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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-17 · 36 (17.10.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
36 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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schöpfung dieses Weltkrieges eine gewisse Ruhepause eintreten wird, ergibt sich fast von selbst,' dazu bedarf es weder eines Völkerbundes noch Schiedsgerichts. Zwei Systeme stehen sich in der Theorie gegenüber. Dasjenige der einander die Wage haltenden Interessenverbände von Staaten und dasjenige des allgemeinen Schiedsgerichts. Ist das erstere zugunsten des letzteren abgetan? Jedenfalls wird der wahre Pazifist wachen müssen, das; uns nicht wieder eine Scheinlösung einschläf.re. Wachen wir über den besorgniserregenden Zustand der europäischen Menschheit! Die Hauptsache ist, daß durch die künftige Politik die uralte Spannung zwischen Deutschland und Frankreich beseitigt und zwischen beiden ein Verhältnis der Freundschaft und des Vertrauens geschaffen werde. Wodurch dieser Erfolg zu erreichen ist, ist jetzt noch schwer zu entscheiden. Manche werden an die Zurückbrängung des Kapitalismus und dessen Einflusses auf die Politik der Länder denken; andere ap die Verknüpfung beider Völker durch künftige Handels- und Wirtschaftsverträge, die sicher kommen werden. Jedenfalls muß aber eine starke und tief überlegende pazifistische Strömung geschaffen werden, die nicht im Verborgenen bleiben darf, bis es wieder einmal roher Ernst wird, sondern gerade in der Ruhezeit die grüßten Anstrengungen machen muß. Jede Wolke zwischen Deutschland und Frankreich muß allmählich zerstreut, jeder Sonnenschein ausgedehnt werden. Welche Mittel man auch immer für wirksam halten möge, Klarheit muß darüber herrschen, daß die Feindschaft zwischen den beiden großen Nachbarvölkern das Ende aller europäischen Gesittung und alles sittlichen Fortschritts des jetzt noch den Kern der Welt bildenden Europas herbeiführen muß. Wenn Israel wirklich eine Aufgabe hat, wird es sie jetzt dauernd exerzieren müssen. Feiger Gedanken bängliches Schwanken wendet kein Elend, macht dich nicht frei. Aus der Bewegung. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jagendverein „Abraham Geiger".) Zu einem überaus anregenden Abend gestaltete sich für uns der Vortrag unseres treuen Freundes. Herrn Robert Hirschfeld ans Berlin, am 6. Oktober über das Thema: Unser Gottesdienst. Vorschläge zu seiner Reform. Der Herr Redner führte etwa ans: Es ist die Frage zu untersuchen, was eigentlich das Gebet ist, wie der Gottesdienst entstanden ist, ans dem Gefühl heraus, demjenigen nahe zu kommen, dem wir uns verbunden fühlen. Man unterschied zu allen Zeiten Bitt- und Dankgebete. Ein Spruch aus dem Talmud lautete: wenn alle Gebete vergehen, die Tankgebete bleiben bestehen. Der Grundstock zu den Gebeten wurde in Babel gelegt: es entstand ein Gebetritual, bestehend aus Bekenntnis, Gebet und Belehrung. Der älteste Gottesdienst war kurz, schlicht und einfach. Im Mittelalter traten Einschaltungen hinzu, durch die Vorbeter hin-eingetragen. Bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts wurden keine grundsätzlichen Aenderungen, wohl aber Kürzungen vorgenonrmen. Noch heute ist der Gottesdienst wie vor 100 Jahren. Der heutige Gottesdienst ist zu lang: in erster Reihe