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Jüdisch-liberale Zeitung · 1924-08-29 · 29 (29.8.1924) · page 3

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Journal
Jüdisch-liberale Zeitung
Volume
4 (1924)
Issue
29 (29.8.1924)
Date
1924-08-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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kmE ehte MnmWge systemattsi-e W-mß-vatto» -urchgefüHrl Werde» Vanu. Der -weite Siefetatt für LnrigratioMweseu, W. Liatzky, bezog sich auf seine LrfaHcnnge« in Argentinien, wo er alS Abgesandter der WelthilfSkonferenz die Mnwan-ermrs-mSg- Itchckeite» studiert hat. Seine Haupterfahrung war, daß die Zersplitterung in verschiedene Organisationen die ganze Auswanderer fürsvrge Mhort. Drei Avrderunvru stellte der Referent auf: 1. ES soll eine einheitliche Nachrichtenstelle geschaffen werden, damit nicht auf Gerüchte nnd einseitige Informationen hin die Auswanderer von Rußland «ach Argentinien und dann von Argentinien «ach Pole» wandern,' 2. durch ein geschickt verzweigtes Organisationsnetz soll der Wandererstrom in einer praktischen und dem EinwanderungSland nützlichen Weise verteilt werden,- S landwirtschaftliche Ausbildung soll eine Vorbereitung für jüdische Masseneinwanderung in verschiedene Lander sein. Lhasanowitsch (Berlin) fragt dir Exekutive an, vd ihr bekannt sei, daß das Mitglied der Exekutive Lutzky eine« Brief an die Jka wegen einer Verständigung in der EurigratiouSfrage gerichtet habe und ob ff« mit dem Inhalt dieses Briefes einverstanden sei. Leo Mvtzkiu erklärte, die Exekutive habe mit diesem Briefe nichts zu tun, ihm persönlich sei nichts von einem solchen Brief bekannt. Daraus wird die Angelegenheit dem Permanenzausschuß Vergeben. Die Frage -ex jüdischen Bolksbank. De. D. Jochelmann leitete die DiSkufsio« über die Jüdische Volksbank dnrch ein Referat ein. Schon vor zivölf Jahren, so führte er aus, ist der Gedanke aufgetancht, eine solche Bank zu schassen, damit nicht der jüdische Auswanderer überall betrogen wird. Viele jüdische Existenzen und Menschenleben wären gerettet worden, wenn dieser Plan einer jüdischen Bolksbank damals ausgeführt worden wäre. 160 Millionen Dollar wandcrten seit jener Zeit aus Amerika und England nach den europäischen Ländern. Die kleinen Bankiers, die überall wie die Pilze ans der Erde schossen, sind in einem halben Jahr zu Millionären geworden von dem Geld, das für die notleidenden Familien in Osteuropa bestimmt war, und non dem ein großer Teil in ihren Händen hängenblieb. Die jüdische Volksbank existiert nun. Ihre Aufgaben sollen nicht nur die oieldüberiveisungen sein. Wer die Berichte aus Rußland richtig zu hören verstanden hat. der weist, daß dort für Kredithilfe ein weites Feld ist. Uitf> das gilt ebenso für die jüdische Beoölkerng in anderen Ländern, z.B. in der Türkei. Der ausschlaggebende Paragraph der indischen Volksbank besagt, dost eS ihre Ausgabe ist. die Arbeit, die Industrie und Agrilulinr bei Anden entwickeln zu Helsen und besonders jede Art von genossenschaftlichen Unternehmen zu unterstützen. Die Bank selbst soll keine Genossenschaft, sondern Besitz der jüdischen Allgemeinheit sein. Und das soll gesichert werden durch Ausgabe von Gründeraktien, deren Stimmkraft immer der aller anderen Aktien die Wage halten soll. In wessen Hände man diese Grunderaktien