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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-09-19 · 32 (19.9.1924) · page 1

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
32 (19.9.1924)
Date
1924-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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WW WMWWM WWMHWWWW A t Organ -er Vereinigung für das liberale Judentum e. V. Bezugspreis durch die Geschäftsstelle ^/«jährlich SN. 1,50 Einzelnummer 0,20. Bei freier Zusendung i. Inland 0,25 §ür die Mitglieder der Vereinigung ist der Bezugspreis :: :: im Mitgliedsdeitrage enthalten. :: r Lhefredakteurr Dipl.-S«g. Bruno Dopda. Die „Jüdisch - liberale - Zeitung" erscheint jeden Sreitag. Schrittleitung und Seschüttsstelie: Berlin, Mauerstratze22. fernruf: Amt Merkur Nr. 8725 poftfctiiedtkontoi Berlin nw 7 llr.137069 (Vmlniflwifl für Das liberal« Judentum)!lad)&rucfe sämtlicher Original-Beiträge nur mit vorheriger Genehmigung Der Redaktion gestattet! Anzeigenpreise: Die ISgespaltene Nonpareillezeile 0,45 Goldmark, die Reklamezeile 3,00 Goldmark. :: :: :: bei Wiederholungen Rabatt. :: r: Anzeigenannahme: Hermann Baswitz, Berlin S 42, Alepandrinenftraße 95/96. (Fernsprecher: Dönhoff 437), sowie sämtliche Annoneen-Expeditionen. Nr. 32 Berlin. 19. September 1924 4. Jahrgang Mische Musik Religion und Musik. Bo» Raibbiner Dr. Gottschalk. Bon allen Künsten, die wir kennen, hat Sie Musik — als Gesang und Spiel — von jeher in inniger Beziehung zu unserer Religion gestanden. »Singen will ich Sem Ewigen" — und »schön ist es. deinem Namen zu spielen" — das waren von jeher Grundsätze unseres Gottesdienstes. Wo liegt aber der Zusammenhang Mischen Spiel, Gesang und Religion? Stellen wir die Borfrage. Was bedeutet das Spiel überhaupt für unser Leben? Spiel um des Spieles willen prird immer Zeichen der Torheit sein, Zeichen des irdisch gerichteten Sinnes. Man will sich erhitzen, will sich erregen, will sich berauschen im Kitzel der Sinne. Hier besteht kein Zusammenhang Mischen Spiel und Religion. Erst wenn man dazu übergeht. Spiel in jenes Ziel einzubeziehen, das man harmonisches Leben nennt, wird man ihm sein Recht geben können. Dann ist es ein Ausruhen vom Zwang und der Regel, ist es ein Vergnügen an der Zwecklosigkeit, ein Behagen am willkürlichen Gebrauch des Geistes. Wir wollen nicht immer eingefpannt sein, denn wir können nicht immer eingespannt sein. Man mutz einmal alles vergessen können, um desto sicherer nichts zu vergessen. Auch im Spiel erfreuen wir uns unserer Kraft, üben den Geist, erfrischen die Seele. Eine Stunde reiner, natürlicher Freude, eine Stunde des innigen, reinen Lachens ist Frömmigkeit und ist Gottesdienst. Es dient dem Leben und bereitet uns wieder aus Stunden der Arbeit und Schwere vor. Als Elia auf dem Marktplatz die bezeichnen sollte, die des ewigen Lebens teilhaftig würden, da verwies er auf — zwei Spaßmacher.! Welch tiefe Andeutung der Beziehung, die -wischen Spiel und Religion besteht! Und macht uns das Spiel nicht — wie die Religion — frei von der Zeit und der Endlichkeit? Werden auch hier nicht die Grenzen verwischt, verfließt nicht alles, verschwimmt ineinander? Aber auch darin gleichen sich beide, daß ernstes Spiel immer wieder zum Gleichnis wird. Es gibt uns Stücke deS Lebens wieder, wie Gottesdienst und wie Gotteswort vom Leben Gottes im Gleichnis sprechen. „Spielend" lassen wir tiefsten Ernst und »spielend" auch die tiefste Lust auf der Bühne an uns vorüberziehen. Und so denn auch im „Spiel" der Musik. Denn nur der Seelenlose spielt Instrumente, der Seelenvolle, er spielt Musik. Und der Unterschied