Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 36 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IWchÄrvLZrilmz Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V Bezugspreis durch die Geschästsflelle jährlich M. 1,50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 Zür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Milgliedsbeitrage enthalten. :: :: s K nt tt a Wand«. Die „lüvifch - liberale - Settung" erscheint jeden Sreilag Schriftleituna und Gefdtfttsftetle: Berlin, (Dauerftrafje22. Anzeigenpreise: Die ISgespaltene Nonpareillezeile 0.15 Goldmark. die Neklamezeile 3,00 Goldmark. Sernruf: Amt Hierhin: Nr. 8725 Poftfchcckkontbt Berlin flWtnr.137069 (Ver«tnl0unfi fÖt das liberal« Judentum) Nachdruck sämtlicher Original veilrölge nur mit voryerlaer Seneymiguns der Nedaknon gestattet! Anzeigenannahme: Hermann Baswitz. Berlin 6 42, Alezeandrlnenstraße 95/96, (Fernsprecher: Dönhoff 437), sowie sämtliche Annoncen-Expeditionen. Nr. 36 Berlin-17. Oktober 1924 4. Jahrgang -----——°=—=====^^ Sie MW Wemliümale. Einladung zur ordentliche« Hauptversammlung am 28. und 26. Oktober 19 24 in Berlin Sonnabend, den 25. Oktober 1924 Vormittags 10 Uhr: Ke st gottesdien st in der Synagoge, Fasanenstraße 79/80. Nachmittags 3 Uhr: Gesamtvorstandssitzung bei Frau Rosa Sachs, Brücken-allee l (Staütbahnhof Bellevue). Nachmittags 5^ Uhr: Prentzentagnng bei Frau Rosa Sachs, Bcückenallee 1 (Stadtbahnhof Bellevue), Tagesordnung: 1. Referat des Herrn Dr. Arthur Lilienthal: Die Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinde«. 2. Aussprache. Abends 8/4 Uhr im Logenhaus, Kleiststraße 10: Begrüßungsabend veranstaltet vom Liberalen Verein für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin E. B. (Geselliges Beisammensein mit Damen) Sonntag, den 26. Oktober 1921 im Logenhaus, Kleiststraße 10 Vormittags 9 Uhr: Hauptversammlung. Tagesordnung: 1. Geschäftsbericht, erstattet durch Herrn Dipl.-Jng. Bruno Woyda. 2. Satzungsänderungen. 3. Neuwahl des Gesamtvorstandes. 4. Verschiedenes. Mittags 12 Uhr im Logentempel, Kleiststraße 10 Frier zu« Gedächtnis der 50. Wieherkehr des To-estageS Abraham GeigerS. Festrede: Herr Pröf. Dr. Jsmar Elbogen. Nachmittags IX Uhr: Gemeinschaftliches Mittagessen. Nachmittags 8H Uhr: Fortsetzung der Hauptversammlung. 8. Referat des Herrn Dr. Max Mayer, Syndikus der Vereinigung für das liberale Judentum: Der Liberalismus als Ueberminder des Jndifferentismns. 6. Referat des Herrn Egon Dickmann. Generalsekretär der Vereinigung für das liberale Judentum: Wie gewinnen mir den jüdischen Menschen für den religiösen Liberalismus? 7. Aussprache. Teilnahmeberechtigt an,der Hauptversammlung sind sämtliche Mitglieder der Unterzeichneten Bereinigung. Auswärtige Mitglieder können sich durch Abgeordnete vertreten lassen, die so viel Stimmen abgeben dürfen als der Zahl der von ihnen vertretenen Mitglieder entspricht. Die Anmeldungen zur Teilnahme an der Tagung und dem gemeinschaftlichen Mittagessen müssen sofort an die Geschäftsstelle der Vereinigung, Berlin W s, Mauerstr. *22, erfolgen. Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Der Vorstand. I. A.: Heinrich Stern, 1. Vorsitzender. Der bekannte Schriftsteller und Anwalt Dr. Bruno Weil, der nach dem Kriege Straßburg verlassen und sich in Berlin angesiedelt hat, um sich hier seinem juristischen und schriftstellerischen Berufe zu widmen, hat jüngst in einer Schrift über „die jüdische Internationale" übersichtlich zusammengefaßt, was gegen diese neue Art soziologischer Legendenbildung an triftigen Gegenargumenten vorgebracht werden kann. Nach einer Einleitung über Begriff und Wesen der „jüdischen Internationale" untersucht er zunächst die geistigen Grundlagen der deutschen Anden, um in einerm nächsten Abschnitt die Beweisführung für das angebliche Vorhandensein einer