gibt, das soll die WclthilsSkonferenz entscheiden. Der Redner sch lost: „Wenden Sie Ihr Interesse der Jüdischen Bolksbank .zn und Sie schassen eines der besten jüdischen Institute, ein nationales Institut für die Zukunft der Judenhcii." # Ein Wellvsrhand jüdischer Schriftsteller. Im Zusammenhang mit der hier tagenden Welthilfskouferenz traten unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Schabad etwa dreißig in Karlsbad anwesende jüdische Schriftsteller und Journalisten .zu einer Beratung zusammen. Es wurde beschlossen, eine elfglicdrige Kommission einzusetzen, die die Aufgabe haben soll, notleidenden jüdischen Schriftstellern, Journalisten und Künstlern Hilfe zn schaffen. Die Kommission, die ihren Sitz in Berlin, Paris und London haben soll, hat noch die besondere Ausgabe, im Zusammenhang mit der Welthilfskonferenz einen Weltverband jüdischer Schriftsteller nrrd Journalisten zu schassen. Die Bnei Brich und die Welchilfskonfereirz. Im Zusammenhang mit der Tagung der WelthilsZkonferenz fand in .Karlsbad eine geschlossene Ieststhung sür die Mitglieder -er Bnei Brttst-Sosen statt, t* ifar 8,<aüH*t Frage» der WellhtlfSkonfecerrz s»r Sprache tonte». Hauptredner wäre» He « Karlsbad -weck- Tvttrraßme «« der WelthUfSkrmferertr anwesenden Großmeister der bedeute«^, sten enrooSifche» Grotzlogen: der Großmeister fSr Deutschland, Geyetmrat Tiwendorfer. der Großmeister für reich, Prof. Dr. Etzrrnarm, der Großmeister der: svrtschen Geoßloge. David Gellt», der Rumänien, Ooerrabbiner Dr. Niemirvwer, «rch der Großmeister vo« Polen, Dr. Adler. Die erstgenannten vier Großmeister gehören bekanntlich dem Präsidium der Konferenz an. Die Redner nähme» m de» yrage» der VelchtttStowferenz Stellung. Geheimrat Ttmendorfer betonte de» Geist der Gleichberechtigung zwischen den Gebenden und Nehmenden. der in der Konferenz herrscht. Oberrabbiner Dr. Nienrirower machte darauf aufmerksam, -aß die W-elthtkfSkonferenz einen Teil jener große« Arbeit, die die Logen als Ziel verfolge», erfolgreich leistet und daß fie darum fettender Brüder warme Unterstütz«»- verdient. w Aus den Gemeinden. w Berlin. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hatte zu dem Flugw et tb e werb nach Ser Rhön eine Fliegergruppe entsandt, deren Chefpilot daS Mitglied der BunbeSlcitung, Kamerad Ledermarm. war. Ferner nahmen die Kameraden Dr. Sultan und Dr. Rabau daran teil. Es gelang dem Kameraden Lodermann, nach einigen besonders schneidigen Flügen, die von der gesamten Presse, auch der gegnerischen anerkannt wurden, im Vorwcttbewerb den zweiten Preis zu erlangen. Außerdem erhielt er verschiedene Preise für besondere Leistungen. Der NeichSdund jüdischer Frontsoldaten geht nun nach dem erfolgreichen Anfang daran, die Mittel in die Hand zn bekommen, nm mit neuen Kräften an der Weitcrausgestaltnng der Fliegergrnppe zn arbeiten. Bad Driburg i. W. In der hiesigen Synagoge fand am 2■*. August die E thüllung einer D c u k t a f e l für die im Kriege 1014/IR gefallenen Mitglieder unserer Geincinde statt. Die nichtjüdische Bevölkerung beteiligte sich in großer Zahl an der Feier, so daß nicht nur die Synagoge überfüllt, sondern auch der Borraum und die Straße von Zuhörern angesüllt war. Prediger Nosenthal aus Hörde >. W. hielt die Gedenkrede. Er sprach von der hing eben den Treue, die auch die jüdischen Krieger dem