Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 33 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wichtigsten Aufgaben -er Luden im neuen Lahre Der einzelne Jude — fa fasse Ich da- Thema auf — hat al- Mitglied einer ReltatonSgemeinfchaft — denn eine Volksgemeinschaft erkenne ich nicht an — in -er nächsten Zeit vor allem dafür zu sorgen, daß seiner Gemeinschaft diejenige Achtung entgogengebracht und diejenige Stellung etngeräumt wird, die sie zu beanspruchen hat. Daranfolgt, dah er bet jeder Gelegenheit, bei -er es darauf ankommt. sich al- Jude bekennt. Er darf dabei aber nicht vergessen, -ah die Tochterreltgionen des Judentums viel weiter verbreitet sind als die Mutterreligionen. Daraus folgt, -ah er bei aller Festigkeit sich teder Uoberhebung. in welcher Form auch immer, zu enthalten und in der Art seines Verhaltens. den sittlichen Anforderungen seines Glaubens zu entsprechen und sich feiner Gemeinschaft würdig zu erweisen hat. Bei der Ausübung der Religion hat der Jude zu beachten, dah feine Religion keinerlei Zwang auf den ein. -elnan auSübt. daß sie deshalb jedes einzelnen Art, wen» sie nur echt ist. anerkennt und gewährleistet. Er darf auch nicht vergessen, dah die Religion sowohl wie ihre Ausübuna — wie eben alles in der Welt — einem steten Wechsel, einem ewigen Fortschritt unterworfen ist und dah starres Kosthalten am Althergebrachten, wte aus allen anderen Gebieten, so auch auf dem der Religion verknöchert und früher oder später zum Zusammenbruch führt. Bei alledem darf er nicht übersehen, dah es die Wissenschaft -eS Judentums ist. die ihm die Entstehung. die Grundlagen und den Ausbau der Religion darstellt und erläutert, und bah ohne wissenschaftliche Forderung auch kein Fortschritt möglich ist. Er wird es sich daher angelegen sein lassen müssen, der wissenschaftlichen Erkenntnis seiner Religion nachzustreben und die Wissenschaft des Judentums nach dem Mah seiner Kräfte zu fördern. — Dem deutschen Vaterlands hat der deutsche Jude, wie jeder andere Deutsche, alle seine Kräfte zur Verfügung zu stellen, damit es politisch und wirtschaftlich sich erhole, die deutsche Republik gefestigt und die Not der Zeit überwunden werde. — Im Kreise seiner Religionsgemeinschaft wird der Jude sich eifrigster Mitarbeit zu befleihige» haben; das erfordert -re Achtung vor der Gemeinschaft. Besonders der erstrebten Gesamtvertretung aller jüdischen Gemeinden wird er in -er nächsten Zeit seine Anteilnahme zu widmen haben, auch hierbei darauf bedacht bleiben, dah alte Formen nur dann Wert haben, wenn sie vor -er Gegenwart bestehen können und in die Znkunft überleite». — Die Wohlfahrtspflege im weitesten Sinne de- Wortes ist tem Judentum angeboren. Jeder einzelne übt sie aus; wer ihrer Hilfe bedarf, nimmt ihre Tätgkeit an. Es ist keine Schande, zu nehmen, wenn es unbedingt notwendig ist: es ist aber eine Schande, nicht zu geben. In dem nächsten Jahre aber, wte in der nächsten Zeit überhaupt, wird der -rutsche Jude zunächst an die Bedürftigen innerhalb Deutschlandzu denken haben. Der fürchterliche Zusammenbruch -e- Vaterlandes, sein wirtschaftlicher Ruin fordert auf das dringendste, zunächst den Bedürstiaeu in der Heimat Hilfe zu gewähren. Alle Wohlfahrtspflege beginnt ..at doms". Der deutsche Jude helfe und helfe reichlich, aber zunächst für Sie Wohlfabrtszwecke seiner arg bedrängten deutschen Gemeinschaft und überlasse den Juden tm Ausland, zu tun. waS sie für gut befinden. — Alle wobl erkannten Grundsätze nützen schliesslich nichts, wenn st« nicht in- Leben übertragen werden. Der einzelne Jude, der