet ist. Er kann nur durch das leibende Opfer selbst gewährleistet werden. Nämlich, wenn Genoveva die Prüfung besteht, wenn sie ausharrt, dann ist die Schuld der Weilt gesühnt und ihr Bestand gesichert. „Die Zeit ist um, wo der befleckte vall Der Erde neu entsündigt werden mutz. Wenn nicht der Donner auS der Hand deS Herrn Die schon sich hob, zermalmend fallen soll. Er tat im Anbeginn den Gnadenschwur, Daß er das arme menschliche Geschlecht Me tilgen will, wen« alle taufend Jahr' Auch nur ein Einziger vor ihm besteht." Dann „geht sie ein zur ew'gen Herrlichkett, Und ein Gefühl erneuter Arversicht Durchdringt belebend jede Menschenbrust." Wir sehen hier daS oben erwähnte Motiv: die Entsühnung der Welt durch Heilig«, daS in anderer Form t« den letztzttterten Worten des Juden enthalten war: „Dann tut er unsere Sünden ans" usw. Bmdemal ist das Matz voll durch die Schuld der Welt, beidemal wird an ste ui^> das unschuldige Leiden des Einzelnen eine Weltweivöe im religiös-metaphysischen Sinne geknüpft. Me Genoveva, so will, wie wir sehen, der Jude leiden. Er will es bewußt um feines Volkes willen, damit die letzte Sehnsucht seine- Volkes Wirklichkeit wird, die letzte Sehnsucht, das heilige Land wieder zu gewinnen. Gott aber hat an die Erfitlümg dieser Sehnsucht Opfer des Einzelnen geknüpft und diese zu bringen, leidet der Jude: „Wenn auch mein Leib Dem Schlage zitiert, der von fern ihm droht. Wenn sich mein Auge furchtsam schließt, mein Fuß Zur Flucht sich hebt, so lechzt doch meine Brust, Nach Schimpf und Schmach und unverdienter Qual. Sie sind mein Schatz, mein einz'ger letzter Schatz. Sind meines Volkes Schatz, wodurch es einst Zurück erkauft, was eS au Rom verlor: Die heil'ge Stadt. Las hochgelobte Land. Für jeden Stein in Zion will der Herr Ein Herz, das brach, und eine Wunde, die Nicht heilt und nicht verharscht." So weit ist das Leiden des Juden eine Analogie zu dem Leiden Genovevas, es dient beidemal einem höheren Zweck. Durch eine letzte Wendung aber erfährt der Sinn des Leides Genovevas durch das Verhalten des Juden noch eine Beleuchtung und Verstärkung im entgegengesetzten Sinne. Nämlich: Der Jude hat bis jetzt bet allen Qualen, die er erlitten, seinen Peinigern nichr geflucht: ,Jch seufzt', ich ächzte auch, doch ffucht' ich nicht." Jetzt aber gewinnt das Menschliche in ihm die Oberhand; Ich habe nie geflucht! Ich hcvb's gespart. Jetzt sterb' ich. Soll ich beten, oder soll .cch fluchen? Ich will fluchen. Herr der Welt. Für alles, was ich litt, leg' jetzt den Fluch Mir auf die Lipp', der sie am ärgsten trifft. — Fluch, Fluch! Man schlägt die Sterbenden." Und so stürzt er fort, fluchend, um zu sterben: „Hinab! Hinab! Wo's finster ist und sttll!" In den Flüchen deS Juden, der hier Shylock-Züge trägt, hat sich die jahrtauscud alte Qual eines ganzen Volkes zuletz.t entladen. Genoveva flucht nicht, sie betet eher für ihre Peiniger. Die Passivität des duldenden Woibes. die allein die Geschehnisse möglich macht, wird, wie schon gesagt, zugleich der höchste Ausdruck der christlichen Idee, deren höchste irdische Erscheinung sie dar stellt. Ste ist b-nchstäblich die „Heilige", wenn der arme zu Tode gehetzte Jude zuletzt der Menschlichkeit erliegt. So wird die zuletzt wild ausbrcchende dämonische Leidenschaft des Juden eine neue Folie, von der sich Genovevas stilles Dulden noch einmal um so eindringlicher ab hebt. Aber nicht nur allein von jener, auch von ihrer ganzen andern Umgebung in anderem Sinn. Gcrwveva erscheint um so reiner und edler, je roher und unmenschlicher die um sie ber, und daS sind in dieser Szene die Verfolger des armen Juden, sich zeigen. Wenn Hebbel nach seinem eigenen Zeugnis in diesem Drama den Geist des frühesten Mittelalters darstellen wollte, einer Zeit, die neben Zügen höchsten Menschentums, ticffterlebter und verwirklichter Religiosität Ausbrüche einer barbarischen Triebhaftigkeit und Grausamkeit aufweist, so dürfte ihm dies und gerade durch diese Szene besonders gelungen sein. Set« Herz aber, das fühlen wir, ist bei dem armen Juden. Nur ein Dichter, der so wie Hebbel durchdrungen war von der Achtung und Veivunderung für die Größe deS ji'ldlscheu Geistes, so von Mitleid für daS Märtvrium des jüdischen Volkes, konnte fie schreiben.

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