liegt eben.darin, daß auch dieses Spiel der Religion gleichen muß. Leben mußJDiuiif und Musik zu Leben geworden sein, wenn uns das Spiel hinaustragen soll über Zeit und Raum -um „Ewigen"^ Aufwühlen muß es uns und ausstürmen, und dann im Schmerz wieder verklären und schließlich uns trunken machen vom „Götterfunken" der Freude. „Uetze nicht allein die Kunst, sondern dringe auch in ihr Inneres", ruft Beethoven aus. „Sie verdient es. Denn nur die Kunst und die Wmenschaft erhöhen den Menschen bis zur Gottheit." Und »ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als im Reich der Liebe", bekennt Richard Wagner. Ja nicht darin zuletzt liegen Beziehungen zwischen Musik und Religion — dem Spiel genau so wie dem Gesang —, daß die Kraft der Töne von der Kraft des Gefühls zeugt, das in uns wohnt: von der Sehnsucht spricht, die in uns ruht: daß sie uns helfen soll, die Welt aufzubauen, die fast niemals da ist, und doch immer da sein soll: die Welt der Vollkommenheit und der Schönheit. Religion und Musik, sie verstehen es beide, das Geheimnis in uns und um uns zum Klingen zu bringen, dem Unaussprechlichen und darum Tiefsten Svrache zu geben und Wort und Rede. Was Goethe darum einmal allgemein so ausdrnckte: „Die Menschen sind nur so lange produktiv in Religion und Kunst, als sie noch religiös sind"— gilt ganz besonders von der Musik, wenn man »religiös" und wenn man „Musik" in ihrem tiefsten Sinn auffaßt. Als die „Schöpfung" zum erstenmal aufgeführt wurde, brach der größte Beifallssturm bei den Worten los: „Es werde Licht". Ergriffen wies der Meister zum Himmel und sprach: „Bon oben kommt es, von oben." Und gehört es denn nicht zu diesem Sinn, daß wir vom „harmonischen" Menschen svrechen — oder »nie die Bibel e§ nennt, vom „ganzen"? Heißt das nicht, daß ein harmonischreligiöser Mensch ticfmnerst verbunden ist mit der Musik, den „Harmonien", die ihr Wesen bedingen und die ja auch wiederklingcn im All? Ist nun nicht die „künstlerische" Persönlichkeit ganz s c l b st v e r st ä n d li ch religiös — und die religiöse „künstlerisch"? »Gesänge wurden mir deine Satzungen", bekennt der Psalmist — und bekennt damit wohl nicht bloß „Sinachas mizwo", die Freude an der Ausübung der Gebote, nein, bekennt die Freude am Gebot selbst, die Freude an der Religion überhaupt — eine Freude aber, die nur in Tönen faßbar. Die Legende hat recht, die die Engel im Himmel zur Ehre Gottes jubilieren läßt, ja sogar das „dreimal heilig" von ihnen vernimmt — Musi-k und Religion sind hier in ihrer Verbundenheit "lncklich begriffen. Aber auch Perez bat recht, wenn er 3 Melodien unterscheidet: eine, die mit Dorten, ein«, die ohne Worte und eine, die „wahre", die Aus dem Inhalt: Rabb. Dr. Gottschalk-Berlin: Religion und Musik. — Gisella Selbe«—Goth-Fireuze: Bon jüdischer Musik und jüdischen Musikern. — Magnus Davidsohu-Berlin: Lcwaudowski und seine ■ Schule. — Musikdirektor Singer-Halle: Musikalische Kunst in Salomos Tempel. ■* Max Rosenfeld-Dresden: Lauschen. — Prof. Dr. Eugen Wolbe-Berlin: Allerlei Jüdisches aus meiner Autographensammlung. Die jüdische Gegenwart. — Ans den Gemeinde«. — Aus der Bewegung. — Versammluugskalender. — Kalendarium. Noten-Beilage. Um die Gleichberechtigung der jüdischen Lehrer. In der letzten Si^ung beschäftigte sich die Berliner Schuldeputation mit der Frage der Ernennung jüdischer Konrektoren an Berliner Schulen. Es wurde beschlossen, an evangelischen Schulen jüdische Konrektoren zu ernennen Der Antrag wurde von dem Stadtverordneten Goß damit begründet, daß Berlin eigentlich keine konfessionellen Schulen habe, daß jüdische Lehrer an