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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-31 · 38 (31.10.1924) · page 8

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
38 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Epilog zu den Festen. Von Rabb. Dr. Gott sch a 1 k. I. Wie Luft, die schwer ist von der Sonne Glut, Wie Kinder, müde von des Tag's Gewühl, So schritten wir mit gottbeschwertem Blut, Mit selig müdem, trunkenem Gefühl. Und wie nach Stürmen scheues Zittern Die Felder klagend überweht, Nachhaiiend noch ein leis' Erschüttern Durch jedes Baumes Wipfel geht; Wie nach der Töne brausend Klingen Ein Hauch ganz leis' das Ohr beschwingt, Sehnsüchtig süßes, zartes Singen Ganz still noch aus der Seele dringt: So rieselt wonniges Erschauern Durch unsre gottdurchstürmten Glieder Und wie ein wehes Abschiedtrauern Hallt alles Glück noch einmal wieder'. Ja, Herr, ich durfte dir begegnen! Drum jubelnd hör's: ich danke dir! So reich kann deine Liebe segnen . * Ach du mein Glück! Du meine Zier! II. Fromme Beter wallen, Fromme Klänge hallen. Fromme Lippen sprechen: W o 11 uns nicht zerbrechen!. Starke Seelen ringen, Sterke Seelen zwingen, Starke Seelen sprechen: Wollen nicht zerbrechen! III. Schicksal, du weltenschweres Wort —- Ich schaud’re, spreche ich dich aus, So reich an Schmerz, so tief an Weh — Schicksal, o Qual! Schicksal, o Graus! Und doch, und doch — ich flieh dich nicht, Will auch nicht zitternd zu dir beten. Mit Heldenkraft! Mit Siegerglüh'n Will ich vor dich, mein Schicksal, treten! Ich trotze dir und bleibe stark! Ich bin dein Herr! Ich schaffe dich! Du nimmst — so nimm! Ich lobe fort — Und liebe Gott, dich, — ewiglich! BILANZ. Skizze von Andreas Latzko. (Copyright by „Jüdisch-liberale Zeitung“, Berlin 1924.) (1. Fortsetzung.) „Schwer"? —-So nannten sie heute ihre Prüfungen, das Studium in gut geheizten Stuben, von Mutter gehätschelt und gemästet, von Hauslehrern geschoben, und welche Erbitterung machte die Runde durch die ganze Verwandtschaft, wenn vor das glatte Gelingen ein als judenfeindlich verschriener Professor unverdiente Hürden wälzte!-„Schwer"?-Der Alte schmunzelte, und ließ den Kopf immer noch weiter vornüber sinken. Er sah sich vorwärtsstolpern, über den verschneiten Pfad der Landstraße, bepackt, daß er hart ringen mußte, gegen seinen eigenen Willen alles hinzuwerfen, und sich selbst daneben mit dem Aufschrei: „Ich kann nicht mehr!" Tückisch dehnte sich der Weg, erfand neue Buchten und Schlingen, und die Wintersonne sank so schnell, Nebel zog vor die lockenden Rauchfahnen des nächsten Dorfes,- und alle diese Feinde mußten überwunden werden, ehe der Sabbathabend ganz eingebrochen war! Zugleich mit der Dunkelheit mußte er das baufällige Häuschen erreicht haben, hinter dessen winzigen Fenstern Frau und Kinder seit einer Woche um den Erhalter bangten, und, die Nasen an die Scheiben gepreßt, die Vision eines Unglücks vor Augen, verzweifelt in der finsteren Stube kauerten, wenn auf dem Schnee schon der Lichterschein der Nachbarhäuser tanzte, und der Vater hatte die Schwelle noch nicht erreicht!- Fortgefegt waren die Blutstropfen der hingestreuten Rosen, die Vasen und Gläser und halbgeleerten Obstschüsseln, -über das glatte Weiß des Tischtuchs glitt der feuchte Blick ungehemmt in die Vergangenheit hinein. Bissig knirschte der Schnee unter den schweren Schritten, irgendwo bellten Hunde, die Formen der Bäume und Scheunen quollen gespenstisch auf in der Dämmerung, die schon der Finsternis entgegenglitt. Eine kleine Stunde noch, und der Sabbathabend würde alle Frommen in der Synagoge versammeln, die noch so weit war, so weit!