Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 4 (1924)
- Issue
- 33 (26.9.1924)
- Date
- 1924-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IüdMÄrmleZkilW Graan der Sereiniauna Mr das liberale Judentum e. 8. Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e. V Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^jährlich M. 1.80 Einzelnummer 0.20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,23 Für die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: im Mitgliedsbeilrage enchalten. :: :: :: Chefredakteur: Dipl.-Äng. Bruno Doyda. vie „Jüdisch - liberale - Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Schriftleituna und QsschättssteNe: Verlin, Mauerstratze22. Sornruß: Kmt Merkur Nr. 8728 poMMaMNvntor Berlin NW7Nr.l370b4 (Vereinigung kürda» Ndorale Judentum) Nachdruck sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung der Re&aktlon gestattet! Anzeigenpreise: Die lSgespaltene Nonpareillezeile 0.18 Goldmark, die Reklamezeile 3.00 Goldmark. :: :: :: bei Wiederholungen Nabalt. :: :: :: Anzeigenannahme: Hermann Baswih. Berlin S 12. Alexandrinenstraße 98/98. (Fernsprecher: Dönhoff 437). sowie sämtliche Annoncen-Lxpedittonen. Nr. 33 Berlin, 26. September 1924 4. Fahrgang neuen Nach ewig unveränderlichen Gesetzen vollzieht sich l das Leben in der Natur, ewig in dem gleichen Gleis rollt des Tages sicherer. Wagen, nichts unterscheidet das Morgen von dem Heute. Aber der Mensch trägt sein eigenes Empfinden und seelisches Bedürsen in die Dinge außer ihm, auch in die Natur hinein, und aus der eigenen Seele heraus grenzt er die allmählich sich wandelnden Zeiträume sichtbar voneinander ab. Fügt sich ein religiös geweihter Tag ein, so wird er zum Grenzstein zweier Zeitabschnitte, und ist ein Zeitabschnitt gegeben, so erhält der Tag seine religiöse Weihe. So ist der biblische „Tag der Erinnerung", der „Tag des Schofarblasens", entsprechend dem Bedürfen der jüdischen Volksseele frühzeitig zum Neujahrsfest geworden. Die ganze Größe und Hoheit der religiösen und sittlichen Gedanken- und Empsindungswelt des Judentums tritt uns in der Feier dieses Festes entgegen. Nicht das Geschichtliche, so hoch es im Judentum bewertet wird, ist hier das Bestimmende. Gleichsam zeitlos ist es das ewig Menschliche, dasjenige, was immer wieder den Menschen über sich hinaus zur Gottheit emporzieht. Der Ablauf der Zeit erinnert uns an unsere Vergänglichkeit, aber er zeigt uns das Ewige, Göttliche im Menschenleben. Nicht die Vergänglichkeit ist der eigentliche Inhalt der Neujahrsgebanken und der NerzjahrSgebete, sondern die Ewigkeit. Es ist nicht uninteressant, diese jüdische seelische Einstellung an einem charakteristischen Beispiel zu beleuchten. Die bekannte Stelle des 90. Psalms übersetzt Luther: „Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden." Der Psalmist sagt etwas anderes: „Unsere Tage zählen, das lehre uns recht erkennen, daß wir ein weises Herz gewinnen." Betont der christliche Uebersetzer das memento mori, so legt der jüdische Dichter den Nachdruck darauf, daß wir die Tage des Lebens wertvoll gestalten. Das „du sollst das Leben wählen" klingt hier an. Das aber ist der Sinn der am Jahresanfang so häufig wiederkehrenden Bitte um Leben. Mit der Kennzeichnung des Judentums als „Diesseitsreligion" ist diese Einstellung nicht abßfetan. Nicht der Genuß des Lebens, sondern die Lebensarbeit gibt dem Leben Wert. 'Nur der gewinnt die rechte Weisheit des Herzens, der es recht erkennt und versteht, die Tage seines Lebens wertvoll zu gestalten, so daß man sie zählen darf. Darum fließt im Judentum der Neujahrstag zusammen mit dem Tag der Erinnerung, und darum ist er zum Tage des Gottesgerichts und des Selbstgcrichts geworden. Auch dies wiederum in einer ganz besonderen seelischen Einstellung. Auch hier liegt der Nachdruck nicht auf der Büßerstimmung, nicht Anklage und Selbstanklage, so wichtig sie ist, ist das eigentlich wertvolle, nicht die Erkenntnis des Verfehlten allein ausreichend und maßgebend. Das alles muß vielmehr ergänzt und vervollständigt werden durch die Erkenntnis des Guten und der Kraft des Guten, die Erkenntnis