Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 33 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Posaunenklang Posaunenklang aus unserer Vorzeit Tagen, Da auf Morija noch der Tempel stand. Sei Gottesruf, zur Höhe uns zu tragen. Wo von der Schuld der Mensch Erlösung fand! Posaunenklang 1 — Du sollst als Kampfruf klingen. Den Feind zu zwingen, der im Herzen wacht, Und rüste uns auch, mit dem Feind zu ringen, Der uns voll Haß verlästert und verlacht. Posaunenklang! — Erwecke neues Hoffen Aus Glückestrümmern und aus Grab und Not, Und halt' uns weit des Himmels Tore offen Für besserer Zeiten lichtes Morgenrot. 8. Katz - Gelsenkirchen. Salo Neustädler’s Tante. Von Lucy Avellis. Frau Pergament nahm jede, aber auch jede Gelegenheit wahr, um von ihrem Neffen Salo Neustädter zu sagen, at sei ein „bekoweter“ Mensch. Und das war er wirklich. Nie hatte er vergessen, daß er dem seligen Onkel Pergament die erste Stellung in Berlin und der Tante reichliches Essen und gutes Benehmen verdankte. Pergaments hatten sich seiner angenommen, vom ersten Tage an, als er aus Birnbaum nach der unheimlichen Riesenstadt gekommen war und treulich sein Wachsen und i Werden — vom Lehrjungen zum Commis — begleitet. Dann war der Onkel gestorben und in den schweren Nachkriegsjahren mußte die Tante Pergament „abbauen“. Aus der freundlichen Vicr-Zimmer-Wohnung hatten sie raffinierte Mieter herausgegrault. Dann kam der Leidensweg durch die Pensionen, die immer ärmlicher und jämmerlicher wurden. Schließlich war Frau Pergament, die bei aller Klugheit und Energie den Bosheiten dieser Zeiten doch nicht gewachsen war, im „Altersheim“ gelandet. Der Neffe Salo, der „bekowete“ Mensch, zahlte den notwendigen kleinen Zuschuß. Es war ja so selbstverständlich, daß er das tat, war doch die Tante seiner verstorbenen Mutter Schwester und immer gut zu ihm gewesen. Aber nun war auch Salo Neustädter „abgebaut“ worden. Auch ihm hatten aller Fleiß und alle Redlichkeit nichts genutzt. Salo's erster Gedanke war: die Tante. Um sich machte er sich keine Sorgen, er würde schon wieder eine Stellung finden und nicht wählerisch sein. Wie aber bis dahin den monatlichen Zuschuß aufbringen, den die Tante so dringend brauchte? Er hatte die Absicht, ihr sein Mißgeschick für’s Erste zu verheimlichen. Aber es gelang ihm nicht. Ihre klugen Augen sahen zu scharf. „Nu, Salo, was is mit dir?“, empfing sie ihn gleich. Und Salo rückte, nach zaghaftem Versuch, eine Ausrede zu gebrauchen, mit der Wahrheit heraus. Die Tante war empört. Sie begriff es nicht. Wie konnte man ihrem Salo kündigen, so einem „bekoweten“ Menschen? Sie nannte es eine „Chuzpe" von dem Chef und riet Salo. noch einmal dort vorstellig zu werden. Aber bei jedem der Besuche, die Salo seiner Tante machte, schien er kleinlauter und verstörter. Sein Gang zum Chef war natürlich vergebens gewesen. Ein ausgezeichnetes Zeugnis war alles, was ihm von jahrelanger Tätigkeit blieb. Es entging der Frau Pergament auch nicht, daß ihr Salo blaß und schlecht ernährt aussah, und daß er, der sonst in seiner Kleidung so peinlich Eigene, „verschmodderte“, wie sie es nannte. Es bekümmerte sie tief. „Salo", begann sie eines Tages, „wenn ich dich ansehe, drückt es mir das Herz ab. Du, meiner geliebten Pinchen Sohn. — Wenn du möcht’st hören auf deine alte Tante, möchte ich dir geben einen ausgezeichneten Rat.“ Salo sah, wie immer, bekümmert vor sich hin und antwortete nicht. „Salo, die alten Damen hier im Heim haben mir oft von eine bedeutende Frau mit einem großen Herzen erzählt. Sie haben mir Bücher von ihr zu lesen gegeben, und was sie hat geschrieben in die Zeitungen.