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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-10-05 · 34 (5.10.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
34 (5.10.1924)
Date
1924-10-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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WNchOemkZMU Drgan der Vereinigung für das Memte Indent«« ck & UliHiyrrii d«rch *t GchM-ftll- '/.jährlich M. 1^0 EN^iiniMAN 0M. Btt sttter Z«se«dvng i. Änland V^S MDtoMWed« torS«tttosA»g « der BeMgspett» « r: « 1« JUNgNed-beUrage enchave». u r. Gtzef»edak1e«rr Dipl. S«s. Br«no Dsyda. Vis „lüdifch - Ndsralv - Ssttungerscheint jeden dreitag. Schrittlettung und Ssschüttsftsne: verlin, Mauerftratze 22. Sernruft Amt COtthwr Nr. 8725 Ppftf «b edtkoirtot B*vltn OW T Hr.l3T069 (Vereinigung für da« »berat« luv«, tum) na<>)0ni(h fOmtUd)*, ortgtna^SuttrLu» nur mft «ort,ciiQ«r S»n«vmlg«ng Dw ReOahnon g«ftatt«tl UlOM<4»t^ SföSmSZ u n * tat Wt<d«»d»4«eG4« »ade«. « » u tl«Otss»cke»«d«dr Smniim.-Wwt^ Bern» *41, «qmchr^rLe «M. SerEMdee« DSichoff 457), sowie sLmMche Amror Rr.S4 Berlin, 5. Oktober 1924 4. Jahrgang W« Übertage erscheint diese Nummer am * vktÄer, die nächste Nummer am 11. Oktober. Jüdisch-liberale Zeitung. Der Spiegel. Znm Versöhmmgstag. Von Rabbiner Dr. Wilde- Magdeburg. Saul steht vor der entscheidenden Schlacht. Da geht er verhüllt zur Lotenbeschwörerin, zur Hexe von Endor. ^Bring mir herauf, den ich dir sagen werde!" Wie im Spiegel das körperlose Bild steigt der Schatten Samuels empor. ^Morgen wirst du Krone und Leben verlieren!" Aberglaube muß helfen die Pforte der Zukunft zu öffnen. Saul -rauchte jedoch nur in einen Spiegel zu Mauen, um sich und dadurch die Zukunft zu erkennen. Gr hätte einen alten, ruhelosen Mann gesehen, ein Gesicht, das von Leidenschaften, Unsicherheit und Angst durchroühlt ist. Dann hätte er auch gewußt: ich werde nicht siegen und meine Tage sind gezählt. Am Bersvhnunastage sollen wir in den Spiegel schauen, um unser Sündenbekenntnis davon abznlefen. GS schaue jemand in den Spiegel und denke dabei tot einen anderen, der reicher ist als er, der es weiter «bracht hat, und achte darauf, ob sein Gesicht ruhig bleibt oder ob in seinen Augen der Neid aufglimmt. Gr denke an Menschen, die er nicht leiden kann, und achte darauf, ob aus seinen Augen der Haß nicht ftmkett. Gr denke an daS^ was einem anderen gehört, und sehe, ob nicht sündiges Begehren ans den Augen fpncht. ©t denke an die Not anderer, und sehe, ob Mitaefühl oder gleichgültige, satte Selbstzufriedenheit auf seinem Gesicht lagert. Gr denke an seine Tätigkeit, und sehe, ob sein Auge klar bleibt oder sich verschleiert, ob seine Geschäfte klar oder verschleiert sind. Alles und jedes, bester noch als der körperlich Kranke, könnte jeder aus seinem Antlitz lesen. Das ist daS eigene Bild tm Spiegel des Versöhn ungstages. Neben dem eigenen Bild soll man in diesem Spiegel die Bilder der Seinen sehen. Man sieht sie immerdarum steht man sie nicht, wie man die Uhr nicht schlagen hört, die immer im Zimmer schlägt. ES soll der Mann daS Bild seiner Frau schauen. War ihr Gesicht nicht einst frei von jeder Sorgenfalte, war sie nicht jung und lebensfroh gewesen? Ist es nicht jetzt durchfurcht, spricht nicht Müdigkeit aus