der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Erneuerung, zur besseren Gestaltung der Zukunft. Auch das Gedenken und das Gottesgericht erhält so wie alles jüdisch Religiöse seine eigentliche Bedeutung von der Zukunft und von der Aufgabe, die Zukunft zu schassen. In diesem Sinne ist das Judentum Diesseitsreligion, darum sucht es und sieht es als sein Ziel das Get:esreich auf Erden. Darum kennt es nicht die Abkehr von der Welt, nicht die Verwerfung des Lebens, nicht die Erlösung von diesem Eröenleben, sondern verlangt Ausgleich und V e r s ö h n u u g mit der Wirklichkeit, v e r - l ö it gtöe r Weltgerecht z u w e r d e n, w i e sie ist, und fordert Schaffen und tätiges Leben. Tie ewigen Ziele sind von altersher aufgesteckt, die Gegenwartsaufaaben muß jedes Geschlecht klar zu erfassen und tatkräftig und zielbewußt zu verwirklichen suchen. Die Größe und Schwierigkeit dieser Gegenwartsaufgaben tritt uns an dieser Jahreswende besonders lebhaft entgegen. An erster Stelle steht der Wiederau f bau des r e l i g i ö s e n B e w n ß t s e i n s und bes religiösen Lebens für den Einzelnen wie für die Gesamtheit. Es würde zu weit führen, die Gründe für die religiöse Berödnna in der Vergangenheit hier darzulcgen. Wer die aeistesgeichicbtliche Entwicklung des 10. Jahrhunderts eim"erwaßen kennt und dazu die besonderen für das Judentum in Be- Die wichtigsten Aufgaben des Juden im neuen Fahre. Ueber dieses Thema haben wir zu Beginn des neuen Jahres eine Rundfrage veranstaltet, die wir an führende Persönlichkeiten des liberalen Jndentums haben ergehen lassen. Auf Seite 2 und 3 dieses Blattes nehmen zu den uns alle bewegenden Problemen Stellung: Justizrat Bernhard Breslauer, Ehrenvorsitzender der Vereinigung für das liberale Judentum E. V. Dr. Ernst Emil Schrveitzrr, Rechtsanwalt am Kammergericht. Clemeutine Krämer. Dr. Michael Holzmann, Direktor. Professor Dr. Jsmar Elbogen, Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Juden^ tums. Rechtsanwalt Heinrich Stern, Vorsitzender der ... Bereinigung für das liberale Judentum e. V. Dr. Arthur Lilienthal, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft jüdisch-liberaler Jugendvereine Deutschlands. Rabbiner Dr. Felix Goldmann. Engen Caspary, Vorsitzender der Zeutralwohlsahrtsstelle der deutschen Juden. Robert Hirschfeld, Repräsentant der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Mit den Beantwortern der Rundfrage wünschen auch wir, daß recht bald überall die wahren Ausgaben des Juden nicht nur erkannt, sondern auch erfüllt werden. Unseren Lesern bringen wir zum Jahreswechsel unsere herzlichsten Glückwünsche dar. Die Redaktion. kracht kommenden Momente berücksichtigt, dem wird bas Verständnis fiicrfür nicht fehlen, der weiß, daß der Krieg nicht die Ursache, sondern das Ergebnis dieser Verödung ist, und daß er gleichzeitig Ansätze zur Besserung geschaffen und vorhandene Ansätze zerstört hat. Unsere Generation braucht ganz besonders das religiöse Bewußtsein zum Aufbau des Lebens um seines Wertes willen für den sittlichen Wiederaufbau, aber in höherem Grade noch wegen des Eigenwertes der Religion für bas Seelenleben des Menschen. Dies zu klarer Erkenntnis innerhalb des Judentums zu bringen und diese Erkenntnis in die Tat umzusetzen, ist die erste und dringliche Aufgabe. Damit schassen wir nns den Aufbau des persönlichen Lebens, aber auch die Gesundung des jüdischen Gemeinschaftslebens. Denn auch diejenigen, die, abweichend von uns, das Judentum als nationale Größe betrachten, werden nicht in Abrede stellen wollen, daß allein aus dem Kern bes r e l i g ö s e n m e i n s ch a f t s b e w n ß t s e i n s heraus das I u ö e n t u m seine Daseinsberechtigung nicht nur in der Vergangenheit herzuleiten vermag. Nnb wer in unserer Zeit mit ihrer Feindseligkeit gegen das Judentum den Abwehrkampf erfolgreich führen will, wird zugestehen müssen, daß dies geradezu unmöglich erscheint ohne die feste Grundlage, ans der das Judentum aufgebant ist. Religion und religiöses Leben ist aber ein unendlich kompliziertes Gebilde. Hier gilt es immer wieder die aus der Vergangenheit stammenden Ewigkeitswerte