- — Eine schlechte Woche war es gewesen, vollzählig beinahe mußte das ganze Warenlager, das ihm der „reiche" Rosenthal vor sechs Tagen anvertraut hatte, den ganzen Weg zurückgetragen werden! Bei so schlechtem Geschäftsgang war jeder kleine Botenlohn ein Glück, — und so hatte er sich eine Pflugschar, die zum Schmied mußte, und noch zwei andere gewichtige Geräte aufhalsen lassen. Entzweigebogen, torkelnd unter der übergroßen Last, hieß es laufen, gejagt von der unbarmherzig sich verdichtenden Finsternis, immer das Bild des Häuschens vor Augen, und vor der Türe, im flatternden Tuch, seine Frau, seine Betty, die Augen hineingehängt in die Dunkelheit, mit keuchender Brust auf das Geräusch der ersehnten Schritte lauschend! Sechs Tage Trennung, sechs Tage weite Wanderung über die verschneite, unbefahrene Landstraße, an gehässigen Menschen und Hunden vorbei, durch Dörfer, von rohen, grausamen Bauern bewohnt,-— mußte die arme Frau nicht wie im Fiebertraum die blutige, ausgeraubte Leiche ihres Mannes irgendwo im Schneefeld liegen oder ihn halb tot geprügelt, mit gebrochenen Gliedern sehen, mit jedem Tieferwerden der Dunkelheit? — Das vorletzte Dorf — endlich! Aus den geduckten Häusern blinzelt gelb das Licht der kleinen Lampen, — scheu im Schatten huscht der Eilige, immer in Angst vor einem bösen Streich.-Schon wird die Reihe der niederen Hütten undicht, finster gähnt das letzte Ende der Landstraße, — — — da!-- — Die Türe eines Häuschens fliegt auf, und hoch aufgereckt im herausquellenden Licht steht der Bauer und ruft: „He, Jud'l Komm' herein da!" Mühsam ist es, die Füße anzuhalten, sie streben vorwärts« dem Dunkel zu, das noch zu durchqueren ist, aber die Furcht, der Bauer könnte den Hund hinterherhetzen, erzwingt Gehorsam und Demut. Untertänig klingt aus verschnürter Kehle der Bescheid, daß es zu spät geworden sei zum Geschäftemachen. Am Montag komme man ja wieder vorbei! Herrisch, ganz wie er seinen säumigen Hund heranrufen würde, wiederholt der Bauer statt jeder Antwort: „Komm' herein da!" Den Oberkörper schon dem Hause und der Lichtgarbe zugewandt, im Begriff zu gehorchen, irren die Augen noch einmal sehnsüchtig nach dem Ziele ab, das unsichtbar weit im Dunkeln hängt. Die Füße gleiten fast unter ihm weg, wie fortgezogen, als hätte sich die Straße wie ein Strick um die Stiefelschäfte geschlungen, und am anderen Ende zöge bleischwer die wachsende Angst der zitternden Frau! -Da knurrt der Bauer ungeduldig, die kostbare Ofenwärme entweicht ja durch die geöffnete Tür.-; „Ja, ja, da bin ich ja schon!" Würgend reißt der dicke Dunst der Bauernstube dem Torkelnden den Magen hoch, von dem plötzlichen Wechsel zwischen Finsternis und dem Lichtschein geblendet, sieht er die Gesichter nicht, die sich ihm zuwenden, und kann die frosterstarrten Finger nicht lockern um die beiden Bündel, die sie umklammert halten. Stammelnd wagt er noch einmal die Bemerkung, er könne nichts mehr verkaufen heute abend, der Samstag sei schon angebrochen! Und während er Entschuldigungen stammelt, schätzt er innerlich verzweifelt die kostbare Zeitspanne ab, die der unerwünschte Aufenthalt kosten dürfte, und fühlt die Kehle sich mit Tränen füllen vor Mitleid mit seiner armen Frau! Zehnmal in jeder Minute, die hier nutzlos vergeht, wird sie ihn nun alle Tode sterben sehen, ringend mit der Uebermacht bewaffneter Wegelagerer, bissiger Hunde, dicker Bauernknüppel, die unter Gelächter auf ihn nieder-, sausen.- Ringsum bleibt es still. Keine Frage nach einer bestimmten Ware, nirgends ein verpackter Gegenstand, vorbereitet, um ihm anvertraut zu werden. Als seine blinden Augen endlich die Gesichter unterscheiden können, bleibt ihm der Atem stehen, denn es spielte ein merkwürdig spöttelnder Zug um den Mund der spinnenden Frauen, als warteten sie auf eine Ueberraschung. Hatte man ihn in eine Falle gelockt?