gehört zum Gottesdienst, sich in religiöses Gefühl hin-oinzuversctzen und nicht Unterhältuna treiben. Die heutigen Gottesdienste sind noch lange nicht genug umgestaltet, daher bleibt ihnen die Jugend fern. Als Richtschnur müsse man die ganz alten formen nehmen: Bekenntnis, Gebet und Belehrung. Das Gebet kurz und einfach, nicht die Bedürfnisse des einzelnen, sondern die der Gesamtheit vortragend. Bibelsrücke oder Hastara. die der heutigen Zelt nicht siegen, müssen weggelassen oder durch andere ersetzt werden. Im Mittelpunkt soll die Predigt stehen: der Prediger soll die Gemeinde zu sich Heraufziehen und der Gottesdienst zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühles dienen. Unerläßlich sei eine spätere Festsetzung deS Freitagabendgottesdienstes oder ein zweiter Freitagabendgottesdienst. der allen. insbesondere den im - Berufsleben Stehenden Gelegenheit gibt, an der Andacht teilzunehmen. Als eine Ergänzung des Sabbathgo-ttesdien-stes soll eine Andacht am Sonntagvormittag, wenigstens in gewissen Zwischenräumen, stattfinden. Erwünscht wäre es, wenn Männer und Frauen zusammen sitzen würden. Dem einzelnen bleibe es überlassen. wie er den häuslichen Gottesdienst gestaltet. Den mit jugendlicher Frische vorgetragenen Ausführungen folgte stürmischer Boi fall, dem sich von Herzen der Wir beginnen jetzt mit der Einziehung der nicht gezahlten Beiträge s<r das 4. Vierteljahr 1924 durch Nachnahmen und bitten unsere Mitglieder, für die Einlösung der Nachnahmen Sorge tragen zu wöllen. Vereinigung für das liberale Judentum e. V. ■ Leiter der Versammlung, unser Vorsitzender Herr Dr. Ludwig Korn, anschloß. Es folgte eine sehr lebhafte Aussprache, die alle Anwesenden bis zur Mitternacht vereinigte. Herr Waldstein svaigie nach dem Stande der Arbeiten der Gebetbuchkommiission, Herr Wolfsohn wünscht Gebete, die dem modernen Empfinden entsprechen, Herr Gins gibt Auskunft über das jetzt hier eingeführte Gebetbuch für den Jugendgottesdienst und weist mit Pachdruck auf die Notwendigkeit von Kenntnissen im Hebräischen hin. Mit Recht hält Herr Levi eine immer erneute Behandlung des heutige» Themas mit entsprechenden Entschließungen erforderlich. Unter lebhafter Zustimmung weist Herr Berger auf die noch immer vorhandenen großen Mlißständ« bei der Plätzevergebung hin und will die Ausübung aller gottesdienstlichen Funktionen nur durch Juden versehen wissen. Lotte Nosenthal hält die Reform des Gottesdienstes schon deshalb so dringend, weil der Jugend ein Streben nach Religion innewohnt. Als Gast vertritt Gerhard Cohn den Standpunkt. daß vornehmlich nur die Jugend auch der Jugend aus dem Gebiete des Gottesdienstes etwas geben kann, und weist auf die eigenen Gottesdienste der „Kameraden'" hin. Rechtsanwalt Spitz erläutert manche Uebebstände beim Schofarblasen und wünscht Abhilfe. In seinem Schlußwort geht Herr Hirschfeld erschöpfend ans alle Anregungen und Anfragen ein und weist uns, der Jugend, wieder einmal durch die freie und offene Art der Behandlung . dieses Themas neue Wege. Langanhalteuder Beifall dankt unserem lieben Führer. Liegnitz. (Jüdisch-liberaler Jugendverein.) Die diesjährige Wintertät'igkeit rvnrde mit einem Bortrag des Generalsekretärs der Bereinigung für das liberale Judentum E. B., Herrn Dickinann-Berlin, eröffnet. Der Vereinsabend war von über 50 Mitgliedern besucht. Der