Vaterlande belviesen hätten, wies die antisemitischen Vcrlcnmdnngen zurück und betonte die unlösliche Verbundenheit der deutschen Inden mit der deutschen Kulturgemeiuschast. Bor und nach der Predigt sang ein paritätischer Gesangverein ernste Lieder: der Kriegerverein war mit Fahne angetreten und liest nach einer Ansprache seines Vorsitzenden einen Kranz nicdcrlegen und die Gewehre präsentieren. Der Magistrat und die Stadtverordneten sowie der Verein der Kriegsbeschädigten ließen glcichsalls Kränze nioderlcgen. Gnltstadt. Zn einer eindrucksvollen Feier gestaltete sich die am 3. August in der Synagoge abgehaltene Tranerfeier, bei der die Ehrentafeln für die gefallenen Krieger der hiesigen Gemeinde enthüllt wurden. Der Einladung des Gemeindevorstandes waren der Bürgermeister, die städtischen Körperschaften sowie der Vorstand des Kriegervereins gefolgt. Nach einleitendem Chorgesang nmrde das Minchagebct verrichtet. Alsdann wies Lehrer Halpcrn in beredten Worten ans die erschütternden Wirkungen des Weltkrieges hin. An Hand statistischer Belege führte er dein gefüllten GotteShause die Opfer der deutschen Inden vor Augen. Nach feierlicher Enthüllung «der Ehrentafeln endete die Feier, die bei sämtlichen Besuchern einen tiefen Eindruck hinterliest, mit einem Chorgesang. Ingolstadt. Das „Ingolstadter Tageblatt" hat am Montag nach der Verfassungsfcier einen scharfen Angriff ans die Weimarer Verfassnna gerichtet und die Namen s ä m t l i ch er i it d i s ch er Mitbürger, die am Bcrfassungstage schwarz-rot gr.ld geflaggt hatten, samt genauer Adresse angeführt. Lttpsin. Zwek Mhcttemfc VannfiiL» aekessttüch ihre- »llchlliche» -ttm-ga»»e- «m ider Gyvago-e des Letp-tger L«k»»d-LVor»-<Vere»»S eine» entste-e»»m Vnand. Ste stellte» fest, daß in die Einaan-Stü»e -»ot balde Moselwetn-Fbasiße», die ma» mit Petroleum gefüllt batte, -esetzt nnd angeLvannt Worbe» waren. Die Litte batte bereitftener geßmae». Egelang de» De. amte», de» veaab m (Me». 9M -e» LAtern wirb «e> Vtttnster. Bet derverfaffmrg-feier, die hier am iß. Aug«^ tzt Gegenwart de» Reichspräsidenten «nö verschiedener Minister stattfand warben die Spitze» -er westfälischen Geist, lichkott vom Reichspräsidente» empfange». Al- Bertrerer dewesifSlifche» Äadentnmwar Rabbiner De. Iacob- Dortvmvd geladen. Sowohl der ReichSpräsidenralS Minister Severt»» nnd Obervrüsident Gronow-ky unterhielte» sich mit Dr. Jacob eingehend über jüdische Der- HDtnifle «nb gaben ihm die loyalste» und -eruHigendste» Versicherungen. Regen-bneg. Die Gchll»-»»» jübischer Frted- S-fe nimmt überhand. Auf dem Israelitischen Friedhof tu Regensbura wurden mehrere Grabsteine besrhLdigt und nrit Hakenkreuzen beschmiert. Die Täter sind noch nicht ermittelt. Stuttgart Dte dte-Mriae HattptversawMbms deS Vereins zur Abwehr des AntisemitiSm»S findet hier am Montag, den 22. September, statt. Der Eröffrmug der Hcvuptoers«mnlllma wird eine Sitzung des Z«vtral-AirsschusseS des Vereins rwrauAgeheu. Der Verein dur Abwehr des AnlisemittLn«-. der Zweig, vereine in allen: größeren Städten Deutschlands Hat. fetzt sich bekanntlich aus promlncrrtcn nicht!