-Waswas aber sollte ihm angetan werden?-In jeder Ecke wittert er Gefahr.-Da fällt endlich in das Brausen der aulgescheuchten Pulse erlösend der Befehl des Bauern: „Da Jud’! Das Mädel will nicht folgen. Steck’s in deinen Sack und nimm's mit!" Und sogleich löst sich aus dem Dunkel hinter dem Herd ein kauerndes Häufchen, stürmt kreischend zur Mutter und fleht, an die Röcke geklammert, schluchzend um Verzeihung.-Dafür war seine Eile gebremst, sein Heimweg unterbrochen worden!- Und selbstverständlich, wie der Befehl hereinzutreten, wird auch die Entlassung erteilt. Nur aus den erschrockenen Augen des Kindes folgte ihm ein Blick voll Angst und Haß zugleich, und gibt ihm die Sicherheit mit auf den Weg: was er hier auf Befehl gesät hatte, werde ihm in einigen Jahren wohlgezielte Steinwürfe eintragen, oder das Absingen gehässiger Spottlieder, so oft er vorbei muß!- „Dann kannst' also für diesmal geh'n, Jud'!"- Der herablassende Ton, die herrische Gebärde des Bauern, — wie ein Vorhang schob das Bild sich vor die Gegenwart, ließ nur, gleichsam durchschimmernd, die respektvoll vorgebeugte Gestalt des Traiteurs als Folie vorbeigleiten, und die Gedanken knüpften spielerisch die Verbindung, als müßte der dienernde Lakai just jener Bauernhütte entsprossen sein-heute strammstehen vor dem Reichtum des Geächteten, den seine Väter wie einen Hund heranpfiffen.- Zufrieden, von innen her gestärkt und durchwärmt, hob der Alte den Kopf, sah um sich, stolz auf die tausendfach umfriedete Sicherheit der Nachkommen, die rings um die Tafel, wie verschanzt hinter dem Ertrage seines Lebens saßen. Nun war die verschneite Dorfstraße wieder versunken, er blickte den Tisch entlang, gegen den lichtdurchflossenen Qualm des letzten Zimmers, wo die Jugend lärmte. Die lernten das Gehen, die ersten Schritte schon mit geradem Rücken, und der gekrümmte Rücken des Traiteurs stand am Eingang ihrer Erinnerungen. Niemand durfte sie rufen: „Jud', komm' herein!" Wo der Großvater als Kinderschreck benutzt worden war, könnte ihr Vorbeigehen die Bauernkinder nur verlocken, um Kupfermünzen bittend die reichen Städter zu umhüpfen. Ja! Das war ganz sein Werk, die Bilanz seines Lebens! Die Brücke hinüber auf die Sonnenseite, alle Wälle und Mauern, alles was sie lernen durften und wußten, alles, alles, das Wachstum und ganze Sein dieser ganzen Tafelrunde, aus dem Mark seiner Knochen, den Qualen seiner Jugend, den Sorgen seiner Nächte war alles hier gebaut. Er hatte die Wahrheit gesprochen, der schwatzhafte Nachkomme des alten Rosenthal, die reine Wahrheit, viel mehr als er selbst es ahnen konnte!-Ganz aus eigener Kraft, auf Kosten des eigenen Leibes waren die Steine zu diesem Bau zusammengetragen, sechs Nächte wöchentlich auf harten Wirtshausbänken, und nur eine im Bett! Weil er sich selbst so schwer aufgeladen hatte, ohne Rücksicht auf die wundgescheuerten Schultern, weil er sich selbst hatte hungern lassen, wie keiner das Vieh, das ihm dient, darum nur beugte sich heute der Haß, der seine eigene Jugend kläffend gejagt hatte, mit der lächelnden Larve dieses befrackten Kochs zu seinen Kindeskindern nieder und verwöhnte sie so arg, daß sie sogar wehleidig sein durften, feinhörig für jeden Tonfall, der nach Geringschätzung klang! War es nicht für einen Traum selbst zu schön, daß er, — er, solche Kindheit hatte erkaufen können der eigenen Nachkommenschaft? — „Großvater schläft!"... „Der Alte ist eingenickt!"