evangelischen und katholischen Schulen unterrichten, katholische Lehrer an evklngelischen Schulen und evangelische Lehrer an katholischen Schulen beschäftigt werden. Es wäre angebracht, den jüdischen Lehrern die Möglichkeit des Ausstiegs zu geben. Da Berlin jüdische Schulen nicht besitzt, müßten jüdische Lehrer I also an evangelischen und katholischen Schulen Konrektoren werden können. Die Vertreter der bürgerlichen Parteien mit Ausnahme der Demokraten wandten sich scharf gegen diese Ausführungen, auch der juristische Dezernent führte aus. daß es gesetzlichnicht zulässig wäre, an Schulen, die einen konfessionellen Charakter tragen, jüdische Konrektoren, di-c im Bertretungsfalle amtliche Leistungsbesugnisse haben, zu ernennen. Bei der Abstimmung über den Antrag Goß herrschte Stimmengleichheit. Der demokratische Turnlehrer Zobel enthielt sich der Stimme. Der Vorsitzende Stadtschulrat Paulsen stimmte für den Antrag und gab so den Ausschlag für dessen Annahme. Hauptversammlung der Vereinigung für das liberale Judentum e. V. In der in Berlin am 13. und 14. d. M. stattgehabten IBorstandssitzuna wurde beschlossen, am 26. Oktober d. I. in Berlin eine Hauptversammluna stattfinden zu lassen. Eine religiöse Tat. Ein Düsseldorfer Pazifist schreibt der „Welt am Montag": ,Hn dem lieblichen Mainstädtchen Wertheim hielt der Kriegerverein eine Gedenkfeier für die Kriegsgefallenen ab. Zuerst sollte der protestantische Geistliche sprechen, dann der katholische und als dritter sollte für die jüdischen Frontsoldaten des ganzen Bezirks ein ehemaliger Feldrabbiner aus Frankfurt das Wort ergreifen. Doch die Völkischen und Hakenkreuzler beschlossen anders in ihrem Rate. Sic versprachen feierlichst, dem jüdischen Redner am Sprechen zu hindern und die Kundgebung zu stören. Als der katholische Geistliche, der mit dem lanaiährigen, ehrwürdigen und geschätzten jüdischen Lehrer Wertheims freundschaftliche Beziehungen unterhält, von dem geplanten Vorhaben der Hakenkreuzler erfuhr, sagte er seine Beteiligung nur unter der Bedingung zu. daß der jüdische Geistliche nicht nach, sondern vor ihm sprechen dürfe. Bei einer evtl, einsetzenden Störung wollte er dann auch auf das Wort verzichten. Das zog. und die List des Pfarrers gelang: denn die Hakenkreuzler durften doch vor der Rede des Pfarrers die Feier nicht stören, und so verlief alles ruhia. Allen Respekt vor der Toleranz des katholischen Geistlichen." Weltkongreß gegen Unsittlichkeit. Vom 18.—24. September finden in Graz lStetcrmarlj zwei internationale Kongresse statt, deren Aufgabengebiete sich so berühren, daß die Tagungen unter dem 'Namen Weltkongreß gegen Unsittlichkeit bezeichnet werden. Ein Vertreter des Deutschen Reichs und Vertreter der Ministerien werden anwesend sein, von jüdischer Seite wurden Bertha Pappenheim aus Frankfurt a. M. und Henriette May aus Berlin delegiert. I Werbt neue Mitglieder! „ganz ohne Stimme gesungen wird", die sich „inwendisingt, im Herzen". »Das ist schon ein Teil der Melodie, mit welcher Gott die Welt erschuf, der Seele, die er in sie goß." Hier ist der Beziehung von Musik und Religion noch ein Letztes üinzugefügt, ohne das sie unvollständig wäre: beide tragen Schöpferkraft in sich. Beide erfüllen ihre Aufgabe an uns erst dann, wenn sie uns über bloßes Genießen hinaus anfrufen zu musikalisch-künstlerisch-religiösem Schaffen. von jüdischer Musik und jüdischen Musikern. Bon Gisella Selden-Goth (Firenze). Kürzlich weilte ich als Gast einer sehr musikliebenden Familie in Ferrara und nahm die Gelegenheit wahr, die sangeskundige Dame des Hauses zu bitten, mir die Bekanntschaft solcher