üdichen Persönlichkeiten zusammen. Vorsstzeuder ist der frühere Reichsminister Gothein, 'der über seine Erfabrungcm mit Antisemiten kürzlich in der Jüdisch-liberalen Zeitung einen Änfsatz oevöffenklirhie. versammlungskalender. Berlin. (Ortsgruppe Norden des Liberalen Vereins für die Augelegeuheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin.) Ab 5. September 13-M findet wieder regelmäßig um Uhr abends der Freitag-Abend^ottesdienst nrlt Orgel. Chor nnd Predigt i-ut Auerbach'scheu Waisenhaus. Schönhauser Allee 162 statt. An den hoben Feiertagen firsdtt im Anerbachstchmc Waisenhaus ein liberaler Gottesdienst mit Orgel, Chor und Predigt statt. Bestellungen auf Karten sind scbrifclich zu richten an: Twrrn A. Zander, Linicnstr. 15 Morden 3l!33). Die bestellten .Karten werden diS zvm l0. Septmnber reserviert. Ucber die bis zu diesem Ternrin nicht abgehvlten Karten ivird and-enveitig verfügt. Vrcslan. (Jüdisch-liberaler Ing endverein ^Abraham Geig-er". Sonntag, den 31. August 1024, 'tzauztagsansflug nach dem Oderwald und Smortave. Abfahrt 8,15 llhr vorm. Hauptbalnrhof. Bahnsteig 3. nack Ohlau. Weitcrfahrt mit Postauto nach Peisterwitz. SonntagssahrkarLe 4. Klasse nach Ob lau selbst löserr. Führrnm: Herr G-eora Jonas-Ob lau. Wir erwarten rege Beteiligung unserer Riitglieder. Der Ansslua findet bei jeder Witterung statt. Dle Beitrage für das 3. Quartal mit 2 Mark einschließlich ZettmmSÜbomrement sind bereits reit 1. Juli fLitts, C'inzahlungen sofort erbeten ans Postscheckkonto BreSlau Nr. 17 113, Alfred Berger. Joden Montag, abends von 8 Uhr ab. treffen sich untere Mttalicder im Kurgarten. Kürassierstraße. Gäste bei allen Bcrmrsta lkrmgen nri ll komm eu. Jeder Leser, dem die „Jüdisch-liberale Zeitung" religiöse Anregung und Velehnmg bietetfühle fld> verpflrchlet uns eine n neuen Abonnenten zuzusührenl Ä» Hmrch des Schicksals stevügt, nm die Brücken, die von Mensch zu Mensch führen, einstürzcn zn lassen. Nichts ist bleibend^ alles ist vergänglich, alles ist eitel. Am Ende ist jeder allein. Das stärkste ZtlsanunengehörigleitSgesühl Mischen Mann nnd Weib, — cs bat keine Dauer. — ein Sturm der Sinne zerreißt dieses Band. ^Doch in all dem sinnlos scheinenden Treiben,!das mit dem Menschenleben nnd --Glück Fangball spielt, gibt es nur eins, was unzerstörbar ist. was ein Forilebcn nach dem Tode gewährleistet . . . Das ifiand, das Eltern nnd Kinder verknüpft. — kein daö Grab zufthaufelnder Spaten kann es zerreißen. — 9nr altrvmischen Recht nrnßte eigens ein Paragraph anf- Seftellt werden, der dem Sohn das Töten des altersschwach gewordenen Vaters untersagte) so häufig war damals diese ^Uusitte^, nne die römische RechtSgeschichle an vielen Beispielen zeigt. Und lllom ging unter. , In der altisraclistischen Sittennormiernng dagegen ist das Gebot der Pietät gegen Vater und Mrctter das vornehmste und das allcrei" ".ge. das nfit einein ni'.'. fitlelbarcn göttlichen Segen ver'.uüpft ist ( . . . „Auf daß cs dir wohlergehe . . ."). Keinem Volke ist das Motiv des mystischen Zusammengehörigkeitsgcsüchls der Generationen so vertraut, rotc dem jüdischen^ es ist das verbreitetste nächst dem der Gotteßidee und der immanenten metaphysischen Gerechtigkeit. In Richard Veer-Hofmans Werk werden überall Fäden sichtbar, die es über die Jahrtausende birrwcg mit dem antiken Judentum verbinden. Die edelsten jüdischen Züge werden .lk.inem Blute lebendig. In scirrem Gedicht „Schlaflicd für Mirjam", das mit zu dem Schönsten gehört, was überhaupt 1« in deutscher Sprache geschrieben wurde, hat er für das, was Eltern und