erste Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Dr. Scheper, wies eingangs insbesondere auf die Bedeutung der diesjährigen Winterarbeii hin, die dem Verein in Verbindung mit dem liberalen Hauptverein daraus erwachse, daß am 7. Dezember die Wahlen zum Preußischen Land es verband jüdischer Gemeinden angcsetzt seien und daß die Ausstellung der Kandidatenlisten nicht den Gemeinden, sondern den Parteien aufgegeben fei. Tie Versammlung nahm im Anschluß hieran zwei Anträge des Vorstandes dahingehend an. daß bei mehreren Familienmitgliedern, die gleichzeitig Mitglieder des Vereins seien, nur ein Familienmitglied den QuartalSbettraa von S Goldmark, jedes weitere Mitglied nur einen Beitrag von 1 Goldmark zu zahlen habe. Außerdem wurde dem 1. Vorsitzenden die Ermächtigung erteilt, in Gemeinschaft mit dem KafsensMrer bei einzelnen Mitgliedern Beiträge überhaupt nicht zu erheben. Nachdem seitens des 1. Vorsitzenden noch darauf hingewiesen war, daß in diesem Winter alle zwei Wochen eine Veranstaltung statt finden würde und bereits bedeutende Re-rver für die Borttäge gewonnen seien, und daß auch ein wissenschaftlicher Vortragszyklus von fünf Abenden veranstaltet werden würde, erteilte er dem Redner das Wort zn seinen Ausführungen: Die Bedeutung der Frau für das religiöse Leben. Indem er von der Stellung der Frau im allgenreinen in früherer Zeit, insbesondere aber von der Stellung der Frau im Judentum ausglug, führte er den Zuhörern in begeisterter und begeisternder Weise vor Annen, daß nur durch das Wirken der Frau im Hause die Religion und das religiöse Leben pulsiere. Sie sei die gegebene Trägerin echt jüdischer Familientradttion, sie gebe dem religiösen Lcbeu durch die Beeinflussung der Kinder vom zartesten Lebensalter an die stärksten Anregungen. Sie habe die Aufgabe, die Sabbathlichte, die Lichte der Feiertage zu entzünden als Zeichen dafür, -aß sie den Geist des Mannes, den Geist der Kinder von der Arbett, dem Leben des Alltags hinwea den jüdischen Idealen zuführon solle. Wer auch außerhalb der Familie, im Leben der Gemeinde sei ihre veraniiwortnngspolle Mitarbeit erforderlich, wisse sie -och bet Fragen des Unterrichts am besten die Psyche des Kindes zu berücksichtigen, bei Fragen des Kultus am tiefsten die gefühlsmäßigen Momente hervorznkehren. In der Verwaltung sozialer Einrichtungen sei auf ihr Urteil gar nicht zu verzichten, und selbst bei Angelgeu'heiten der allgemeinen Verwaltung sei sie dank ihrer weiblichen Einstellung geeignet, neue wertvolle Anregungen zu geben und dadurch das Gemeideleben besou-dcrs stark in Balten ruhiger und friedlicher, aber stetig fortschreitender Entwicklung zu lenken. Deshalb müsse sich -die jüdische Frau, das jüdische Mädchen ihrer vornehmsten Pflicht als Jüdin, für ihr Judentum im Sinne eines religiösen Aufbans zu wirken, bewußt werden, müsse sich bemühen, ihr Judentum kennen zn lernen, um es den wachkommen-den Generationen übermitteln, :zn können. Ueberall wüßten sich die jüdischen Frauen zu dieser Aufgabe zusammenfinden, um fo auch das Ihre für die Erhaltung des religiösen Judentums borzutragen. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Nach dem Schlußwort des Redners wurde die Versammlung um lltzr» Ulir geschlossen. Magdeburg. (Jüdisch-liberaler Jugendbund „Heimat".) Am 23. September hielt Herr Dr. Lilienthal-Berliu einen Vortrag über fugend und Neutralität". Tie zahlreich erschienenen Zuhörer spendeten dem Redner zu seinen interessanten Ausführungen wohlverdienten Beifall. Es folgte eine lebhafte Diskussion. NamSlau. Am 4. Oktober hielt hier Herr Robert Hirfchfeld»Berlin einen Vortrag über „Unser Goiteedieust. Vorschläge zu seiner Reform". Ausführlichen Bericht über die Ausführungen des Referenten, die bei dien Zuhörern großem Interesse begegneten, siehe im Bericht ans Breslau. Sersammlungskalender. Breslau. (Jüdisch-liberaler Jugendvercin „Abraham Geiger"), Geschäftsstelle: Breslau 7, Höschenstr. 61, 2 Tr. l. Mittwoch, den 22. Oktober, abends 8hl Uhr, im Saale der Lessing-Loge. Agnesstraße. Gemeinsame Bersarnmluna mit dem liberalen Verein der Synagogen-Gemeiude: Abraham- Geiger-Gedächtnisfeier. Redner: Herr Gemeiuderabbiner Dr. Vogelstein. Gäste willkommen. Liegnitz. (Jüdisch ° liberaler Iugendverein.) Unser nächster Vortrag findet am Donnerstag, den 23. Oktober, statt. Redner: Dr. phil. Robert N au m a n n-Licguitz. Thema: „Die Liebe zur Natur in der deutschen Dichtung." MMBUimwaiii unerachtet, ich den Juden, einen der besten Streiter Gottes und der Menschheit, aus dieser aufreibenden Dienstpflicht noch nicht in den vegetativen Ruhestand, in den nabelbesrhaulichen, levenfristenden Ackerbau entlassen, aus Milch- und Honigflü ssen dah inzutreiben. Und, letzten Endes: wozu die vielen Stammgottheiten und Spezialbaale der vielen Völker? Hätten die Konfessionslehrer sämtlicher Sekten sich darauf „beschränkt", den Kindern als Inbegriff aller Religion nur zwei Sätze ins Herz zu treiben, in die innerste Seele zu gießen, wären wir aller Kriege und Ismen enthoben. Ich weine die Sprüche: „Tu sollst nicht töten" und „Behandle deinen Nächsten wie dich selt'^" Erinnerungen. Von Clementine Krämer. Jauseple! — Wenn deine Schwester, die Judenbäckerin, die immer so entsetzlich mit dir geschrieen hat. und wohl froh war, wie du gestorben bist, ach, wenn die geahnt hätte, was du ihr vielleicht hättest sein können durch dein bloßes Dasein. Dann der Schmnle! — Ich sehe ihn vor mir: mehr Tier wie Mensch. Er hat mir von allen am meisten Abschau eingeslößt. Und endlich der Gudel Herrschle mit seiner reichen Braut und seinem Wagen voll Geld. Also der Gndel Herrschle: der „Gudel" ist ein Genetiv. Der Herrschle war der Sohn der Gudel und wurde seiner Lebtag so gerufen — als feiner Mutter Kind — bis er, 72 Jahre alt. gestorben ist. Er hat immerzu vor sich hingesprochen und an den Fingern feiler Hand gerechnet und gezählt. Und was er gezählt hat. — das war Geld. — Viel Geld. — Einen ganzen großen Wagen voll. Der hatte nämlich eine fixe Idee. Sonst war er gar nicht so dumm und konnte sogar „handeln" gehen. Aber dies war seine fixe Idee: er bildete sich ein, mit dem reichsten und vornehmsten Iudenmädchen im Lande — er nannte sogar ihren richtigen Namen, weiß der Himmel, woher er ihn wußte —, also mit der bildete er sich ein, versprochen zu sein. Wenn irgendeiner im Ort sich verlobt hatte, und die fremde Braut war da, so mußte er gleich hin und sie sehen. Und dann stellte er Vergleiche an: seine Braut habe viel schönere Zöpfe, „so lang" und eine viel vollere „Natur". Er meinte offenbar: „Statur". Und sie habe ihm selbst einen Brief geschrieben — sie selbst — und sie schreibe eine sehr schöne ,Hand" — und da stehe also drin, er solle zur