für die Gegenwart und in ihr für die Zukunft nutzbar und wirksam zu machen. Die Religion lebendig zu erhalten, ist darum jetzt weniger als je möglich, indem man der romantisierenden Strönumg folgt, die das Vergangene verklärt und cs zur Herrschaft bringen möchte — der Rückschlag kann nicht ansbleiben —, sondern es bedarf klarer Erkenntnis und verständnisvoller Berücksichtigung aller religiös wirksamen Elemente und der allgemeinen Verhältnisse der Gegenwart. Dem jüdischen Liberalismus erwachsen bei unverändertem Festhalten an seinen Grundlagen und Grundsätzen neue Ausgaben oder doch die alten Aufgaben in' neuerer Gestaltung. Eine dringende Aufgabe wird die Heranziehung der Frauen, die endliche Beseitigung der Schranken sein, die das preußische Judengesetz von 1847, von dem niemand heute sagen kann, ob es noch in Geltung ist, der Beteiligung der F r a « e n a m Gemeindeleben setzt. Auch wer von Hause aus dem Frauenwahlrecht nicht geneigt sein sollte, wird nicht verkennen können, daß die Zeit über alle diese Bedenken hinweggegangen ist. Es ist dringend geboten, sie in unserem Gemeindeleben wegznräumen. DaS preußische Judentum steht vor einer neuen großen Aufgabe. Nach jahrzehntelanger mühseliger Arbeit ist cs endlich gelungen, den Zusammenschluß der jüdischen Gemeinden in Preußen herbeizuführen. Seit 1812 ist das Judentum in Preußen in eine Unzahl großer und kleiner einzelner Gemeinden aufgelöst. Was an dieser Selbständigkeit wertvoll ist, soll und muß erhalten bleiben, die Freiheit der Entwicklung der einzelnen Gemeinde, die Abweisung jedes obrigkeitlichen Zwanges in bezug auf die religiöse Richtung. Aber der U n s e g e n der Vereinz e l u n g u n d Zersplitterung der Kräfte muß beseitigt werden. Seit langer Zeit lechzen alle, die im jüdischen Gemeindelebcn tätig sind, nach einer Organisation, die autoritative Vertretung des Judentums nach außen und Zusammenfassung der Kräfte für die über den Nahmen der Einzelgemeinde hinausgebenden Aufgaben bietet. Tie sozialen und wissenschaftlichen Aufgaben können ebenso wie die Erhaltung des religiösen Lebens in den kleinen Gemeinden nur durch zusammeufassende Organisation geleistet werden. Die Resultate der bisherigen Bestrebungen mußten bei allem Eifer sehr unvollkommen sein. Auch die neu geschaffeue Organisation des Preußischen Landesverbandes wird nicht Wunder wirken; aber wir dürfen non ihr eine wesentliche Förderung erhoffen. Noch ist freilich die Kenntnis von der Existenz und das Verständnis für die Aufgaben des Landesverbandes in den Gemeinden wenig verbreitet. Die Berbandsleitnng wird mit Hilfe der jüdischen Presse nachdrücklich diese Kenntnis zu verbreiten haben. Am 7. Dezember finden zum ersten Male die Wahlen zur Landcsversammlnng statt. Es wird für das preußische und für das ganze deutsche Judentum von größter Bedeutung sein, daß die rechten Männer und Frauen als Abgeordnete gewählt werden. Die erste Landesversammlung wird in erster Linie organisatorische Aufgaben von außerordentlicher Größe und Schwierigkeit zu bewältigen haben. Von der Art ihrer Arbeit wird die Bedeutung der neuen Organisation abhäugen. Die Gedanken des Neujahrsfestes greisen an das Innerste der Menschenseele. Sie tragen uns empor über das tägliche Leben, aber nicht, um uns ihm zu entfremden und zu entziehen, sondern vielmehr, um die großen, ewigen Gedanken im praktischen Leben wirksam werden zu lassen, uns zu lehren, die Ziele klar zu erkennen, die rechten Wege zu finden, die eigenen Kräfte und ihre Grenzen richtig abzuschätzen und uns der Schwierigkeiten bewußt zu werden. Kühle, nüchterne Erwägung müssen wir mit warmherziger Begeisterung verbinden und so die Aufgaben und Forderungen der Zeit unter ewigen Gesichtspunkten zu sehen und zu erfassen wissen. Am Anfang des neuen Jahres beten wir um Glück und Segen. Mögen die deutschen Juden sich bewußt sein, daß für den Einzelnen wie für die Gesamtheit Glück und Segen abhängig ist von der eigenen Arbeit, der eigenen Leistung, der eigenen Persönlichkeit! Tann wird das neue Jahr ein segensreiches für uns und für das ganze Judentum sein. Rabbiner Dr. Vogel stein, Breslau.