“ Tante Pergament stand auf. Aus der Tischschublade kramte sie ein Zeitungspäckchen, das sie ihrem Neffen mit feierlicher Gebärde überreichte. „Das ist eine Seele von einer Frau, sie hat ein Herz für uns alte, einsame Leute. Hermine Brandt heißt sie. Hast du schon von ihr gehört, Salo? Sie ist eine berühmte Frau und hat doch ein Herz für uns. Zu ihr mußt du gehen.“ — Tante Pergament legte beschwörend ihre knochige Hand auf ihres Neffen Arm. — Salo fuhr auf: „Ich bin kein Schnorrer, Tante." Erregt warf er das Päckchen auf den Tisch. Tante Pergament schob es ihm seelenruhig wieder zu. „Was red’ste von Schnorren, Salo, — Unsinn. Besprechen »ollste dich mit ihr -- Rat bei ihr holen. Nu, nimm nur und lies — lies mit Bedacht, mein Sohn. Du wirst schon sehen, was das für eine Seele ist." Salo steckte die Zeitungen ein. Gewohnt zu gehorchen, und wohl auch neugierig gemacht durch der Tante Erzählung, las er, was sie ihm gegeben. — Salo Neustädter war eine tiefempfindende Natur, ganz auf das Gefühl eingestellt, zum Sinnen und Grübeln gemacht, nur daß ihm das Leben bisher nicht viel Zeit dazu gelassen hatte. Aber nun versenkte er sich in das, was Hermine Brandt, die Frau mit der großey Seele, geschrieben, nahm alle die gütigen, klugen, von Menschenliebe durchströmten Worte begierig in sich auf und es wurde ihm seltsam warm um’s Herz. Wenn er wirklich zu ihr gehen würde? Wie hatte doch die Tante Pergament gesagt: „sich mit ihr bereden." Ob man das könnte? So ganz einfach hingehen zu einer so berühmten Frau, die sogar in den Zeitungen gedruckt war? Er, Salo Neustädter, der entlassene, kleine, jüdische Commis, sollte sich das ge traun? Salo schüttelte energisch den Kopf. Es war klar, daß man das nicht konnte. „Nu, Salo“, Tante Pergament sah ihm bei seinem nächsten Besuche erwartungsvoll entgegen. Da legte er schweigend das Päckchen auf den Tisch. Es war ihm nicht gegeben, das auszusprechen, was ihn bewegte. „Ich kann nicht zu ihr gehen, Tante", stieß er endlich hervor. „Es ist schön, sehr schön, was sie schreibt. Aber, wie kann ich mit ihr reden? So'n armer, jüdischer Jung'? Rauswerfen wird sie mich — eine so gescheite Frau.“ Tante Pergament lächelte siegesgewiß. „Laß mich nur machen, Salo. Ich geh' dir ein Briefchen mit an die Dame. Du brauchst es nur zu überreichen, mein Sohn.“ „Ein Briefchen?“ Salo starrte seine Tante fassungslos an. „Du willst ihr schreiben?" Tante Pergament nickte nur. „Setz' dich da hin, Salo, nimm dir e’ Buch und warte e bißchen. Ich schreib'» gleich." Und sie drückte den Neffen in einen Stuhl und schob ihm ein Buch hin. Dann setzte sie sich an die andere Seite des Tisches, machte umständliche Vorbereitungen und begann zu schreiben. Salo stierte sie an wie ein Wunder. Was, die Tante wollte wirklich schreiben — an Hermine Brandt, die berühmte Frau, von der sie alles in den Zeitungen abdruckten? Das wegte seine Tante? Aber das war ja Wahnsinn. Er kannte der Tante merkwürdigen Stil, ihre mehr als eigenartige Orthographie. Nie, niemals würde er sich dazu hergeben, mit einem solchen Schreibenach, und dann fühlte Salo, daß er doch alles tun würde, was die Tante von ihm verlangte. Immer blieb es in sein Gedächtnis eingegraben, was sie und der Onkel für ihn getan. Viel zu tief wurzelte das Gefühl pietätvoller Dankbarkeit in seinem Herzen. Nie würde er vergessen, wie sie, die wohlhabenden Verwandten, den