ssch seiner Grundsätze wohl bewusst ist. sorge, dah er auch sein inneres und äußeres Leben nach ihnen gestalte. Die wichtigste Aufgabe beS -arischen Juden tm neue» Jahre: mit -u helfen, die Wunden aufznretßen. die jedem Einzelnen unserer Gemeinschaft durch den Antisemitismus geschlagen werden. Daran zu arbeiten, dah auch der Letzte stch bewutzt wirb, -ah -er Kampf gegen -en AnttsemittSmuS nicht nur ein« praktische, sondern eine sittliche Notwendigkeit ist. Und -atz er eben deshalb an jeden auch die ethische Forderung -er Selbstzucht und der Selbstprüfnng stellt. Den Hochmut btt Reichen zu bekämpfen, die da glaube», weil sie Geld haben, könnten tbne» die Feinde nichtan haben; der Torheit der Halbgebildeten entgegeuzutreten, die glauben, Berichtigungen und Prozesse genügten, um eine kulturelle Gefahr zu beseitigen; der Verzweiflung der Besten zu wehren, die dem Kampfe au-weichen, weil sie auS Schmerz über ungerechte Kränkung die Schönheit und Größe der Aufgabe nicht sehen. Di« Aufgabe der Juden aller Staaten aber sehe ich darin: mitzuarbetten. -ah -ie Wunden heilen, die -er Krieg -en Völkern geschlagen hat. Die jüdische Ethik (Me. in ihrer Tief« ersaht, eins ist mit der christlichen) verteidigen gegen die dreifache Gefahr, des Nationalismus. Mechant-mu- und Bolschewismus. Hierbei verstehe ich unter Bolschewismus nicht irgendeine Wirtschaftsordnung, sondern den Irrwahn, daß Unrecht Recht. Frevel gut wird, wenn eS dem jeweiligen Interesse einer herrschenden, ober einer nach Herrschaft stre-- Senden Klasse entspricht. Der Marxismus in dieser orthodox übersteigerten Form, wie er in Deutschland theoretisch schon von Mehring entwickelt wurde, und wie er in Russland in die Praxis gesetzt wurde, eine Doktrin, der der Franzose Jaures, der Engländer Macdonald, der Deutsche Lassalle gleich gegensätzlich aegenüberstehen, ist nicht Geist vom Geiste deS Judentums, sondern eine Verneinung alles -essen, was dem Judentum in der Weltgeschichte Bedeutung gegeben hat. Oder hat Jesaja -ie Moral einer Klasse verkündet? Selbst die intellektuell höchststehende Schicht hat -en Anspruch auf Herrschaft verwirkt, wenn diese den elementaren Gesetzen -er Ethik widerstreitet. Savanorola hat Recht gegen die Medicaeer. Voraussetzung für alle jüdische Arbeit ist ->be Ueberzeuöung. -atz das Judentum etne speziell« Aufgabe zu leisten, eine Mission zu erfüllen habe, nämlich: Jegliche Gewalt zu bekämpfen, und darum zu arbeiten an dem Ausgleich der Gegensätze zwischen den Völkern und innerhalb der Völker. Unter diesem Gesichtspunkt dürften sich als politische, kulturelle und soziale Aufgaben -er Juden ergeben: l Berteibignnq unserer aufs stärkste bedrohten, staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. (Siehe die Bewegungen an deutschen Universitäten und die Anträge im bayerischen Landtag, -i« auf Aufhebung unserer Rechte abzielten.) 2. Zusammenfassung deS gesamten deutschen Judentums zu einer geistigen Einheitsfront. (Unbeschadet -ex Einstellung und -es LufgabenkreiseS der einzelnen Richtungen.) 3. Erweiterung und Verbesserung der AusbUduwgSmöglichtesten unserer Erzieher. 4. Reform der Jugenderziehung. 5. Borberettung von Schritten zur Gründung einer jüdischen Akademie und Schaffung eine- Kulturfonds hierfür, sowie zur angemesseneren Besoldung von Geistlichen und Lehrern. 6. Hebung -eS Niveaus Mischer Orgmvisativueu. 7. Erziehung durch Dort und Schrift zu taktvollem unwürdigem Auftreten in -er unS vielfach feindlichen Umwelt, 8. Hilfeleistungen für -en yvoletarischen, jübisHen Mitteln stand. 