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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-11-14 · 40 (14.11.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
40 (14.11.1924)
Date
1924-11-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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AübMUerale3ejdnlg Grgan der Vereinigung für das liberale Judentum & v. ^Wfliyrrtf d«ch t>W GchhtYt»stA»e ^4 jährlich M. e^s EUqermmmrer 0,20. Del freier Zusendung i. Inland 0,28 $Ar Me «ttglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis s r: du RlUgliedsdetirage «nchaUen. n n r «hefredakteur: Dipl.-2«g. Bruno Doyda. Die „Jüdisch - liberale - 3eitunsM erscheint jeden Sreitag. Scbriftlettung und Gefcb&ttsjtelle: Berlin. Mauerstrabe 22. Sernruf: Ami Merkur Nr. 8725 Poftfcfcecfcfeontot Berlin n\V 1 llr.131069 (Vereinigung türOaa liberale Judentum) nad)brudt ffimtlicber Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung oer IteDafttlon gestatte! f «»zeigenpeelfer Bdr »UftnMme Nonperevszeste «Oidnünck. die Xeklsmezetle &00 Bold mark» » rr n dei Dtederhslunse» Radatt. u n tt Auzetgeuaunahme: Hermann Baswi-, Berk» 6 41, AtePandrineuslrahe 09/M, (Zerusprecherr Dönhoff 437V sowie sämttiche Armoneen-E-pedttioueu« Nr. 40 Berlin» 14. November 1924 4. Jahrgang ♦ Die „verjudung" der Presse. »Deutsch-völkische »Persönlichkeiten'. Bon Hellmut v. Gerl ach. Natürlich gibt es in Deutschland wie in fedem Laub mit einigermaßen zahlreicher jüdischer Bevölkerung eine von Juden ausschließlich ftir Juden geschriebene Presse. Genau so wie es die mir für Evangelische bestimmten .nhlreichen Evangelisrhen Sountaasblätter oder den Bonifaziusboten für die Katholiken oder die Monistischen. Blätter für die Monisten gibt. Das ist eine Art Jachpresse, deren Einfluß fast nie über einen engen Interessentenkreis hinausreicht. An diese jüdische Fachpresse denken aber die Leute Nicht, die sich über die angebliche Berjudnng der deutschen Presse anfregen. Sie behaupten vielmehr, daß der größte Teil der deutschen Presse in den Händen von Juden oder von Juden redigiert sei und unter dem Schein der Vertretung deutscher Inter- Essen in Wahrheit nur die Interessen des Judentums tvahrnehme. ES lohnt sich, dem Schlagmort von der „Verjudung der Presse" einmal ein bißchen auf den Grund zu yehen. MS Tatsache steht zunächst fest, daß fast ausnahmslos die Haltung eines Blattes von dem Verlage be- Et wird, nicht von der Redaktion. Der Verleger sich ja die Redakteure ans. Mögen vereinzelte ger ihren Redakteuren auch erfreulich viel Ellvogenfreiheit gewähren — die Gesamttendenz des Blattes wird doch vom Verlage bestimmt. Don den etwa 8000 deutschen Tageszeitungen befindet sich wenig über 1 Prozent in den Händen jüdischer Besitzer. Selbst wenn man annehmen sollte, daß diesen sämtlich — bewußt oder unbewußt — die Interessen deS Judentums über denen des Deutschtums stehen, träfe daS Schlagwort von der Verjudung der deutschen Presse nur auf einen ganz kleinen Bruchteil zn. Ganz unverdächtig wohl ist zunächst die leider recht zahlreiche völkische Presse. Da die Völkischen bei ihren Anhängern auf Sie Vlntsprobe ein überragendes Gewicht legen, ist anzunehmen, daß sie in erster Linie ihre Organe nur ganz unverdächtigen Ariern anvertrauen werden. Ein Drittel des deutschen Volkes bekennt sich zum Katholizismus. Die meisten Katholiken gehören dem Zentrum oder der Bayerischen Volkspartei an. Die Organe beider Parteien tragen einen bewußt katholisch-christlichen Charakter. Bei ihnen allen kommt der Jude weder als Verleger