Kinder verbindet, gewissermaßen eine klassische, lyrische Fvrmnlierrmg gefnnöen. Im ^Grafen von Eharolars" wird dieses Motiv, das schon in den früheren Büchern vorkommt, öfters wiederholt. Die letzten Blicke der sterbenden Dösiröe fallen noch auf ihr Kind nnd im Tone tiefer Berichigung spricht sie: „Vater — Kind; Das bleibt doch!" Wundervolle Worte der Vaterliebe findet im zweiten Akt der Präsident seinem Kinde gegenüber, in dieser schon berühmt gewordenen Rede, die das idyllische Verhältnis zwischen Vater und Tochter entschleiert und in der Veziehungsreiches und Verklärendes über Weib nnd Weibesschicksal gesagt wird. Bei allen jüdischen Dichtern fitlden sich von Herzen kommende Worte über die Liebe zwischen Eltern und Kindern. Heines schönstes Sonett galt seiner Mutter, ein oft so blutleerer Acsibet wie HosmannSthal wird warm, wenn er von leinen Vorfahren spricht. („Ahnen") Werfel, der auch den Kampf der Generationen geschildert hat, schreibt eins seiner besten Gedichte über dieses Gefühl. („Vater und SohnA, und selbst ein so selten ernst bleibender Spötter nfie Kerr,betritt lyrisches Hochlaud, wenn er in einem Gedicht von seinen Eckern spricht. „Welcher Wahn dem Erdengast V'iuii verdämmert und crblatzt — pine-- U'iOIt man in dem Treiben: (i'lkvit . . . kilciben." Beer-Hvsmann variiert daS Thema: am bezwingendsten in der Gestatt des roten Itzig: hier zeigt er wieder, wie tief die ÄSurzeln sind, die sein Schassen im Judentum haben. Der Vergleich mit Shylvck liegt natürlich sehr nahe: aber die Personifikation des mittelalterlichen jüdischen Volkes im Eharolais rührt mehr an unser Herz, als jene bcrühmte Fignr ans der umfangreichen Bildergalerie des größten Dichters der Welt. Tenn Shakespeare, der kanm einen Juden kannte, wollte doch ursprünglich >dus Lustspiel vom „geprellten Inden" schreiben. Einige Aufschreie der gequälten und vcrsolgicn Kreatur sind diesem Genie, dieser ungeheuren Naturkrast, der Parteilichkeit und Ungerechtigkeit fern lagen, fast unbewußt in die Feder geflossen» was freilich anch wieder die Größe und Tiefe seines Dichter- und Menscherttums beweist. Die Gestalt des roten Itzig aber ist mit des Dichters eigenem Herzblut getränkt und wird ebenso in die Weltliteratur eingohcn, wie sein bekannterer Bruder von Shakespeares Gnaden. Hier wird der Charakter des mittelalterlichen Inden dargestellt, nicht nur wie er ist, sondern wie er geworden ist. Beer-Hofmann läßt cnrs dem verhaltenen Ingrimm dieses .Hassers ahnen, welche Schmerzen dieser Ausgeschlossene dnrchlitten hat. „Er erreicht diese Wirkung nicht so sehr durch das. was er den roten Itzig in der Erregung hcrvorsprudeln läßt, sondern well er uns fühlen macht, wie die verhaltene Wut nach Ausdruck ringt: nüe sie alles Schwere und Wehe, das in ihm lebt, hlnausschreien möchte in einen einzigen qualvollen Schrei. Hier spricht, nein, hier gurgelt und stöhnt und höhnt und verstirmmt endlich, der Unzulänglichkeit Mer Menffchensprache stch bewußt werdend, der seit Jahrtaulsenden arcfgospeicherte Groll eines friedlosen Volles. Hier steht als eine düstergewaltige Mahnung der an ihm verübten unfsthnbaren Frevel Ahasver im Kleide eines Handelsinden." (Th. Rekk. Das Werk Beer-Hofmanns, S. 351. Bor den Angen des Kindes ist der Vater auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden: dieses Grauenhafte