jüdischen Internationale in der Form jüdischer Weltorganisationen auf ihr Nichts zurückzusühren. Wir haben es in der Propaganda des Weltkrieges erlebt, wie man das Falschnrünzertum politischer Legendenbildung zur Virtuosität steigern kann. Man braucht nur Schlagworte mit dem Scheinwerfer der Reklame solange auf öffentlichen Plätzen zu belichten und mit geräuschvollem Tamtam in die Gehirne zu hämmern, bis die Reklamechefs, welche einen solchen Feldzug systematisch in Szene setzen, selbst an ihre eigenen Schlagworte glauben. Die Barnum-Künste politischer Clowns trommeln in die Welt die Schlagworte von einer Vorherrschaft der I irden in der Welt, von jüdischen Weltorganisationen und einer jüdischen Internationale hinaus, und setzen diese gefälschten ' Münzen dermaßen in Kurs, daß sie ungeprüft von Hand zu Hand gehen. Wir wissen aus der Inflationszeit, wie verhängnisvoll solche gedruckten Lügen wirken können. Aber auch, wie naiv und täppisch die Masse, die heute kommunistisch und morgen völkisch wählt, auf solchen Jahrmarktsschwindel hereinfällt. Bruno Weil hat sich nun der Mühe unterzogen, die Werkstätte der Falschmünzer aufzusuchen und deren Produkte in einem Schaufenster, wie sie dieses Büchlein darstellt, zur Schau zu stellen. Ein Literaturverzeichnis, das dem Büchlein vorangestellt wird, führt uns hinein in die mephitischen Dünste jenes Kellergewölbes, in welchem die falschen Noten über eine angeblich existierende jüdische Internationale in der Welt hergestellt und durch ein Netz von Agenten in Kurs gesetzt werden. Mit plumpen Falsifikaten völkischer Massenproduktionen wollen wir uns gar nicht abgeben. Dagegen scheint es uns nicht unangemessen, den geistigen Urhebern dieser modernen Legendenbildungen, die vielleicht nicht beabsichtigt, wohl aber der Wirkung nach den mittelalterlichen Schreckbildern nahekommen, als ob die Juden die schwarze Pest ins Land gebracht oder die Brunnen vergiftet hätten, etwas näher auf die Finger zu sehen. Mit Chamüerlain habe ich mich in der jüngsten Auflage meines Buches „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie", Stuttgart, Encke, 1923 auseinanöergesetzt. Jetzt gilt es, der neuesten Abart des Antisemitismus, nämlich der Spenglerschen, entgegeuzutreten. Oswald Spengler widmet in -seinem „Untergange des Abendlandes" dem Judentum ebensoviel Aufmerksamkeit, wie Werner Sombart in seinem Buche über „die Juden und das Wirtschaftsleben". In der neuen Auflage seines Buches „Ueber die Juden als Nasse- und Kulturvolk" hat Dr. Fritz Kahn die 'Gegenargumente gegen Sombart und Spengler geschickt zusammengefaßt. Spenglers Geschichtskonstruktion geht von einer Unterscheidung von magischen und faustischen Völkern aus. Die faustischen Volker sind die Völker aus der Welt Fausts, des ewig Ringenden, nie zum Ziel Kommenden, in deren Seele immer ein Kampf um das Unfaßbare und Unbegreifliche sich abspielt. Die magischen Völker haben ihre Vergangenheit wie ihr Leben hinter sich. Sie sind historisch geworden. In ihrem Leben ist alles abgeschlossen, nichts erneut sich bei ihnen, kein neues Erleben tritt über die Schwelle ihres Bewußtseins. Geschichte größten Stils stiirmt draußen vorüber, Epoche folgt auf Epoche, der Mensch ist mit iedem Jahrhundert von Grund aus ein anderer, im Ghetto steht alles still, und auch in der Seele des einzelnen. Aber selbst wenn der Jude sich als Angehöriger seines Wirtsvolkes betrachtet und an dessen Geschick teilnimmt, wie es 1914 in vielen Ländern der Fall war, so erlebt er es in Wirklichkeit doch nicht als sein Geschick, sondern er nimmt dafür Partei, er beurteilt es als interessierter Zuschauer, und gerade der letzte Sinn dessen, warum gekämpft wird, muß ihm stets verschlossen bleiben. In dieses allgemeine Schema ist öaS Bild der magischen Kultur einzutragen. In die Zeit der Vorbereitung