noch als Redakteur in Frage. Die fast einzige geistig-politische Nahrung der Bevölkerung des platten Landes und der kleinen Städte sind die Kreisü lätt er. Dies überaus wichtige Instrument, von dessen Bedeutung, ja von dessen Existenz die meisten Großstädter kaum mehr als eine blasse Ahnung haben, befindet sich ausnahmslos in den Händen kleiner christlicher, meist noch dazu reaktionärer, Verleger. Die Kreisblattpresse ist in der Republik fast'noch genau so politisch rückständig, wie sie es unter der Monarchie war. Sehr große Leserzahlen weisen die General- Avzeiger auf. Aber ob es sich nun um den Girardetkouzern oder um den Huckkonzern oder sonst um eine Generalanzeigergruppe handelt — von jüdischen Eigentümern ist meines Wissens nirgends die Rede. Eine unheimliche Macht haben während des Krieges und nach dem Kriege die von der Schwerindustrie ausgehenden beiden großen Zeitungsunterneynmngen, oer Stinneskonzern und der Hugenbergkonzern, erlangt. Der eine neigt der Deutschen Volkspartei, der andere den Deutschnationalen zu. In beiden Riesengebilden ist der jüdische Einfluß natürlich völlig ausaeschaltet. Ebenso steht es mit -er sonstigen Presse der Deutschnationalen und der Deutschen Bolkspartei. Von jüdischen Verlegern ist hier, wie es bei dem Charakter beider Parteien selbstverständlich ist, nirgends die Rede. DaS Gleiche gilt von der gesamten agrarischen Presie, die unter dem Einfluß des Reichslandbundes oder anderer landwirtschaftlicher Zweckverbände steht. Allerdings schätzt sich ein Blatt wie die agrarische „Deutsche Tageszeitung" glücklich, wirtschaftlich-reaktionäre Artikel deS bei ihr unter einem Decknamen schreibenden Herrn Rothschild zu bringen, und in der Redaktion des deutschnationaleu Der Trommler Hitler. Mit der Bitte um Abdruck, der wir gern Nachkommen,! erhalten wir nachstehende Erklärung: Adolf Hitler balle gegen nrich euren. Prozen angestrengt, > weil ihm in einen: Artikel der C.B.-Zeitnng der Borwurf des BaterlandsverrateS gemacht wurde. Er lief? die Straf-1 Verfolgung verjähren und das Verfahren wurde aus seine Kosten deshalb citigestel't. Neuerdings erklärt der Anwalt Hitlers der Presse, daß! Hitlers VeriwUuua diesem Beranlannnq gab. von der Fvrtstthrnng der Prozesse Abstand au nehmen, und daß ich selbst die Möglichkeit gehabt hätte, den Prozeß fortzusühren undj Beweise für meine Behauptung .zu erbringen. Hierzu stelle ich folgendes fest: 1. Hitler ist in Ar. 16 der C.B.-Zettnug ein Vaterlands-1 Verräter genannt worden. Er hat diese Beäeichnunq auf sich sitzen lagen, und hat den Versuch, sich durch ein öffentliches <°serichrsversahren hiervon zu reinigen, fallen lassen. 2. Lurch Urteil des Bolksgerichts München vom 1. Avril 1924 ist Hitler des Hochverrats schuldig gesprochen. Hierdurch ist der Beweis des Verrats in aller Oefsentlichkettj gegeben. Diese Tatsachen genügen, um das Verhalten Hitlers zuj kennzeichnen. Dr. Ludwig Holländer, Rechtsanwalt,! Direktor des Eeiltral-Vereius deutscher Staatsbürger jüdischen ElaubenS. E. V.j Der glfiige Dinier. Bor dem Amtsgericht Verlin-Mitte begann am Donnerstag, den 18. November, ein Beleidtguugsgrozeß von öffentlichem Interesse, der in seinen weiteren Phasen sehr interessant m werden verspricht. Kläger t-ft der bekannt« antisemitische Apostel und „Dichter" Dr. Arthur Dinter, der Verfasser der „Sünde wider das Blut". Beklagter ist der Redakteur der Wochenausgabe des „Berliner Tageblatts". Dr. Birnbaum. In der Wochenausgabe des „Berliner Tageblatts" erschien ein Artikel ^Antisemitismus als GeschäftSobjekt" von