blassen, schmächtigen Jungen aufgenommen und gefüttert hatten. Wie er staunend an dem weißgedeckten Tisch mit dem blitzenden Silber gesessen und wie die Tante ihn gelehrt, mit Messer und Gabel umzugehen. Was hatten seine Leute in Birnbaum von dem allen gewußt? Was er dann erreichte — es war ja nicht allzuviel, aber Salo Neustädter hatte sich kein hohes Ziel stecken können, — war das Werk dieser guten Menschen gewesen. Mit unermüdlicher Zähigkeit setzte die Tante durch, was sie wollte. So hatte sie ihren seligen Pergament immer geschoben und gedreht, und so würde sie nun auch den Neffen schieben, bis sie ihn da hatte, wo sie ihn haben wollte — widerspruchslos. „Nu, Salo, was seufzst de?“ ertönte da die Stimme der Tante. „Ich bin schon fertig. Willst de hören, was ich geschrieben habe?“ Und ohne des Neffen Antwort abzuwarten, las sie stolz: „Meine hochverehrte Dame! Unterzeichnete erlaubt sich, Ihnen mit einer Bitte nahezutreten. In welcher es sich handelt um den Ueberbringer dieses, meinen Neffen Salo Neustädter, meiner seligen Schwester Philippine geh. Gumpel Sohn. Salo, was ist ein reeller und bekoweter Mensch und was immer ist gut gewesen zu seine alte Tante ist geworden entlassen durch die Chuzpe von seinem Chef. Indem ich viel von der hochverehrten Dame in den Zeitungen gelesen habe und auch ganze Bücher, weiß ich, daß Sie haben ein Herz für uns alte Leute, was werden verfolgt von Geseires. Wenn Sie könnten verhelfen meinem Salo zu eine gute Stellung, würde das sein eine Mizwc an seine alte Tante Frau Rosalie Pergament, geborene Gumpel.“ Triumphierend blickte die Schreiberin auf ihren Neffen. — Salo hegte den begründeten Verdacht, daß dieser Brief, der in seinen Augen, trotz einiger merkwürdigen Wendungen, wie eine Meisterleistung erschien, unmöglich eben, in dieser Viertelstunde, entstanden sein konnte. Gar zu schnell war es mit dem Schreiben gegangen. Aber die Orthographie, wie mochte die wohl sein? Doch schon hatte die Tante den Brief in einen Umschlag gesteckt, zugeklebt und schrieb die Adresse. „So, mein Sohn, nu gehst de gleich heut nachmittag zu de Frau Brandt. Heut is Purim, das wird dir Glück bringen,“ „Heute, Purim Nachmittag?" Dem Salo schoß glühende Röte ins Gesicht. Gleich heute — das war doch nicht denkbar. Er hatte gemeint, in der nächsten Woche vielleicht — -- -- Die Tante schien seine Gedanken zu erraten. „Nein, Salochen, lange gefackelt wird da nich. Was man will, muß man gleich tun. Pergament war auch so für's Hinausschieben und immer hatte er dann ein Auiredchen: „Die Stelle wird schon sein besetzt, Sälchen" oder: „der Mann wird sein lange abgereist". „Pergament, redete ich dann zu ihm, „e fauler Bote is e halber Prophet." Was prophezeist de mir, was alles könnte sein eingetreten? Geh hin und überzeug’ dich selbst. Und es war immer richtig, wie ich ihm habe geraten." Nach dieser Gedächtnisrede für den seligen Onkel Pergament wußte Salo, daß er noch heute nachmittag hin* gehen würde, wohin die Tante ihn auch schickte. Aber, daß es so schwer sein könnte, hatte er das geahnt? Den weiten Weg ging er zu Fuß; wie er meinte, um zu sparen, in Wirklichkeit, um den gefürchteten Augenblick noch hinauszuschieben. Unterwegs überlegte er: konnte er nicht einfach den Brief abgeben und fortlaufen? Ach, dann hätte er, „der Ueberbringer dieses", ja nicht mehr gewagt, der Tante unter die Augen zu treten. Eine Unwahrheit hatte Salo Neustädter noch nie gesagt. Und ergeben in sein Schicksal klingelte er an der Tür, über der