mußte in der Seele dieses Menschen alle sanfteren Herzensregungen ertöten. Die Wut Shylocks in der Gerichtsszene des Kaufmanns von Venedig hat nicht etwas so Gewaltiges an sich, wie 'der Gefühlsausbruch dieses Unglücklichen. Auch sonst ist der „Graf von Charolais" reich an nnvergeßlichen Episodenfiguren. Wer kann den vom Geschick nm sein kostbarstes Gut, seine Stimme, gebrachten Sänger, den koketten Philipp, den treuen Nomont, und alfi die anderen Menschen von Fleisch und Blut vergessen? — Und überall ein Ranlenwerk strahlender Einzelschönheiten, eine reiche Bilder- und Gedankenfolge. eine Sprache, deren Bildkraft poetisch an daS Unanssvrechliche herandringt, und die von so hinreißender Glut, Tiefe rrnd federnder Kraft ist, wie man sie seit den Tagen unserer Klassiker in Deutschland nicht mehr gehört hat. Sie steht Wer de» anämischen, büafferett und künstlicheren Sprachjchänhrsten Hugo von Hofmannsthals. Außerordentlich iü anch der Neicnt'.rm non mcKerißhen Wirkungen in dem Drama: — Bilder sind in ihm, die dem deutschen Theater nicht mehr verloren gehen können. LWlch ein einzigartiges, von Poesie leuchtendes iWryälde eures holden Märckiens, wie Däsiräe non der Galerie des Ger.:ch.ssaales hernntersteigt und den: Bettler ihre Unschuld und Schönheit schenkt. — Was für ein von Stimmung gefästigie?. Bild im vierten Akt. da DcksirL» und Philipp vor dem rot lerrchtenden Kannu stehen, und die Stille des Abends sich über die beiden senlkt. Was für ein Bild tiefiter. ausrüttelnder Sch-oernnrt. als am Schlüße des Trauerspiels der Gras, nachdem er mit ruhiger Stimme die Worte gesprochen hat: „Du Wirt, sperr' aus dry Tor inir — voraus! Du Blinder, Temtit' mir Nord hinab den Wen — Dann lösch' die Üichier — d!,'scS Stsrck!!t au»!" ins Duukle hinansschreitet. — Ein vom Echickstl^ EEtzeichuetcr, der alles verloren hat, tritt hinaus in dcc W-ntornacht, geht wieder in die Einsainceit zurück: voraus geht ihm iemiand, dem ebenfalls alles Glück genommen wurde, mrd über alle fällt das trübe Licht der Laterne, die der Krüppel hält.— Es wäre wahrlich töricbt nrrd billig bei somel Sn>onhetten des Stückes nach gewissen Bruch!inien und Meuaeln zu suchen. Wem es Spaß nracht, kann solllle ästhetische Splittcrrichterei schließlich bei allen drouvatuchen Kunstwerken der Weltliteratur treiben. Frmren wir uns, daß wir mit diesem Trarrersyiel voller .Herrlichkeiten, endlich wieder einmal ein Werk empfangen hgben, das einen danernden Wert unserer Literatur darsteM. (Schluß sokgt.1 Eine H^ine-MnsKdsie. Der Dichter Ardwia Robert fLevinl. der Bru.öer der geniale« Rahe! Levin, die sich nach ihrem Nebertritt zum Christentum 1814 mit dem Särriststeller Varubagen van Ense Vermählte, sagte einst zn Heine: „Deine Gedichte verdienen gar mcht das große Lob. welches ihnen gespendet wird. Der Hauptreiz siegt in dem schroffen Uebergana vom Erhabenen ius Trirfiale, ich finde es nicht schwer, etwas ähnliches zn dichten". „Nun. her damit", entgegnete Heine lächelnd. „DKucn Wettbewerb fürchte ich nicht". Arn anderen Tag'' überreichte Robert sein ein Freunde folgende lyrische Strophe- Sie gab mir bei ihrem Tode, Ein blasses, blaues Band. — Es liegt in mein"-.? Kovn'.w'K', Inr Schubfach rechter Hand „Wenn Du das veröffentlichst, bin ich verloren", sprach Heine.

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