Julius . . . Var rasch, in welchem DinterS talnrudifche Zitate als Fälschungen bezeichnet worden sind. Dinter fühlt sich durch diesen Aufsatz beleidigt, insbesondere durch die Bezeichnung: Schmutzwerk, Fälschungen, Verfälschungen usw. Der Beklagte Dr. Birnbaum übernimmt die preßgesetzliche Verantwortung für den Aufsatz, der nur Wahres enthält. Der Vorwurf deS Geschäfts-Antisemitismus wird auch aus dem Grunde für berechtigt erklärt, weil für die Dinterschen Schriften eine Reklame entfaltet werde, wie sie sonst auf dem Büchermarkt völlig ungebräuchlich sei. Die deutsch-völkischen Blätter in Hamburg haben schon am 26. Februar 1920 die folgende Aeußerumg Wilhelms H. über daS Buch kolportiert: ^Dinter hat Recht, nicht das deutsche Volk, sondern die Juden und Judengenossen haben mich verraten." Es wird behauptet, daß der Kaiser diese Aeußerung nie getan hat. Bezeichnenderweise wird diese aber zwecks »Reklame kolportiert mit dem Hinzufügen: »Von DinterS Roman ist bereits das 90. Tausend erschienen." Dt« Vertretung des angeklagten Redakteurs haben neben dem Syndikus des „Berliner Tageblatts". Dr. Fritz Cohn, die Rechtsanwälte Dr. Klee und Grvnemann übernommen. Zu dem Dinterschen Buch äußerte sich Geheimrat Strack, der bekannte Berliner evangelische Theologe und Talmudkenner: ,/£H), als evangelischer Christ, würde mich nicht wundern, wenn jemand, der gegen die christliche Religion so reden wollte, als böswilliger Verleumder bezeichnet werden würde." Der bekannte deutsche Schriftsteller Thomas Mann äußerte sich über das Buch: „DinterS Sünde wider das Blut" habe sch erhalten und — nicht ohne Widerstand — gelesen. Dichterisch völlig wertlos und wohl auch ohne Ehrgeiz in dieser Richtung, wird daS Buch durch die Mischung von Halbwahrheit und hetzerischer Fälschung, die es darstellt, zur geistigen Gefahr. Bei der gewaltigen Verbreitung, die es, getragen von populären Strönrungen. gefunden hat, scheinen die schärfsten Formen der Abwehr mit entschuldbar." Zu dem Termin hat sich Dinter als Sachverständiger auf Dr. Bischof in Leipzig berufen, der Beklagte hat auf da- Gutachten des Talmudkeuners, Pastor Dr. Windfuhr. Bezug genommen. Dem Prozeß wird mit Spannung entgegengesehen. _ _ Es mutz auffallen, Latz sich Dr. rer. net. Arthur Dinter erst letzt gegen den Vorwurf der böswilligen Verhetzung und Her Fülsth-ung von Talmudzttaten verteidigt. Der jüngst verstorbene hervorragende Vertreter der evangelischen Theologie, Pros. v. Dr. Strack, hatte in seiner Broschüre jüdische Geheimgesetze?"noch viel schlimmere Borwürfe erhoben. DinterS Arbeiten als „elende Machwerke" und alS „eine Sünde wider alle Güter unseres deutschen Volkes" bezeichnet. Dinter hat sich natürlich gehütet, den greisen Theologen vor Gericht zu zitieren, da dessen Sachkenntnis so gefürchtet war, daß sich ihm kein ./Sachverständiges vor Gericht «nd eidlich zu stellen gewagt hätte. Man sieht: Mut zeigen auch diese Deutschvölkischen. Lokcckanzekgers spielt Dr. Siegfried BreNlawer» eks Führer der sogenannten uationalüeutscheu Juden, eins führende Rolle. Daß aber die Interessen de- Judentums durch die Artikel der Herren Rothschild und Breslauer gefördert würden, wird wohl selbst der kühnste Antisemit nicht zu behaupten wagen. Anderenfalls hätte das letzte Stündlein dieser Herren bet ihren Verlagen sicherlich rasch geschlagen. Die sozialdemokratische Presse, die Mehr als 200 Tageszeitungen umfaßt, befindet sich im Besitz der Partei. Da der Partei auch ein kleiner Prozentsatz jüdischer Mitglieder angehört, sind an den sozialdemokratischen