... Die Nachricht lief von Ohr zu Ohr, baute auf beiden Seiten der Tafel eine Treppe aus lächelnd vorgebeugten Gesichtern, jeder spähte an dem Vordermann vorbei zu dem zerknüllten, eingesunkenen Greis hinauf — und freute sich unbewußt der eigenen Rüstigkeit. Der Alte oben fühlte die Blicke nicht, aber er hörte das Schweigen, das plötzlich das eintönige Surren der Stimmen aus dem Raum fegte, als hätte die Erinnerung den Weg freigemacht, die Gegenwart verjagt, damit die Gedanken rasch zurück* finden durch das lange Spalier, das sieben Jahrzehnte stellten. Er war nicht eingeschlafen und träumte nicht,_—, er lauschte der Stille, und auf dem verschneiten Pfad, der aus dem Schweigen wieder emportauchte, lief er tnit jungen Füßen zu einem andern Haus zurück, das ganz am Ende, als erster Anfang, quer über die Straße stand. Nicht wohl ausgerüstet und gestählt für harte Kämpfe hatte er es verlassen! Die Augen dick verweint, mit ge* brechlichem Körper, nicht weniger empfindsam als irgendeiner, dessen Wiege überängstliche Liebe mit Daunen polstert und mit Spitzen umsäumt!-Ein letztes* mal noch berührte ihn die segnende Hand des Vaters, dann mußte er gehen, und wußte, daß hinter der Türe, die er schloß, alles sofort sein würde, wie es alle Tage war. Unvergeßlich war das Bild, so scharf ins Gehirn gebrannt, daß sieben Jahrzehnte es nicht hatten verwaschen können!-Das schluchzende dreizehnjährige Kind, trotz grimmiger Kälte hingeklebt an das vereiste Fenster, — und drin in der Stube der Vater, mit wallendem Bart, schon wieder über die Schrift gebeugt, die aufgestemmten Hände wie Scheuklappen an den Schläfen, als wollte er so den Augen verbieten, abzuirren von Gottes Wort, dem Sohne, seinem Jüngsten nach, der nun einen ganz anderen Weg zu wandern hatte. (Fortsetzung folgt.) U BUCHERSCHAU. jfj] Hermann Cohens Jüdische Schriften. Mit einer Einleitung von Franz Rosenzweig, herausgegeben von Bruno Strauß. Veröffentlichungen d)sr Akademie des Judentums. Berlin 1924 bei C. A. Schwetschke St Sohn. 3 Bände. Wer immer an den Problemen der Religion und Sittlichkeit interessiert ist, besonders aber die Juden, denen es mit ihrer Religion ernst ist, sollte an dieser Veröffentlichung nicht gleichgültig voriibexgehien. Die drei Bände, welche Schriften Cohen« aius den Jahren 1867—1918 enthalten, bringen nicht nur wertvolle Ergänzungen zu Cohens System der Philosophie (und hier ganz besonders zu der .Ethik des reinen Willens" und dem aus dlem Nachlaß herausgegebenen Werke „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“), sondern sie sind auch geeignet, Leser zu fesseln und zu gewinnen, welche nicht in die Einzelheiten des Cohenseben Systems eingedrungen sind. Es ist unmöglich von dar Mannigfaltigkeit und Fülle dler hier entwickelten Gedanken in einer kurzen Anzeige ein erschöpfendes Bild zu geben. Die Ausgabe ist in jeder Hinsicht verdienstlich. Eine solche Sammlung war für das Wirken Cohens eine Notwendigkeit, denn in der temperamentvollen Anteilnahme seines Gemütes an allen sittlich religiösen Problemen des Lebens streute Cohen seine Gedankenschätze an dien mannigfaltigsten Orten aus, so daß viele seiner wertvollsten Aufsätze in Zeitungen und Zeitschriften verborgen sind, die der Allgemeinheit kaum mehr zugänglich sind. So rettet diese Sammlung ein kostbares geistiges Gut und zwar in einer Ausgabe; die vom philologischen Standpunkt aus tadelfrei erscheint. Au«)? die von Franz Rosenzweig geschriebene Einleitung bringt sicher^ lieh viel wertvolles, wenngleich ich persönlich in der Auffassung des Gesamtwirkens Cohens von Rosenzweig häufig abweichie. Ich habe viele Jahre Gelegenheit gehabt, mich mit dem Denken und Wirken Cohens zu befreunden, und ich kann es nach meiner Einsicht nicht für gerechtfertigt halten, wenn man Cohen so sehr in die Nähe des Mystizismus rückt, wie das Rosenzweig getan hat.