9. Sorgfältige Untersuchung der Möglichkeiten einer Be* rufSumschichtung der Judenheit. 10. Linderung der ungeheuren Not unzähliger MMivoer» von ivichtdvutschen Juden, insbesondere in der Ukraine. (Eine Ausgabe, die keinesfalls verdrängt werden darf durch das engherzige Wort, nach welchem das Hemd näher fei als -er Rock.) Die wichtigste Aufgabe deS Juden ist nach wie vor: Recht zu tun. Güte zu li-eben und in Demut zu wandeln mit Gott. (Micha 6. 8.) So arbeitet er als „Diener des Ewigen" mit an -er Aufrichtung des Gottesreiches auf Erden. 4L. Als der übelste Missstand im Mischen Leben erscheint emir. dass es keine öffentliche Meinung kennt. Jüdische Ln* gelegenheiten werden im engen Kreise von kleinen mehr oder minder widerstreitenden Gruppen beraten und auSgeführt, hinter denen keine mitstrebende größere Masse steht. Gelbst da. wo aus Wahlen auf breiter Grundlage hervorgegangene Körperschaften tätig sind, ist es nur scheinbar anders, auch dort mangelt es an wirklicher innerer Teilnahme und an ernster Kontrolle. Die Folge dieses Zustandes ist -ie Herrschaft einer kleinen Schar von Parteiführern und die noch bedenklichere Herrschaft des Schlagworts. Das ist ein in einer Zeit der allgemeinen Volksrechte unhaltbarer Zustand. Das allgemeine Wahlrecht schließt die Mitverantwortung jedes einzelnen und seine Verpflichtung, an den Angelegenheiten der Gesamtheit mitzuarbeiten. ein. Zu mindest wüßte ein jeder so viel Verantwortungsgefühl besitzen, daß er -ie Tätigkeit der von ihm gewählten Vertreter gewissenhaft verfolgt und sich über ihre Leistungen für das Gemeinwohl Rechenschaft ablegt. Die Zahl derer, -ie für jüdische Fragen und Sorgen Interesse hat, bedarf der Erweiterung, die Last der Arbeit muss sich auf mehr Schultern verteilen. Nach meinem Dafürhalten ist dies daS dringendste Erfordernis und der sehnlichste Wunsch für die nächste Zeit, dass die Herrschaft des Schlagworts gebrochen wird, dass an die Stelle -es Schlagworts die klare Vorstellung, die rechte Einsicht in die wirklichen Aufgaben unserer Gemeinschaft tritt! Alle anderen Folgerungen für den Kamps und für das Leben werden sich daraus von seilbst ergeben. Klare Erkenntnis führt zu ernster Pflichterfüllung! ES gibt eigentlich nur eine einzige Aufgabe -e- Juden in jedem Jahr, die immer wieder betont werden mutz, und das ist die. durch Lernen seine Kenntnisse im Judentum und seinen Willen zum Judentum zu vertiefen. Dabei Gericht. Don Jakob Loewenberg. Stolz stand ich vor des Ewigen Gericht, Und eine Stinune rief mir, hell wie Licht: »Tritt an, du Erdensohn, gib Rechenschaft, Hast du gewirkt mit deiner ganzen Kraft? Warst du um Weib und Kind stets treu bedacht?" »Ich liebte sie und sorgte Tag und Nacht." „Gabst selbstlos du dich deinen Freunden hin?" »Was ich um sie verlor, war mir Gewinn." »Trieb -ich zu keinem sonst des Herzens Zug?" „Mein Bruder war, wer Menschenantlitz trug." „Und kamst du selber auch zu deinem Recht? Du senkst das Haupt? Du schweigst? Du warst nur Knecht? Go lebtest du in einem eiteln Wahn, So hast du keinem je genug getan." Erinnerungen. Bon Clementine Krämer. Unser Onkel Leopold — verkürzte, kaum -aß er „drüben" war, seinen Bornamen in „Leo" ab. und auch unfern Familiennamen stutzte er sogleich amerikanisch zurecht — meines Vaters ältester Bruder hatte — wie ihm ein Arzt im Svttal zu Köln bescheinigte — den unüberwindlichen Wandertrieb. Ich höre noch den Großvater erzählen, da habe er einer Tages aus „Kölle" ein Schreiben erhalten, fein Sohn wäre dort jeglicher Extstenzmtttel bar gelandet, läge, ohne eigent, Ach krank zu sein, im Spital und er möge