Vokalmusik zu vermitteln, die wir in Deutschland selten oder nie zu hören bekommen. Ich erwartete alte, verstaubte italienische Arien oder Lieder der jüngsten Modernisten des Landes. Sie aber legte einen Haufen Manuskriptblätter auf das Notenpult und meinte: „Diese hebräischen Gesänge kennt man außerhalb Ferraras auf keinen Fall. Ein junger Maestro hat sie in jüdischen Familien, wo sie sich, seit Gott weiß wieviel Generationen, nur durch Summen und Singen von Eltern auf Kinder weitervererbt haben, den einfachen Leuten sozusagen vom Mund abgeschrieben, die Tonhöhe ihrer melodischen Schritte, ihre oft recht schwierig zu fassenden Rhythmen in Notenschrift fixiert, sie harmonisiert und in musikalische Formen gebracht. Sie sollen nächstens mit italienischem Text veröffentlicht werden. Sie wissen, in Ferrara leben viele Juden — eine Anzahl davon in hervorragenden, weithin sichtbaren Stellungen, man kennt ja in Italien keinen Antisemitismus. Wir haben in dieser kleinen, stillen Provinzstadt vier Tempel. In einem Dinge ich nächsten Freitagabend einige dieser Gesänge zum Gottesdienst." Ich sah die Blätter durch und dachte: Gibt es also nun doch eine wirkliche jüdische Musik? Ich erinnere mich dunkel, im Wust antisemitischer Argumentationen auch irgendwo auf die Behauptung getroffen zn sein, das Faktum, daß diese Rasse, ungleich der „arischen", niemals eine eigene Volksmusik hervorgebracht habe, sei allein als ein Beweis ihrer seelischen und ethischen Minderwertigkeit zu buchen. Die Dame sang,' von den Liedern waren die meisten von wundervoller religiöser Innigkeit des Ausdrucks, andere schienen Wiegenlieder von ganz eigentümlich schwankender rhythmischer Grazie, eines hüpfte sogar in tänzerischer Heiterkeit Wer seiner geschickten Klavierbegleitung einher. Entzog ich wich der Suggestion des hebräischen Textes, so war ich aber nicht imstande, das typisch jüdische Element dieser außerordentlich reizvollen Musik zu abstrahieren. Sie enthielt teils slawische, teils stark exotische Charakterzüge, manche schwermütige Mollwendung namentlich der Kadenzen erinnerte merkwürdigerweise an slowakische Volkslieder, wie sie die ungarischen Komponisten Bartök und Kodäly gesammelt haben, und über den getragenen, hynnrenartigen, fiir den Knlt bestimmten Gesängen lag, wahrscheinlich auch infolge der herben Harmonisierung mit ihrer Vorliebe für Plagalschlüsse, eine Stimmung, die an jene Gregorianische Kirchenmusik gemahnte. Es war mir ein Beweis für die wurzelhaften Zusammenhänge aller Musik, die triebhaft und absichtslos aus dem Singcbedürfnis der verschiedensten Völker aufblüht. Beim jüdischen Volk, wie bei allen anderen; auch hier liegen Schätze an unverbrauchten musikalischen Motiven, die die Phantasie noch mancher Komponistengeneration anregen und befruchten könnten, wie das deutsche und das russische Volkslied. Der sie hebt, wird vielleicht der erste große „jüdische" schaffende Musiker sein, dessen Existenzmöglichkeit, ja, dessen Vorstellung von drüben aus ebenfalls geleugnet wird; mit dem bekannten Hinweis auf die Mischung von kaltem Intellektualismus und überspannter Sinnlichkeit im Charakter des auserwählten Volkes, die ein völliges Aufgehen in ideal künstlerischer Hingabe von vornherein ausschließt. In dem ausgezeichneten Buche „Die Juden" von Condenhove-Kälergi ist ein Kapitel auch diesen musikalischen Angriffen gewidmet. Man findet dort eine sehr vollständige Ausstellung der bedeutenden Namen der Musikgeschichte, deren Träger Juden waren, und die genügen müßte, um die Mär von der musikalischer? i

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