Bgünstation fahren und dort einen großen Wagen voll Geld abholen. Lauter Taler. Lauter neue Kronontaler. Unwenn man ihm erklärte, daß es schon lange keine Kronentaler mehr gäbe, dann nannte er den Namen des Bankiers, der sie ihm umwechseln werde. Und dann erzählte und rechnete er also an seinen Fingern, damit er nicht zu kurz käme und ans keinen Fall betrogen werden könne. Und wenn wir Kinder ihn antrafen, fragten wir: „Gudel Herrschle, wann kommt dein Geld?" Oder „Schenk' mir auch 'u Kronentaler." Da wurde er aber wild und ballte die Faust, oder rief unslätige Worte hinter uns her, und seine kleinen, wasserblauen Aeuglein wurden ganz stechend in dem viel-faltigen, häßlichen Gesicht. Und von Mutters Geburtsort aus durften wir manchmal zu deren Schwester gehen: die wohnte an einem anderen, noch viel kleineren Ort, eine Stunde entfernt. Wenn wir müde und heitzgelaufen ankamen, gab es immer den feinsten Kaffee und das herrlichste Gebäck, und es war wonniglich kühl hinter den herabgelassenen Jalousien, die ein seerosenbervachsenes Gwässer ausmieseii. darin — selig umschlungen — ein Paar hin fuhr. Die Ruder führte der Liebesgott mit übergroßen Flügeln an den Schultern. Tante holte uns gewöhnlich ab, weil der Weg zu ihrem Ort durch einen Wald führte und brachte uns auch wieder heim. Und wenn sie durchaus keine Zeit hatte, dann schickte sie „das Gojele" mit. Eine ganz winzig kleine, gebückte, alte Botenfrau war das. Einmal aber lag das Goiele krank, da sollte der Schmnle mit uns gehen. Gott, was war der häßlich! Dagegen war der Gudel Herrschle noch eine Schönheit zu nennen. Genau wie ein Orang Utang sah er aus. Er hatte Kosttage in dem kleinen Iudendörschen und allemal Freitaas kam die Reihe an die Tante. Und wenn er aß, halte er schon giar nichts menschenähnliches mehr. Und mir graute furchtbar vor dem alten Cretin. Aber ich wagte nicht so recht, es zu sagen, denn da waren viele kleine Kinder im Haus, alle kleiner wie ich und kein einziges fürchtete sich vor ihm. Einmal also wurde nun dieser Schmnle mit uns geschickt und da passierte etwas Schreckliches: Er trabte neben uns her und mein Bruder, der um ein Jahr älter war als ich und sich gar nicht fürchtete — nicht vor dem Schmnle und nicht vor dem Wald — machte Possen. Aber aus einmal, als er sich für eine Minute wegwenden mußte, da streckte der Schmnle seine furchtbare Hand aus. die so wenig etwas Menschliches hatte, wie sein Gesicht. Und vorn die Nagel waren wie lange spitze Knallen. Also diese Hand streckte er aus und griff grinsend nach mir. Und ich fühlte, wie sich mir die Haare sträubten, und das Herz klopfte bis hinauf zum Hals... Und ich nahm meinen Bruder, der nichts gesehen hatte, bei der Hand und sagte ihm, wir müßten dem Schwüle geschwind bavonrennen. Und weil mein Bruder jederzeit zu schlechten Streichen aufgelegt war und dies für einen solchen hielt, lief er spornstreichs mit mir feldeinwärts drehte sich von Zeit z» Zeit nach dem Schwüle um und lud ihn ein, geschwind hinterdrein zu kommen. Der aber gab es bald auf und trottete langsam heimwärts. Und ich war schon eine verheiratete Frau und kam zur Dante auf Besuch, da war es mein Erstes, dem Schwüle sagen zu lassen — dafür bekam er ein Geldstiick — er dürfe sich die nächsten zwei Tage, so lange ich dort bleiben wollte, nicht vor Tantes Haus aus die Staffel setzen. Damit