entweder Geld fchtcken oder ihn heimholen. Auf diese Weise hat unser Großpapa einmal den Rhein zu sehen bekommen. Das heißt, die Großeltern wohnten selbst nur -retviertel Stunden davon entfernt, aber man machte keine Spaziergänge damals, man ging blos handeln", und dort war nicht- -u suchen. Außerdem hatte „6er Rkhinn". wie man im allemannischen Dialest unsere- Heimatortes den Strom nennt, an jener Stelle einen unheimlichen Beigeschmack. Denn ging Mal einer hin, dann tat er eS in selbstmörderischer Absicht. fT«nt man sich um einen Menschen, weil er lang« auSaeblieb i war geängstigt hatte, dann sagt man gerne: „3 Hab bi C. tt, q'metttt, er isch in b'r Rhinn gange. Schöner, liebreizender, klingender anheimelnder, allernannischer Dialekt, der mir in erster Kindheit schon die Herrlichkeiten der deutschen Sprache in diesem Eigenkleid offenbarte! Dort in unserm Heimatdorf — ich war 7 Jahre alt. als wir wegzogen in die Stadt „wo es eine höhere Mädchenschule gibt und ein Gymnasium, und das Theater für die Mutter", wie Vater sagte — sprechen alle so. Alle Nichtjuden und alle Juden auch. Daneben bedienen sie sich Fremden gegenüber noch eines etwas gehobeneren allemannisch, von dem sie gerne glauben, eS wäre „hockdütlch". Manchmal standen wir — Eltern und Kinder — im Schlossgarten in Karlsruhe vor dem Hebeldenkmal und lasen — ein wenig höimweherig, wie wir waren — uns seine Verse darauf vor: „Unn tsch'S so scktvarz unn sinichter do So schienet d' Sternlt do so froh, Unn u§ der Heimes ckunns der Lchi $' utfifc Neblig in der Hetmet st." Oder das andere: „Unn wenn de otntne Lhrützweg stohsch Unn ramme wetsch, wo's anne gabt. Halt still, unn frog Di Gewiss« z'erscht; 'S cha dütsch, gottlob, unn folg sim Roth." Muß ich daS übersetzen? eS scheint mir unnatürlich, so selbstverständlich wie mir diese Laute sind. Der Loser soll sich ein wenig plagen, sie sich auszudeutschcn. Ueberhaupt — man kennt ihn viel zu wenig üraussen in der Welt den lieben, alten Jphrnn Peter Hebel, den rührend wurzelechten Gestalter des Dreisten der allemannischen Seele! Mir ist er gewiss schon darum so lieboertraut, weil all-e unsere Vorfahren väterlicherseits, so lange man von ihnen weitz. im Allemannenlande wohnten, ein« Stunde von Straßbuvg entfernt. Und eine unserer Ahnfrauen. soll „sogar" direkt aus Straßburg gekommen sein. Ich sage „sogar", denn auö der Stadt zu sein, galt als etwas Vornehmes. Bon dieser Ahnfrau, unserer Urgroßmutter Dinah. besitze ich ein Bild mit einer herzigen, getollten Haube, ganz langen Bändern daran, in einem weiten, faltigen Seidenkleid, mit aufgesetzten Tuchstroifen. Uird sie hat ein breites, gutes Gesicht, so wie eS unser Großvater von ihr aeerbt hatte. Dieses Bild hat sie aus Amerika geschickt, denn — was für ein unternehmendes, altes Judenfrauchen mag sie gewesen sein! — sie fuhr in ihrem siebzigsten Lebensjahr dorthin zu ihren Söhnen, von denen ein großer Teil ausgewandert war. Im ganzen hatte sie deren Zwölf, aber keine einzige Tochter. Ich höre noch wie unser Großvater die Namen all seiner Brüder, sich selbst als drittältesten mit oinbegretfend. herzählte: Säckle, Maier. Mosche. Möddel. Getsch; Schimm«: Jegel; Fessel: Borich-dasind nur 10. die letzten zwei Namen habe ich vergessen; soviel ist aber aewiß. daß keiner darunter war. der auf Ihorst" oder „Tristram" hörte. Ferner weiß ich. daß sie allemtteinander sehr armselig gelebt haben. Wenn seine Buben Hunger hatten, dann riet chnen der Urgroßvater, zu singen, da spüre man nichts davon. Auch wird erzichlt. dass die Urgroßmutter einmal das Verlangen nach