den Augen? Der Mann, her es schaut, soll sich fragen, bist du mit daran schuld? Es schaut die Frau daS Gesicht üeS Mannes. War das Gesicht nicht früher zufriedener, die Augen leuchtender? Hat ihn nur daS Leben so verwandelt? ES sehen Kinder im Spiegel beS DersöhnungStag'eS die Eltern. Sind sie nicht älter geworden? Geht die Mutter nicht gebeugt, die sonst so gerade, jugendlich einherschritt, geht der Vater nicht mühselig, der sonst nicht müde wurde? Kinder sollen sich heute fragen: sind wir mit daran schuld? Es ist zu spät, wenn das Besicht des Vaters, der Mutter zum ewig unveränderlichen Erinnerungsbild geworden ist. Eltern schauen im Spiegel des Versöbnungstages ihre Kinder. Eltern sehen gern ihre Kinder im Nild, freuen sich ihrer jugendlichen Frische, ihrer kindlichen Unschuld und Schönheit. Merken oft gar nicht, wie schnell dies alles sich wandelt. Sind noch entzückt von ihren Kindern, während Fremde schon ganz andere Eigenschaften aus dem Gesicht herauslesen. Eltern sollten schärfer in den Gesichtern ihrer Heranwachsenden Kinder lesen,' würden manches rechtzeitig erkennen, was ihnen später viel Kmnmer bereitet. Mürrisch und gleichgültig weisen wir manchen Menschen ab, der uns um Hilfe bittet. Längst, nachdem er wcggegangen, sehen wir plötzlich sein Bild: einen müden, verschüchterten, kranken Menschen. Da fühlen wir, cs war unrecht, ihn abznweisen. igsaaasasocas^^ Aus dem Inhalt: Nabb. Dr. Wilde-Maadeburg; Der Spiegel. — Eine Nundfraae; Versühnung. — Dr. Hugo Spiegler- Wien: Die Judensraae auf den Hochschulen. ■* Nabb. Dr. Gottsihalk-Bcrlin: Dersöhnungstag. — Hanna Mainzer-Hettbron«: AhaSvers Wandlung. — Elenrentine Krämer-München: Erinnerungen. — Botho Lajerstein-Berlin: DaS jüdische Filmsujet. — Franz Cingia-Lchramüerg: Messias. — Arthur Silbergleit-Berlin: Beter am Bersöhnungstag. — Richard Hnldschiner: Der Baum des Vergessens. * Die jüdische Gegenwart. — Der jüdische Gprechsaal. — Aus den Gemeinden. — Bücherschau. — Aus der Bewegung. — Versammlungskalender. — Kalendarium. Eine pazifistische Tat. Der amerikanische Resormrabbin-er Stephan S. Wise hat auf die Anfforderanra eines amerikanischen Generals, er möge anläßlich des von der Negieruna sür den 13. September angesetzben „BerteidigirngStages" einen patriotischen Gottesdienst in seiner Synagoge veranstalten, mit einem ablehnenden Briese geantwortet, aus dem wir solgende Teile wiedergeben möchten: ..... Als Amerikaner und als Religionsdiener kann, und will ich an diesem .^Lerteidigungs-- tag", den ich für eine moralische Katastrophe für die ganze Welt ebenso wie für unser Land halte, keinen DeU haben ... Weit davon entfernt, dieser Institution meine Billigung zu geben, lehne ich sie vielmchr völlig ab wegen der Verwicklungen, die sie im Inland und Ausland erzeugen mutz . . . Sie ist schlecht, weil sie Zweifel wirft auf den Patriotismus unserer Bürger, der sich 1917 und 1918 genügend erwiesen hat. Aber e§ ist noch etwas viel schlimmeres. Der Mobilisierungs- und Verteidigungstag muß notwendtgerweise die Gedanken der Nation eher ans das Gebiet des Krieges führen. alS die Wege zum Frieden suchen lasten. Der 13. September scheint mir so wie vielen meiner christlichen Kollegen eine sehr bedauernswerte Geste zu fein, die der Welt zeigt, daß