*) Um dem Leser dieser Anzeige wenigstens eine entfernte Vorstellung davon zu geben, wie weit umfassend das Gebiet der in den drei Bänden behandelten Probleme ist, will ich nur bemerken, daß sich neben prinzipiell religionsphilosophischest Untersuchungen (z. B. „Religion und Sittlichkeit“, „Religiöse Postulate“, „Das Problem der jüdischen Sittenlehre" usw.) andere religionsgeschichtlicber Art (z. B. „Die Einheit des Herzens bei Bachja", „Charakteristik der Ethik Maimums" usw.), ferner Nachrufe und Würdigungen bedeutender Persönlichkeiten, ästhetische Aufsätze (z. B, die interessante Jugendarbeit „Heine und das Judentum", „Der Stil der Propheten** u, a.), sowie solche Abhandlungen finden, die sich mit zeitgeschichtlich bedeutsamen Ereignissen befassen. Was insbesondere dien religionsphilosophischen Abhandlungen eine so große Bedeutung für die Allgemeinheit der Menschheit verleiht, das ist der im wahrsten Sinne humane und soziale Geist, der sich in ihnen ausspricht. Die Idee des einzigen Gottes bildet für Cohen den tiefsten Gehalt der Jüdischen Religion, Sie wird zum Symbol und Bürgen der menschlichen Gemeinschaft im sittlichen Streben, sie muß auch die geschichtliche Rechtfertigung des Judentums ermöglichen, welches seine Aufgabe in der Verbreitung der Erkenntnis der Bedeutung de$ einzigen Gottes für die Menschheit sehen muß. Den Rassenfanatikem aller Richtungen und Religionen tritt hier ein gütiges Herz und ein. überlegener Verstand entgegen, und der Boden wird geebnet, auf dem sich die Vertreter der verschiedenen Konfessionen brüderlich begegnen können. Die Idealisierung der Religion zur reinen Humanität ist das tiefste Bemühen dieser Schriften. Cohen hat im Lauf seines Lehens in der Stellung zu den religiösen Problemen eine Entwicklung durchgemaebt, die indessen den prinzipiellen Standpunkt niemals preisgah. Wenn er in seinen frühsten Schriften die Berechtigung einer Eigenart der Religion neben der Sittlichkeit leugnete, in den späteren aber sie behauptete, so ist doch bis an sein Ende dies eine ihm unwandelbar feststehend, daß es niemals zu einem Gegensatz zwischen Religion und Sittlichkeit kommen könne und dürfe, ja daß im Grunde genommen die Religion, richtig verstanden, nur eine Erweiterung des Inhalts der Ethik herbeiführen könne. Auf dem Boden dler Ethik muß die Idee Gottes heg rändlet werden, und wenn nun später für Cohen die Wechselbeziehung, die Korrelation zwischen dem einzelnen Individuum und Gott zum eigentlichen Thema der Religion wird, so kann doch auch diese sich nur vollziehen durch die Gemeinschaft der Menschheit. Im übrigen muß ich für alle diese Einzelproblcme auf das Werk selbst und meine oben genannte Darstellung verweisen. So viel mir bekannt ist, plant der Verlag auch eins Neuausgabe dler kleinen philosophischen Schriften Cohens, auf die wir hoffentlich nicht allzulange warten brauchen. Die Ausstattung der vorliegenden Bände ist sehr schön. Das schöne Bild Cohens von der Hand M. Liebermanns schmückt d!as Werk, Prof, Dr. W. Kinkel. '*) Ich darf in dieser Hinsicht verweisen auf mein 1924 bei Strecher & Schröder, Stuttgart, erschienenes Buch über Hermann Cohen. Ich will die Gelegenheit benutzen, einen Irrtum zu berichtigen, der mir dort unterlaufen ist. Cohen war nicht« wie ich dort sage, Freimaurer. Ich wurde zu diesem Irrtum verleitet durch eine Schrift Cohens über dten Orden „Briet Brith“, dessen Bedeutung mir fremd war.

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