einem Küchenschrank ««äußert habe ldenn wie gesagt, sie war aus der Stadt, und daher vermutlich etwas feineregewöhnt), weil ihr sonst alleS von den Mäusen angesressen werde: aber da habe ihr Eheherr hohnvoll gefragt: ob sie vielleicht nicht auch ein Klavier aus Marmelstein haben wolle? — DaS »Klavier auS Marmelstetn" war daher tu meinem Elternhaus geflügeltes Wort geworden für einen als besonders verstiegen geltenden Wunsch. Doch von uuserm Onkel Leo habe ich zu erzählen angesangen. Also der hatte, wie gesagt, den Wandertrieb. Er war in die Stadt getan worden und sollte Lehrer werdut. denn er hatte einen hellen Verstand. Hat dann auch m Amerika etwas vor sich gebracht als Redakteur eines der größten amerikanischen Blätter. Das mt besser für ihn al§ Schulmeister werden. Zum Spezialgebiet wählte er sich das Eisenbahuwesen» so ist er wenigstens noch, nachdem er an einem Orte bleiben mußte, den tn die Weite führenden Schienensträngen im Geiste nachgelaufen. Den holte also der Großvater heim aus Köln, zerlumpt und abgerissen. Nicht einmal Stiefel hatte er mehr an den Füßen, sondern blos noch Gummigalo scheu. Gmnmigaloschen! — Symbol tn der Familie seitdem für einen gänzlich reduzierten Menschen. Mir ging das Wort schon als Kind, da ich es tn diesem Zusammenhang von Großvaters Lippen mit einem gewissen Entsetzen kommen hörte, leicht ein, weil mir die beiden alliterierenden „G" sehr gefielen. Diesem Onkel Leo hatte es mein lieber Vater zu verdanken, dass er nichts lernen durfte, denn nach der Erfahrung mit dem Aeltesten fand Großvater — und hielt sein Lebtag daran fest — „ie gelehrter, je verkehrter", und es sollte ihm nun keines seiner Kinder mehr daran denken „studieren" zu wollen. Doch von unserm Vater will ich hernach extra sprechen. Den Onkel schickte man nach Amerika. Da war man vor etwa 60 Jahren geschwind bet der Hand. Sie erzählten, daß der Posttvagen schon mit verschiedenen Passagieren vor der Tür wartete — er mußte so wie so durch -as Oberdorf kutschieren, wo die Großeltern wohnten — aber der Onkel Leo war noch nicht fertig, denn er hatte sich einen ganzen Gugelhupf vorgenommen und immer wieder eingebrockt und den konnte er nun doch nicht stehen lassen wegen Amerika. Alle hätten sie nasse Augen gehabt, bloß der Abreisende nicht, der goß sich das was von der bunt geringetten Ohren«kaffeeschüssel in den Unrerteller übe rge laufen war bet -er Etnbrockerei zurück in seine Tasse, schlürfte es zu En-e, winkte aus dem Postwagen und war davon. Er ist danach drei Wochen auf einem Segelschiff Herumgefahren ebe er „Me neue Welt", wie man damals noch gerne metapberisch sagte, erreicht hatte. Nicht lange dauerte es. da schrieb er einmal nach Hause, er habe ssch verlobt, und seine Braut wäre nicht nur ein sehr hübsches, junges Mädchen aus guter Familie — eine geborene „Misch" und man werde ihm hoffentlich diese „Mischehe" htngehen lassen — sondern seine Verlobte sei auch eine sehr gebildet«, junge Dame, spräche nicht nur deutsch, französisch, englisch und italienisch, sondern — sie würde auch spanisch sprechen — wenn — sie es gelernt hätte. Alle haben sie Humor in unserer väterlichen Familie. Oder ist es vielleicht eine Angelegenheit der viel größeren alljüdischen FamUie? — eine Art Galgenhumor? geboren auS dem Juöenleid? verdrängt« Tränen? . . . Unser Vater durfte nun also gar nichts lerne», «eil —. wie gesagt — ie gelehrter, ie verkehrter. Als er aber 18 Jahre alt geworden war. -a ging er ans ein halbes Jahr in die Residenzstadt, um dort — er meinte, -as gehöre sich so für einen Kaufmannssohn — die Auch-