ein blankes Schild den Namen trug: Hermine Brandt. Und wie es dann weiter ging? Es war ihm so elend zu Mute, daß er sich später nie genau an die Einzelheiten erinnern konnte. Ein großes, helles Zimmer, in das die Sonne von allen Seiten hinemflutete — eine Frau mit einem unendlich gütigen Lächeln, die den Brief der Tante Pergament in der Hand hielt. Und die mit einer Stimme, so weich, so warm, wie Salo sie noch nie gehört hatte, zu ihm sagte: „Nun erzählen sie mir ein wenig von sich, Herr Neustädter." Und Salo hatte gesprochen. Ganz, ganz lange, zum ersten Male in seinem Leben so gesprochen, wie es ihm um’s Herz war. Er hatte gar nicht gewußt, daß das so leicht sein könnte. Aber unter dem Blick dieser merkwürdig leuchtenden, jungen Augen (war es möglich, daß Hermine Brandt schon 60 Jahre war?) schien es, als ob ein Druck, der auf seinem Herzen lastete, sich allmählich löste, und er erzählte — von sich — so wie es die seltsame Frau ihm gegenüber von ihm verlangt hatte. Eigentlich aber sprach er nur von der Tante, denn die gehörte ja untrennbar zu ihm und es war klar, daß Salo Neustädter niemals bisher ein eigenes Leben gelebt hatte. Daß tiefste Dankbarkeit und wirkliche Pietät ihn zwangen, so zu handeln, wie er immer bis jetzt gehandelt hatte. Hermine Brandts Augen aber waren ganz ernst geworden, je länger sie auf dem blassen, jungen Menschen ruhten. „Salo Neustädter", dachte sie, „du kleiner, jüdischer Junge — du bist kein Adonis, gewiß nicht — aber wieviele könnten von deiner selbstlosen Güte, von deiner vornehmen Gesinnung lernen." Und dann versprach sie, sich um eine Stellung für Salo bemühen zu wollen. „Leicht wird es ja nicht sein, Herr Neustädter“, sagte sie, „aber ich habe eine ganz bestimmte Idee — und wenn mir das glücken sollte —" Hermine Brandt stand auf: „Sie werden von mir hören. Ich verspreche nichts, was ich nicht hallen kann. Grüßen Sie Ihre Tante und sagen Sie ihr, daß ich sie nächstens besuchen werde, ganz bestimmt. Ihr Brief. — und um Mund und Augen zuckte es nun doch verräterisch — „hat mich gleich für sie eingenommen." Salo verbeugte sich immer wieder und wie er hinausgekommen war, wußte er nicht mehr. Das war wie im Theater, wie im richtigen, großen Theater, das konnte doch gar nicht Wirklichkeit sein. Hermine Brandt, die berühmte Frau, wollte seine Tante Rosalie Pergament mit der falschen Orthographie besuchen. War das auszudenken? Wie sollte er ihr denn das nur beibringen? Sie würde vor freudigem Schreck einen Schlaganfall bekommen, das war ganz sicher. Aber erzählen mußte er es ihr, und auch das mit der Stellung. Aber es kam ganz anders, als Salo Neustädter gedacht hatte. Bei der Tante Pergament zeigten sich keinerlei bedrohliche Krankheitsersclieinungen, als Salo vorsichtig und stockend sein Erlebnis erzählte. „Nu siehste“, sagte die alte Dame seelenruhig, „sie hat eben an meinem Schreioe* brief die höhere Bildung gemerkt. Ich habe dir doch gesagt, daß sie ein Herz hat für uns alte Leute und daß sie dir, mein Salo, helfen wird. Aber habe ich dir nicht müssen Zureden wie meinem seligen Pergament, was auch immer alles hat besser gewußt wie seine Frau und was is gewesen so e großer Prophet — an de falsche Stelle? —* Jeder Leser, dem die ..Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Belehrung bietet, sühle sich verpflichtet, uns einen neuen Abonnenten zuzusühren! Die Geschäftsstelle, Berlin D.8, Mauerstr. 22, versendet Kostenlos Probenummern. 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