Blättern die Juden nrit einer gewissen, allerdings verschwindend kleinen Quote mitbeteiligt. Daß sie und nicht die Massen der arischen Arbeiter trotzdem den maßgebenden Einfluß auf die Haltung der sozialistischen Presse ausüüen sollten, hieße dem Judentum ein für die Arier überaus peinliches besonderes Ehrenzeugnis ausstellen. Wie leichtfertig die Judenfeinde in ihrer Taktib sind, jedes ihnen unbequeme Blatt dadurch dem Publikum zu verekeln, daß sie es als Judenblatt bezeichnen, habe ich oft genug am eigenen Leibe erfahren. Wieder und wieder ist die „Welt am Montag" alS jüdisch abgestempelt worden. Gewiß, sie rechnet es sich zur Ehre an, so hervorrirgeu.de Männer wie Georg Bernhard, Bruno Buchwald, Julius Bab, Siegfried Jacovsohn und Franz Oppenheimer zu ihren Redakteuren gezählt zu haben. Aber ihr Verlag ist rein arisch und ibre Redaktion, zufällig, jetzt auch. Als sie trotzdem von der Pommer ichen Tagespost kürzlich wieder als Judenblatt bezeichnet wurde, und darauf mit einigen ironischen Bemerkungen quittierte, erwiderte oaS deutschnationale Blatt, die Welt am Montag wäre von „unechten" Juden redigiert. Samuel hilf! Wenn jemand den Herrschaften nicht in ihren Kram paßt, wird er zum Juden gestempelt, und wäre es auch nur zum unechten. Die Hauptsache bleibt: -er Jude wird verbrannt! Als „garantiert echte" einflußreiche jüdische Verlage können wirklich nur drei genannt werden: M o s s e, U l l st e i n, „Frankfurter Zeitung". Sie gehören Juden und haben teilweise jüdische Redakteure. Daß sie in erster Linie jüdische Interessen vertreten, kann nur behaupten, wer anti-antisemitisch mit jüdisch verwechselt. Trotzdem wird sich natürlich kein Antisemit ausreden lassen, daß die frankfurter Zeitung" so gut wie sämtliche von den Häusern Mosse und Ullstein herausgegebenen Zeitungen Organe des Judentums seien. Wenn von „Verjudung der Presse" die Rede ist, wird zum Beweise immer auf das „Berliner Tageblatt", die „Vossische Zeitung" und die „Frankfurter Zeitung" Bezug genommen. Es ist richtig, daß diese drei Blätter in der Welt besonders bekannt sind und am meisten zitiert werden. Mer das geschieht doch nicht um deswillen, weil sie von Juden herausgegeben werden, sondern weil sie die bestredigierten und interessantesten deutschen Zeitungen sind. Es mag einem Völkischen peinlich sein, daß er in Amsterdam oder Kopenhagen oder Zürich gar keine Nachfrage nach der Deutschen Zeitung oder Presseerzeugnissen ähnlichen Kalibers findet. AVer das liegt doch ausschließlich daran, daß bei der Nachfrage nach Zeitungen letzten Endes die Qualität ausschlaggebend ist. Nicht ihr arischer Ursprung schaltet die mehr oder weniger antisemitische Presse von dem Weltmarkt aus, sondern lediglich ihre technische oder intellektuelle Minderwertigkeit. Summa summarum: es ist Schwindel, von einer Berjuduna der deutschen Presse zu sprechen. Richtig ist nur, daß unter den Tausenden deutscher Zeitungen einige Juden gehörige und teilweise von Inden redigierte Blätter sich besonderer Beachtung in der Oeffentlichkeit und zumal tm Auslände erfreuen. Das mag kür die Antisemiten schmerzlich sein. Aber ein Beweis für die Berjudnng der deutschen Presse ist es nicht. , . Diener Brief. Die „Judeuzeitungen" und die Zeitungsjude«. DaS Wiener Bürgertum — auch das katholtschklerikal und deutschnational gesinnte — liest die „JubenblLtter", wie man hierzulande die liberale Presse nennt, lieber als die antisemitischen Zeitungen. Und doch steht es politisch ganz iw Banne dieser

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