gehören das alttestamentliche Judentum, die Religion des Zarathustra und die chaldäische Religion, die nach Spengler nicht eine Späterscheinung der längst im Fellachentum versunkenen babylonischen Welt ist, sondern ein Vorfrühling der neuen Seele. Die Vorzeit läßt wieder zwei Wellen erkennen, die prophetische von 700 bis 500 v. Ehr. (die jüdischen Propheten und Zarathustra) und die apokalyptische um 300 v. Chr. Um die Zeitenwende ist das räumliche Weltaleichnis und die Deutung des Weltsinnes fertig. Die Welt ist eine Höhle,' über der Erdfläche liegt eine hohle Halbkugel,' die Höhe ist licht, die Tiefe finster. In der Tiefe lebt der Mensch,' seine Seele strebt zum Lichte, von oben senkt sich eine helle ätherische Substanz, Geist, „Pneuma", der verlangenden Seele entgegen. Was Spengler in seiner Geschichtskonstruktion gegen das Judentum vorbringt, ist nicht Wissenschaft, sondern Geschichtsmetaphysik, die mit der Wirklichkeit des Lebens schlechterdings nichts zu tun hat. Seine Periodeneinteilungen sind willkürliche Konstruktionen, phantastische Nebelbilder, künstliche Schematisierungen. Je intensiver man sich mit Spenglers Werken befaßt, deftomehr kommen die wissenschaftlichen Kreise und die denkenden Köpfe darin überein, daß dieser geschichtsphilosophische Roman nur als dichterische Konzeption, nicht aber als wissenschaftlich begründete Hypothese zu bewerten ist.' Hierin begegnen sich neuerdings Prof. Nölting und Lujo Brentano. Was gegen Sombarts Färbung des jüdischen Problems mit seinem internationalen Hintergründe vorzubringen ist, habe ich an anderer Stelle bereits folgendermaßen formuliert: 'Wäre wirklich, wie Sombart in seinem lärmschlaäenden. stark sensationell zugeschniitenen Buch über die „Juden und das Wirtschaftsleben" ausgeführt hat, die „Zweckbeöachtheit" (Tachlis), das hervorstechendste Merkmal der jüdischen Volksseele, so bliebe unser zähes Festhalten an einer Religion, die über keinerlei Machtbefugnisse verfügt, die weder Psrünöen noch Titel, weder Aemter noch Sinekuren, weder Orden noch Kronen zu verteilen hat, — es seien denn Dornenkronen — ein unlösbares völkerpsychologisches Rätsel. Zweckbedachte Menschen, die von keinem anderen Antrieb zu ihren Willenshandlungen geleitet werden, als durch die kalte Berechnung, durch äußere Vorteile, durch winkenden Lohn, durch Ansehen und Stellung, die kommen heute innerhalb des Judentums nicht auf ihre Rechnung. Als Anlagekapital ist das Judentum ein schlechtes Geschäft. Um heute im Judentum zu verbleiben, dazu gehört Opfersinn, Entsagungsfähigkeit, ja geradezu Virtuosität im Verzichten, also das blanke Gegenteil von Zweckbedachtheit. Zweckbedacht sind diejenigen Juden, welche unsere Reihen verlassen, aber nicht der zurückbleibende Teil der Getreuen, welche das Martyrium des Juden bis an ihr Lebensende hocherhobenen Hauptes tragen. Nur die Fahnenflüchtigen sind zweckbedacht, die Aufrechten und Unentwegten dagegen sind zielbewutzt. Die Zweckbedachtheit kennt nur den kurzen Atem des Augenblicks und das Interesse des persönlichen Vorteils, das Zielbewußtsein hingegen hat Ewigkeitsatem und behält die Interessen des ganzen Stammes oder Volkstums, letzten Endes der menschlichen Gattung im Auge. Wären wir zweckbedacht, so gäbe es für uns keine Juöenfrage mehr, sintemal sie im Sinne der Ucberläufer längst gelöst wäre; aber weil wir nicht zweckbedacht, sondern zielbewußt sind, sofern wir seit zwei Jahrtausenden ein unnennbares persönliches Weh erdulden, um eine weltgeschichtliche Aufgabe zu erfüllen, deshalb sind wir noch Inden, und zwar keine Trotz-Juden, sondern ’ Ueberzeugungsjuden. DaS Trotz-Judentum war nur eine Episode. . Es war der Sturm und Drang in der Wiedergeburt der jüdischen Volksseele. Der Ruf nach Erneuerung, nach Selbstbefrciung, nach Erlösung aus tiefer Seelennot, kurzs