ich ihn nicht sähe. Denn mein Grauen vor ihm war nicht geringer geworben. Im Gegenteil: jetzt, »vo ich ganz begriff, vielleicht noch stärker. Aber das war wohl nicht möglich. Denn — das möchte ich doch aerne sagen — ich hatte damals als kleines zehnjähriges Mädchen aenau das Grauen, das die Frau hat vor dem Furchtbarsten, was ihr geschehen kann. Und das könnte den Leuten, die immer so viel und schön von der Aufklärung der Jugend reden, doch zu denken geben, ob dieser Instinkt nicht die stärkste Waffe ist. Und in dem Ort. wo die Großeltern wohnten, da war noch einer: der Jauseple. Der war schon jo. daß er nur unartikulierte, mißtönende Laute von sich geben konnte, die keiner verstand, außer seiner alten Schwester, bei der er lebte. Diese — sie hieß „Reiz" — mar eine ledige Frauensperson — Bäckerin ihres Zeichens — die sich mit ihrem Handwerk mit der Zeit einen schönen Batzen erspart hatte, den sie — wie man im Dorf wußte — unterm Strohsack ihres Bettes in einem Strumpf verwahrt hielt. Sie behandelte den blöden Bruder nicht znm Besten, und obgleich ich mich schrecklich vor ihm fürchtete, tat er mir doch in der Seele leid, wenn ich hörte, wie sie ihn anschrie. Und dann starb er Da war sie wohl froh. Aber vielleicht hat sie in ihrer Sterbestunde seinen Namen gerufen: denn am Ende wäre es, wenn er noch am Leben gewesen wäre, anders gekommen. Es kam nämlich so: einmal in der Nacht brannte es bei der Bäckerin. Mitten in der Nacht. Die Feuerwehr kam, das Feuer war bald gelöscht, aber — die Rciz fehlte. Man rief und schrie nach ihr. und suchte und endlich — fand man sie in ihrem Bette tot. Aber nicht verbrannt, sondern erstickt. Mit einem Knebel im Munde. Und draußen vor dem Dorf saß — zur selben Zeit etwa — einer bei einem Fuhrmann auf und erzählte, im Dorf brenne es. Darauf blickte der Fuhrmann den Mann sonderbar an und sagte, man denke bei ihm habe es auch gebrannt, denn er sei ganz rußig im Gesicht. Da nahm der andere langsam sein Taschentuch aus der Tasche und — wischte sich den Ruß ab. Und auch gleich die Schweißtropfen, die ihm ausgebrochen waren. . . Und da weine ich, als dieser Mörder zn der Bäckerin ins Zimmer getreten ist, da hat sie gewiß ge schrien. Aber er hatte sie gleich still mit dem Knebel. Wäre aber der Jauseple noch am Leben gewesen, dann hätte der mit seinen unartikulierten Lauten gewiß das ganze Dorf alarmiert. Oder es wäre garnicht dazu gekommen, denn der Mörder würde den alten verblödeten Menschen gefürchtet haben, wie man einen wachsamen. Hund fürchtet, der vor der,Schwelle liegt. So aber hatte er die alte Frau gleich still, nahm das Geld und zündete das Feuer an, weil er auf diese Weise die Spuren seiner Tat, zu verwischen hoffte. Er sitzt jetzt in dem württembergischen Zuchthaus zu Ludwigs-- burg. weil der König den zum Tode verurteilten begnadigt hat. Denn er hat nicht gestanden, obgleich alles gegen ihn sprach. Aber durchaus nicht wie jener andere nnirttcmbergische Mörder, der lange ebenfalls nicht geständig war. Bis man ihm einst inS Zuchthaus die Nachricht vom Tod seiner Mutter brachte. Da wünschte er vor den Richter geführt 51t werden und sagte, ec habe geleugnet, so lange seine Mutter das Li'ben hatte, denn auf die Art habe sie sterben können im Güiuven an die Unschuld ihres Sohnes. — (Schluß folöU:

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