Amerika trotz gewisser mit halbem Herzen gegebener Friedenserklärungen eher an Krieg als an Frieden denkt. Ich glaube nicht, dah dies wahr ist. aber es tann wahr werden, wenn der 12. September und ähnliche Erstndungen dies bewirken. Als Amerikaner bin ich bereit, an jeder Unternehmung tetlzunehmcn, die einen Demobilisierungstag möglich machen wird. Als religiöser und ethischer Lehrer betrachte ich es als meine Pflicht, nicht jedem unüberlegten Vorschlag eines übereifrigen Krtegsamies zuzustimmen. sondern zu tun. was ein einzelner Mensch tun kann, um seinen Mitbürgern das oberste Gebot der Stunde zum Bewusstsein zu bringen, und das ist: ernsthaft, wirksam nnd unaufhörlich die Mächte der Welt für den Frieden zu mobilisieren, was Amerika aus diesem oder jenem Grund bis jetzt versäumt hat." Zum Tode Dr. Gffners. Zu dem am 27. September erfolgten Ableben des Freiheitskämpfers Dr. Julius Offner wird mitgeteilt: Dr. Offner, der ein Alter von 76 Jahren erreicht hat. war etner der angesehensten Juristen Oesterreichs. Geboren wurde er im deutschen Teil Böhmens und verfolgte sein ganzes Leben lang, sowie während seiner ganzen Parlamentszeit, eine dentschfreiheitliche, soziale Richtung. Aus dieser Einstellung heraus entsprang seine Gegnerschaft znm Zionismus. In jüdischen Fragen ist er nur ein einzige- Mal scharf hervorgetreten, das war zur Zeit des Ritualmordprozestes HilSmr in Böhmen. Dr. Offner war vor dem Kriege längere Zeit Mitglied deS österreichischen R.eichSgerichts. Nach dem Kriege war er Referent sür besondere Angelegenheiten beim österreichischen Verfassungsgerichtshof. Der Nikolsburger Brand. Nach einem Telegramm ans Nikolsburg wurde die dortige Judengasse von einem schweren Brand heimgesucht. In ganz kurzer Zeit standen in der Jndengasse und Hauptgasse etwa 25 Häuser in hellen Flammen. Feuerwehr aus Brünn und Militär aus Znaim griffen ein. Nach mehreren Stunden konnte der Brand lokalisiert werden. 50-jähr. Jubiläum der Liverpooler Synagoge. Die alte jüdische Gemeinde Liverpools hielt anläßlich des 69. Jahrestages ihrer Synagoge einen Jubiläumsgottesdienst ab. Die Gemeinde wurde im Jahre 1789 gegründet. Die gegenwärtige Synagoge wurde am 3. September 1874 von Oberrabbiner Dr. Nataniel Adler cingewcibt. Sendei die Veiiräse und Spenden! (Näheres 1. Beilage, 2. Seite.) Wir können nnS nicht um das Ledert aller MerWes kümluern, die um uns sind. Aber dennoch sollte matt sich 3eit lassen, auch einen Blick in die Gesichter, t« dte Augen zu werfen. Mehr Versöhnung würde auf Grdev sein, manch böser Funke würde gelöscht werde«» She er zur Flamme wird. Israel soll heute sein Bild im Spiegel sehe«. Wie hat man früher Israel gemalt? Israel war das Volk der Religion. Im Bilde sieht man einen Beter, der sich mit dem Gebetmantel verhüllt hat, inbrünstig, alles um sich vergessend, beten. Würde Israel, in den Spiegel schauend, noch heute solches Bild sehen? Nicht das entscheidet, ob wir mit dem Gebetmantel uns verhüllen oder nicht. Aber nicht hat Israel beten können, mit hetßer Sehnsucht Gott gesucht; ste haben wohl auch gezweifen, aber nie aufgehört zn suchen. Solch Bild schaut uns nicht mehr aus dem Spiegel dieses Tages entgegen. Israel ist nicht mehr zu sehen in der Gestalt des Beters, deS Gottsuchers, aus seinem Gesicht ist die Weihe der Frömmigkeit gewichen. Israel hat man einst gemalt alS Bott deS Geistes. ES sah tm Spiegel einen Man» mit vergeistigtem Gesicht, über dicke Bücher gebeugt, in den alten Schriften seiner Religion forschend. Israel hat jetzt aufgehörtüber die alten überlebten Folianten zu sitzeneS hat eS aber auch verlernt, über andere Bücher in selbstloser Hingabe an die Wissenschaft zu forschen. Israel trägt nicht mehr das vergeistigte Gesicht des religiösen, selbstlosen Gelehrten und Forschers. Israel hat man einst gemalt als Bott der Familie. Sie saßen am Feiertag um den erleuchteten Tisch, der Mann den Segen sprechend, die Frau Achter entzündend, die Kinder das Haupt zum Segen des Vaters gebeugt, alle mit verklärter Liebe auf einander schauend. Nimmer wirft der Spiegel jetzt solches Bild von ganz Israel zurück. Wir sind nicht mehr das Volk des religiösen Familienlebens, nicht einmal mehr das Volk der Famtlientreue. ES sieht wohl kaum mehr bester bei unS aus, als bei allen anderen. Israel hat man auch als den Wanderer gemalt, der, aus der Heimat vertrieben, in die ungewisse Zukunft zieht. Aber sronmrer, gottgläubiger Sinn leuchtet aus seinem Gesicht, die Seinen folgen ihm in Liebe und Dreue. Jetzt wandern auch Tausende aus dem Osten, neue Heimat suchend. Wer möchte sie so zeichnen? Vielen von ihnen ist die Religion abhanden gekommen, manchem selbst am heutigen Tag. Die alten Bücher tragen sie nicht mehr, und neben manchem Mann schreitet eine Frau, die nicht seine Frau und nicht seines Glaubens und Stammes ist. Wie schaut aber das Israel unserer Tage im Spiegel aus, wenn keines der alten Bilder mehr entsprechen will. Es ist schwer zu beschreiben. Vielleicht befinden wir uns in einer Uebergangszeit. In einem gewissen Alter verlieren die Gesichter der Kinder allen Liebreiz der Kindheit, sind oft häßlich, weil sie noch keine neue Prägung erhalten haben, finden später ihre Kinderschönheit in anderer Art wieder. Israel hat sein altes Antlitz verloren. Aber es kann wieder zum Gottsucher werden, auch wenn es dann nicht wehr unter dem Bilde des Mannes zu schauen ist, der den Gebetmantel über den Kopf gezogen hat. Israel kann wieder zum Volk des Geistes werden, auch wenn es dann nicht mehr die Talmudbände sind, über die es gebeugt sitzt. Israel kann wieder zum Volk deS religiösen Familienlebens werden, auch wenn sich neue Formen finden werden. Wir forschen heute ängstlich in Israels Gesicht und merken, daß der Ausdruck der Frömmigkeit sich wieder zu zeigen beginnt, daß religiöse Sehnsucht heute wie eine sonst verborgene Flamme auflenchtet. Neues geistiges Leben zeigen jugendliche Gesichter, Liebe strahlt aus manchen Augen. Noch sind eS viele Bilder, die zu einem Bild sich nicht gestalten wollen. Aber dies wissen wir: Wir wollen nicht, daß Israel im Spiegel das stumpfe Gesicht eines Menschen sieht, der nichts anderes kennt als Erwerben und Genießen. Es soll das Gesicht des sittlich ungeistig strebenden, des gütigen und frohen Gottsuchers fein. Noch sieht Israel nicht das Schattenbild Samuels aufsteigen, Tod und Untergang verkündend, sondern sieht im Spiegel deS VerföhnungStageS ein Bild, daS Leben und Zukunft verheißt.

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